Kaum etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert wie die Küche. Vom abgeschlossenen Hausfrauenreich ist sie zum neuen Lebensmittelpunkt der ganzen Familie geworden. Und nun auf dem besten Weg, mit dem Wohnbereich zu verschmelzen. 

Ein Sonntag im Jahr 1970. Großmutter rotiert zwischen Gasherd, Kühlschrank und Spüle und teilt ihre Töchter zum Tischdecken ein. Die Männer der Familie nebeln derweil das Wohnzimmer mit Zigarettenrauch zu und diskutieren über Fußball. Die Welt ist in Ordnung. Das Essen wird aufgetischt. Kaum ist die Mahlzeit vorbei, zieht Großmutter sich zurück in ihr Reich und macht den Abwasch.

Ein Sonntag im Jahr 2010. Freunde kommen zu Besuch, die Kinder toben ums Sofa herum, die Erwachsenen stehen am Arbeitsblock der offenen Küche, waschen Salat, schneiden Gemüse oder sitzen mit einem Glas Weißwein am Esstisch. Man spricht über Fußball, Kindergärten und die Vorzüge eines Teppan-Yaki-Grill und nascht von den Vorspeisen. Die Stimmung ist entspannt, das Essen gut. Und weil keine Wand Küche und Wohnbereich trennt, kann das Gespräch auch zwischen den Gängen ungehindert weitergehen.

Kaum ein Raum hat in den vergangenen Jahrzehnten einen solchen Wandel erlebt wie die Küche. Unsere Mütter und Großmütter waren stolz auf ihre Einbauküche, die ihr Hausfrauenleben mit funktionalen Geräten, hygienischen Oberflächen und kurzen Laufwegen ungeheuer vereinfachte. Und die eine Tür hatte, die geschlossen wurde, damit weder Bratgerüche noch Stressmomente nach außen dringen konnten, wo der Mann seinen verdienten Feierabend genoss. Die Heldin dieser Generation hieß Margarete Schütte-Lihotzky, eine Wiener Architektin, die in den 20er-Jahren die sogenannte Frankfurter Küche erfand. Wie beliebt die sechseinhalb Quadratmeter kleine Kochzelle war, sei dahingestellt, aber immerhin wurde sie in mehr als 10 000 Frankfurter Wohnungen eingebaut – und war die Keimzelle jener Einbauküche, deren erste 1950 von Poggenpohl vorgestellt wurde und die heute in 89 Prozent aller deutschen Haushalte anzutreffen ist. Der wahre Retter der Hausfrau aber war der Designer Otl Aicher. Der Mitbegründer der Ulmer Hochschule für Gestaltung plädierte für das Kochen als kommunikatives Ritual. 1988 brachte Bulthaup seine Küchenwerkbank auf den Markt – und verwandelte die Kochstelle von einem Ort der Arbeit in einen Ort zum Leben.

Mehr als zwei Jahrzehnte danach ist die Küche immer gesellschaftsfähiger geworden und endgültig aus einer dunklen, kleinen Ecke der Wohnung in ihren sonnigen Teil gewandert, sie wurde vergrößert und zu anderen Zimmern geöffnet – und ihre Bedeutung nimmt stetig zu. „Küchenplanung beschränkt sich heute nicht mehr auf die Themen Ergonomie, Laufwege, Stauraum“, sagt Siematic-Geschäftsführer Ulrich Siekmann, „Die Küche ist wohnlich geworden und wird inzwischen auch wie ein Wohnraum konzipiert. Da finden auch schon mal Lieblingsdinge und Erbstücke Platz.“ War der abendliche Versammlungsort der Familie früher die Sitzgruppe vor dem Fernsehgerät, so ist es heute immer öfter die Küche. Anders gesagt: Die Küche wächst ins Wohnzimmer. Was das bedeutet, konnte man auf der diesjährigen Mailänder Messe Eurocucina sehen: Die Materialien werden immer eleganter, hochwertiger, wohnlicher. Team 7 stellte „Vao“ vor – Vollholzschränke kombiniert mit Arbeitsplatten aus Natur- oder Quarzstein. Philippe Starck setzt seinen Küchenblock für Warendorf auf chromglänzende Trompetenfüße, die man eher unter einem Esstisch erwartet hätte. Und Hersteller wie Poggenpohl oder Toncelli bieten sogar Leder als Oberflächenmaterial an. Leder? Großmutter hätte schon bei dem Gedanken an die Pflege den Kopf geschüttelt. „Leder als Material in der Küche wird eher als Akzent gesetzt werden“, erklärt Poggenpohl-Geschäftsführer Elmar Duffner, „aber es verdeutlicht den Trend zur multifunktionalen Nutzung der Küche. Sie muss die Anforderung Kochen erfüllen, aber auch den Rahmen für einen eleganten Cocktailempfang darstellen.“ Das Modell „Artesio“, das der Hamburger Architekt Hadi Teherani für Poggenpohl entwarf, schafft nicht nur via Material, sondern auch durch die Form eine Verbindung zum Wohnraum. Regalmodule für die Wände und ein frei stehender Block sind mit einem Deckenelement verbunden, in dem Belüftung, Licht und Technik untergebracht sind – und das den Bogen von der Küche zum Wohnraum spannt. „Diese Küche bildet ein Haus im Haus“, so Hadi Teherani, „man hat einen offenen Wohn-Küchen-Bereich, ohne dass man vom Sofa direkt auf die Kochzeile blickt.“

