In den 50er und 60er Jahren wurden in der Filmstadt Cinecittà die spektakulärsten Filme der Welt produziert. Sophia Loren hatte hier ihr erstes Vorsprechen, Federico Fellini wollte nirgends anders wohnen. Heute trifft man eher Touristen als Filmstars. 

Kann man vor dem Trevi-Brunnen stehen, ohne an Anita Ekberg zu denken, wie sie in Fellinis „La Dolce Vita“ in einer viel zu heissen Nacht mitsamt ihrem unfassbar geschnittenen Abendkleid in den Brunnen steigt und ruft: „Marcello, komm!“? Haben wir nicht alle, wenn wir eine Vespa die Via del Corso entlangknattern hören, das Bild von Gregory Peck und Audrey Hepburn vor Augen, wie sie lachend durch „Ein Herz und eine Krone“ brausen? Der Charme vergangenen Film-Glamours gehört zu Rom wie die Persol-Brille zu Marcello Mastroianni. Viele der Rom-Bilder, die in unserem kollektiven Filmgedächtnis haften, wurden aber gar nicht an Original Schauplätzen gedreht, sondern ein paar Kilometer südlich des Zentrums, in der Filmstadt Cinecittà. Auf dem 40 Hektar großen Grundstück an der Via Tuscolana entstanden schon 3.000 Filme, vom Monumentalschinken bis zur Pastawerbung. Hier wurde für „Ben Hur“ das berühmteste Wagenrennen der Filmgeschichte gedreht. Hier sprach Sophia Loren für ihre erste Rolle vor, lange bevor sie zur größten Diva des italienischen Films wurde. Fellini, der fast alle seine Filme hier drehte, nannte Cinecittà seine „ideale Welt“. Im Studio Nr. 5, lange Zeit das größte Filmstudio Europas, bewohnte er sogar ein Apartment und sagte einmal: „Ich bin nicht in Cinecittà, um Filme zu machen. Ich mache Filme, um in Cinecittà zu sein.“

Gebaut wurde die Filmstadt unter Benito Mussolini, der Architektur und Film zu seinen wichtigsten Propagandainstrumenten auserkoren hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die rotbraun getünchten Hallen im rationalistischen Stil teilweise zerstört, wurden zwischenzeitlich als Flüchtlingslager genutzt. Aber schon bald wieder drehten Vittorio de Sica, Roberto Rossellini, Luchino Visconti mit Stars wie Anna Magnani oder Gina Lollobrigida. Dann kamen die Amerikaner, die Rom und die damals niedrigen Drehkosten liebten und begründeten den Mythos von „Hollywood am Tiber“. Massenszenen mit zehntausenden von Statisten und hunderten von Pferden waren hier weitaus günstiger zu realisieren als in Kalifornien. In den 50ern und 60er Jahren entstanden in Cinecittà die aufwändigsten Produktionen der Welt. Eine der teuersten und spektakulärsten: „Cleopatra“ (1963). Die Dreharbeiten trieben die Produktionsfirma 20th Century Fox fast in den Ruin, verschlissen zwei Regisseure und die Ehen der beiden Hauptdarsteller, Richard Burton und Elizabeth Taylor. Die Kosten stiegen von ursprünglich vorgesehenen 2 Mio. auf 44 Mio. US Dollar an – was heute 320 Mio. entsprechen würde. Der Film fiel zwar bei der Kritik durch, gewann aber vier Oscars und brachte den Klatschspalten den Skandal des Jahres.

Später war es Fellini, dessen Name symbiotisch mit Cinecittà verbunden war, in den Achtzigern drehte Bernardo Bertolucci „Der letzte Kaiser“, danach wurde es immer ruhiger in der Filmstadt. Große Filmproduktionen gab es immer weniger, dafür mehr TV- und Werbefilmproduktionen. Nach der Teilprivatisierung Ende der Neunziger gelang noch ein Coup: Martin Scorcese drehte 2002 „Gangs of New York“. Riesige Szenenbilder aber werden heute mehr und mehr am Computer gebaut. Dazu kam die neue Konkurrenz aus Osteuropa: In Kroatien oder Rumänien liegen die Produktionskosten heute bis zu 25% günstiger als in Italien. Im Frühjahr häuften sich die Gerüchte um die Schließung der Studios, aber eine neue Steuerregelung ermöglicht Filmproduktionen, ein Viertel der Produktionskosten abzusetzen. Woody Allen machte davon auch gleich Gebrauch, als er im Sommer seinen neuen Film „Bop Decamerone“ in Rom drehte. Das jährliche Budget des nationalen Filmarchivs, Cinecittà Luce, wurde allerdings von 29 Mio auf 7,5 Mio. Euro gekürzt, worauf sich Roberto Benigni, Regisseur von „Das Leben ist schön“, im nationalen Fernsehen aufregte: „Das ist unser filmisches Gedächtnis, unsere Geschichte. Man kann doch seine Geschichte nicht einfach dichtmachen!“

„Cinecittà ist eine schöne Frau, die in die Jahre gekommen ist“, sagte einmal Dante Ferretti, der als Szenenbildner schon für Fellini gearbeitet hat, und dessen Set für „Gangs of New York“ 2002 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Heute bleichen die Fiberglas-Fassaden, mit denen er das New York des 19. Jahrhunderts nachbaute, unter der römischen Sonne aus, und sind Teil einer Touristen-Route durch die Filmstadt. Nur einen Steinwurf vom Broadway entfernt liegt das antike Rom, das aufwändige Set der amerikanisch-britischen TV-Produktion „Roma“, die 2005-2007 gedreht wurde. Die Kulisse von „Roma“ wird für heute für Firmenevents vermietet, direkt neben dem „Forum Romanum“ steht ein Galazelt. Ansonsten spazieren Touristen unter den hohen Pinien zwischen den denkmalgeschützten Hallen entlang, klopfen ungläubig an Fiberglas-Säulen und schmunzeln über einen modernen Feuerlöscher, der sich in einer Gasse des alten Roms verirrt hat. Weltstars kommen nur noch selten in die Cinecittà. Monica Belucci drehte hier einen Teil von „A Burning Hot Summer“, Julia Roberts war für eine Kaffeewerbung hier. Broadway und Rom sind derzeit Teil der Ausstellung „Cinecitta'si mostra“ („Cinecittà zeigt sich“). Bis Ende November wird hier die Geschichte der Studios gezeigt und ein Blick in die Filmgeschichte von Schwarz-Weiss bis 3D geworfen. Die Ausstellung ist eine Art Testlauf. Das Studio-Management denkt darüber nach, die zu Cinecittà gehörenden Dino Studios, 20 Minuten südlich von Rom gelegen, in einen Themenpark umzuwandeln.

Ausstellung „Cinecittà si Mostra“, Via Tuscolana 1055, bis 30. November 2011, geöffnet täglich 10.30-19.30, Sa bis 21 Uhr, Di geschlossen