Ach, ist das nicht süß!
Art | Februar 2011

Soll man Gegenstände lieben? Eine neue Generation vor allem niederländischer Designer findet: soll man unbedingt. Sie gestaltet gefühlsgeladene Produkte für den empfindsamen Benutzer. 

Als die Eindhovener Designakademie im vergangenen Jahr die Entwürfe ihrer Abschlussklasse auf der Mailänder Designwoche zeigte, gab sie der Ausstellung den Titel „Questions“. Jedes Exponat war einer Frage zugeordnet, die am Anfang des Gestaltungsprozesses stand. Die Fragen, die sich die Studenten gestellt hatten, waren so interessant wie die Produkte, die sie als Antworten darauf entwickelten. Denn sie zeigten: Designer beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit der Suche nach funktionalen Lösungen für praktische Probleme. Heute werden unsere Befindlichkeiten und Verhaltensweisen immer öfter in die Objekte eingearbeitet. „Welche Gefühle verbinden wir mit Haar?“, fragte Lea Häfliger und entwarf eine Bürste, deren Griff ein langer, schwarzer Haarschopf ist. „Wie können wir uns vor der Welt zurückziehen?“, fragte Yoeri Treffers und präsentierte ein aufblasbares Kunststoffzelt, das uns jederzeit an jedem Ort vor der Außenwelt schützen kann. „Wie können wir den Abschied von einem Verstorbenen zu einem zarten Moment machen?“, fragte Roos Kuipers und zeigte „Mark the last veil“ – eine Holzbahre mit sechs transparenten Stoffbahnen, mit denen die Hinterbliebenen den Verstorbenen zudecken können.
Woher kommt die neue Gefühligkeit? Sind unsere Gestalter der Funktionalität überdrüssig? Wohl kaum. Die emotionale Dimension nimmt einen neuen Stellenwert im Designprozess ein, seit nicht nur die Gesellschaft immer komplexer wird, sondern es auch die Produkte wurden. Im 20. Jahrhundert war die Aufgabe eines Designers, die bequemere Sitzgelegenheit oder den effizienteren Staubsauger zu erfinden. Heute sind so viele Dinge mit Computern ausgestattet, dass die intuitive, auf Erfahrung gestützte Benutzbarkeit von Gegenständen zur Gestaltungsaufgabe wird. Wir haben eine emotionale Bindung zu unseren Smartphones und Espressomaschinen und erfreuen uns an den freundlichen Geräuschen, die sie machen. Junge Mädchen verzieren
ihre Handys mit niedlichen Gesichtern – es scheint, als hätte sich eine neue Designer- generation davon anregen lassen.
Der Hang zum Gefühl ist keine Neuerfindung in der Designwelt. Automobilhersteller sprechen ihre Kunden grundsätzlich auf emotionaler Ebene an – vom auf Hochwertigkeit getrimmten Klang einer zufallenden Tür bis zum „Gesichtsausdruck“ der Scheinwerfer, der je nach Modell mal aggressiv, mal niedlich ausfällt. Schon in den achtziger Jahren bekämpfte die Mailänder Designgruppe Memphis trockenen Funktionalismus mit emotional-experimentellen Möbeln. 1986 kuratierte Volker Albus, Vertreter des „Neuen Deutschen Design“, in Düsseldorf die Ausstellung „Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen“ und forderte: „Gegen die Diktatur der Wirbelsäule, für die Gleichberechtigung der Sinne!“ Etwa zur gleichen Zeit begannen Firmen wie Koziol und Alessi, unsere Haushalte mit Heiterkeitsdesign zu überschwemmen. Lachende Korkenzieher und Spülbürsten mit Kindchenschema suggerierten: Die Spaßgesellschaft ist allgegenwärtig. Doch während die emotionale Ansprache des Käufers in vergangenen Jahrzehnten meist der Vermarktung von Massenprodukten diente, machen Designer heute das Gefühl bewusst zum Thema ihrer Objekte.
