Mission Miami
Audi Magazin | 04/2011

Marianne Goebl hat eine Mission: die Öffentlichkeit für Design zu begeistern. Seit Februar hat sie das Werkzeug dazu, denn sie ist die neue Direktorin der international wichtigsten Plattform für Limited Edition Design, der Design Miami. 

Ein Ozean, ein halber Kontinent und gefühlte Welten liegen zwischen Basel und Miami. Hier die überschaubare Stadt am Rhein, geprägt von Pharmaindustrie, schweizerischem Understatement und einer reichen Museumslandschaft. Dort die weit ausgedehnte Metropole an Floridas Atlantikküste, mit abgeschirmten Luxuswohnanlagen, Hochhäusern am Strand und überall spürbarem lateinamerikanischem Einfluss. Seit Februar ist Marianne Goebl in beiden Städten zuhause. In Basel, wo sie acht Jahre lang für Vitra gearbeitet hat und immer noch ein Apartment hält – und in Miami, wo sie seit Februar die kuratorische Leitung der Design Miami übernommen hat. Ihre Aufgabe: Zweimal im Jahr Galeristen, Gestalter und Interessenten für zeitgenössisches und historisches Design begeistern. Im Juni in Basel, im Dezember in Miami.

Die Fußstapfen, in die Marianne Goebl tritt, sind keine ganz kleinen: Ambra Medda, die die Messe mit 23 Jahren mitbegründet hatte, ist glamourös, kosmopolitisch, parkettsicher. Als Tochter einer Londoner Galeristin hat sie Design im Blut und als Partnerin des Immobilienentwicklers Craig Robins hatte sie das perfekte Händchen, um mit einer High-End-Messe für Designsammler der Gentrifizierung eines ehemaligen Industrieviertels auf die Sprünge zu helfen. Die Design Miami fand 2005 zum ersten Mal statt, parallel zur Art Basel und wurde von der Celebrity-Presse gleich in einem Atemzug mit VIP-Kunsteinkäufern, Poolparties und Rekordpreisen erwähnt. 2011 geht Medda eigene Wege, der Kunst- und Designmarkt ist um eine Krisenerfahrung reicher und so ist es klug, das Craig Robins als neue Direktorin der Messe eine Marketingexpertin beruft, die etwas mehr Basel nach Miami bringt als umgekehrt.

„Das ich nicht glamourös bin, haben Sie bereits bemerkt“, sagt Marianne Goebl auf eine trockene Wiener Art, die im leichten Widerspruch zu ihren blitzgrünen Augen steht. Wir treffen sie zum Interview während der Mailänder Designwoche. Es ist ihr erster öffentlicher Auftritt in der neuen Position. Vor der Kulisse des Mailänder Doms präsentiert sie die Gewinner des „W Hotels Designer of the Future Award“, die im Juni in Basel ausstellen werden. Spricht davon, wie stolz sie sei, die Vergabe dieses jungen Designpreises „zu erben“ und wechselt anschließend im Gespräch mit Designern, Galeristen und Journalisten problemlos zwischen fünf Sprachen. Ihre Mission heißt: „Design matters“. „Wie Räume gestaltet sind, hat einen starken Einfluß darauf, wie wir mit einander und mit uns selbst umgehen“, sagt Marianne Goebl. Eine Messe für Limited Edition Design zu kuratieren, ist für die 35-jährige ein perfektes Werkzeug, um das zu vermitteln. „Die Design Miami bietet mit ihrer Mischung aus historischen und zeitgenössischen Objekten die Möglichkeit, über 100 Jahre Designgeschichte zu erleben“, sagt Marianne Goebl enthusiastisch, „und das zum Angreifen, nicht wie im Museum.“

