Thomas Heatherwick ist der neue Star der britischen Design- und Architekturszene. Er entwirft alles von der Handtasche bis zum Hochhaus, vom Gartenstuhl bis zum Elektrizitätswerk. Und zwar am liebsten so, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat. 

Ist es ein großer Kreisel? Eine Skulptur? Ein Sitzmöbel? Spun Chair ist vor allem eines: ein großer Spaß. Man setzt sich rein, schaukelt ein bisschen hin und her, dreht eine Runde – und muss unwillkürlich lachen, weil einem das Blut einmal in den Kopf und wieder in die Füße geschwappt ist. Während des London Design Festivals im letzten September standen die Kunststoffsessel, die Thomas Heatherwick als Outdoor/Indoor Möbel für den italienischen Hersteller Magis entworfen hat, am Südufer der Themse. Passanten standen Schlange, um sie auszuprobieren – und manch einer drehte sich wie ein Derwisch bis zum Lachanfall. Spun Chair ist typisch Heatherwick. Seine Entwürfe sind erlebbar, erfindungsreich und versetzen Betrachter einen Moment lang in kindliches Erstaunen. Zum Beispiel wenn sie vor der Fußgängerbrücke im Londoner Paddington Basin stehen, die sich in die Luft erhebt, zusammenrollt wie der Schwanz eines Skorpions und zu einem eleganten Rad zusammenlegt, um ein Schiff passieren zu lassen. Selbst so banale Dinge wie Lüftungsschächte sehen bei Heatherwick so aus, das sie einem den Atem rauben. Seine Abluftanlage für ein unterirdisches Elektrizitätswerk am Paternoster Square ist aus herkömmlichem Stahlblech, aber aus zarten Dreiecken gefaltet wie Papier-Origami.

Im Londoner Stadtteil King's Cross wohnt und arbeitet Thomas Heatherwick. Sein Studio ist eine Kreuzung aus Lagerhalle, Großraumbüro und Daniel Düsentriebs Werkstatt. Am Eingang steht ein ausgestopftes Eichhörnchen unter Glas und blinzelt Besucher aus braunen Knopfaugen an. An der Wand hängen 3D-Landkarten, in Regalen stapeln sich Prototypen, Modelle und Materialproben. An zwei Dutzend Computerbildschirmen arbeiten Architekten, Industriedesigner, Bühnenbildner, Grafiker und sogar ein Psychologe. Heatherwick, der mit wildem Lockenkopf und eichhörnchenbrauen Augen von einer Projektbesprechung zur nächsten eilt, mag es, mit Leuten aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen zu arbeiten. „Heute ist man entweder Designer, Architekt oder Künstler. Warum kann man nicht alles zugleich sein?“, sagt er im Interview. In seinem 1994 gegründeten Atelier verschwinden diese Grenzen zwischen den Disziplinen. Er selbst, der am Londoner Royal College of Arts 3D-Design studiert hat, bezeichnet sich am liebsten als Erfinder. Schon als Kind zeichnete der Sohn einer Goldschmiedin und eines Musiklehrers Skizzen für nützliche Dinge, zum Beispiel einen Schlitten mit luftgepolsterten Kufen, die wie Stoßdämpfer funktionieren sollten.

„Thomas liebt es, an Dingen zu tüfteln“ sagt seine Studio-Managerin Kate Close, „Ist eine Aufgabe schwierig? Dann ist sie sein Ding!“ Dabei lässt sich der 41-jährige gern von alltäglichen Situationen, Begegnungen und Geschichten inspirieren. Als die Wohltätigkeitsstiftung Wellcome Trust ihn beauftragte, eine Skulptur über dem Wasserbassin ihres acht Stockwerke hohen Atriums zu entwerfen, kam ihm die Idee einer Glasskulptur, die herunterfallende Flüssigkeiten darstellt. Seine deutsche Großmutter hatte ihm von der Silvester-Tradition des Bleigiessens erzählt. Heatherwick ließ über 400 mal geschmolzenes Metall in Wasser tropfen. Eines der Gebilde, die dabei entstanden wurde als Vorlage für die Skulptur ausgewählt, und aus 142.000 Glaskugeln, an 27.000 Stahldrähten hängend, nachgebildet.

