Besser Schlafen
A&W Architektur & Wohnen | April/Mai 2010

Ein Bett zu kaufen ist eine Wissenschaft, eine emotionale Entscheidung – und am Ende eine Glaubensfrage. Doch da müssen wir durch. Denn wie wir nachts schlafen, bestimmt, wie gesund und zufrieden wir am Tag sind. Den Loriot-Klassiker kennt jeder: Ein Paar möchte ein Bett kaufen und wird von dem Verkäufer erst einmal mit Fachbegriffen, Verarbeitungsdetails und Wahlmöglicheiten verunsichert. Während die beiden gerade das „klassische Horizontalensemble“ testen, betritt ein weiteres Paar das Geschäft, es kommt zum gemeinsamen Probeliegen und zu Einblicken ins Privatleben der jeweils anderen. Das ist über 30 Jahre her, seitdem wurde die Bettenbranche zwar um einige Materialien, Forschungsergebnisse und Glaubens- richtungen bereichert – aber geblieben ist eines: Bettenkauf ist immer noch irgendwie unangenehm. Da liegt man in Socken und schutzloser Horizontallage vor einem Fachverkäufer, während einem der Partner das T-Shirt lüpft, um zu beurteilen, ob die Wirbelsäule in Seitenlage gut gestützt wird, und man fragt sich: Taschenfederkern oder Flügelunterfederung? Latex oder Kaltschaum? Schafwolle? Rosshaar? Und passt die be-queme Matratze auch in das Designbett, das uns am besten gefällt?

Im Bett kommt es auf zwei Dinge an: eine punktelastische Unterfederung, welche die Wirbelsäule nachts entlastet, damit sich die Bandscheiben wieder ausdehnen können. Und auf ein gutes Bettklima, das die Feuchtigkeit reguliert. Schließlich muss eine Matratze Nacht für Nacht etwa einen halben Liter Flüssigkeit aufnehmen. Die Stiftung Warentest hat in den letzten Jahren öfter Kaltschaum-, Latex- und Taschenfederkernmatratzen untersucht, und in allen Kategorien schnitten manche besser und andere schlechter ab. Die teuersten sind dabei nicht immer die besten. Einzig das Wasserbett verliert gegenüber allen anderen: Die Luft kann nicht darin zirkulieren, die Wirbelsäule wird nicht optimal gestützt, und der Stromverbrauch zum Beheizen ist ökologisch auch nicht gerade korrekt.

„Für welches Liegesystem man sich entscheidet, spielt keine Rolle“, sagt Rückenspezialist Dietmar Krause vom Deutschen Grünen Kreuz, „aber wichtig ist, dass Unterbau und Matratze zueinanderpassen. Die beste Flügelunterfederung hilft mir nichts, wenn ich einen harten Futon drauflege.“ Auch wie hart oder weich man schläft, ist mehr eine Frage des Geschmacks als der Gesundheit. Entscheidend ist: „Schulter und Beckenbereich sollen in der Matratze einsinken, damit die Wirbelsäule gerade liegt. Sie darf aber nicht zu weich sein, damit der Körper sich nachts gut bewegen und drehen kann.“

Wie gut unser Bett uns tut, hängt nicht nur von der Qualität der Matratze ab. Es muss auch „mental bequem sein, intuitiv sein, unsere Emotionen ansprechen“, wie Patricia Urquiola sagt. Gestalterisch findet die spanische Designerin mit Büro in Mailand das Thema Betten eher undankbar: „Eigentlich ist es ja nur ein Rahmen, den man entwirft. Das lässt einem nicht viel Spielraum. Die Matratze ist das Butterbrot, und der Designer kann nur noch Marmelade dazugeben.“ Mit dem Dosieren der Marmelade klappt es bei ihr dafür gut: Ihr erster Betten-Entwurf, „Clip“ – ein schlichtes, cleveres Bett mit flexibler Rückenlehne –, ist bei Molteni seit Jahren ein Bestseller, „Lowland“, für Moroso entworfen, sieht mit seinen weichen Konturen und dem Kopfteil zum Hochklappen genauso komfortabel aus, wie es ist.

Designer und E15-Gründer Philipp Mainzer findet: „Das optimale Bett muss ein eigenständiges Objekt sein, welches durch eine abgestimmte und zurückhaltende Gestaltung überzeugt, aber gleichzeitig auch ein Statement ist.“ Mainzers jüngstes Betten-Modell, „Pardis“, hat mit seinem hohen, flexibel ansetzbaren Kopfteil fast architektonische Qualität. Und für den Hamburger Designer Peter Maly, der für Ligne Roset schon einige moderne Klassiker entworfen hat, ist ein Bett nie nur ein Ort zum Schlafen. Es muss, so sagt er, „auch einer zum Lesen, Frühstücken, Fernsehen, Reden“ sein. „Das Schlafzimmer wird wohnlicher“, war auch das Motto vieler Hersteller auf der Kölner Möbelmesse, und es zeigtsich darin, dass die Kopfteile der Betten hoch sind und weich gepolstert – wie ein Sessel oder Sofa.