Eines der großen Designtabus ist damit gefallen: Um den Besitzer emotional an ein Objekt zu binden, setzen Designer neuerdings süße Tiere und andere Kitschmotive ein. Der Londoner Stephen Johnson zum Beispiel sammelt Tierfiguren vom Flohmarkt und setzt sie zu fabelhaften Assemblagen zusammen. Kollektionen wie „Now Isn’t That Lovely“ (2009) spielen ganz bewusst mit Ornament und Kitsch; sie stillen unser Bedürfnis nach Nostalgie und wirken zugleich ziemlich surreal. Das Stockholmer Designtrio Front legte seine „Animal Collection“ (2006) auf, nachdem es in einer Umfrage Menschen nach ihren Lieblingsgegenständen gefragt hatte. Egal, ob Schuhe, Möbel oder Kissen – oft waren den Befragten Dinge besonders ans Herz gewachsen, die sie mit Tieren assoziierten.
Auch Hella Jongerius, die derzeit wohl gefragteste Designerin überhaupt, benutzt seit Jahren Tiermotive – und sie werden von Jahr zu Jahr dominanter: Waren ihre „Animal Bowls“ für Nymphenburg Porzellan (2004) noch zarte Märchenwesen, so ist der Frosch auf ihrem „Frog Table“ (2010) vom Dekorationselement zum Hauptdarsteller geworden. Er ist der Froschkönig, der am Tisch sitzt und ein Gespräch einfordert. Tiere regen unsere Fantasie an – oder auch märchenhafte Figuren. „Nehmen wir den Gartenzwerg“, sagt Volker Albus, heute Professor für Produktdesign an der HfG Karlsruhe, „sein einziger Daseinszweck ist es, Emotionen zu erzeugen.“ Aber auch jenseits der kalkulierten Niedlichkeit zeigen Designer, wie Dinge in uns Gefühle wecken können – nicht nur als Kaufanreiz. Kiki van Eijk, die schon vor zehn Jahren an der Eindhoven Academy studierte, stellte kürzlich „Drink! Fun!Eat!Rest!Think!Dream!Love!“ vor – Skulpturen aus Muranoglas, die von elementaren Dingen erzählen. Ein Totem aus Küchenutensilien erinnert uns an die Freude am Essen. Eine Trompete und ein Ballon stehen für Spaß und Humor, die Liebe ist symbolisiert durch eine rote Gießkanne (denn man soll sie großzügig verschenken) und verschmilzt mit einem Kerzenhalter (denn sie vereint Gegensätze wie Feuer und Wasser). Kiki van Eijk bekennt sich zur Romantisierung des Alltags: „Ich versuche immer alles ein wenig weicher und freundlicher aussehen zu lassen als die Wirklichkeit.“
Weit weniger gefällig sind die Arbeiten der Rotterdamer Designerin Wieki Somers. Bekannt wurde Somers mit „Bath Boat“ (2005), einer Badewanne in Form eines Holzbootes, in dem der Badende hinwegdriften kann wie ein einsamer Fischer auf dem Meer. „Wir versuchen Design zu schaffen, das uns die Welt intensiver erleben lässt“, erklärt Wieki Somers, die mit ihrem Partner Dylan van den Berg ein gemeinsames Studio betreibt. Objekte des Alltags werden mit ästhetischen und emotionalen Mitteln neu erlebbar, sollen aber durchaus auch irritieren. „High Tea Pot“, eine Porzellankanne in Form eines Schweineschädels, umhüllt von einem Rattenfell, ist eine Arbeit zum Thema Dekadenz. Wieki Somers studierte Bilder des flämischen Malers Frans Snijders und fand ihre Definition von Dekadenz: das Zusammentreffen von Schmackhaftem und Absto- ßendem, Leid und Lust.
Für ihre Serie „Consume or Conserve?“ verwendete sie (angeblich) menschliche Asche, um mit Hilfe eines 3D-Printers Skulpturen im Stil von Stillleben des 16./17. Jahrhunderts zu erstellen. Dabei kombiniert sie Vanitas-Symbole mit Konsumgegenständen der Gegenwart: Ein Spatz sitzt auf einem Toaster und beweint seinen toten Artgenossen. Honigwaben liegen auf einer Körperwaage. Ein Pillendreherkäfer rollt eine Dungkugel auf einem Tischstaubsauger. „Technologie ermöglicht uns, das Leben immer weiter zu verlängern“, erklärt Somers, „aber was nutzt uns ewiges Leben, wenn wir nur immer mehr konsumieren, ohne über die Konsequenzen nachzudenken?“ Wenn uns das Design nun auch noch an die Sterblichkeit erinnert, dann ist es von „form follows function“ schon ziemlich weit entfernt.