Seit mehr als 20 Jahren entwirft Konstantin Grcic Dinge, die radikal durchdacht sind. Portrait eines Perfektionisten

Ein großer Jahresübersichtskalender hängt im Münchner Büro von Konstantin Grcic. Rote Klebepunkte stehen für Reisetage, grüne für Büro- und schwarze für Telefontermine. Doch Deutschlands bester Industriedesigner braucht auch Tage, auf die keine Punkte geklebt sind. Mit rosafarbenem Textmarker sind die Wochen hervorgehoben, die der Chef in Berlin verbringt. Von einem eingespielten Team und Regalmetern voller Prototypen, Materialproben und Modellen umgeben zu sein ist wundervoll. Aber immer wenn Konstantin Grcic ein neues Projekt beginnt, braucht er Zeit zum Nachdenken. Dann tut es gut, allein zu sein. Also packte der gebürtige Münchner unlängst einen Lieferwagen mit Lieblingssachen voll und zog nach Berlin. Seine Wohnung dort liegt im Hansaviertel, einem Westberliner Wohnquartier weitab vom Mitte-Trubel, das anlässlich der Interbau-Ausstellung 1957 geplant wurde. Grcics Nachbarn sind mehrheitlich Senioren, die hier leben, seit die Gebäude fertiggestellt wurden – und ein paar Architekturliebhaber, die Fans der Nachkriegsmoderne sind. Walter Gropius und Egon Eiermann, Arne Jacobsen, Le Corbusier und Oscar Niemeyer haben hier Wohnhäuser gebaut. Konstantin Grcic wohnt im sechsten Stock eines Gebäudes, das der Finne Alvar Aalto geplant hat. Die Wohnungen sind für die Bedürfnisse einer Kleinfamilie konzipiert. Es gibt eine Küche, einen Wohnraum mit großem Fenster, Balkon und einer Wandnische für ein Bücherregal, zwei kleine Zimmer und ein Bad. Im großzügig angelegten Treppenhaus ist ein Müllschlucker eingebaut und vor den Fenstern gibt es Sitzbänke für einen Plausch mit den Nachbarn. Die Wohnung hat ihm seine Freundin vermittelt, sie doziert über Jura an der Humboldt-Universität und wohnt ein paar Stockwerke tiefer im selben Haus.

Grcic ist mit einer Auswahl an Möbeln, Kunst und einem seiner japanischen Fahrräder eingezogen. Als wir ihn besuchen, sieht es nicht besonders eingerichtet aus. Bilder stehen sorgsam gerahmt auf dem Boden, ein Vintage-Kinderstuhl von Arne Jacobsen ist auf einem knallgelben Container platziert. Alles hier hat eine charmante Zufälligkeit, die signalisiert: Ich kann jederzeit aufbrechen oder zumindest alles umräumen. Erstaunlich, wie wenig ein Möbeldesigner zum Wohnen braucht. Konstantin Grcic scheint nicht der Typ zu sein, der es sich gern auf einem Sofa gemütlich macht. „Ich unterscheide nicht besonders zwischen Wohnen und Arbeiten“, erklärt er und bringt Tee und Brezeln aus der Küche. Das Vormittagsritual hat er aus München mitgebracht. Sammelt er Design? „Nein. Ich habe eine Leidenschaft für Dinge, aber nicht dafür, Dinge zu besitzen.“

Er nimmt Platz am zentralen Möbelstück seiner Wohnung, einem großen Schreibtisch. Es ist ein Ur-Prototyp seines „Bishop“ für SCP Ltd. Hier ist alles, was der Designer braucht: ein Mac-Book Pro, Papier, ordentlich parallel liegende Stifte, ein paar Bücher; und ein weiter Blick in den Berliner Himmel bis zum Oscar-Niemeyer-Gebäude. Draußen umgeben ihn die Helden der Moderne, drinnen seine eigenen Stücke. 1991 hat er, frisch nach der Ausbildung in London, sein Studio in München gegründet. Seitdem ist einiges zusammengekommen. Der „Miura“-Barhocker, der an der Wand steht, ist das erste Projekt, das er mit der Südtiroler Firma Plank realisiert hat. Ein Exemplar des für Magis gestalteten „Chair_One“ steht auf dem Balkon. Am Küchentisch sitzt man auf einem „360°“-Drehstuhl, ebenfalls für Magis entworfen. Im Nebenraum die „Diana“-Tischchen von Classicon und der Muji-Schreibtisch. Mitten im Zimmer steht der Hocker „Missing Object“, der 2004 in einer limitierten Edition für die Pariser Galerie Kreo entstand. Ein schlichter Eichenblock mit zwei handschmeichelnden Eingriffen. Mehr Reduktion geht nicht. Und mehr Ästhetik eigentlich auch nicht.

