Geht doch!
Der Tagesspiegel Sonntag | 10. Oktober 2010

Briten hassen die Architektur von heute wie der Vampir den Knoblauch – allen voran Prinz Charles. Jetzt will der Schriftsteller Alain de Botton seinen Landsleuten beibringen, die Moderne lieben lernen. Mit Ferienhäusern. 

Von der Straßenseite aus betrachtet ist „Balancing Barn“ nicht viel mehr als ein bescheidenes Ferienhäuschen in der saftig-grünen Hügellandschaft von Suffolk. Extravagant mutet auf den ersten Blick nur die Metallfassade an, in der sich der anreisende Besucher spiegelt. Biegt man um die Ecke, sieht die „Balancierende Scheune“ allerdings gar nicht mehr so bescheiden aus: Auf dem abschüssigen Gelände hängt das 30 Meter lange Haus zur Hälfte in der Luft. Als hätte ein gelangweilter Riese einen Störenfried in diese idyllische Spielzeuglandschaft bringen wollen, indem er die Scheune so weit über den Abhang schiebt, dass sie fast herunterkippt.

Der Riese heißt Winy Maas, er ist einer der Gründer des niederländischen Architekturbüros MVRDV, das mit spektakulären Bauten wie dem niederländischen Pavillon auf der Expo in Hannover bekannt geworden ist. Sein Auftrag: auf dem Grundstück im Naturschutzgebiet ein Ferienhaus zu bauen. Tatsächlich findet Maas aber kaum etwas langweiliger als Idylle. „Wenn Sie sich die Kataloge von Ferienhausvermietern ansehen, gewinnen Sie den Eindruck, Glück sei ein Klischee von niedlichen Häusern unter blauem Himmel“, erklärt der Architekt. „Das reicht mir nicht. Ich will mehr Spannung!“ Der poetischen Wirklichkeit eines Baugrundstücks am See näherte sich MVRDV mit gewohnt spielerischer Eleganz. Die verspiegelte Fassade lässt das halb schwebende Haus wie eine Illusion erscheinen, die die Sonne zu jeder Tageszeit in andere Farben hüllt. Die an der Auskragung angebrachte Schaukel vervollständigt das Traumbild, das Winy Maas an den Surrealisten Magritte erinnert: Ceci n’est pas une maison.

Drinnen fühlt sich Balancing Barn nicht weniger extravagant an. Der schwebende Teil des Stahlgerüstbaus, in dem der Wohnbereich untergebracht ist, gerät in leichte Schwingungen, wenn sich Menschen im Raum bewegen. Der holländische Designer Jurgen Bey, der das Haus eingerichtet hat, wählte weiche Sitzgelegenheiten und Sitzsäcke, weil sich die Bewegung in weichen Polstern noch besser wahrnehmen lässt. Fenster erlauben Ausblicke zu allen Seiten – selbst nach unten durch den Boden und durch das Dach –, so dass die Grenzen zwischen außen und innen verschwimmen.

Die radikale Modernität, auch in der Möblierung, man muss sie mögen. So wie Alain de Botton. Für den Schweizer Schriftsteller und Philosophen, der seit Jahren in London lebt, ist Balancing Barn „ein entspannter, harmonischer, schöner Ort. Wer hier Zeit verbringt, entwickelt eine Sensibilität dafür, wie Architektur funktioniert. Jeder Winkel, jedes Material, jede Entscheidung, die ein Architekt trifft, hat eine Auswirkung“. Deswegen hat er „Living Architecture“ initiiert: „Die Initiative will Menschen die Möglichkeit bieten, in Häusern hervorragender zeitgenössischer Architekten zu wohnen, um genau dies nachvollziehen zu können.“

Das war etwas, was der gebürtige Schweizer in Großbritannien oft vermisst hat: zeitgenössische Architektur. Nachdem er mit seinem Buch „Glück und Architektur“ die Wirkung von Räumen auf unsere Befindlichkeit untersucht hatte, entwickelte Alain de Botton das Bedürfnis, den Worten Taten folgen zu lassen. Für historische Gebäude gibt es in Großbritannien den „Landmark Trust“, der schützenswerte Wohnhäuser vor dem Verfall rettet, indem er sie instand setzt und dann als Urlaubsdomizile vermietet. Alain de Botton schwebte etwas Ähnliches für zeitgenössische Architektur vor.

Er gewann eine Handvoll Mitstreiter für sein Projekt, fand Sponsoren, die die Baukosten tragen, aber anonym bleiben wollen, und Grundstücke in beliebten britischen Tourismusregionen. Nun, knapp vier Jahre später, sind die ersten Gebäude fertiggestellt. Neben Balancing Barn in Suffolk lassen sich bereits zwei andere Häuser mieten: „The Shingle House“ in Dungeness, Kent, ist eine luxuriöse Weiterentwicklung der traditionell geteerten holzverkleideten Fischerhütten der kargen Region und wurde von dem jungen irischen Büro NORD Architecture entworfen. „The Dune House“ ist eine Strandvilla an der Küste von Suffolk. Die norwegischen Architekten Jarmund & Vigsnæs setzten eine Schlafzimmer-Etage mit holzverkleidetem Giebeldach auf ein voll verglastes Erdgeschoss, um Durchblicke von der Straße zum Strand zu ermöglichen.

