Das Labor
Form 235 | 2010

Harvard-Professor David Edwards hat in Paris einen Ort für Querdenker geschaffen: „Le Laboratoire“ ist Think Tank, Shop, Labor und Galerie zugleich. Die aktuelle Ausstellung „Water Design“ zeigt innovative Ideen für den Transport von Wasser. 

„Muss Espresso unbedingt flüssig sein?“ Diese Frage ist ganz nach dem Geschmack von David Edwards. Der Harvard-Professor vom Wyss Institute for Biomedical Inspired Engineering bringt mit Vorliebe Künstler, Designer, Wissenschaftler und Köche zusammen, um neue Lösungen zu finden – sei es nun für die Behandlung von

Infektionskrankheiten, für kalorienfreien Schokoladengenuss oder allergikerfreundliches Raumklima. Damit die Antworten nicht in den Schreibtischschubladen kreativer Köpfe verblassen, sondern funktionierende Produkte aus ihnen werden können, hat der in Boston und Paris lebende Wissenschaftler „Le Laboratoire“ gegründet. Die Ideenschmiede besteht aus Edwards’ Büro „LaboBrain“, das wie die zwei Hälften eines Ge- hirns gebaut ist, dem „LaboShop“, in dem Prototypen und Produkte verkauft werden, und einer großen Ausstellungsfläche in einer Halle, in der bis vor etwa 30 Jahren die größte Druckerei Frankreichs zuhause war. All das liegt nur einen Steinwurf vom Palais Royal und dem Louvre entfernt im feinen ersten Pariser Arrondissement. „Le Laboratoire funktioniert wie ein Trichter, der Ideen sammelt und filtert“, erklärt Edwards, „und am unteren Ende des Trichters steht die Produktion als Fortsetzung dieses Prozesses.“ Die Ausstellungen, gedacht als Schnittstelle zur Öffentlichkeit, sind weniger Ergebnisschau als vielmehr eine wichtige Phase im Produktentwicklungsprozess: Hier wurde etwa der Proto- typ von Mathieu Lehanneurs Luftfilter Andrea vorgestellt, ein Kunststoffgehäuse mit vegetalem Innenleben, das Giftstoffe aussondert. Hier veranstaltete Edwards mit dem Pariser Starkoch Thierry Marx Degustationen, bevor er Le Whif auf den Markt brachte – Schokolade und Espresso „zum Einatmen“, die aus lippenstiftähnlichen kleinen Plastikröhrchen inhaliert werden.

Bis Ende Januar ist nun das neueste und ehrgeizigste Le-Laboratoire-Projekt zu sehen: die Ausstellung „Water Design“. Am Anfang des Projekts stand wieder eine Frage: Kann es Wege für den Transport von Trinkwasser geben, die sich an der Funktionsweise biologischer Zellen orientieren? „Wir bestehen zu einem Großteil aus Wasser, das in unseren Körperzellen gespeichert ist“, so Edwards, „warum können nicht auch Flaschen so eng und natürlich mit ihrem Inhalt verbunden sein?“ Zwei massive Probleme der Menschheit wären damit auf einen Streich gelöst: die Schwierigkeit, sauberes Wasser hygienisch zu transportieren, die vor allem in den armen, trockenen Gegenden Afrikas zu einem immer drängenderen Problem wird. Und das größer werdende Müllaufkommen, das uns schon Plas- tikteppiche in den Ozeanen beschert. 2008 begannen einige seiner Studenten in Harvard sich dem Thema zu widmen, bald konnte David Edwards den französischen Designer François Azambourg und den Zellbiologen Donald Ingber für die Idee gewinnen. Im „Food Lab“ wurde mit Gelatine, Stärke, Karbon & Co experimen- tiert, im „LaboBrain“ mit Experten der verschiedensten Disziplinen diskutiert. Die ultimative, biologisch abbaubare, ephemere Wasserflasche der Zukunft wird in der Ausstellung leider noch nicht vorgestellt – wohl aber der Prozess der Ideenfindung inklusive Experimenten und Irrwegen, Erfolgen und Misserfolgen.

„Pumpkin“ ist einer der Schritte auf dem Weg zum Ziel: ein faltbarer Schlauch, der in Entwicklungsländern den Wassertransport erleichtern soll. Mathieu Lehanneur und Julien Benayoun übernahmen die Produktentwicklung. „Ursprünglich fragte mich David, ob ich einen Wasserbehälter nach dem Prinzip des Tensegrity-Trag- werkssystems von Buckminster Fuller gestalten könne“, erzählt Lehanneur. „Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man eine so komplexe Struktur kostengünstig herstellen kann, suchte ich nach Alternativen – und kam relativ bald zu einer Faltkonstruktion, wie man sie von chinesischen Papierlampions her kennt.“

Die hat mehrere Vorteile: Sie ist klein zusammenfaltbar, so dass sie kostengünstig verpackt und transportiert werden kann. Der Nutzer kann den Schlauch mit der Hand reinigen – ein großes Problem beim Wassertransport in Afrika sind nämlich die winzigen Ausgüsse der oft rissigen, schmutzigen Kanister. Die Konstruktion ist flexibel einsetzbar: Man kann die Zieharmonika-Elemente zu einem Kreis zusammenstecken, den eine afrikanische Frau traditionell auf dem Kopf transportieren könnte, den man aber auch als Tasche oder wie einen Patronengurt über der Schulter tragen kann. Die Elemente können aber auch zu einer Schlaufe werden, die zwei Menschen gemeinsam tragen. „Was mich sehr motiviert hat, Pumpkin zu entwickeln, ist die psychologische Dimension des Designs“, erzählt Lehanneur, „denn wenn wir einen Wasserbehälter entwickeln können, der so attraktiv und flexibel ist, dass afrikanische Männer ihren Frauen beim Wassertragen helfen, ist viel gewonnen.“ Für Industrienationen, in denen ja kein akuter Wassermangel herrscht, wurde ein Prototyp entwickelt, der ein kleineres Schlauchelement mit einer Handtasche verbindet – für unterwegs.

Nun ist die Ausstellung im Le Laboratoire auch für Pumpkin nur die erste Phase auf dem Weg von der Utopie zur Marktreife. Der Prototyp soll nun in Zusammen- arbeit mit Studenten der Universität von Pretoria in Subsahara-Ländern getestet werden. „Uns ist wichtig, die Bedürfnisse der Menschen in Afrika mit in den Designprozess einfließen zu lassen“, sagt Julien Benayoun, der bereits im vergangenen Jahr mit einem frühen Testmodell nach Namibia gereist ist. Bis der Kürbis in Afrika zum Einsatz kommen kann, müssen noch einige Proble- me gelöst werden. Derzeit wird zum Beispiel an einem Filtersystem gearbeitet, das das Wasser beim Zusammenpressen der Falten durch eine Membran drückt. Mit Sportartikelherstellern ist man in Verhandlung darüber, die Lifestyle-Variante von Pumpkin herzustellen und zu vertreiben. Das angedachte Geschäftsmodell: Jeder, der in entwickelten Nationen eine Pumpkin-Tasche kauft, finanziert damit einen Pumpkin-Wasserbehälter für Afrika. Höchst sinnvolle Ergebnisse des kreativen Querdenkens in Paris.