Paradoxerweise werden die Küchen zum neuen Lebenszentrum unserer Wohnungen, obwohl wir immer weniger darin kochen. Gemeinsames Frühstück und Mittagessen sind in deutschen Familien heute schon die Ausnahme, das Abendessen kämpft noch um seine Erhaltung als fester Termin. „Der Trend geht zu mehren kleineren Mahlzeiten am Tag und zu individuellen Tagesabläufen“, erklärt Trendforscher Harry Gatterer vom Wiener Zukunftsinstitut. In den 60er-Jahren hatten laut Gatterer noch 75 Prozent aller Haushalte ein regelmäßiges gemeinsames Essen, heute sind es nur noch 22. Demgegenüber steht ein Trend zur Professionalisierung des Wohnens. „Wir können heute unser Wohnzimmer in ein Kino verwandeln, unsere Kaffeemaschine macht den besten Cappuccino der Stadt“, sagt Gatterer. „Aber in unseren arbeitsreichen Alltag nehmen wir meist nur Snacks zu uns. Doch am Wochenende wird das Kochen zelebriert mit anspruchsvollen Rezepten und Fünfgängemenüs.“ Warum das Kochen in der Fast-Food-Ära zum Event wird, erklärt Trendbüro-Gründer Peter Wippermann: „Alles, was verschwindet, gewinnt an Wert. Es wird zum Luxus. Das gemeinsame Kochen ist heute ein Intimitätsbeweis und steht im Gegensatz zu den Convenience-Produkten, die von fremden Leuten zubereitet werden.“

Wir haben zwar keine Zeit mehr zum Kochen, aber wir kompensieren das durch eine hochwertige Küche und einen Maschinenpark, auf den ein Spitzenkoch neidisch wäre. „Hightech-Geräte wie Dampfgarer, Teppan-Yaki-Grill oder Lavastein sind vor allem bei männlichen Käufern sehr beliebt“, sagt Britta Schaper, Küchenplanerin für Bulthaup. „Den Kunden ist wichtig, dass ihre Küche super aussieht – selbst wenn sie nicht viel kochen.“ Und auch Matthias Flick, Inhaber von Hamburgs Küchentempel „Cucinaria“, bestätigt: „Elektrogeräte und Accessoires werden immer stärker nach optischen Kriterien gekauft.“ Reichte früher das Küchenmesser aus dem Kaufhaus, muss es heute ein japanisches Kai-Messer sein, wie es auch Tim Mälzer benutzt.

Gerade diese Professionalisierung erfordert Stauraum: Trüffelhobel und Sorbetmaschine sollen in der wohnlichen Küche so untergebracht sein, dass man sie nicht wahrnimmt. So verschwinden etwa ganze Küchenzeilen bei Arclinea hinter eleganten Taschentüren, die beim Öffnen lautlos in Zwischenräumen verschwinden. Andere bieten frei stehende, drehbare Hochschränke (Warendorf), die vom Geschirrspüler bis zum Ofen alles hinter edlen Furniertüren verbergen. Mal schweben die Oberschränke direkt an der Zimmerdecke (Leicht), sodass sich auch der Raum über einer Kochinsel nutzen lässt. Und die Firma Siematic, die vor 50 Jahren erstmals eine grifflose Küche präsentierte und so auch eine Grundlage schuf für die wohnlichen Küchenfronten von heute, präsentierte für sein neuestes Modell „S2“ einen Multimedia-Hochschrank mit integriertem TV- und Computer-Bildschirm. Bulthaup erwei- tert die Küchenschränke seines „B3“-Systems mit allerlei funktionalem Innenleben, sodass sie auch als Garderobe oder Kleiderschrank verwendet werden können.

Boffi, für die Norbert Wangen schon vor sechs Jahren einen ganzen Küchenblock inklusive Spüle und Herdstelle unter einer einzigen, verschiebbaren Arbeitsfläche verschwinden ließ, schafft jetzt in den Schubladen der „Domestici“-Serie Ordnung mit Einsätzen aus elegantem, gemasertem Eschenholz. Braucht man so viel innere Schönheit? „Unsere Kunden sind in zweifacher Hinsicht ,Opfer‘“, sagt Boffi-Chefdesigner Piero Lissoni, „sie kochen leidenschaftlich gern und sie sind verrückt nach Design. Wenn sie in einer perfekten Umgebung einen Salat zubereiten, gelingt er ihnen einfach besser.“