Radikal überlegte Dinge
Lufthansa Exclusive | März 2012

Der Designer Konstantin Grcic wollte immer schon gute Produkte für viele Menschen machen. Doch diese brauchen Zeit, manchmal Jahre. Genau diese Ausdauer macht ihn zu einem der besten Designer seiner Generation – und seine Produkte beliebt auf der ganzen Welt. 

An einem Arbeitstisch in einer Münchner Hinterhofetage sitzt einer der wichtigsten Industriedesigner der Welt, trägt dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Hemd. Er wählt seine Worte so bedacht, dass es fast ein wenig hölzern wirkt. Konstantin Grcic hat den Ruf, ein Perfektionist zu sein. Einer, der unablässig experimentiert, beobachtet, verändert und verbessert, um am Ende Dinge zu gestalten, die unseren Alltag schöner, besser, praktischer machen. Er spricht, wie er arbeitet: nachdenklich und zurückhaltend, fast als hätte er mit dem Erfolg der Gegenstände, die er entwirft, nur am Rande zu tun. Dabei wurden schon fünf seiner Produkte in die renommierte Design-Sammlung des MoMA New York aufgenommen, zwei mit dem Design- Oscar Compasso d’Oro ausgezeichnet, und 2010 wählten ihn die britische Zeitschrift Wallpaper und die Sammler-Messe Design Miami zum „Designer des Jahres“.
Andere Gestalter in dieser Preisklasse hätten an dieser Stelle ihrer Biografie längst Büros in Mailand und London, sie würden Art Cars gestalten, Luxushotels einrichten und von ihrem Smartphone aus sekundenschnell diverse Designteams dirigieren. Konstantin Grcic, der diesen schwierigen Nachnamen seinem serbischen Vater verdankt, sitzt immer noch in einer von Prototypen überquellenden Etage in der Schillerstraße, wo sogar München nicht schickimicki ist, und arbeitet mit einem sehr überschaubaren Team: vier Designer, ein Praktikant, eine Assistentin, das war’s schon. Was ihm an seinem Beruf am meisten Spaß macht? „Der Moment, wenn ich mit einem meiner Mitarbeiter zusammensitze und eine Idee Form werden lasse. Wenn die ersten Zeichnungen und Modelle entstehen. Dann gibt es eine gewisse Energie, da wird Kreativität sichtbar.“
20 Jahre ist es her, dass der Designer nach München kam und seine Firma Konstantin Grcic Industrial Design, kurz KGID, gründete. Vorher hatte er in England eine Möbelschreinerausbildung und ein Designstudium am Royal College of Art absolviert und eine Zeit lang beim aufstrebenden britischen Minimalisten Jasper Morrison gearbeitet. Seither entwirft er Dinge: vom Schnellkochtopf bis zum Marmortisch, vom Regenschirm bis zum Wandregal, vom Wäschekorb bis zum Teeservice. Seine Auftraggeber kommen aus aller Welt, seine Objekte findet man bei der japanischen Marke Muji ebenso wie beim renommierten italienischen Möbelhersteller Moroso.

Der Prozess kann Jahre dauern. Am Ende aber sieht ein Grcic- Design einfach und mühelos aus – und ist ungeheuer praktisch

Grcics Entwürfe erkennt man nicht unbedingt an einem bestimmten Stil oder einer wiederkehrenden Formensprache. Sein Markenzeichen ist, sich intensiv Gedanken zu machen. Selbst was auf den ersten Blick einfach aussieht, steckt bei ihm oft voller besonderer Details. Sein Tisch „Table_B“ sieht auf den ersten Blick schlicht wie eine Platte auf Böcken aus, aber genau betrachtet ist es ein superdünnes Aluminiumprofil, elegant wie eine Flugzeugtragfläche mit einer Spannweite von bis zu 3,60 Meter Länge. Sein jüngst mit dem Compasso d’Oro ausgezeichneter Stuhl „Myto“ ist nicht nur eine moderne Interpretation des Freischwingers, sondern eine akribische Materialstudie, bei der Grcic in Zusammenarbeit mit BASF zum ersten Mal einen neuartigen Kunststoff verarbeitet hat.
Gute Dinge brauchen häufig ihre Zeit – und die nimmt sich Konstantin Grcic für jeden seiner Entwürfe. Er ist nicht der Typ, der mal eben schnell potenzielle Ikonen in spontaner Eingebung auf Papierservietten kritzelt. Vier Jahre lang dauerte die Entwicklung eines Ball- Point-Stiftes für Lamy, weil sich der Designer und seine Mitarbeiter mit Technologien beschäftigten, die normalerweise in der Formel 1 oder Hightech-Medizin Anwendung finden. Und an den Tischen der „Champion“-Kollektion, die im vergangenen Jahr in limitierter Edition von der Pariser Galerie Kreo aufgelegt wurden, bastelte das Team zwei Jahre lang. Sie sollten an die magische Welt der Rennwagen erinnern, an den Sport der Geschwindigkeit. „Wir haben viel Zeit darauf verwendet, uns in das Thema Farbe und Grafik einzuarbeiten und die Bedeutung zu erkennen, die daraus für das Objekt entsteht“, erklärt Konstantin Grcic, „es war wie eine Sprache zu lernen. Man lernt erst die Vokabeln und dann, daraus Sätze zu bilden.“
Grcic liebt es, sich mit Dingen intensiv zu beschäftigen. Als die Zeitschrift Wallpaper ihn einlud, an der „Handmade“-Ausstellung in Mailand teilzunehmen, schlug er kein Möbelstück vor, keine Leuchte oder irgendetwas, das er schon einmal gemacht hatte. Er wählte einen Maßanzug. „Das Handwerkliche am Schneidern hat mich seit meiner Kindheit interessiert“, erklärt er, „ich habe schöne Erinnerungen an Besuche mit meinem Vater beim Maßschneider, der seine Anzüge gefertigt hat.“ Die Herausforderung, etwas Zweidimensionales wie Stoff in eine perfekte Hülle für ein dreidimensionales Objekt zu verwandeln, hat ihn dann doch noch zu einem Möbel inspiriert. Für Established & Sons entwarf Grcic das Sofa „Cape“, das verschiedene Hussen tragen kann – eine kühle im Sommer und eine aus wärmendem Textil im Winter.

