Die Utopisten von Paris
Art | September 2009

Ein Architekt, ein Produktdesigner, ein Landschaftsgestalter. Alle drei arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, Design und Architektur. Was sie verbindet, ist eine Utopie: die Vision einer besseren Welt. 

Gilles Clément findet das Ideal einer Landschaft auf verlassenen Industriegeländen, wo sich Pflanzen in gerissenem Asphalt ansiedeln. Philippe Rahm entwirft nachhaltige Wohnhäuser, die nach dem Prinzip des atlantischen Golfstroms beheizt werden. Mathieu Lehanneur baut Haushaltsgeräte, die Menschen gesünder machen und Aquarien, die die Weltmeere vor der Überfischung bewahren sollen. Diesen Pariser Künstlern geht es nicht um Idealstädte, fantastische Architekturszenarien oder revolutionäre Gesellschaftsmodelle – sie sind die Utopisten der Gegenwart. Ihre Vorgehensweise ist wissenschaftlich-analytisch, ihre Entwürfe zeigen kleine Auswege aus der menschengemachten globalen Klimakatastrophe. Manchmal sind sie nur ein bisschen zu visionär, um sich heute schon auf dem Markt durchzusetzen – wir finden ihre Ideen eher auf Biennalen und in Museen, in Galerien und an Hochschulen als im realen Alltag. Noch. Die ersten ihrer Entwürfe sind schon dabei, den Kunstkontext zu verlassen.

Im Café Marly unter den Arkaden des Louvre flattern Spatzen aufgeregt um Tischbeine und versuchen, ein paar Croissantkrümel zu erwischen. Es ist ein sonniger Nachmittag in Paris. Philippe Rahm bestellt Wasser und Kaffee. Der Schweizer Architekt mit Wohnsitz Paris kommt gerade aus einer Vorlesung in der Ecole du Louvre. Wenn man aus dem abgedunkelten Auditorium in das goldgelbe Nachmittagslicht tritt, erscheint einem die Außenwelt wie eine Kulisse – links die Glaspyramide des Louvre, rechts der Eiffelturm über der glitzernden Seine. „Eine schöne Landschaft“, bemerkt Philippe Rahm. „Man kann sich mit ihrer Form beschäftigen. Man kann auch tiefer gehen. Sie in ihre einzelnen Elemente und Substanzen zerlegen.“ Rahm beschäftigt sich für einen Architekten erstaunlich wenig mit Gebäuden. Seine Materialien sind Licht, Luft und Wärme. Es sind die Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, die ihn interessieren. „Natur im Sinne von etwas, das nicht vom Menschen beeinflusst ist, existiert spätestens seit der Industrialisierung ja ohnehin nicht mehr“, sagt Philippe Rahm. Zentrales Thema seiner Arbeit ist eine Rückprojektion der Natur in den Innenraum. Zum Beispiel mit dem Projekt „L’Air de Paris“, das er während der Möbelmesse in Mailand vorstellte. Ein gläsernes Klimagerät für Wohnräume, bei dem die Außenluft durch verschiedene Schichten aus Kalkstein, Eichen- und Nussbaumholz gefiltert wird. Materialien, die im Loiretal und den Ebenen der Normandie vorkommen, und die, vom Westwind getragen, den Duft des vorindustriellen Paris geprägt haben müssen. Ironischerweise liefert „L’Air de Paris“ nicht nur den Parisern Luft im imaginierten Naturzustand – sie ermöglicht sogar deren Export und Reproduzierbarkeit. Eine Anfrage aus Dubai liegt bereits vor.

