Paris kann auch anders
Häuser 05 | 2012

Selbstsicher schwelgt die französische Metropole in ihrer Vergangenheit. Dabei hat die Stadt auch aufregend moderne Architektur zu bieten. Die Avantgarde liegt hier nur oft verborgen hinter historischen Fassaden. Eine Entdeckungsreise. 

 

Sie ist eine der schönsten städte der welt. Keine andere entspricht so sehr unserer Vorstellung von einer Metropole mit elegantem Charme. Allein der Geruch der Metro, der durch den Abrieb der bremsenden Gum- mireifen entsteht, löst Nostalgie aus. Spätestens wenn wir in einem Café mit Art-déco-Mosaik an einem der runden Marmortische am Boulevard sitzen, können wir gar nicht anders, als Paris zu lieben. Der einzige Vorwurf, den wir dieser Stadt machen könnten, wäre, dass sie ein Mythos ist – zu museal, um von heute zu sein.

Für zeitgenössische Architektur ist in der französischen Hauptstadt in der Tat wenig Platz. Wo auch immer man die Treppen der Metro emporsteigt, stehen Baudenkmäler – von mittelalterlichen Kirchen über Fassaden der Haussmann-Zeit bis zu Le Corbusiers Vorzeigeprojekten der Moderne. Architektur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es hier nicht leicht. Selbst François Mitterrand, der seine Regierungszeit (1981–1995) wie kein anderer Präsident dazu nutzte, das Gesicht der Stadt zu prägen, musste mit dem Triumphbogen „Grande Arche“ (Johan Otto von Spreckelsen) ins Hochhausviertel La Défense westlich von Paris und mit der Nationalbibliothek (Dominique Perrault) in das 13. Arrondissement ausweichen. Zu den jüngsten Großprojekten, die im Zentrum eröffnet wurden, zählt das Musée du Quai Branly von Jean Nouvel, und seit dessen Einweihung 2006 ist nun schon so viel Zeit vergangen, dass die Grünanlagen des Gartenkünstlers Gilles Clément schön verwildern.

Doch es gibt neues aus Paris – man muss nur gelegentlich ein paar Türen öffnen, um es zu entdecken. Die Avantgarde verbirgt sich hier gern hinter denkmalgeschützten Fassaden. Wer im Louvre zum Beispiel durch das obere Stockwerk des Denon-Flügels geht und auf dem Weg zur „Mona Lisa“ rechts einen Blick aus dem Fenster wirft, entdeckt sie: die schönste Innovation des Museums seit der Pyramide von I. M. Pei. Eine organisch geformte Dachkonstruktion aus Glas und Metallgewebe, die wie ein riesiges, vom Wind gebauschtes Tuch über dem Innenhof, der Cour Visconti, liegt. Im Sonnenlicht wirkt die Oberfläche „irisierend wie ein Libellenflügel“, so der Architekt Mario Bellini. In diesem Herbst wird darunter die neue Abteilung für islamische Kunst ein- geweiht, mit 2500 Exponaten aus 14 Jahrhunderten.

In der kaum weniger berühmten Opéra Garnier hat die Pariser Architektin Odile Decq ein exzentrisches Restaurant gebaut, ohne die denkmalgeschützten Kuppeln und Säulen anzutasten. Ihr Trick: ein kurvenreich geschwungenes Zwischengeschoss, das auf Säulen frei im Raum steht. „Es ist wie das Phantom der Oper“, erklärt die Architektin, „es gleitet lautlos durch die Räume, ohne etwas zu berühren.“ Tatsächlich wurde in diesem Haus der Mythos vom Phantom der Oper geboren, unter anderem wegen eines nie ganz aufgeklärten Unfalls: 1896 war das Gegengewicht eines prächtigen Kronleuchters zu Boden gestürzt und hatte eine Concierge erschlagen.

Auf der linken Seine-Seite versteckt sich hinter den Schaufenstern eines Ladenlokals an der Rue de Sèvres ebenfalls zeitgenössische Architektur. Hermès hat hier das Art-déco-Schwimmbad des Hotels „Lutetia“ in einen Flagship-Store umgebaut. Da der Denkmalschutz verlangte, dass die Räume jederzeit wieder als Bad genutzt werden können, deckte man das Becken mit einer Mosaikfläche ab. „Die wirkliche Herausforderung war, den eindrucksvollen Raum mit seinen umlaufenden Galerien als Verkaufsfläche zu gestalten“, sagt Architektin Julia Clapp vom Architekturbüro RDAI. Drei hüttenähnliche Pavillons aus gebogenen Eschenholzstäben waren die Lösung: Sie schaffen Räume im Raum und bieten Durchsicht auf die bestehende Architektur.

