Zum London Design Festival landet ein Oktopus auf dem Trafalgar Square. Seine Tentakel schreiben Botschaften aus Licht in die Luft. Die Kontrolle über die Maschinen übergeben die Designer Clemens Weisshaar und Reed Kram der Öffentlichkeit. 

Zehn Jahre lang standen die Roboter in den Produktionsstraßen von Audi. Ihren starken Armen waren die Spuren eines langen Arbeitslebens anzusehen. Nun haben sie eine neue Lackierung bekommen und bereiten sich auf einen ungewöhnlichen Auftritt vor: Vom 16. bis 23. September machen die Veteranen der Automobilfertigung einen Ausflug nach London und werden Teil einer Installation mit dem Titel „Outrace“. Konzipiert und entwickelt wurde die multimediale Installation von Clemens Weisshaar und Reed Kram. Kontrolliert wird sie via Internet: Besucher der Outrace-Website können online maximal 70 Zeichen lange Messages eingeben. Die Bewegung der Roboterarme, wenn sie mit Lichtköpfen diese Botschaften in die Luft schreiben, wird erst mal nur eine kinetische Skulptur sein – ein „Roboterballett“, wie Clemens Weisshaar es nennt. Erst die Aufzeichnung durch 36 Spiegelreflexkameras, die auf einem ovalen Ring rund um die Installation montiert sind und deren Bilder zu einem Film animiert auf der Website zu sehen sind, macht aus den Roboterbewegungen lesbare Wörter. Doch bevor die Maschinen fit für ihren Auftritt auf dem Trafalgar Square sind, müssen sie noch völlig neue Bewegungsabläufe lernen.

Als Entwicklungslabor dient eine Audi Lagerhalle in Ingolstadt, in der die Designer zusammen mit Experten aus der Automatisierungstechnik, dem Werkzeugbau und der Fertigungsplanung an dem Projekt arbeiten. Die hohen Decken sind mit dämmenden schwarzen Stoffbahnen abgehängt, und doch sind die Geräusche, die die 1,5 Tonnen schweren Maschinen von sich geben, laut, massiv, industriell. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie nicht gemacht wurden, um filigrane Buchstaben zu zeichnen, sondern um schwere Limousinen zu bauen. Nun aber werden ihnen Lichtköpfe auf die Handgelenke geschraubt

ausgestattet mit LED-Technologie aus dem Audi R15 TDI Sportwagen, der das diesjährige 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewonnen hat. Clemens Weisshaar, Münchner Teil des Designbüros Kram/Weisshaar, steht sichtlich unter Stress, denn er ist es, der den Maschinen das Zeichnen beibringen will. Im Mai kam die Zusage von Audi, das Projekt mit Hardware und dem Knowhow seiner Robotikspezialisten zu unterstützen. Bis Ende Juni hat es gedauert, die viel beschäftigten Fachleute zusammenzubringen. Nun haben Clemens Weisshaar und Reed Kram mit ihrem knapp 60-köpfigen Team ein kleines Zeitfenster, um acht Robotern Ballett beizubringen – plus Schönschrift. Das bedeutet für Weisshaar und das Team: Schlafmangel sowie eine Diät aus Zigaretten, Cola und Pizza. Die Begeisterung geht ihm dabei nicht verloren. „Das Wissen über Robotik wird in der Automobilindustrie streng gehütet. Die Labore, in denen die Fertigungsroboter der nächsten Generation entworfen werden, sind fast so hermetisch abgeriegelt wie die der Designabteilung. Und nun kommen wir mit der relativ komplexen Idee, eine robotische Pop-up-Factory in London aufzustellen, die immaterielle Nachrichten aus Licht produziert.“

Für Clemens Weisshaar und seinen in Stockholm lebenden Partner Reed Kram ist es faszinierend, diese Maschinen, die normalerweise hinter Fabrikmauern arbeiten, in die Öffentlichkeit zu versetzen – und die Kontrolle darüber den Internetnutzern in die Hand zu geben. „Als Designer treten wir in den Hintergrund und stellen nur ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem jeder Bewohner dieses Planeten acht Industrieroboter kontrollieren kann.“

Was so leichtfüßig global­digital funktionieren wird, ist zunächst harte multidisziplinäre Arbeit. Von der Entwicklung einer Schrift, die an mit einer breiten Feder gezeichnete Kalligrafie oder an Graffiti-Tags erinnert, über die Koordination der Roboterbewegungen; von der Verarbeitung der Kameraaufzeichnungen zu animierten Bullet-View-Filmen (wie wir sie aus den „Matrix“-Filmen kennen) bis hin zur rein logistischen Leistung, acht tonnenschwere Roboterarme samt Betonsockel auf den Trafalgar Square zu schaffen. Aber gewissermaßen ist genau das die Kernkompetenz des Büros von Clemens Weisshaar und Reed Kram: der Entwurf prozessstiftender Werkzeuge, artikuliert in einem Software-Kern, der die verschiedensten Schichten von Funktionen virtuell wie physisch miteinander verknüpft. „Wir beschäftigen uns bei jedem unserer Projekte mit den neuesten Technologien, und das bedeutet jedes Mal, sich auf Neuland zu begeben“, sagt Clemens Weisshaar. Das ist viel Arbeit, macht aber auch Spaß. Denn: „Die besten Dinge sind immer entstanden, wenn sich Designer mit neuen Materialien beschäftigen. Heute geht es nicht mehr um physische Materialien, sondern um Fertigungsprozesse – der Designbegriff dehnt sich aus auf ganz neue Bereiche.“ Was daran fasziniert? „Wir öffnen ein Fenster in die Zukunft und sagen: Schaut mal, das geht – und zwar jetzt! The future is now!“