In einem großen Zimmer sorgt ein Bett mit Baldachin für Gemütlichkeit. Hohe Matratzen mit hohem Unterbau und einem opulenten Kopfteil können kleine Räume aber schnell noch kleiner wirken lassen. Und das Luxusformat zwei mal zwei Meter sieht mit einem breiten Rahmen oft klotzig aus. Betten, die länger als breit sind, erscheinen meist eleganter. Eine weitere Herausforderung guten Bettendesigns erklärt Peter Maly: „Eine hohe Matratze mag komfortabel sein, aber bei modernen Betten sieht eine flache Ebene einfach besser aus. Das Design des Bettes sollte die Matratze im Rahmen nahezu oder ganz verschwinden lassen.“

Viele Bettenhersteller, vom italienischen Flou bis zu Hülsta oder Interlübke in Ostwestfalen, bieten Lattenrost- Matratzen-Kombinationen an, die auf das Betten-Design abgestimmt sind. Interlübke etwa entwickelte mit Lattoflex ein Liegesystem, das sehr niedrig ist und auch in flachen Bettgestellen noch elegant wirkt. „Filigrane Designbetten sehen ja am besten aus, wenn sie nur zehn bis 15 Zentimeter über dem Boden schweben“, erklärt Geschäftsführer Leo Lübke. „Obwohl der Trend derzeit eher zum höheren Schlafen geht.“

Vielleicht hat die Volkskrankheit Rückenschmerz die Vorliebe für eine bandscheibenfreundliche Schlafhöhe von über 50 Zentimetern hervorgerufen. Jedenfalls bietet jetzt auch das Design- Unternehmen Interlübke ein sogenanntes Boxspring-Bett an. Bei ihm liegt die Matratze auf einer Unterfederung („Spring“), die in einem stoffbespannten Holzrahmen steckt („Box“). Die Kombination ist hoch und wuchtig. Auch das Interlübke-Modell „Faenum“ ist „kein Bett, das schreit, ‚ich bin die Schönste im ganzen Land‘“, sagt Leo Lübke. „Aber man schläft darauf wie im Märchen.“

Boxspring-Betten sind sehr verbreitet im angloamerikanischen Raum und werden in Deutschland immer beliebter. Die Modelle kosten ab 3.500 bis 60.000 Euro. Zu den namhaftesten Herstellern gehören die britische Firma Vi-Spring, Hästens aus Schweden, und in Deutschland zählt die Firma Schramm in der Pfalz dazu. In dem Familienunterneh- men werden seit den 60er-Jahren Taschenfederkernmatratzen und dazu passende Rahmen und Kopfteile gefertigt. Zwei Wochen Handarbeit stecken in jeder Matratze. Jede der sechsfach gedrehten Federn wird hier mit Ofenhitze behandelt, in Nesseltaschen eingenäht, mit Schichten von Naturlatex, Baumwolle oder Schafschurwolle gepolstert. Da jede auf Anfrage angefertigt wird, können bei den Doppelbetten auch zwei ganz unterschiedliche Härtegrade in einer Matratze realisiert werden. „Der große Vorteil von Boxspring-Betten“, sagt Geschäftsführer Axel Schramm, „ist die Verbindung von gutem Liegen und gutem Bettklima, da die Luft in den Federkernen optimal zirkulieren kann.“

Designerbett oder Boxspring? Metall oder Massivholz? Am Ende ist alles eine Frage des Gefühls – und manchmal der Überzeugungen. Wer auf viele natürliche Materialien Wert legt und Metall im Schlafbereich wegen möglicher Störungen durch elektromagnetische Felder vermeiden möchte, sollte auf Holz und Latex zurückgreifen. Der österreichische Schlafforscher Günther W. Amann- Jennson etwa hat mit Orthopäden ein ergonomisches Bettsystem entwickelt. Das Liegesystem „Samina“ besteht aus einem doppelten Holzlamellenrost, einer Naturkautschuk-Matratze und einer Auflage aus Schafschurwolle für trocken- warmes Bettklima. Amann-Jennson, von Haus aus Psychologe, beschäftigt sich mit Schlafforschung, seit er in sei-ner Praxis feststellte, dass viele körperliche und psychische Probleme auf Schlafstörungen zurückzuführen sind. „Gut zu schlafen ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel, um unser Nerven-, Immun- und Hormonsystem ins Gleichgewicht zu bringen“, sagt er. Und der beste Grund, sich für die Wahl eines neuen Bettes viel Zeit zu nehmen.