„Beating up an idea“ nennt der 41-jährige seine Herangehensweise. „Eine Idee verprügeln“ bedeutet, sie von allen Seiten zu betrachten, jede Meinung anzuhören, auch ungewöhnliche Ansätze zu verfolgen. Nicht immer sind die Lösungen so kostenintensiv wie bei der Bleigiessen-Installation. Als die Universität von Aberystwyth in Wales Heatherwick um den Bau von 16 Künstlerateliers bat, suchte das Studio nach einer günstigen Möglichkeit, die in einfacher Holzbauweise geplanten Gebäude zu isolieren. Heatherwick dachte zunächst an eine Dachverkleidung aus rostfreiem Stahl, die attraktiv, aber sehr teuer gewesen wäre. Stahl, so dünn gewalzt wie Coladosenblech, ist günstiger, aber nicht stabil genug. In der Werkstatt des Studios wurde daraufhin eine Maschine gebaut, die mit einer mittelalterlich wirkenden Holzwalze das Blech zerknautscht, wodurch es stabiler wird (und außerdem interessanter aussieht). Aufgefaltet und mit Bauschaum unterspritzt, ergab das ungewöhnliche Material eine kostengünstige, robuste und ausgezeichnet isolierende Verkleidung für die Holzhäuser. „Ich finde es langweilig, überall in der Welt meinen Stil umzusetzen. Viel interessanter ist es doch zu fragen: Was können wir hier besser machen? Was ist die richtige Lösung für diesen oder jenen Ort?“

Wenn der Erfinder in Thomas Heatherwick sich allerdings eine Idee in den Kopf gesetzt hat, verfolgt er sie hartnäckig: schon seit seinem Studium träumte er davon, ein Aluminiummöbel im Extrusionsverfahren herzustellen – ohne Schrauben und Nähte, aus einem einzigen Stück Metall, das durch eine Form gepresst wird. Jedes Jahr beauftragte er einen anderen seiner Mitarbeiter, industrielle Hersteller in aller Welt abzutelefonieren auf der Suche nach einer Presse, die groß genug wäre, um ein Sitzmöbel herzustellen. 2008 wurde er fündig: eine Fabrik in China hatte die größte Extrusionsmaschine der Welt gebaut, die für die Luft- und Raumfahrtindustrie Aluminium mit bis zu 10.000 Tonnen Druck presst. Heatherwick entwarf eine Form, die Bank „Extrusions“ wurde gepresst. Wie bei einer Zahnpasta, die aus der Tube gedrückt wird, sind Anfang und Ende des Materials eigenwillig zerquetscht. Heatherwick beließ es dabei, polierte das Aluminium auf Hochglanz – und wurde von der Londoner Kunstszene mit einer Ausstellung in der feinen Galerie Haunch of Venison gefeiert. Nun tüftelt Heatherwick daran, die Bank in einem größeren Maßstab zu produzieren: „Die Fabrikhalle ist groß genug, um eine Bank zu extrudieren, auf der 700 Leute sitzen können – wir müssen noch einen Weg finden, sie zu transportieren.“

Bisheriger Höhepunkt seiner Karriere aber ist sein Entwurf für den britischen Pavillon auf der Shanghai Expo 2010. Das Expo-Thema „Better City, Better Life“ beantwortete der Londoner mit einem Kubus, in dem wie in einem Nadelkissen 60.000 Acrylglasstäbe stecken. In die Spitze jedes Stabes ist ein Pflanzensamen eingelassen, der tagsüber vom Sonnenlicht beleuchtet wird. Nachts ist der Pavillon innen beleuchtet und die äußeren Enden der 7,5 Meter langen Stäbe glühen im Dunkeln. Die „Kathedrale der Samen“ wurde von 50.000 Menschen täglich besucht, und brachte Heatherwick nicht nur die Expo-Goldmedaille ein sondern auch eine Reihe von Aufträgen aus Fernost. Derzeit ist der Universalkreative deshalb auch immer öfter in China, wo er ein Büro in Hongkong betreibt, von dem aus er diverse Bauprojekte koordiniert: Einen 180 m hohen Hotelturm in China zum Beispiel, und eine Wohnanlage in Kuala Lumpur. „Der Maßstab unserer Projekte wird größer.“ Die Aufgaben zuhause in London haben zwar nicht diese Größenordnung, sind aber dafür eine umso größere Ehre. Haunch of Venison stellte im April auf der Mailänder Möbelmesse eine neue, limitierte Edition des Spun Chair in patiniertem Stahl und Messing vor. Die Kunststoff-Variante von Spun wurde in die Designabteilung des MoMA New York aufgenommen. Und auch 2012 könnte ein gutes Jahr werden für Heatherwick. Das renommierte Victoria & Albert Museum bereitet gerade eine Werkschau über ihn vor. Sein neuer roter Doppeldeckerbus, ein Redesign des berühmten Routemaster aus den 50er Jahren, wird hybridangetrieben auf Londons Strassen rollen. Und bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele wird die Fackel das Feuer in einer von Thomas Heatherwick gestalteten Feuerschale entzünden.