Nah am Alltag, experimentell, humorvoll: Die Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung beleben das deutsche Design mit ungewöhnlichen Einfällen. Nun zeigen sie ihre Arbeiten auf der Mailänder Möbelmesse. 

Was ist das denn für ein Name: Kkaarrlls! Kein Mensch weiß, wie man das aussprechen soll. Aber wer es versucht, kann eigentlich nichts falsch machen. Es klingt etwas gedehnt, so wie Karlsruher sprechen. Kkaarrlls stellt klar: junges deutsches Design kommt heute aus der Provinz, und es hat mit den „alten Schulen“ in Ulm und Dessau nicht viel am Hut. Kkaarrlls ist der Titel einer Ausstellung und einer Editionskollektion, die Prof. Volker Albus 2009 initiiert hat um zu zeigen: „Made in Karlsruhe“ braucht den Vergleich mit internationalen Designerschmieden wie dem Londoner Royal College of Arts oder der Design Academy Eindhoven nicht zu scheuen. Inzwischen umfasst die Kkaarrlls-Edition 35 Stücke – Prototypen, Sondereditionen, Vordiplom- und Abschlussarbeiten – und Albus kuratiert im dritten Jahr Entwürfe von Studenten und Absolventen seines Fachbereiches für die Ausstellung in der Spazio Crispi. „Was die Objekte verbindet, ist eine unkonventionelle Sicht der Dinge“, erklärt Volker Albus, „eine etwas andere Denkweise.“

Anders denken heißt in Karlsruhe: interdisziplinär, unkonventionell und experimentell arbeiten. Wie Christina Becker, die Sprengstoff einsetzt, um dicke Stahlplatten zu ganz neuen Sitzmöbeln zu formen. Oder Eva Marguerre, die fragile Objekte aus elastischem Garn und Kunstharz gestaltet, indem sie die Dehnbarkeit des Materials an ihre Grenzen treibt. Manche Entwürfe stellen unsere Nutzungsgewohnheiten völlig auf den Kopf. Silvia Knüppels „Drückeberger“ ist eine Kommode aus einem Schaumstoffblock, in den man mit einem Messer Schlitze setzen kann um dort Gegenstände hinein zu drücken. „Ist doch schade, das Leute so viel Geld für Dinge ausgeben, die dann gleich hinter Schranktüren verschwinden“, sagt die HfG-Absolventin, „man möchte die Dinge, die man sich leistet, doch sehen!“

„Beobachtet die Umwelt aufmerksam“, fordert Volker Albus seine Studenten auf, „beobachtet euch selbst: wie lebt ihr? Wie arbeitet ihr? Wie esst ihr?“ Das ist die Grundlage, um Bestehendes mit zeitgemässen Lösungen zu verbinden. Dabei entstehen Möbel und Accessoires für den Hausrat von morgen. Kilian Schindler zum Beispiel studierte Schrebergartensiedlungen in ganz Deutschland und liess sich von den überall präsenten Plastikstühlen zu einem eleganten, feingliedrigen Stuhl inspirieren, der die Monobloc-Linien nachzeichnet. Hanna Emelie Ernsting gestaltet Sitzmöbel für unser steigendes Bedürfnis nach Rückzug und Entspannung. Ihr Sofa „Moody“ ist gemütlich wie ein Jogginganzug. Sein riesiger Oversize-Bezug schützt nicht nur das Polster, sondern lässt sich auch je nach Laune zu Decken, Kissen oder Armlehnen zurecht knautschen oder falten. Und Matthias Heckel fragte sich, wie ein Gefäß aussehen könnte, das einerseits einer Pflanze optimale Wachstumsbedingungen bietet und andererseits dem vielbeschäftigten Besitzer die Pflege erleichtert. Er entwickelte eine Röhren-Konstruktion, die ein wenig an ein Objet trouvé erinnert, in ihrer Funktion aber gar nicht dadaistisch ist. Eine Palme wird in Granulat gepflanzt und artgerecht mit einer Flasche Wasser versorgt. Ist die Flüssigkeit in der Flasche nach zwei, drei Monaten verbraucht, verliert die Konstruktion ihr Gleichgewicht. Die Pflanze kippt zur Seite, um ihrem Besitzer zu signalisieren: Pflegebedarf!

Eine einheitliche Handschrift haben die HfG-Entwürfe nicht, die Studenten werden stets angehalten, ihren eigenen Stil zu entwickeln, auch wenn sie von großen Namen wie Stefan Diez oder Sam Hecht lernen. In der ehemaligen Karlsruher Munitionsfabrik, in dem auch das ZKM untergebracht ist, entstehen daher auch die unterschiedlichsten Entwürfe: Von amüsanten Accessoires für den Alltag, wie Plastikstielen für Proseccodosen (Flo Schwab) oder aus Klebeband gewickelten Körben (Peter Schäfer) bis zu der schlicht eleganten Tischserie „Die Drei“ von Marta Schwindling. Deren etwas anders gedachte Schubladen- und Schliessmechanismen bringen ein Moment der Überraschung in den Schreibtischalltag – und brachten die Designstudentin in das „Graduate Directory 2011“ der britischen Zeitschrift Wallpaper. Dort steht ihr Name nun zwischen Absolventen aus Eindhoven und London – kein schlechter Start.