Architekt Hans Kollhoff erklärt, warum wir unsere Lebens- gewohnheiten ändern sollten, statt Altbauten mit Dämmschichten zu verschandeln, warum er Zertifikate für Volksverdummung hält und warum Berlin von oben wie eine Müllkippe ausieht. 

A&W: Herr Kollhoff, was nervt Sie an der Nachhaltigkeitsdebatte?

HANS KOLLHOFF: Dass sie mittlerweile zur Marketingstrategie degeneriert ist. Nachhaltiges Bauen ist kein Thema, das man plakativ abhandeln kann. Je eingehender man sich damit beschäftigt, desto komplizierter wird es. Heute muss alles irgendwie grün sein. Alles hat ein grünes Label, das einem suggeriert, damit würde das Richtige getan werden.

A&W: Bauen ist die ressourcen- und materialintensivste Tätigkeit des Menschen – und für 50 Prozent der Treibhausgase, 50 Prozent des Energieverbrauchs und in Industrieländern auch für über 50 Prozent des Müllaufkommens verantwortlich. Steht man da als Architekt nicht in der Verantwortung, sich um Nachhaltigkeit zu bemühen?

Hans Kollhoff: Sicher. Das ist aber nicht neu. Das können Sie schon bei Vitruv nachlesen. Dort steht: Architekten sollen kein Material verschwenden. Sie sollen sich an dem Ort, wo gebaut wird, nach den Baumaterialien umsehen. Häuser sollen sie so bauen, dass sie nicht zu schnell auskühlen, der Herd muss an der richtigen Stelle stehen und so fort. All das, was im Moment dahergebetet wird, als hätten wir es erst heute entdeckt, gehört zu den Grundbedingungen von Architektur. Architektur war immer schon nachhaltig.

A&W: Nun hat sich die Welt seit Vitruv ziemlich verändert, wir müssen uns mit dem Klimawandel und der Endlichkeit der Ressourcen auseinandersetzen.

Hans Kollhoff: Wirklich neu ist die globale Bedrohung durch den CO2-Ausstoß. Das zwingt uns zum Bau besser gedämmter Häuser und zur energetischen Ertüchtigung der Altbausubstanz. Nur, wenn Sie einen schönen Altbau geistlos mit Styropor einpacken, dann ist er ruiniert!

A&W: Was würden Sie denn vorschlagen?

Hans Kollhoff: Es gibt immer Wege, eine bessere Energieeffizienz zu erzielen, ohne das Haus kaputt zu machen. Ich kann die Fenster austauschen. Ich kann Dach, Keller und Hofdurchfahrten besser dämmen. Oft haben wir es aber mit fein profilierten Fenstern zu tun, mit Stuckgesimsen und skulpturalem Schmuck in Holz und Stein. Um diese Qualitäten nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, muss man bereit sein, mehr Geld auszugeben. Ein schönes, handwerklich präzise gefertigtes Sprossenfenster kostet halt leicht das Doppelte oder Dreifache eines grobschlächtigen Industrieprodukts.

A&W: Spätestens wenn die Energiekosten so angestiegen sind, dass die Bewohner von Altbauten ihre Heizkosten nicht mehr tragen können, wird es notwendig sein, günstige Lösungen für Dämmung zu finden.

Hans Kollhoff: Fangen wir doch erst einmal bei unserer Lebensweise an. Ich habe einige Jahre in Amerika verbracht. Da gab es in der Regel eine Zentralheizung mit einem Ther- mostat. Nachts wurde die Heizung hochgejubelt, bis es gezischt hat, dann gab es einen Knall, die Heizung ging aus und wurde dann wieder langsam hochgefahren. Ich vermute, in Amerika ist das immer noch so. Das ist für Europäer gewöhnungsbedürftig, da sind wir schon sensibilisiert – aber wir könnten noch viel mehr tun. Man muss es vielleicht nicht gleich so drastisch formulieren wie unser ehemaliger Finanzsenator: „Dann zieht im Winter halt noch einen Pullover mehr über.“ Aber in diese Richtung geht’s! Wir leben in überheizten Räumen. Wir heizen dort, wo man nicht unbedingt heizen muss. In französischen Landhäusern zieht man sich im Winter zurück in einen zentralen Raum, der geheizt wird und der von den umliegenden Räumen eingepackt ist. Wir sind nicht in der Lage, die Fenster so zu öffnen, das wir einerseits frische Luft haben und andererseits nicht zu viel Wärme entweicht. Was hilft uns ein Gebäude mit computergesteuerter Belüftung und einem Öko-Stempel drauf, wenn die Leute nicht in der Lage sind, die Maschinerie zu bedienen? Mit konventionellen Fenstern und Klappläden konnte jeder umgehen, je nach Witterung, Tages- und Jahreszeit. Wir tun doch heute so, als könnte man mit dem Touchscreen die Natur loswerden.