Doch in erster Linie sieht sich Rahm als Architekt, der Häuser bauen will, die der Klimaerwärmung durch zu hohen CO2-Ausstoß entgegenwirken. Während andere, die energieeffiziente Häuser bauen, über Dämmstoffe und Technologien nachdenken, geht Rahm die Sache anders an. Ausgehend von der Bewegung von Luftströmen im Raum hat er ein Klimakonzept für Wohnhäuser entworfen. Durch eine wärmere und eine kühlere Wärmequelle im Haus entsteht im Raum ein ähnliches Phänomen, wie es der Golfstrom erzeugt. Über der Wärmequelle steigt die warme Luft nach oben, kühlt sich ab, sinkt im kühleren Teil der Wohnung nach unten. Für sein Werk „Digestible Gulf Stream“ auf Vene- digs Architekturbiennale 2008 installierte Philippe Rahm zwei unterschiedlich temperierte Platten und erzeugte so einen Golfstrom im Raum, der spürbar war in Form eines leichten Lufthauchs. Das Exponat war eines der meistbesuchten im Arsenale.

Entsprechend dieses „Digestible Gulf Stream“ hat Rahm für die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ein Haus entworfen, das die unterschiedlichen Wohnbereiche in den verschiedenen Wärmezonen des Hauses ansiedelt. Die zwei Etagen des gläsernen Hauses sind von einem Holzstäbchenboden getrennt, durch den die warme Luft nach oben steigen, kühlere Luft nach unten sinken kann. Auf der oberen Etage sind Wohnzimmer und Bad angesiedelt, in denen man es gern warm hat, im unteren Stockwerk sind Schlafzimmer und Flur, in denen niedrigere Temperaturen gewünscht sind. Interessante Idee, aber die für den hausinternen Luftstrom erforderliche Luftdurchlässigkeit bringt es mit sich, dass praktisch alle Wohnsituationen auf zwei Etagen offen sind. Ist es nicht ein sehr utopischer Entwurf? „Nein, ich denke, man kann dieses Haus gut bewohnen. Für mich ist es mein Traumhaus!“, konstatiert Rahm – dann lacht er und fügt hinzu „nun, vielleicht könnte man für das Schlafzimmer eine Box abtrennen, um etwas mehr Intimität zu haben“.

Mathieu Lehanneurs Studio ist so, wie man sich ein Pariser Designbüro vorstellt: Inmitten des angesagten Sentier-Viertels, in einem lichtdurchfluteten Dachgeschoss, bevölkert von lässigen Mitarbeitern. Im Hintergrund läuft leise elektronische Musik, an den Wänden hängen Skizzen, Materialproben, Fotos. Auf weißen Plastikboxen in den Regalen kleben Etiketten: Glas, Papier, Leder. Man sieht sofort: Mathieu Lehanneur kommt aus dem klassischen Industriedesign. Wo Philippe Rahm einen Computer einsetzt, um die Umwelt in ihre Elemente zu zerlegen, entwirft Lehanneur mit dem Kopf und den Händen. Und geht doch einen anderen Weg als die meisten Gestalter. „Industriedesigner fragen normalerweise: Wie gestalte ich ein Produkt ansprechend, kostengünstig und so, dass es bei den Marketingleuten nicht durchfällt“, sagt Mathieu Lehanneur. „Mein Hauptinteresse gilt dem menschlichen Körper. Ich möchte vor allem Dinge entwerfen, die den komplexen Funktionsweisen des menschlichen Körpers gerecht werden.“ Auf diesen Weg brachte den 1974 geborenen Sohn eines Erfinders eher ein Zufall. Als Lehanneur während seines Studiums als Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie arbeitete, fiel ihm auf, wie wenig sich die Industrie um die psychologische Kommunikationsfähigkeit von Medikamentenpackungen kümmert. Als Abschlussarbeit an der Pariser Designschule ENSCI entwarf er daher „Therapeutische Objekte“, die durch ihr Design den Patienten helfen. Zum Beispiel eine zwiebelförmig aufgebaute Verpackung für Antibiotika, die die Einnahmedauer verständlich kommuniziert: Erst wenn man das Medikament bis zum Kern der Verpackung verbraucht hat, wird seine Wirksamkeit gewährleistet.