Ein nicht minder spektakulärer Umbau fand im ehemaligen Theater La Gaîté Lyrique am Rand des Marais-Viertels statt. Es wurde 1862 erbaut, stand jedoch in den vergangenen 20 Jahren leer, bis Architektin Manuelle Gautrand es zu neuem Leben erweckte – als Zentrum für digitale Künste. Die Bausubstanz war zu großen Teilen zerstört, weshalb der Kontrast von digitalen Themen und historischer Hülle nur in wenigen Räumen spürbar ist. Besonders gelungen ist das „Foyer Historique“ – darin schweben zwei LED-Kronleuchter wie Augen über einer Bar aus Lichtwürfeln, die in der Dämmerung einem gepixelten Lächeln ähnelt.

Neue bauprojekte hatten es in der Vergangenheit auch deshalb schwer in Paris, weil die Öffentlichkeit sie oftmals ablehnte. Die Glaspyramide von I. M. Pei konnte Mitterrand nur gegen großen öffentlichen Widerstand durchsetzen. Das von Renzo Piano und Richard Rogers entworfene Centre Pompidou wurde in den 70ern zunächst als Ölraffinerie beschimpft, und den Eiffelturm bezeichneten die Pariser während der Bauarbeiten als „wirklich tragische Straßenlaterne“. Heute verhindern eher die strengen Gestaltungsauflagen von Denkmalpflege und Baubehörden gewagte Experimente.

Die Bewohner selbst scheinen dem Neuen gegenüber toleranter geworden zu sein. Vor allem, wenn es sich mit historischer Hülle tarnt. Als das Palais de Tokyo, Museum für zeitgenössische Kunst, kürzlich die Eröffnung eines neuen Trakts mit einer 36-Stunden- Party feierte, kamen statt der erwarteten 10 000 Besucher 24 000. Dabei erwies sich das Architektenteam Lacaton & Vassal, das bereits die erste Umbauphase vor zehn Jahren gestaltet hatte, als durchaus schonunglos: rohe Betonböden, Maschendrahtzäune und Spanplat- ten lassen den Prachtbau aus den 30er Jahren im Inneren wie eine Techno-Location aus dem Berlin der 90er wirken. Aber genau dieser Hausbesetzer-Charme steht der Kunst gut, die hier ausgestellt wird. Und auch der Stadt – als Kontrast zur allgegenwärtigen Nostalgie.

 

LOUVRE

Ein Dach für die islamische Sammlung: Wie der Flügel einer Libelle schillert die gewellte Glas- und Metallhaut über der Cour Visconti, einem der Innenhöfe des Louvre. Unter der von Mario Bellini und Rudy Ricciotti entworfenen Konstruktion verbirgt sich die Sammlung für islamische Kunst, die im Herbst eröffnet wird. Da das Dach lichtdurchlässig ist, werden die lichtempfindlicheren Stücke in den beiden unteren Geschossen ausgestellt. Der Clou: Die Neorenaissance-Fassade aus dem 19. Jahrhundert bleibt trotz des Neubaus sichtbar.

PALAIS GARNIER

Balustrade mit Swing: Schon Architekt Charles Garnier hatte im Gebäude ein Restaurant vorgesehen, als er das Opernhaus für Napoleon III. entwarf. Fast 150 Jahre später eröffnete das Restaurant „L’Opéra“ im Seitenflügel. Die Pariser Architektin Odile Decq setzte der neobarocken Opulenz fließende Formen in Weiß und Knallrot entgegen. Sogar das Glas der Fenster ist wie ein Vorhang in sanfte Wellen gelegt.

 

HERMÈS

Showroom im Schwimmbad: Das Stammhaus des Luxus-Konzerns, 24, Faubourg Saint-Honoré, wurde in den 30er Jahren gestaltet. Als Hermès vor einigen Jahren dann nach einer weiteren Adresse, diesmal auf der linken Seine-Seite, suchte, erschien das „Lutetia“ die perfekte Wahl. Denn das Art-déco-Schwimmbad des gleichnamigen Hotels wurde ebenfalls in den 30ern errichtet. Mit dem Ausbau des denkmalgeschützten Raumes beauftragte man das Büro RDAI. Die Architekten entwarfen Hütten aus Eschenholz, um Räume im Raum zu schaffen, ohne die historische Substanz zu beschädigen. Der Pool wurde mit einem Mosaik bedeckt.

