Wo wird der beste Gin der Welt gemacht? Nicht in England, nicht in Indien, sondern mitten in Süddeutschland. In der Stählemühle, einer kleinen, feinen Obstbrennerei zwischen Schwarzwald und Bodensee. Ein Werkstattbesuch. 

Ursprünglich, so will es die Legende, war es ein Brite, der den Gin ins Ländle brachte: Montgomery „Monty“ Collins, in Madras geboren, Weltenbummler und Uhrenliebhaber, betrieb hier in der Nachkriegszeit das Gasthaus „Zum wilden Affen“, und bereicherte die Speisekarte mit einem hausgemachten Gin. Einen Teil der Gewürze liess er aus Indien schicken, Wacholder, Schlehen, Holunder, Fichtennadelsprossen und vieles mehr fand er direkt vor der Haustür. 47 Botanicals gehören in den Schwarzwald Dry Gin, Monty's Geheimwaffe: frische Preisselbeeren, die ihm eine fruchtige Note verleihen.

Die Spur des Briten verliert sich in den Sechzigern, aber die Rezeptur für den Gin taucht im neuen Jahrtausend wieder auf und fällt Alexander Stein in die Hände. Der Spross einer süddeutschen Spirituosenfamilie (seinen Eltern gehörte die Weinbrennerei Jacobi) arbeitete als Manager bei Nokia in den USA, war aber recht unzufrieden. „Ich wollte etwas Authentisches tun“, erzählt er „und ging zurück nach Deutschland mit dem Traum, einen Gin herzustellen, der schmeckt wie Monty Collins' Leben – nach Bollenhut, Turban und Melone.“

Mit dem Rezept im Gepäck macht er sich auf die Suche nach einem guten Obstbrenner. Er findet einen der besten: Christoph Keller. Der ehemalige Kunstbuchverleger hatte 2005 die Stählemühle mit seiner Familie gekauft, um sein Leben zu entschleunigen. Als er erfährt, das die Brennlizenz, die zur Mühle gehört, verfällt, wenn sie längere Zeit nicht genutzt wird, beschliesst er, Hobby-Brenner zu werden. Er liest Bücher zum Thema, besucht Destillen, experimentiert – und gewinnt schon bald die ersten Medaillen mit seinen Obstbränden. 2011 haben Destillata und Gault Millau die Stählemühle in den „Kreis der auserwählten Destillerien“ aufgenommen, er darf sich nun zu den besten Obstbrennern der Welt zählen.

Einen Gin zu destillieren, war für Keller eine schöne Herausforderung: „Ein guter Obstbrand zeichnet sich durch Typizität aus. Man soll den ganzen Lebenskreislauf der Frucht herausschmecken, von der Blüte bis zur Vanitas“, erklärt er, „ein guter Gin aber soll komplex sein, ohne seinen typischen Charakter von Wacholder und Zitrus zu verlieren.“ Knapp zwei Jahre entwickeln Alexander Stein und Christoph Keller „Monkey 47“ auf der Basis von Monty Collins Rezept. Sie verwenden das weiche Schwarzwälder Quellwasser, destillieren besonders schonend und verzichten auf Kältebehandlung und Filtrierung, damit sich die ätherischen Öle voll entfalten können. Das Ergebnis ist ein sehr besonderer Gin. Im Glas entfaltet er eine Nase von Lavendel und Zitrusaromen, der Geschmack ist pfeffrig, man schmeckt den Wacholder, die Grapefruitschalen, die frischen Preisselbeeren. England, Indien, Schwarzwald. Fast zu schade, ihn mit Tonic zu strecken. „Eine Kolumnistin aus Singapur schrieb über Monkey 47: Ich wünschte, sie würden Parfum daraus machen!“ erzählt Alexander Stein. Die deutschen Gastronomen, die Stein und Keller zur Degustation geladen hatten, waren weniger begeistert. „Zu komplex“, befanden etwa die Hälfte der Barchefs, „davon trinken die Gäste ja maximal einen.“ Die Macher aber dachten nicht daran, ihr Produkt flacher auszubauen. Der Erfolg gab ihnen recht: Im Frühjahr wurde der Schwarzwald Dry Gin mit der Goldmedaille des World-Spirits Award ausgezeichnet. Aus den besseren Bars zwischen Hamburg und München – und aus der First Class Lounge der Lufthansa – ist der Affe nicht mehr wegzudenken. Alexander Stein und Christoph Keller setzen jetzt noch einen drauf. Im Oktober kommt ihr Distiller's Cut auf den Markt. In einer limitierten Edition von 1.000 Flaschen und mit einer besonders individuellen Geschmacksnote.