Man braucht keine Tischlerlehre und kein besonderes Talent: Einen Stuhl basteln kann jeder – und glücklich machen soll es auch. Die Designer Le Van Bo, Jerszy Seymour und Enzo Mari helfen dabei mit Bauplänen. Der Sessel ist bequem, ordentlich verarbeitet, recht schick und kostet im besten Fall schlappe 24 Euro. Nur kaufen kann man ihn nicht. Wer hier sitzen will, muss selber bauen. Dazu braucht man nicht mehr als ein Brett, etwas Werkzeug und einen Bauplan, den der Berliner Architekt, Optimist und ehemalige Hartz-IV-Empfänger Le Van Bo gebührenfrei per E-Mail schickt.

Warum er das macht? Weil er der Gesellschaft etwas zurückgeben will. Weil er der Meinung ist, dass auch arme Leute schöne Möbel verdient haben. Und weil er weiß, dass das Selbstwertgefühl Luftsprünge macht, wenn man etwas mit den eigenen Händen geschaffen hat. Zwei Dinge, die Le Van Bo, der als Kind mit seinen Eltern aus Laos nach Berlin kam, an Deutschland besonders liebt, sind der Bauhaus-Stil und die Volkshochschule. „Beides ist aus der Idee heraus entstanden, die Lebensqualität der Leute zu verbessern“, erklärt er. „Das eine mit dem Ziel, gutes Design einer breiten Masse zugänglich zu machen. Das andere mit dem Ziel, das Bildungsniveau der Bevölkerung zu erhöhen.“

Heute sind Bauhaus-Möbel Designklassiker, die sich vor allem eine gut betuchte Klientel leisten kann, und an der Volkshochschule trifft man pensionierte Studienräte. Doch Le Van Bo hat sich vorgenommen, beide Ursprungsideen wiederzubeleben – und zu verbinden. Nachdem er selbst einen VHS-Kurs „Schreinerei für Anfänger“ absolviert hatte, begann der 33-Jährige, Möbel zum Selberbauen zu entwerfen. Er kaufte eine Kiefern-Leimholzplatte für 24 Euro und entwickelte einen Bauplan für einen Sessel, der aus dem Brett (das man sich im Baumarkt kostenlos auf Maß zuschneiden lassen kann), Holzdübeln, Polsterbändern und Schaumstoffkissen besteht. Schnell wurde ein Claim gefunden („konstruieren statt konsumieren“), eine Homepage gebastelt (hartzivmoebel.blogspot.com), Postkarten gedruckt und ein Messestand auf dem DMY-Designfestival gebucht. Für Leute, die ihre handwerklichen Fähigkeiten unterschätzen, gibt es einen Kurs an der Berliner VHS City West, in dem der Sessel unter Anleitung eines Schreiners gebaut wird.

Über 400 Mal hat der Architekt seinen Bauplan bereits verschickt. Nicht nur an VHS-Schüler, sondern an „Menschen mit mehr Geschmack als Geld“ aus Deutschland, England, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, den USA.

Neu ist die Idee nicht. Der holländische Architekt Gerrit Rietveld entwarf schon 1938 den „Crate Chair“ aus Holzlatten, der als Bausatz vertrieben wurde. Doch in Krisenzeiten wie diesen wird auch die gesellschaftliche Rolle von Gestaltung wieder öfter diskutiert. Ist Design vom demokratischen Bauhaus-Ideal zu einem Marketinginstrument mutiert?

Brauchen wir ständig neue Dinge? Wie kann Gestaltung nachhaltiger werden? Die Branche entdeckt dabei einen fast vergessenen Idealismus wieder: gute Gestaltung als Open Source. Auf der Mailänder Möbelmesse, wo jedes Jahr die feinsten und teuersten Neu- heiten der Branche präsentiert werden, zeigte der finnische Hersteller Artek in diesem Jahr einen Selbstbau-Klassiker von Enzo Mari. Auf dem Boden des Messestands kniete der 78-jährige Mailänder Designer und hämmerte rohe Pinienholzlatten zu einem simplen Lehnstuhl zusammen – ein Entwurf von 1974. „Sedia 1“ sieht ein wenig aus wie eine Kinderzeichnung. Für Enzo Mari, der formalistisches Design strikt ablehnt, ist es die einzig richtige, auf das wesentliche reduzierte Form, die ein Stuhl haben sollte. Entwickelt hat er „Sedia 1“ vor 35 Jahren eher aus Gründen der Frustration als aus Idealismus. Mari, schon damals Denker und Provokateur, hatte 1968 ein schlichtes, zweckmäßiges Bettsofa entworfen, das sich als kommerzieller Flop erwies. In einer Branche, die stets neue formale Ergebnisse verlangt, wollte sich sein Ansatz nicht durchsetzen. „Keiner verstand meine Möbel“, sagt Mari in einer Video-Dokumentation, „Ich dachte: Wenn die Leute einen Stuhl selber zusammen- zimmern, dann erkennen sie, warum er gut und richtig ist.“ Seine „Autoprogettazione“-Kollektion umfasste Bauanleitungen für Betten, Schränke, Bücherregale und Sitzmöbel. Verschickt wurden sie kostenlos an jeden, der Enzo Mari einen frankierten Rückumschlag zusandte.

