Da kann man was draus machen
Häuser | 05/2012

Muck Petzet ist Generalkommissar des deutschen Beitrags auf der Architektur-Biennale Venedig 2012. Bei den Besuchern des Deutschen Pavillons wirbt der Architekt für den Erhalt qualitätvoller, aber wenig geliebter Alltagsbauten aus den Nachkriegsjahrzehnten. 

 

Häuser: Das Thema des Deutschen Pavillons lautet 2012 „Reduce/Reuse/Recycle“ – was haben Begriffe aus der Müllwirtschaft mit Architektur zu tun?

Muck Petzet: Es gibt Analogien zwischen dem Bauen im Bestand und der Abfallwirtschaft, die sehr spannend sind. Zum Beispiel kann man gewisse Renovierungen mit dem Mehrwegsystem verglei­ chen. Ein Haus wird geleert, neu befüllt und be­ kommt ein neues Etikett. Der Titel der Ausstellung soll dazu anregen, bestehende Architektur mit anderen Augen anzuschauen. Wir haben 16 Um­ bauprojekte ausgewählt und von der Fotografin Erica Overmeer fotografieren lassen. Sie hat einen Blick für die Qualitäten des Alltäglichen.

Warum ist das Thema Umbau so wichtig?

Zum einen findet bereits heute 80 Prozent der Bau­ tätigkeit im Bestand statt. Zum anderen kommt in den nächsten Jahren ein großer Renovierungsbe­ darf bei Gebäuden der Nachkriegsjahrzehnte auf uns zu. Die Siedlungsbauten der 50er bis 70er haben aber zugleich das Problem, dass sie ziemlich unbeliebt sind. Deshalb wollen wir interessante Umbaustrategien aufzeigen und eine Aufmerksam­ keit dafür schaffen, dass weniger Eingriff manch­ mal mehr ist.

Viele würden die Gebäude der 50er bis 70er lieber abbrechen und neu bauen. Ist jedes Bauwerk grund- sätzlich erhaltenswert?

Wenn man den energetischen Aspekt betrachtet, ist Abbruch immer Energieverschwendung. Dabei geht es nicht nur um die Energie, die ich aufwen­ den muss, um etwas Neues zu schaffen. In jedem Bestand steckt sogenannte „graue Energie“, die für Herstellung, Transport und Verarbeitung der Bau­ materialien verbraucht wurde. Wenn ich bei einer energetischen Sanierung in Betracht ziehe, wie viel graue Energie in den Baustoffen steckt, zum Beispiel in mineralölbasierten Dämmmaterialien, sieht die Bilanz schlecht aus. Eine konservative Studie geht davon aus, dass es 15 bis 25 Jahre dauert, bis ein Gebäude die Energie, die zu seiner Sanierung verwendet wurde, wieder eingespart hat.

Uns geht es in der Ausstellung aber nicht darum, zu sagen: „Alles muss erhalten bleiben“, sondern im Gegenteil um Veränderung und Weiterentwicklung. Was gut sichtbar wird an den vorgestellten Projekten, ist, wie Bestand gerade durch seine Sperrigkeit zu Lösungen führt, die man sich nicht hätte ausdenken können. Selbst aus der Hässlichkeit eines Gebäudes kann man etwas Neues gewinnen.

Was macht eine gute Umbaustrategie aus?

Jeder Bestand hat Qualitäten, die oft auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. Es geht darum, diese wahrzunehmen und zu prüfen, ob sie sich in die Gegenwart oder Zukunft übertragen lassen. Denn ein Gebäude speichert nicht nur Energie in Form von Materialien. Es speichert auch die Geschichten und erzählt von sozialen Zusammenhängen. Wir sollten Spaß an der Veränderung haben, dabei aber nicht sinnlos Dinge zerstören, die Potenzial für die Zukunft hätten. In der Annäherung von Alt und Neu stecken viele Möglichkeiten.

Was sollen die Besucher aus der Ausstellung mitnehmen?

Die Begriffe „Reduce/Reuse/Recycle“ stehen ja für eine Wahrnehmungsverschie- bung von Müll zu einem Wertstoff. Ich würde gern auch in der Betrachtung von Alltagsarchitektur die Wahrnehmung verändern. Für die meisten Architekten klingt Umbau immer noch irgendwie zweitklassig. Ich freue mich, wenn ein Besucher denkt: „Aha, da ist ja wirklich eine Qualität drin, die ich vorher noch nicht gesehen habe. Da kann man was draus machen!“ Architekten und Archi- tekturstudenten sollen Lust bekommen, sich mit Bestand zu beschäftigen und das als sehr kreative und freie Aufgabe zu betrachten. 