Mit Möbeln aus Stahlblech und Sperrholz, so robust gebaut wie Häuser, zeigte der Franzose die Schönheit der reinen Konstruktion. Doch Jean Prouvé war nicht nur Designer, Architekt und Ingenieur, sondernauch Unternehmer und Humanist

Wenn Jean Prouvé sich konzentrieren wollte, kippelte er gern mit dem Stuhl. „Mein Vaterliebte es, auf den Hinterbeinen seines Stuhls zu balancieren“, erzählt seine Tochter Catherine. „Er war der Einzige in der Familie, der es schaffte, auf nur zwei Beinen völlig still zu sitzen.“ Wahrscheinlich lag es auch am Stuhl, dass der Designer so virtuos die Balance halten konnte. Sein berühmter „Standard Chair“ trägt einen Großteil der Gewichtslast auf den konisch geformten Hinterbeinen. Dieser stille Klassiker aus Sperrholz und gefaltetem Stahlblech, 1934 entworfen und 1950 weiterentwickelt, erobert heute wieder Küchen und Esszimmer in aller Welt, denn sein robuster Charme passt so wunderbar zum „Industrial Chic“ urbaner Lofts.

Von Chic allerdings hielt Prouvé nicht besonders viel. Funktionalität und Leichtigkeit waren die obersten Gebote für seine Entwürfe. Der zurückhaltende Franzose, der 1901 als Sohn des Malers Victor Prouvé in Paris geboren wurde und in den 20er Jahren in Nancy eine Ausbildung zum Kunstschmied absolviert hatte, eröffnete dort 1924 seine erste Werkstatt. Er begann, sich von der Art nouveau abzuwenden und Möbel mit ganz eigener Ästhetik und so robust wie Häuser zu bauen. „Möbel müssen so komplexe Probleme lösen wie große Baukonstruktionen“, sagte Prouvé, „das führte mich dazu, sie mit der gleichen Sorgfalt, nach den gleichen Statikgesetzen, ja sogar aus den gleichen Materialien zu gestalten.“ Wie viele seiner Zeitgenossen entdeckte er Stahl als Werkstoff. Doch das Stahlrohr, wie es Marcel Breuer, Mart Stam und Le Corbusier bevorzugten, war ihm nicht robust genug. „Mich inspirierte das Stahlblech, abgekantet, gestanzt, gerippt, dann geschweißt.“ Dem hochglänzenden Chrom- und Nickel-Look seiner Zeit setzte er grob lackierten Stahl entgegen und machte so den industriellen Charakter des Materials sichtbar. Und wo sich die Formen des typischen 50er-Jahre-Designs sonst sanft verjüngen, setzte Prouvé konische Elemente ein, schräg gestellte Beine, die seine Möbel eher dynamisch als elegant wirken lassen. Die Konstruktion war ihm immer wichtiger als die tatsächliche Gestalt.

Prouvé selbst hat sich nie als Designer bezeichnet, er verstand sich als „homme d’usine“, einen Mann der Fabrik. Seine Möbel entstanden nicht auf dem Papier, sondern in der Werkstatt, in Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Handwerkern. Eine erste Entwurfszeichnung wurde als Prototyp umgesetzt, dann einem Stabilitätstest unterzogen und korrigiert. Hatte eine Variante seine Zustimmung gefunden, wurde das Möbel in kleiner Serie her- gestellt. So war Jean Prouvé unabhängig von externen Betrieben und konnte selbst in kleinen Stückzahlen produzieren. Das Unternehmen wuchs. Prouvé baute bald nicht nur Möbel, sondern auch Fassadenelemente für Architekten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Metall knapp und teuer. Während die Produktion fast zum Erliegen kam, engagierte sich Prouvé in der Resistance, kümmerte sich um die Lebensmittelversorgung seiner Mitarbeiter. 1945 war er für einige Monate sogar Bürgermeister von Nancy. Nach dem Krieg entwickelte er Notunterkünfte und mobile Schulgebäude aus fabrikgefertigten Metallpaneelen, die vor Ort montiert wurden.

Als Familienvater war Jean Prouvé ganz Patriarch – er band Brüder, Cousins und später auch seine Kinder in das Unternehmen ein. Bei Prouvés daheim drehte sich alles um die Firma. „Wir lebten in einem Haus voller Prototypen“, erinnert sich Catherine Prouvé, „und meine Mutter bewirtete die Architekten, Studenten und Mitarbeiter, die mein Vater zum Essen mitbrachte.“ Als Arbeitgeber ver- stand Prouvé es, seine Angestellten durch Boni, Weiterbildung und bezahlten Urlaub zu motivieren. Der technologiebegeisterte Designer liebte zwar Autos, vor allem Cabrios, und besaß verschiedene Modelle von Citroën, Talbot, Triumph und Alfa Romeo, abgesehen davon aber lag ihm das Anhäufen von Besitztümern fern. Was seine Firma an Gewinn erwirtschaftete, wurde in neue Maschinen investiert, der Rest als Prämie an die Mitarbeiter ausgeschüttet. So demokratisch und dynamisch wie der „Standard Chair“ war das ganze Unternehmen. Der berühmte „Esprit Prouvé“ blieb auch dann noch erhalten, als die Firma auf mehr als 200 Mitarbeiter angewachsen und 1946 nach Maxéville im Industriegebiet von Nancy umgezogen war.