 

DOCKS EN SEINE

Ein grünes Kleid für die Cité de la Mode et du Design: In die Pariser Hafenanlagen ist neues Leben eingezogen. Das Architektenduo Jakob+MacFarlane gewann den Wettbewerb für die Revitalisierung der alten Lagerhallen am Seine-Ufer mit einem „plug over“-Konzept. Das Zementtragwerk der 1907 errichteten Gebäude wurde mit Röhren aus Glas und Stahl verkleidet, durch die man auf Treppenstufen die verschiedenen Stockwerke erreicht. Im Frühjahr eröffnete hier das neue Zentrum für Mode und Design.

 

PALAIS DE TOKYO

Jede Menge Spielraum: Mit 22 000 Quadratmetern ist das Palais de Tokyo seit April dieses Jahres Europas größte Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst. Die Architekten Lacaton & Vassal, die schon den ersten Bauabschnitt 2002 betreuten, hatten ein knappes Budget für den Umbau des Gebäudes aus den 30er Jahren. Ihr Konzept: minimale Intervention und einfache Materialien in Rohbauqualität. Das Ergebnis ist eine spektakuläre Bühne für Installationen wie Ulla von Brandenburgs „Death of a King“ (oben).

 

LA GAÎTE LYRIQUE

Belle Époque trifft auf digitales Zeitalter Erbaut wurde La Gaîté Lyrique in den 1860er Jahren als Operettenhaus. Anfang des 20. Jahrhunderts begeisterten Serge Diaghilevs Ballets Russes auf der Bühne. Nachdem in den 80er Jahren der Versuch, einen Vergnügungspark zu installieren, gescheitert war, stand das Haus leer. Bis Architektin Manuelle Gautrand es zu einem Forum für digitale Künste umbaute. Heute erfreuen sich hier Technikbegeisterte an digitalem Spielzeug, und Kulturinteressierte kommen zu Vernissagen, Konzerten und Performances.

 

TIPPS & ADRESSEN

Abteilung für islamische Kunst im Musée du Louvre 75058 Paris, Metro: Louvre/ Palais Royal Musée, Tel. +33- 1-40 20 53 17, www.louvre.fr

Restaurant „L’Opéra“ im Palais Garnier Place Jacques Rouché, 75009 Paris, Metro: Opéra, www.opera-restaurant.fr

Hermès Showroom. 17, rue de Sèvres, 75006 Paris, Metro: Sèvres-Babylone, www. hermes.com

Les docks en seine/Cité de la Mode et du Design. 34, quai d’Austerlitz, 75013 Paris, Metro: Gare d’Austerlitz, www.paris- docks-en-seine.fr

Palais de Tokyo Erweiterung des Zentrums für zeitgenössische Kunst. 13, avenue du Président Wil- son, 75016 Paris, Metro: Iéna, www.palaisdetokyo.com

La Gaîté Lyrique Zentrum für digitale Künste. 3, bis rue Papin, 75003 Paris, Metro: Réaumur-Sébastopol, www.gaite-lyrique.net

Mobile Art Pavillon Ausstellungsraum für junge Kunst vor dem Institut du Monde Arabe. 1, rue des Fosses Saint-Bernard, 75005 Paris, Metro: Jussieu, www.imarabe.org

 

MODERNE ARCHITEKTUR KLASSIKER

Centre Pompidou: Das von Renzo Piano und Richard Rogers entworfene Zentrum für moderne Kunst wurde 1977 eröffnet. Place Georges Pompidou, Metro: Rambuteau, www.centre pompidou.fr

Musée du Quai Branly: Das Museum für außereuropäische Kunst von Jean Nouvel öffnete 2006 seine Türen. 37, quai Branly, 75007 Paris, Metro: Pont de l’Alma, www. quaibranly.fr

Fondation Le Corbusier: Die beiden von Le Corbusier 1923 erbauten Villen Jeanneret und La Roche sind heute Museum. 8–10, square du Docteur-Blanche, 75016 Paris, Metro: Jasmin, Tel. +33-1-42 88 41 53, www. fondationlecorbusier.fr

