Der  junge dänische Architekt Bjarke Ingels baut Häuser, die sozialverträglich und umweltbewußt, durchdacht und experimentell zugleich sind. Und gewinnt mit seinen Entwürfen Architekturpreise und Wettbewerbe in Serie. 

Bjarke Ingels ist gerade mal 37, hat vor sechs Jahren in Kopenhagen das Architekturbüro BIG („Bjarke Ingels Group“) gegründet und gilt derzeit als der Shootingstar der Branche. Er gewinnt Architekturpreise und Wettbewerbe in Serie, hat Baustellen rund um den Globus, und das US-Magazin „Fast Company“ zählte ihn 2010 zu den 100 kreativsten Köpfen des Planeten. Wie er es so schnell geschafft hat? In Rotterdam lernte er bei Rem Koolhaas, dass Kommunikation für einen Architekten ebenso wichtig ist wie Kreativität. Nach ein paar Jahren im „Office for Metropolitan Architecture“ gründete er mit einem Kollegen das Studio PLOT und entwickelte einen eigenen Ansatz: Nicht so exaltiert wie die „Starchitecture“ sollten seine Gebäude sein und nicht so langweilig wie die Gebrauchsarchitektur, die unsere Städte dominiert. Stattdessen wollte er perfekte Orte schaffen, die soziale, ökonomische und ökologische Ansprüche erfüllen. „Pragmatischen Utopismus“ nennt Bjarke Ingels seinen Ansatz, den er auch nach der Trennung von PLOT und Gründung von BIG beibehielt.

Was er darunter versteht, sieht man an den zahlreichen Modellen, die sich im Büro an der Nørrebrogade auf Fensterbänken und Regalen stapeln. Seine Gebäudeentwürfe sind mutig, ungewöhnlich und humorvoll, aber bezahlbar. Einen Apartmentblock in Kopenhagen stattete er mit dreieckigen Balkonen aus. Sie verbinden größtmögliche Fläche mit minimalem Schatten und verleihen der Fassade eine interessante Geometrie. Direkt daneben sollte er einen Parkplatz und einen weiteren Wohnblock bauen. Ingels fusionierte beide Aufgaben, baute Apartmentreihen, die versetzt auf einem mehrstöckigen Park- haus angeordnet sind, und deren Terrassen die Überdachung für die parkenden Autos sind. Weil das Gebäude sich wie ein Berg im sonst bügelbrettflachen Kopenhagen er- hob, perforierte er die Aluminiumfassade des Parkhauses, um sie luftdurchlässig zu machen, und bedruckte sie mit einem Foto des Himalaya.

Als es darum ging, ein Konzept für den dänischen Pavillon zur Expo 2010 zu entwickeln, beantwortete BIG das Ausstellungsmotto „Better City, Better Life“ mit einer einfachen Idee: Sie wollten den Bewohnern zeigen, was für einen Spaß Radfahren in Kopenhagen macht. 300 Citybikes standen den Besuchern zur Verfügung, auf denen sie in einer Endlosschleife um die aus dem Kopenhagener Hafen entführte „Kleine Meerjungfrau“ kreisen durften. Und für das neue Rathaus der estnischen Hauptstadt Tallinn erdachte BIG einen Plenarsaal mit verspiegelter Decke. „Wir nennen es das demokratische Periskop“, erklärt Bjarke Ingels, „es schafft eine Verbindung zwischen politischem Überblick und öffentlichen Einsichten.“ Die Politiker können die Reflexion des städtischen Lebens an der Decke sehen – und die Bürger können von der Straße aus ihre Politiker bei der Arbeit im Auge behalten.

„Das Einfache im Komplexen zu finden“ ist Bjarke Ingels’ Ziel. „So wie man bei der Software-Programmierung bestrebt ist, immer kürzere Codes für immer komplexere Inhalte zu schreiben, so versuchen wir in der Archi- tektur den maximalen Effekt mit möglichst wenig Mitteln zu erreichen. Das Maximum an Möglichkeiten mit einem Minimum an Investment.“ Diese Idee steckt in seinen Gebäudeentwürfen, deren Form davon bestimmt ist, grüneres, energieeffizienteres und sozial attraktiveres Leben in urbanen Ballungsräumen zu ermöglichen. Und sie zieht sich auch durch seine theoretische Arbeit.

Bjarke Ingels denkt groß, und das liegt eigent- lich nicht an seinem Firmennamen, der nur ein Akronym für Bjarke Ingels Group ist. Als 2010 die erste Monografie über BIG erschien, gestaltet wie ein Comicbuch, waren darin große Ideen versammelt, die der Gründer enthusiastisch vorstellte. Ein sternförmiger Superhafen in der Ostsee zum Beispiel oder ein Wolkenkratzer in der Form eines „ren“, des chinesischen Schriftzeichens für „Mensch“. Allerdings fanden nur die wenigsten der großen, innovativen Ideen einen Weg in die Realität. „Architektur ist ein Gentlemen’s Sport“, kommentiert Bjarke Ingels gelassen. Das kann er sich erlauben, denn inzwischen häufen sich die Momente, in denen er durch fertig gestellte BIG-Gebäude geht. „Das ist immer ein besonderer Glücksmoment – etwas in der Realität zu erleben, woran man fünf Jahre gearbeitet hat“, sagt Bjarke Ingels. Besonders Spaß machte der Moment in diesem Frühjahr, als die ersten Familien in das „8 House“ einzogen. Der schleifenförmige Gebäudekomplex in Kopenhagen, der 61.000 m2 Fläche für Ge- schäfte, Büros und Wohnungen bietet, trägt die typische BIG-Handschrift: Die Südwestspitze des Gebäudes ist in den Boden gedrückt, damit Sonnenlicht in den Innenhof gelangt. Und weil Bjarke Ingels das Gebäudedach als Ram- pe geplant hatte, konnte er das 8 House erradeln, vom Straßenniveau bis zum Penthouse.

„Wir Architekten sind die Leute, die die Oberfläche des Planeten permanent verändern“, erklärt Bjarke Ingels, „und wir haben die Mittel und die Möglichkeit, sie so zu ver- ändern, dass es mehr Spaß macht, darauf zu wohnen.“ Doch es geht ihm dabei um mehr als nur Spaß. „Wir sollten uns als Gestalter von Ökosystemen verstehen, die Ökologie und Ökonomie miteinander verbinden und den Fluss von Ressourcen kanalisieren.“ Wie das aussehen könnte, dazu hat Bjarke Ingels seine ganz eigenen Ideen. Im vergangenen Jahr hat er den Wettbewerb für die Gestaltung eines Müllheizkraftwerks in Kopenhagen gewonnen. Das Gebäude ist geformt wie ein Berg und dieses Mal so hoch, dass es etwas sportlich wäre, Fahrradwege darauf anzulegen. Es wird das höchste Gebäude in Kopenhagen werden, und BIG hatte die Idee, eine Skipiste darauf anzulegen. „Schließlich haben wir hier ein Wintersport-Klima. Nur die Berge fehlen.“ Ein Fahrstuhl wird schneebegeisterte Dänen zu einer Plattform in 100 Meter Höhe fahren. Auf dem Weg können sie einen Blick auf das Innere der Anlage werfen und sehen, wie aus dem Hauptstadtmüll Energie und Wärme gewonnen werden. Das gesamte Projekt beweist: Wer so ein Ideen-Magier wie Bjarke Ingels ist, kann sogar Berge nach Kopenhagen versetzen.