Die Reaktionen waren gemischt. „Kollegen warfen mir Faschismus vor, weil ich nur eine Form als die richtige anerkenne“, erzählt Mari. Er bekam tausende Briefe aus aller Welt. „Manche schrieben mir, ich sei ein Genie. Aber nicht alle verstanden, worum es mir geht. Es gab Leute, die schätzten Autoprogettazione, weil sie ein Chalet in den Bergen hatten und den ,rustikalen Stil’ mochten. Das ist doch purer Kitsch!“ Der Designer ist froh, dass Artek „Sedia 1“ nach 35 Jahren wiederaufgelegt hat. Mit dem zugeschnittenen Pinienholz-Bausatz, 50 Nägeln und einer Bauanleitung wird eine DVD geliefert, die seine Philosophie erklärt: „Design ist nur Design, wenn es Wissen vermittelt.“ Das Selbstbau-Set kostet 190 Euro.

Der kanadische Designer Jerszy Seymour will nicht zur besseren Form erziehen – sondern zum besseren Bewusstsein. Sein „Workshop Chair“ ist weder Bausatz noch Anleitung, sondern die Anregung, mit einem Topf heißen Industriewachses und ein paar Holzlatten die eigene Kreativität zu entdecken. „Die Freude an der Arbeit mit den eigenen Händen ist uns in der spätkapitalistischen Gesellschaft verloren gegangen“, sagt der in Berlin lebende Künstler. „Es ist doch absurd, dass es sich lohnt, einen Stuhl für ein paar Euro in China herstellen zu lassen und um die halbe Welt zu schicken, um ihn hier für Hunderte von Euro zu verkaufen. Wir wollen die Produktionsmittel wieder in die Hände der Leute geben!“

Hervorgegangen ist der „Workshop-Chair“ aus einer Reihe von Museumsprojekten. 2008 veranstaltete Jerszy Seymour ein Dinner-Event in Wien, bei dem Besucher mit Holz und heißem Wachs zunächst das Mobiliar und anschließend das Essen „kochen“ durften. „Statt einen Vortrag auf einer Konferenz zu halten, haben wir beim Essen darüber nachgedacht, welche Mechanismen hinter den Produktionsprozessen der Möbelindustrie stecken“, erklärt Seymour. Nach dem ,First Supper’ am MAK wurden die Wachsverbindungen wieder eingeschmolzen und für den „Salon des Amateurs“ im MARTA Herford (2009) und die „Coalition of Amateurs“ im MUDAM Luxemburg wiederaufbereitet. Mit „Amateur“ meint Seymour übri- gens keine Laien. Er setzt den Begriff im Sinne der lateinischen Wurzel des Wor- tes ein: Liebhaber. Seine Vision einer „Amateur Society“, die auf Freude an der Arbeit mit den Händen basiert, hat er auf einem großen Wanddiagramm zusam- mengefasst, die die Ausstellungsbesucher zur Diskussion anregen sollen.

In diesem Sommer wird der Workshop-Chair als Produkt lanciert werden. Zwei Wege führen dann zu der robusten Holz-Wachs-Konstruktion, die alle Qualitätsansprüche der europäischen Möbelindustrie erfüllt. Liebhaber können sich den Stuhl von Jerszy Seymour in seiner Berliner Werkstatt anfertigen lassen – für 460 Euro pro Stück – oder sich das „Amateur Wax Manual“ von seiner Website (www.jerszyseymour.com) downloaden und selber loslegen. Den Spezial-Wachs, der nicht in der Sonne schmilzt und auf dem Herd erhitzt werden muss, lässt man sich vom Hersteller schicken. Einen Liter des Hightech-Materials bekommt man geschenkt gegen Zahlung der Versandgebühr. „Natürlich können die Leute meinen Stuhl nachbauen“, sagt Seymour. „Interessanter finde ich es aber, wenn sie ihre eigenen Ideen realisieren. Mit Holz und Wachs ist alles möglich!“

steht da am Ende etwas, auf das ich stolz sein kann. Wenn ich das Ergebnis meiner Arbeit sehe, verschafft mir das innerlich eine gewisse Befriedigung. Außerdem kann ich gerade bei stupiden Arbeiten, wenn ich zum Beispiel Holz mit der Hand schleife, gut über Alltagsprobleme grübeln. Das hat fast schon eine meditative Wirkung.

Ich muss mich mal erkundigen, ob es in Berlin eigentlich Werkstätten gibt, in die sich Heimwerker einmieten können, um zum Beispiel ein Kinderbett abzuschleifen. Schließlich gibt es ja auch Werkstätten für Leute, die ein bisschen an ihrem eigenen Auto rumschrauben wollen. Wäre doch ungerecht, wenn es so etwas nicht auch für Leute wie mich gäbe.