Maison Tzara: Nur von außen zu besichtigen: das Haus, das Adolf Loos 1926 für den Künstler Tristan Tzara baute. 15, avenue Junot, 75018 Paris, Metro: Lamarck-Caulaincourt

Maison de Verre: Die Ikone der Klassischen Moderne, 1932 nach einem Entwurf von Pierre Chareau vollendet, ist ebenfalls nur von außen zu besichtigen. 31, rue Saint-Guillaume, 75007 Paris, Metro: Rue du Bac

Zentrale der kommunistischen Partei Frankreichs Das von Oscar Niemeyer entworfene Gebäude wurde 1971 fertiggestellt. Besichtigung der Innenräume nur nach Terminvereinbarung. 2, place du Colonel Fabien, 75019 Paris, Metro: Colo- nel Fabien, Tel. +33-1- 40 40 12 12, www.pcf.fr

HOTELS

Hotel HI Matic: Klein, bunt und ungewöhnlich ist das von Designerin Matali Crasset konzipierte „HI Matic“-Hotel. DZ ab 110 Euro, 71, rue de Charonne, 75011 Paris, Metro: Charon- ne, Tel. +33-1-43 67 56 56, www.hi-matic.net

Intercontinental Paris Le Grand: 1862 eröffnet, ist das Haus ein Musterbeispiel für den Baustil unter Napoleon III. DZ ab 335 Euro, 2, rue Scribe, 75009 Paris, Metro: Opé- ra, Tel. +33-1-40 07 32 32, www.paris.intercontinental. com

Hotel Design de la Sorbonne: Charmant, persönlich und perfekt gelegen für Flaneure und Fans des alten und neuen Paris. DZ ab 100 Euro, 1, rue Victor Cousin, 75005 Paris, Metro: Cluny Sor- bonne, RER Luxembourg, Tel. +33-1-40 46 22 11, www.hotelsorbonne.com

La Maison Champs-Élysées: Der belgische Modedesigner Martin Margiela redesignte das Hotel als eine Hommage an die Farbe Weiß. DZ ab 340 Euro, 8, rue Jean Gou- jon, 75008 Paris, Metro: Franklin D. Roosevelt, Tel. +33-1-40 74 64 65, www. lamaisonchampselysees.com

RESTAURANTS/BARS

Les Collections: Der Designer Didier Gomez gab dem Restaurant im „Sofitel Paris Le Faubourg“ einen neuen Look, die Küche bleibt gehoben französisch. 15, rue Boissy d’Anglas, 75008 Paris, Métro: Concor- de, Tel. +33-1-44 94 14 14

Le derrière: Die Küche des Hinterhof- Restaurants ist modern französisch, die Einrichtung bietet Retroschätze aus verschiedenen Jahrzehnten. 69, rue du Gravilliers, 75003 Paris, Metro: Arts et Metiers, Tel.+33144619195, www.derriere-resto.com

Le Bar à Champagne: Die Bar gehört zum Restaurant „Le Ciel de Paris“ – und dem ist man in der 56. Etage des Tour Montparnasse ganz nah. 33, avenue Maine, Metro: Montparnasse-Bienve- nue, Tel. +33-1-40 64 77 64, www.cieldeparis.com

Café Germain: Die Designerin India Mahdavi gestaltete das Restaurant. Blickfang: eine Frauenfigur, die über zwei Stockwerke reicht. 25/27, rue de Buci, 75006 Paris, Metro: Mabil- lon, Tel. +33-1-43 26 02 93

DESIGN GALERIEN

Galerie BSL: Noé Duchaufour-Lawrance entwarf einen futuristischen Corian-Ausbau für die kleine Design-Galerie im Marais. 23, rue Charlot, 75003 Pa- ris, Metro: Filles du Calvaire, Tel. +33-1-44 78 94 14, www.galeriebsl.com

Galerie Kreo: Hier gibt es limitierte Editionen zeitgenössischer Designer wie Pierre Charpin, Ronan & Erwan Bouroullec, Martin Szekely und Konstantin Grcic. 31, rue Dauphine, 75006 Paris, Metro: Odéon, Tel. +33-1-53 10 23 00, www.galeriekreo.com

Galerie Christine Diegoni: Gute Adresse für Möbel der 50er bis 80er Jahre. Schwerpunkt: Leuchten von Gino Sarfatti. 47, ter rue d’Orsel, 75018 Paris, Metro: Abes- ses, Tel. +33-1-42 64 69 48, www.christinediegoni.fr