Das zu kommunizieren ist ihr wichtig, denn Design ist immer noch eine recht junge Disziplin. „Die ersten Museen für angewandte Kunst gab es Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts – und sie waren im Grunde genommen Schauen, die zeigen sollten, welche handwerklichen Fähigkeiten die Nationen zu bieten hatten“. Heute werden die meisten Gebrauchsgegenstände in Massenfertigung hergestellt und eine Wohnungseinrichtung wird nicht mehr fürs Leben gekauft, sondern nur noch für eine Phase in unserem sich ständig wandelnden Alltag. So ist es kein Wunder, das gerade heute das Limited Edition Design als Kunstform boomt. Wo das serielle Produkt an Wert verliert, kommt dem Einzelstück eine größere Bedeutung zu: „Prototypen gab es sicherlich immer“, sagt Marianne Goebl, „aber gerade durch die Möglichkeiten der Serienfertigung ist das Bedürfnis nach dem Handgemachten, nach dem Einzelstück gewachsen. Nach etwas, das ganz für einen selbst gemacht ist.“

Wie wichtig das Experiment mit Einzelstücken auch für Designer ist, weiß Marianne Goebl aus ihrer Zeit in Basel. Für Vitra entwickelte die PR-Strategin 2003 die Home Collection und 2007 die experimentelle Plattform „Vitra Edition“. Sie arbeitete eng zusammen mit Ron Arad, den Bouroullecs, Konstantin Grcic, Jasper Morrison und Hella Jongerius. „Eine limitierte Edition bietet Designern die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die in der seriellen Fertigung verworfen werden – weil sie zu schwer, zu teuer oder einfach nicht umsetzbar sind“, erklärt Goebl, „Und für Sammler ist es attraktiv, ein Stück aus einer Entwicklung zu erwerben, das schon einen ausgereiften Ausdruck hat. Weil da eine starke Idee, ein neues Material oder ein formaler Ausdruck im Vordergrund stehen.“

Aber nicht nur die Sammlerszene soll sich von der Design Miami angezogen fühlen, sondern auch die weniger glamouröse Öffentlichkeit. „Es geht mir darum, allen eine Design-Erfahrung zu ermöglichen“, sagt Goebl und verrät die Highlights der kommenden Messe in Basel: Zwei Galerien zeigen Architektur von Jean Prouvé aus den 40er und 50er Jahren. Ein Fertighaus-Vorläufer, entworfen für Kriegsflüchtlinge, wird täglich auf der Messe auf- und abgebaut. „Das wird eine Performance! Und zeigt zugleich die Intelligenz der Struktur“, so Marianne Goebl. Zeitgenössische Objekte werden von Makkink & Bey, Nacho Carbonell, Max Lamb, Astrid Krogh, Formafantasma und anderen zu sehen sein. Und die „Designer of the Future“ werden ganz neue Arbeiten zeigen, die sie exklusiv für die Design Miami entwerfen. Der Londoner Asif Khan, das Wiener Designduo Mischer’Traxler und Studio Juju aus Singapur werden neue Objekte oder Installationen zum Thema „Conversation Pieces“ zeigen.

Im Dezember wird Marianne Goebl dann die erste Design Miami in Florida kuratieren. Auch wenn sie durch und durch Europäerin ist, freut sie sich auf den neuen Lebensmitelpunkt: „Hinter Miami liegt ein ganzer Kontinent, den es für mich zu entdecken gibt: Südamerika.“

Biographie:

Marianne Goebl wurde 1975 in Wien als Tochter eines Mathematikers und einer Kunsthistorikerin geboren. In der Familie wurde auf Musik, Bildung und Sprachen großen Wert gelegt. Marianne Goebl spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Sie studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Grande Ecole HEC in Paris. Nach dem Studium war sie zunächst bei L’Oréal in Paris und wechselte 2003 zum Möbelhersteller Vitra, wo sie die „Home Collection“ und später die limitierten Auflagen der „Vitra Edition“ entwickelte. Ihr letztes Projekt bei Vitra war die Betreuung des „Vitra Hauses“ von Herzog & de Meuron, das 2010 eröffnet wurde. Seit Februar 2011 ist sie Direktorin der Design Miami und für die Kuratierung des globalen Designforums verantwortlich. Zuhause wohnt Marianne Goebl in einem eklektischen Mix aus zeitgenössischem Design, dem Schreibtisch ihrer Großmutter und dem Wiener Stadthallenstuhl aus den 50ern.