A&W: Sie meinen, Umdenken sei wichtiger als gedämmte Wände?

Hans Kollhoff: Natürlich!

A&W: Aber brauchen wir nicht Regeln, Gesetze, Zertifikate, um das Bewusstsein dafür zu schaffen?

Hans Kollhoff: Das mag sein. Aber man verkauft die Leute für dumm, wenn man ihnen sagt: Nagelt Sonnenkollektoren aufs Dach, dann können eure Häuser Energie gewinnen und ins Netz einspeisen. Wo leben wir denn? Sonnenkollektoren rechnen sich in Deutschland doch nur, weil sie hoch subventioniert sind. Bei unserem Wetter ist die Ausbeute nicht wirklich so, dass sich die Energiegewinnung lohnt, mit Ausnahme vom Kaiserstuhl vielleicht. Aber den sollte man jetzt bitte nicht mit Solarpaneelen einpacken.

A&W: Was halten Sie von der EU-Richtlinie, die ab 2019 vorschreibt, dass Wohnneubauten ihre eigene Energie produzieren sollen?

Hans Kollhoff: Vollkommener Blödsinn! Für mich stellt sich spätestens da die Frage, in welcher Umgebung ich wohnen will. Ich schätze den Komfort moderner Technik, aber ich will sie von meiner Wohnung aus nicht sehen. Seit man kein Geld mehr auszugeben bereit ist für ordentliche Dächer und auf dem Flachdach alles abstellt, was die Mietfläche schmälern könnte, sieht eine Stadt wie Berlin, wenn jetzt auch noch Solaranlagen dazukommen, wie eine Müllkippe aus. Ich will Sonnenkollektoren nicht sehen! Auch nicht die des Nachbarn. Es gibt heute schon ganze Regionen, die ruiniert sind von Sonnenkollektoren auf den Dächern.

A&W: Was muss der Gesetzgeber tun, um in Zukunft eine Architektur zu fördern, die ästhetisch ansprechend ist und auch Energie spart?

Hans Kollhoff: Es muss nachvollziehbar gemacht werden, was da stattfindet mit den konkurrierenden Labels für nachhaltige Gebäude. Das ist ja selbst für die Architekten, die sich damit beschäftigen, kaum durchschaubar. Durch die Intransparenz sind dem unseriösen Ringen um Wettbewerbsvorteile Tür und Tor geöffnet. Den Leuten wird suggeriert, ein „Green-Building“-Stempel ließe sie ruhig schlafen. Es ist letztlich Sache des Gesetzgebers, hier Klarheit zu schaffen; das kann man nicht den Geschäftemachern überlassen.

A&W: Wer macht denn das Geschäft?

Hans Kollhoff: Wenn eine Industrie sich in den letzten zehn, 15 Jahren eine goldene Nase verdient hat, dann ist es die Dämmstoffindustrie. Das einfachste Rezept zum Energiesparen ist Styropor. Und das wurde kontinuierlich dicker. Als ich angefangen habe zu bauen, in den späten 70er-Jahren, waren es fünf Zentimeter, heute sind es 30. Man sollte Klebstoffe auf dem Bau verbieten. Dazu Silikon, Acryl und PVC, das ganze chemische Teufelszeug, das nach kürzester Zeit schrecklich aussieht und von dem man schon beim Nähertreten Juckreiz verspürt. Dahinter stehen machtvolle Lob- bys einer prosperierenden Industrie.

A&W: Ist es nicht trotzdem ökologisch sinnvoll, den Lebenszyklus von Gebäuden und Baumaterialien zu bewerten?