Zwei weitere Häuser sind im Bau: ein feuersteinverkleidetes Gebäude vom britischen Architektenpaar Patti und Michael Hopkins entsteht in Norfolk, der Schweizer Peter Zumthor hat „The Secular Retreat“ entworfen, das derzeit in Devon errichtet wird. Für die Zukunft ist geplant, jedes Jahr ein neues Haus fertigzustellen. Die Non-Profit-Organisation ist Eigentümer der Häuser, erwirtschaftet aber keinen Gewinn, sondern hofft, durch die Vermietung der Objekte die laufenden Kosten zu decken. Die Miete für die edel ausgestatteten Gebäude ist nicht billig: zwischen 1200 und 2900 Pfund die Woche. Allerdings kann man sie durch viele Leute teilen. Zur Balancing Barn gehören vier Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad.

Mit seinem Unternehmen möchte Alain de Botton nicht nur Urlauber glücklich machen, sondern auch die Diskussion um zeitgenössische Architektur in eine positive Richtung lenken – und Menschen mit den bewohnbaren Showrooms auf den modernen Geschmack bringen. Die meisten Briten leben in Häusern, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden – und sind Neubauten gegenüber grundsätzlich skeptisch. „Der britische Wohnungsbau ist vermutlich der am wenigsten experimentierfreudige in Europa“, erklärt Living-Architecture-Direktor Mark Robinson. „Viele verbinden zeitgenössische Architektur mit den brutalistischen Apartmentblocks der 60er und 70er Jahre. Die waren billig gebaut und sahen schon nach kurzer Zeit heruntergekommen aus.“

Zugegeben: Nicht nur Sozialbauten, auch Le Corbusiers Vorzeigeobjekt „Villa Savoye“ hatte mit einem undichten Flachdach zu kämpfen; doch machen die Architekten schon längst nicht mehr die Fehler der Corbusier-Generation. Aber im britischen Häuserkampf wird weniger über Qualität gestritten als über Ideale. Die Feinde zeitgenössischer Architektur sind die Traditionalisten, von denen es auf der Insel nicht wenige gibt – allen voran Prince Charles, der sich auf nicht immer demokratische Weise in die Debatte einschaltet. Mal nennt der Prince of Wales ein metallverkleidetes Universitäts-Auditorium, in dem er eine Rede halten soll, einen „Mülleimer“. Mal versucht er, Weltklasse-Architekten wie Richard Rogers oder Jean Nouvel aus Bauprojekten zu vertreiben, indem er den Entwicklern oder Bauherren schriftlich mitteilt, wie unpassend er deren Entwürfe findet. Zuletzt hat er damit ein großes Projekt von Rogers erfolgreich torpediert.

Die Diskussion wird auf der Insel hitzig geführt. Als 2006 das Victoria & Albert Museum eine Ausstellung über die Architektur der Moderne eröffnete, zeichnete der Karikaturist des „Architect’s Journal“ die Moderne als Frankensteins Monster, das von den Toten aufersteht. Der traditionell arbeitende britische Architekt Robert Adam schrieb im „Observer“: „Modernismus basiert auf der beängstigend arroganten Vorstellung, dass eine elitäre Gruppe von Leuten die Gesellschaft verbessern könne, ohne in Betracht zu ziehen, was die Öffentlichkeit will.“

Einen der Gründe, warum die Debatte so hitzig geführt wird, sieht Alain de Botton im Mangel an guten Beispielen. „Oft versteht die eine Seite die andere nicht, weil gar nicht alle Arten von Architektur verfügbar sind. Moderne Architektur manifestiert sich in Großbritannien vor allem in der Öffentlichkeit: Flughäfen, Museen, Opernhäuser. Dabei ist es ein fundamentaler Unterschied, ob man Architektur nur durchläuft oder ob man in einem Raum schläft.“

Ob eine Nacht im Balancing Barn Prince Charles umstimmen würde, darf bezweifelt werden. Den Unmut der Anwohner bekam der Unternehmensgründer bereits am Strand von Suffolk zu spüren. „Einmal kam einer der Dorfbewohner auf mich zu und fragte: Sind Sie sich eigentlich darüber im Klaren, dass Sie hier alle hassen?“, erzählt Alain de Botton. Aber im Grunde freut es ihn, zu sehen, wie Menschen am Strand stehen bleiben, auf das Dune House zeigen und zu diskutieren beginnen. Wenn sich mehr Menschen mit zeitgenössischen Häusern beschäftigen, hat Living Architecture schon einen Teil seines Klassenziels erreicht. Auch wenn das Dune House im Dorf nur „Stealth Bomber“ genannt wird: „Tarnkappenbomber“.

www.living-architecture.co.uk