Wie müssen Designer heute arbeiten, um den Anforderungen des neuen Jahrtausends gerecht zu werden? Im Rahmen der Mailänder Möbelmesse regt der italienische Architekt Matteo Thun zum Nachdenken an. 

 

Im April strömt alljährlich die gesamte Designszene nach Mailand, um an der wichtigsten Möbelmesse der Welt teilzunehmen. Die italienische Wohnzeitschrift „Interni“ nahm das in diesem Jahr zum Anlass, 25 inter- nationale Architekten- und Designerteams zu bitten, sich mit einem Thema zu beschäftigen: Wie sollte Design im 21. Jahrhundert sein? Sie kamen zahlreich und schufen in den Höfen des Universitätsgebäudes einen nachdenklichen Ruhepol im hektischen Messe-Mailand.

Schon die Location ist eine Ansage: Früher war hier das Ospedale Maggiore, das Hauptkrankenhaus der Stadt, untergebracht. Gebaut wurde es von Filarete, ei- nem der bedeutendsten Architekten des 15. Jahrhunderts – ein Musterbeispiel an Nachhaltigkeit also. Und genau darum geht es auch Matteo Thun in seiner Installation „Wooden Beacons“, die er zusammen mit Consuelo Castiglioni, der Gründerin des Modehauses Marni, realisiert hat. „Wooden Beacons“ schlägt den Bogen von den Lebenszyklen der Mode, die immer schneller und saisonaler werden, zur Architektur, deren visuelle Halbwertszeit in der Ära der Stararchitekten immer kürzer wird. Drei Skulpturen aus Holz und Textil stehen in Filaretes Arkadengang: ein Oval aus unbehandelter Eiche, in dem Papierschnittmuster aufgehängt sind; ein Kreis aus Brettern, über dem eine Modeweltkugel aus Knöpfen, Glas und Schmuck schwebt; und ein Käfig aus Eiche, in dem Textilbündel wie in einer Altkleidersammlung liegen.

„Wir brauchen mehr Dauerhaftigkeit“, sagt Matteo Thun, „in der Mode, im Design und in der Architektur. Wir können nicht länger alles wegwerfen wie noch vor zehn Jah- ren.“ Als Architekt und Designer weiß er, wovon er spricht. Die gebaute Umwelt verursacht ungefähr 35 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs, produziert die Hälfte aller Treibhausgas-Emissionen, verbraucht 50 Prozent unserer Ressourcen und ist in Europa für über 50 Prozent des ge- samten Müllaufkommens verantwortlich. Wenn wir irgend- wo umdenken müssen, dann hier. Aber wo ist der Ausweg? „Holz ist der Werkstoff des 21. Jahrhunderts“, sagt Thun, „es ist das einzige nachwachsende Baumaterial. In der eu- ropäischen Waldproduktion wird ein Überschuss von einem Drittel erwirtschaftet. Und sein Lebenszyklus ist praktisch unendlich.“

Matteo Thun liebt Holz. Am meisten, wenn es roh und unbehandelt ist. Ein Material, das nicht vergeht, sondern Patina bekommt. „Wie das Gesicht einer alten Bäuerin“, sagt der in Bozen geborene Thun. Holz verwen- det er als Produktdesigner, zum Beispiel bei der Bade- wanne „Ofuro“ für Rapsel, die gerade mit dem Wallpaper Design Award 2010 ausgezeichnet wurde. Oder für die „Briccole di Venezia“-Tische, die er aus Pfählen von jahrhundertealten Eichen fertigt, die zuvor in der Lagune von Venedig gestanden haben. Die zerfurchten Ränder desHolzes werden nicht geschliffen, sondern machen die Schönheit des Möbels aus – wie die Falten im sonnen- gegerbten Gesicht eines alten Menschen. Als Architekt hat Matteo Thun Strukturen oder Fassaden aus Holz zu seinem Markenzeichen gemacht. Man findet sie am preisgekrönten Vigilius Mountain Resort ebenso wie im New Yorker Boss Flagship Store und am Bio-Kraftwerk Schilling in Schwendi.

Als Architekt lotet er die Möglichkeiten der Bau- stelle aus. Gebäude energieeffizienter machen; mit vorgefertigten Bauteilen Schnittstellenprobleme lösen – das sind heute Aufgaben eines Baumeisters. „Die Zeit der ,Archistars‘ ist vorbei“, postuliert Thun. „Architekten müssen heute auch Lebenszyklus-Manager sein, expressive Formensprache allein kann sich keiner mehr erlauben.“

Die Inspiration für diesen Ansatz, den Thun „No- Design“ oder „Zero Design“ nennt, holt er sich in den Ber- gen seiner Kindheit. „Wer in den Alpen aufwächst, kennt das Problem“, erklärt Matteo Thun. „Die Armut zwingt einen, alles Unnütze wegzulassen.“ Schon als Kind hat ihn fasziniert, mit welcher Klugheit und Präzision die Bergbauern gebaut haben, „egal ob einen Kuhstall oder einen Melkschemel“. Wenn er heute ein neues Bauprojekt in den Bergen hat, beginnt seine Arbeit damit, das Mikroklima und den Geist des Ortes so zu erfassen, wie es die Bergbauern täten. Er schlägt ein Zelt auf einer Wiese auf und beobachtet den Lauf der Sonne vom Morgenrot bis zum Sonnenuntergang. Verfolgt, welche Winde entstehen und wann es regnet. „Das ist etwas, das man auf der eigenen Haut spüren muss. Bei Google Earth erfährt man das nicht.“

Die Rückbesinnung auf das Einfache, Natürliche ist in den Installationen des Interni Think Tank ein wiederkehrendes Thema. Der britische Architekt John Pawson baute einen schlichten Archetypen eines Hauses, ließ aber durch einen offenen Spalt im Dach Sonne und Regen ins Innere des Hauses gelangen – und führt uns vor Augen, dass die Schutzhülle, die Architektur für uns darstellt, in In- teraktion mit der Natur steht. Gleich neben den „Wooden Beacons“ gestaltete der japanische Architekt Kengo Kuma „CCCWall“, ein Spiel mit Materie und Volumen. Eine „Mau- er“ aus Organza trennt einen Filarete-Hof in zwei Dreiecke, die auf der einen Seite mit eckigen Keramikkacheln, auf der anderen Seite mit rund geschliffenen Steinen ausge- legt sind. Der Wind bauscht die Stoffbahnen auf, sodass der Hof zu einem Yin-und- Yang-Zeichen wird, der asiatischen Metapher für den Ausgleich durch Gegensätze.

Der Lebenszyklus der Installation „Wooden Beacons“ ist nach der Think-Tank-Ausstellung übrigens noch nicht am Ende. Die Materialien werden zu Möbeln verarbeitet und sollen im Oktober 2010 auf einer Wohltätigkeitsauktion versteigert werden. Ein sauberer Lebenslauf ist das.