Von Schreibgerät über Haushaltswaren bis zu Leuchten und Teegeschirr hat Konstantin Grcic in den vergangenen 22 Jahren alles entworfen. Doch im Design von Stühlen manifestiert sich seine Arbeitsweise am deutlichsten. Sie sind nicht immer eingängig, aber immer eigenständig; nicht immer bequem, aber immer besonders. Fragt man Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, was seine Arbeit von der anderer unterscheidet, so heben sie meistens hervor, wie präzise er ist, wie viel Zeit er sich für jedes Projekt nimmt. „Konstantin Grcic lässt nie nach oder locker“, sagt Oliver Holy, Geschäftsführer von Classicon, „er hat ein unbestechliches Auge, arbeitet mit großer Sorgfalt und Disziplin.“ Elmar Flötotto, für dessen Möbelfirma Grcic jüngst den Schulstuhl „Pro“ entworfen hat, sagt: „Am Anfang steht bei ihm eine sehr gründliche Recherche. Dann erst der Designprozess. Er hat eine Leidenschaft für eine einfache, klare, in sich schlüssige Formensprache. So entstehen innovative Produkte mit neuem Gebrauchsnutzen.“

Fragt man den Designer selbst, wie er an neue Projekte herangeht, sagt er: „Bei einem Stuhl ist die entscheidende Frage: Wie benutzt man ihn?“ Dabei geht es um mehr als nur um Komfort oder Ästhetik. Ein Stuhl steht auch in einer Beziehung zu dem, der darauf sitzt. Der Stuhl kleidet den Menschen, und der Mensch entwickelt eine Beziehung zum Möbel. „Ich behaupte, dass alle meine Stühle komfortabel sind, auch wenn sie erst einmal unmöglich erscheinen. Es kommt immer auf den Zusammenhang an, in dem man sie benutzt.“ „360°“ zum Beispiel bietet dem Gesäß eine weniger als bordsteinkantenschmale Sitzfläche. Aber das ist in manchen Situationen, dort, wo Menschen sich viel bewegen und nur gelegentlich kurz sitzen, optimal. Als Grcic „Miura“ entwickelte, sein erstes Projekt mit Plank, beobachtete er intensiv, wie Menschen Barhocker benutzen; und stellte fest, dass sie sich die meiste Zeit halb anlehnen, halb draufsetzen. Die abgeknickten Sitzflächen von „Miura“ machen genau diese Haltung bequem.

Wenn ein Objekt gut durchdacht ist, setzt es sich ganz von selbst durch – und wächst manchmal über sich hinaus. So wie „Chair_One“, eine auf ein Gitter aus Dreiecken reduzierte Aluminiumsitzschale, die Konstantin Grcic für Magis entworfen hat. 2004 kam das radikale Sitzmöbel auf den Markt, seither sieht man es rund um den Globus in Cafés, Restaurants und Wohnungen. „Dabei war nie vorgesehen, dass Leute ein Abendessen lang darauf sitzen“, sagt sein Schöpfer. Geplant war der Stuhl als Outdoor-Möbel. Stühle sind im Freien ganz anderen Umweltbedingungen ausgesetzt als drinnen. Auf den Sitzflächen sammeln sich Regenwasser und Schmutz, sie werden im Winter schnell zu kalt, im Sommer zu heiß. Daraus folgte die Entscheidung, die Sitzschale als Gitter zu gestalten. In Anbetracht der Form bietet der Stuhl ziemlich viel Komfort, er ist sogar viel bequemer, als er aussieht. Bei Magis zählt er zu den Bestsellern, sein Erfolg geht noch darüber hinaus: Mit seinem Tarnkappenbomber-Look prägte „Chair_One“ die Formensprache der 2000er Jahre, man sieht sein kantiges Design inzwi- schen überall, von Obstschalen bis zu Architektur. Wir fragten Jasper Morrison, bei dem Grcic am Londoner Royal College of Art studiert hat, was seinen Schüler und ehemaligen Mitarbeiter so besonders mache. Der erklärt: „Konstantin ist mutig, wenn es darum geht, neue Projekte anzugehen. Er war ein sehr zielstrebiger Student und wusste schon damals ziemlich genau, was er wollte. Meiner Meinung nach ist er heute der experimentellste Designer, der mit der Industrie zusammenarbeitet – ich sehe ihn in der Tradition von Richard Sapper, Enzo Mari, Mario Bellini oder Achille Castiglioni. Er schafft es, alle vorgefassten Erwartungen an das Ergebnis über Bord zu werfen und jedes Mal bei null anzufangen. Das ist wirklich sehr selten!“

Für Konstantin Grcic haben sich einige Dinge verändert, seit er Anfang der 90er in München begann. „Die Projekte, mit denen ich mich beschäftige, sind immer komplexer geworden“, erklärt er. Bei den Designaufgaben, die er heute löst, geht es immer öfter um hohe Investitionen und aufwendige Technologien. Kunststoffstühle wie „Myto“ oder „Pro“ erfordern jahrelange Entwicklungszeit. Doch was Grcic an seinem Beruf immer noch am meisten liebt, ist das „Machen“ eines Möbelstücks. „Manchmal vermisse ich die Naivität, mit der ich zu Beginn meiner Laufbahn Möbel entworfen habe“, setzt er nachdenklich hinzu. Vielleicht deswegen durfte auch das „Es Shelf“ mit nach Berlin umziehen, das Grcic 1999 für Nils Holger Moormann entworfen hat. Es ist ein simples Regal aus Sperrholzplatten und Stäben. Es hat stets eine gewisse Schräglage, wackelt humorvoll und ist die Negation von Technologie schlechthin. „Aber ich finde, es ist gut gealtert“, sagt Grcic.