Auf der Mailänder Möbelmesse 2006 präsentierte Lehanneur „Elements“, eine Reihe von Prototypen intelligenter Haushhaltsgeräte. Zum Beispiel „K“, eine Lichtquelle, die – wenn sich ihr ein Gesicht nähert – für einige Sekunden helles, dem Tageslicht nachempfundenes Licht abgibt, um die natürliche Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin zu bremsen. Oder „dB“, ein Gerät, das wie ein Saugroboter durch die Wohnung rollt und überall dort, wo ein unangenehmer Lärmpegel herrscht, ein neutralisierendes „weißes Rauschen“ abgibt, welches die Geräuschkulisse für das menschliche Gehirn kompensiert.

Im vergangenen Jahr zeigte Lehanneur in dem New Yorker Artist Space „Local River“, ein Aquarium, in dem man Fische für den Eigenbedarf aufziehen kann. Die Fische im Wasser und die Pflanzen in den darüber angebrachten Glaskübeln bilden dabei ein kleines Ökosystem: Die Exkremente der Fische düngen die Pflanzen, die wiederum das Wasser reinigen, in dem die Fische schwimmen. Noch in diesem Jahr bringt Lehanneur zusammen mit David Edwards, dem Gründer des Pariser Design-Think- tanks „Le Laboratoire“, den Luftfilter „Andrea“ auf den Markt. „Bestimmte Pflanzen haben die Fähigkeit, toxische Stoffe, die von Kunststoffen, Farben, Stoffen in unserer

Umgebung abgesondert werden, zu absorbieren“, erklärt Lehanneur. „Allerdings liegt die Hauptkapazität der Pflanzen in Wurzeln und Erdreich, die Blätter allein können nur einen kleinen Teil der Giftstoffe aufnehmen.“ „Andrea“, benannt nach Lehanneurs erstem Sohn, leitet die Zimmerluft durch das Erdreich der Pflanze, die in dem ovalen Kunststoffgehäuse ihrer ornamentalen Funktion enthoben und zum Gehirn der Maschine wird.

Gilles Clément ist etwas übermüdet. Erst vor kurzem ist er zurückgekehrt aus Neukaledonien, wo er einer befreundeten Architektin bei einem Projekt behilflich war. Der Landschaftsgestalter teilt seine Zeit auf zwischen Paris, wo er an der Ecole Nationale Supérieure du Paysage von Versailles doziert, seinem Haus in La Creuse und vielen Reisen. Er zählt zu den namhaftesten Gartenarchitekten Frankreichs – allein in Paris gestaltete er die Gärten am Grande Arche von La Défense, den Parc An- dré Citroën und die Gartenanlage des Musée du Quai Branly. Doch er selbst nennt sich in aller Bescheidenheit „Gärtner“. „Landschaftsdesigner haben sich zu lange als Architekten verstanden und die Sprache der Architektur benutzt“, erklärt er. „Für mich aber ist der Garten etwas jenseits von ästhetischen Überlegungen. Er ist eine Utopie, ein Ideal.“ Der Ort, an dem diese Utopie lebt, liegt ein paar Autostunden südlich der Hauptstadt im Departement La Creuse. Hier, wo er schon als Kind seine Ferien verbrachte, kaufte Clément in den siebziger Jahren ein fünf Hektar großes Tal und entwickelte seine Philosophie vom „Jardin en Mouvement“. „Ich wollte einen Ort schaffen, der möglichst vielen Spezies einen Lebensraum gibt, einen Zufluchtsort für die Artenvielfalt.“ Nicht der Gärtner sollte den Garten anlegen, sondern die Natur selbst. So wie der Mensch ein Nomade ist, so reisen auch Pflanzen im „Garten in Bewegung“. Arten breiten sich aus, werden verdrängt, ziehen mit dem Wind. Dem Gärtner kommt dabei die Aufgabe zu, so wenig wie möglich und so viel wie nötig einzugreifen. Er war- tet, beobachtet und folgt mit seinen Maß- nahmen einer botanischen Choreografie von Technik und Impuls.