Früher wollte er Dinge für jedermann schaffen. Heute weiß er, dass seine Produkte besser sind, wenn er nicht auf die Masse schielt

Elitäre Gegenstände für eine kleine, gut betuchte Zielgruppe zu entwerfen war nicht Konstantin Grcics Ziel. Er wollte stets Produkte erfinden, die viele Leute zu einem guten Preis kaufen können. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es wahnsinnig schwer ist, dieses Ideal vom demokratischen Design zu erfüllen“, erklärt er, „und inzwischen weiß ich, dass meine Produkte am besten sind, wenn sie gar nicht den Anspruch haben, massentauglich zu sein.“ Die Leuchte „Mayday“ ist ein Beispiel dafür: ein simpler Lampenschirm aus weißem Kunststoff, ein roter Plastikgriff, an dem das fünf Meter lange Kabel aufgewickelt werden kann, dazu ein Haken, mit dem die Leuchte überall aufgehängt werden kann: an einer Leiter, wenn man die Decke streichen will, oder an einem Ast im Garten bei einer Grillparty. Man kann sie mit in die Garage nehmen, um die Ölflecken unterm Auto zu begutachten, und auf den Zimmerfußboden legen, wenn man die Katze hinter dem Schrank hervorlocken will. Grcic entwarf die Leuchte nur für sich – ohne irgendeine Zielgruppe vor Augen zu haben. „Mayday“ bedeutete seinen Durchbruch als Designer, damit gewann er seinen ersten Design-Oscar.

Designs von Grcic verbreiten sich wie von selbst. Man findet sie in Restaurants, Cafés, sogar in großen Stadien

Das wohl erfolgreichste Objekt, das Grcic bislang ersonnen hat, ist zugleich sein radikalster Entwurf: „Chair_One“, eine auf ein Gitter aus Dreiecken reduzierte Aluminium- Sitzschale auf einem Betonsockel. Der italienische Möbelhersteller Magis brachte „Chair_One“ 2004 auf den Markt, heute ist er der Bestseller der Firma. Man sieht ihn in der vierbeinigen Variante in Cafés und Restaurants auf der ganzen Welt, es gibt ihn als Drehstuhl, als Stapelstuhl, als Bank. Er wird in Stückzahlen verkauft, von denen Magis nicht zu träumen gewagt hätte, und hat mit seiner futuristischen Formensprache die 2000er Jahre geprägt. Inzwischen gibt es nicht nur viele Sitzmöbel, sondern auch Obstkörbe und Sportstadien, die von seinem Design inspiriert sind. „Die Form ist oft aufgegriffen worden, und darin liegt für mich die Demokratisierung“, sagt Grcic, „wenn ein Design radikal ist und Beachtung findet, dann verbreitet es sich wie von selbst.“
Dabei ist „Chair_One“ nicht einmal besonders bequem. „Ursprünglich war er als Outdoor-Möbel geplant“, erklärt der Designer, „draußen ist ein Stuhl ganz anderen Einflüssen ausgesetzt. Im Sommer wird er zu heiß, im Winter zu kalt, und auf der Sitzfläche sammelt sich Regenwasser. Dadurch dass wir das Material reduziert haben, wird der Stuhl weniger schmutzig, das Wasser läuft besser ab.“ Aber am Ende fügt er zur Sicherheit noch rasch hinzu: „Er ist viel weniger unbequem, als er aussieht.“