Der Gründer sollte als Designer, Inge- nieur und Humanist in die Geschichte eingehen, als Geschäftsmann leider nicht. In Maxéville tätigte Prouvé immer größere Investitionen, um fabrikgefertigte Häuser herstellen zu können, mit denen er den großen Bedarf an Wohnhäusern nach dem Krieg decken wollte. Speziell für die französischen Kolonien in Afrika entwarf er das „Maison Tropicale“ mit Aluminiumlamellen als Sonnenschutz und einer Fassade mit Lüftungsluken. Einige Musterhäuser wurden im kongolesischen Brazzaville errichtet, doch sie waren für den afrikanischen Markt zu teuer. In Maxéville wurden die Gewinne immer kleiner. Um weiter investieren zu können, schloss sich Prouvé mit Studal, einem Unternehmen der Aluminiumindustrie zusammen. Es gab Finanzspritzen, verlangte dafür aber immer mehr Firmenanteile. Als Großaufträge für die Metallfertighäuser ausblieben, forderte der Vorstand die Umstrukturierung des Unternehmens. 1953 wurde Prouvé die Entscheidungsbefugnis genommen, er durfte die Produktionshallen nicht mehr betreten. Für den „homme d’usine“ war das eine Katastrophe. Noch schlimmer war, dass er mit den Ateliers auch das Recht an seinen Patenten verlor. Prouvé durfte nicht mehr Prouvé bauen. „Dass ihr es wisst: Ich bin 1952 gestorben“, schrieb er am Ende seines Lebens in einem Brief an seine Familie. Es war das Jahr, in dem Studal die Aktienmehrheit erlangte.

„Man hat Ihnen die Flügel gestutzt. Behelfen Sie sich mit dem, was Ihnen bleibt“, riet ihm sein Freund Le Corbusier nach dem Verlust von Maxéville – und das tat Prouvé. 1954 errichtete er in Nancy mit Restbeständen aus Maxéville ein Wohnhaus für seine sechsköpfige Familie, das sein Manifest des modernen Wohnens sein sollte: kleine Schlafzimmer, dafür ein großer Wohnraum, in dem die Familie zusammenkommt. Prouvé gründete ein Baukonstruktionsbüro in Paris und dozierte an der CNAM (Conservatoire National des Arts et Metiers) in voll besetzten Hörsälen. Die Möbelproduktion kam mit dem Scheitern von Maxéville zum Erliegen. Gemeinsam mit Charlotte Perriand entwickelte Prouvé zwar noch Einrichtungskonzepte, neue Möbelentwürfe gab es aber nicht mehr.

Erst Jahre nach seinem Tod 1984 wurde Prouvé als Designer wiederentdeckt, zuerst von der Sammlerszene. Pariser Galeristen wie Patrick Seguin kauften zu Beginn der 90er ganze Bestände an Prouvé-Möbeln aus öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Studenten- wohnheimen. In Sammlerkreisen wurden Prouvé-Vintage-Möbel immer begehrter: In den 90ern noch konnte man einen „Standard Chair“ für 1000 Franc (150 Euro) kaufen, heute erzielt der Klassiker auf Auktionen locker mehr als 5000 Euro. Aber auch normale Sterbliche können nun wieder Prouvé kaufen. Im Jahr 2000 legt Vitra-Chef Rolf Fehlbaum, der seine Designsammlung mit einem Prouvé begonnen hatte, den „Standard Chair“ als Reedition auf. Im vergangenen Jahr brachte das Modelabel G-Star gemeinsam mit Vitra und der Familie Prouvé die „Raw Edition“ heraus – eine limitierte Edition von zum Teil noch nie realisierten Möbelentwürfen, deren Oberflächen in Farbe und Material leicht abgewandelt wurden. Ob der späte Ruhm Prouvé gefallen hätte? „Mein Vater hätte die Energie zu schätzen gewusst, die seinen Designs durch die neuen Editionen zufließt“, sagt Catherine Prouvé, „er wollte immer, dass die Dinge frisch und modern aussehen.“ Aus der „Prouvémania“ in der Kunstszene hätte sich der bescheidene Franzose nicht viel gemacht. Catherine Prouvé ist sicher: „Wenn mein Vater heute noch lebte, würde er Häuser für Obdachlose entwerfen.“