Die Orte, die Gilles Clément für seine „Gärten in Bewegung“ am meisten schätzt, sind die nicht kultivierten, vom Menschen unberührten Territorien, in denen Natur noch ungehindert stattfindet. Das können unberührte Landschaften sein, Urwälder und Naturreservate, aber auch urbane Orte wie die Ränder von Straßen, Bahngleisen oder Industriebrachen. „Tiers-Paysages“ nennt Clément sie – dritte Landschaften. Diesen Sommer gestaltet Gilles Clément ein Projekt in einem ehemaligen U-Boot-Bunker in Saint-Nazaire. Das von den Nazis im Zweiten Weltkrieg erbaute, aber nicht fertiggestellte Gebäude mit zum Teil neun Meter dicken Betonwänden ist ein perfektes Beispiel für eine dritte Landschaft – jahrzehntelang war es ungenutzt. Für den „Jardin de Tiers-Paysage“ pflanzte Clément 107 Zitterpappeln, die nachts von Leuchtdioden erhellt werden und deren silbrig glitzernde Blätter im Wind rauschen. Ein zweiter Teil der Installation heißt „Jardin des Etiquettes“ – ein trockener Garten mit Pflanzen, die praktisch ohne Erdreich auf dem Beton der Anlage wachsen. Einzig eine dünne Kiesschicht wurde gestreut. Pflanzen, deren Samen durch Wind und Vögel verteilt wurden, siedeln sich an. Wann immer eine Pflanze zum Vorschein kommt, wird sie vom Gärtner bestimmt, und es wird ein Schild mit ihrem Namen aufgestellt. Die Natur ist der Künstler, der Gärtner wird Philosoph.

 

Info:

Philippe Rahm wurde 1967 in der Schweiz geboren. Er studierte Architektur in Lausanne und Zürich. Nach dem Abschluss gründete er mit Jean-Gilles Décosterd ein gemeinsames Büro in Paris; seit 2004 arbeitet er allein. Er unterrichtet an der Architekturschule in Paris- Malaquais und hat eine Professur an der ECAL in Lausanne. Diesen Som- mer ist er in zwei Gruppenausstel- lungen vertreten: „Green Architecture for the Future“ im Louisiana-Muse- um in Humlebæk, bis 4. Oktober; „Radical Nature. Art and Architecture for a Changing Planet“, Barbican Art Gallery, London, bis 18. Oktober; www.philipperahm.com

Mathieu Lehanneur wurde 1974 in Frankreich geboren. Seit seiner Studienzeit an der Ecole nationale supérieure de création industrielle (ENSCI) lebt und arbei- tet er in Paris. Dieses Jahr bringt die Londoner Carpenters Workshop Gallery eine limitierte Lampen- edition und eine Teppichedition von ihm heraus. Auch der Luftfilter „An- drea“ soll im Herbst auf den Markt kommen. Lehanneur gestaltet unter anderem Ladeninterieurs für Issey Miyake und das Antwerpener Mode- label Ra. www.mathieulehanneur.com

Gilles Clément wurde 1943 in Frankreich geboren. Er unterrichtet Landschaftsgestaltung an der Ecole Nationale Supérieure du Paysage (ENSP) in Versailles und hat mit seinen Konzepten vom „Jardin en Movement“ und „Jardin Planétaire“ eine ganze Generation von Gartenge- staltern beeinflusst. Sein Manifest „Die dritte Landschaft“ ist im Merve Verlag erschienen. Im Juni eröffnete der erste Teil seines Gartenprojekts in Saint-Nazaire. Gerade arbeitet er an einem Gartendesign für den Parco Arte Vivente in Turin und einem öffentlichen Park in den Fortanlagen von Maubeuge. Darüber hinaus konzipiert er mit dem französischen Architekten Philippe Madec eine nachhaltige Stadt in Südmarokko. www.gillesclement.com