Hans Kollhoff: Über den Lebenszyklus sollte man bei Lagerhallen und provisorischen Gebäuden reden. Es gibt ganze Bücher über Lebenszyklus-Optimierung, mathematische Kompendien, so dick wie die Bibel. Der Grundfehler ist doch, dass man davon ausgeht, dass ein Haus 30 bis 40, lassen Sie es 50 Jahre sein, hält. Das deckt sich in der Regel mit dem Abschreibungszeitraum. Dann fängt der Zyklus von Neuem an. Das ist fatal. Das Haus, in dessen Hof wir hier sitzen, ist fast 200 Jahre alt. Ein Haus mit einer Lebenserwartung von 50 Jahren müsste in dieser Zeit also viermal gebaut werden. Diesen Energieaufwand können Sie doch niemals wettmachen durch eine neue Bauweise, neue Materialien, neue Technik und was nicht alles. Das ist aber nur die technologische Seite. Der für mich viel wichtigere Aspekt ist die Stadt und was Stadt bedeutet. Stadt ist ja nicht kontinuierlich neu bauen, nach 30 Jahren abreissen und wieder neu bauen. Stadt ist kollektive Erinnerung! Und die macht sich am Gebauten fest. Das hat mit Langlebigkeit zu tun, mit Überlieferung, mit Weiterreichen von Generation zu Generation. Wenn Sie alle 30 Jahre die Bausubstanz austauschen, dann ist Geschichte nicht mehr physisch erfahrbar! Das knabbert doch heute schon an unseren Städten und an Berlin ganz besonders! Wir ziehen durch architektonische Kurzsichtigkeit und unsere mangelnde Bereitschaft, für eine nachhaltige Stadtentwicklung das nötige Geld auszugeben, die Peripherie in die Städte hinein.

A&W: Was kann man dagegen tun?

Hans Kollhoff: Man muss eine Wertschätzung wecken für die Schönheit unserer Dörfer und Städte, also für das, was die meisten Menschen ganz unbewusst schön finden, wenn sie nicht unserem allgegenwärtigen Konsumzwang unterliegen.

A&W: Sie sagen, die Zertifizierung bringt nichts. Aber muss man nicht irgendwo anfangen, Kriterien festzulegen?

Hans Kollhoff: Ja, aber die Kriterienkataloge sind leider viel zu kompliziert und müssen auf griffigere Formeln gebracht werden. Und vor allen Dingen muss das, was diese Zertifikate vorgaukeln, auch überprüft werden – und zwar in Langzeituntersuchungen. Es muss nach fünf, nach zehn und 20 Jahren beurteilt werden, wie sich dieses Haus tatsächlich bewährt. Wenn die Haltbarkeit des Hauses in die Wertung eingeht, dann sieht die Lebenszyklus-Berechnung ganz anders aus.

A&W: Legen die Mieter denn auf grüne Zertifikate so großen Wert?

Hans Kollhoff: Natürlich, die befürchten, dass die „zweite Miete“ mal die erste übertreffen könnte. Dann ist das natürlich ein Vermarktungsargument. Sie sehen ja, was gerade passiert: Die Leute ziehen reihenweise aus den Glaspalästen aus, die vor fünf Jahren als letzter ökologischer Schrei angepriesen wurden, weil sie es in der Klimakammer nicht aushalten und lieber ein Fenster aufmachen möchten und weil sie ungeheure Summen für Heizung, Lüftung und Kühlung ausgeben. Dazu gibt es keine Untersuchungen. Oder sie werden nicht veröffentlicht. Lassen Sie uns in fünf Jahren prüfen, wie die Öko-Häuser in der Hamburger Hafencity dastehen im Vergleich zu einem konventionellen städtischen Haus.

 

Hans Kollhoff

Geboren 1946 in Lobenstein, studierte Hans Kollhoff Architektur in Karlsruhe bei Egon Eiermann und in New York bei Oswald Mathias Ungers. 1978 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Berlin, das er seit 1984 mit der Architektin Helga Timmermann partnerschaftlich führt. Bekannt wurde Hans Kollhoff mit seinen Wohnbauten am Luisenplatz in Berlin (1983–87), durch den Entwurf des Main Plaza in Frankfurt (2001–2002) und des Daimler-Chrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz (1998– 2000), das er in der Tradition der New Yorker Backstein-Hochhäuser gestaltete. Seit 1990 doziert Hans Kollhoff, der sich für klassische Baugestaltung und die Verwendung traditioneller Materialien einsetzt, als Professor an der ETH Zürich.