Wohnen mit Farbe
Architektur & Wohnen | April/Mai 2011

Farbe bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen und wie wir uns zuhause fühlen. Räumen verleiht sie Persönlichkeit und Temperatur, Intimität und Größe. Damit das gelingt, sollte man Farbe komponieren wie ein Musikstück. 

Wer nach dem Urlaub in südlichen Ländern nach Deutschland zurückkommt, stellt sich oft die Frage: Warum gibt es bei uns denn so viele schwarz gekleidete Menschen in weiß getünchten Räumen? Warum gehen andere mit Farbe so viel mutiger um? Funktioniert das Limonengrün und Pink, das indische Fassaden selbst im fahlen Licht der Leuchtröhren noch fröhlich aussehen lässt, auch in einer Küche in Hamburg? Lässt sich das Knallgelb oder Himmelblau des großen Architekten Luis Barragán aus Mexiko nach München holen? Oder verhält es sich mit Farbe so wie mit dem Dessertwein, der im Italienurlaub köstlich war, zu Hause aber fade schmeckt und nun in der Hausbar einstaubt?

„Uns ist die Kultur der Farbe im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen“, glaubt der Hamburger Interior Designer Peter Nolden. „Danach hat man schnell und billig gebaut, die schlecht verputzten Wände mit Raufasertapete beklebt und weiß gestrichen. Schauen Sie mal nach England! Dort finden Sie weder Raufaser noch weiße Wände.“ Dabei gibt es auch in Deutschland eine Tradition für farbige Innenräume. Bayerische Barockkirchen und preußische Villen sind innen mit zarten Tönen bespielt. Bauhaus-Architekten setzten Farbe ein, um die räumliche Tiefe ihrer Gebäude zu betonen. Bruno Taut bemalte die Fassaden der Berliner Gartenvorstadt so bunt, dass sie den Spitznamen „Kolonie Tuschkasten“ trug. Und Le Corbusier gestaltete die Außenwände seiner Häuser in der Stuttgarter Siedlung am Weißenhof in Rosa- und Blautönen, während die Innenräume rosé, englischrot, hellblau und schokoladenbraun gestrichen wurden. Und auch in den 70er-Jahren unternahm das deutsche Wohnzimmer Ausflüge in Gelb, Orange und Braun.

Seither regiert Weiß – und immer noch bevorzugt auf Raufaser. Für Peter Nolden ist das ein Grauen. Er ließ sich von englischen, skandinavischen und preußischen Landsitzen zu einer eigenen Farben-Kollektion inspirieren. Aber auch seinen Kunden fällt es nicht immer leicht, sich von ihren weißen Wänden zu trennen. „Die meisten wollen nur eine Wand streichen“, erzählt Nolden. „Ich versuche dann, ihnen Mut zu machen, doch den ganzen Raum zu verändern.

Was stellt Farbe mit Räumen an? Wie stimmt man Nuancen aufeinander ab? Und welche Farbe passt zu welchem Raum? Susanna Leiser, ausgebildete Farb- und Raumpsychologin in München, gestaltet Räume für Firmen und Privatkunden. Ein gutes Farbkonzept beginnt für sie gar nicht einmal mit der Entscheidung für eine bestimmte Farbe, sondern mit Farborganisation. „Sie prägt den Charakter eines Raumes“, betont Susanna Leiser. „So sollte man eine zentrale Fläche betonen, weil das dem Raum Ruhe gibt. Wenn Linien, Säulen oder Heizkörper farblich hervorstehen, geschieht das Gegenteil.“ Anders ausgedrückt: Wenn man einen ganzen Raum in Aubergine streicht, sollte man Rohre und Heizkörper nicht Weiß lassen. Harmonie entsteht, wenn ein Farbkonzept alle Räume mit einbezieht. Für jeden Raum sollte man sich drei, vier Farben aussuchen, die sich auch in bereits vorhandenen Textilien oder Möbeln finden. „Wenn man die Farben nebeneinander legt, sollten sie alle zusammenpassen“, erklärt Susanna Leiser.

Ob man das Esszimmer in kommunikativem Orange oder in dramatischem Nachtblau will und das Schlafzimmer in transzendentem Blau oder einem höhlenhaften Schokoladenbraun, ist eine Frage der Persönlichkeit – und Intention: Kühle Farben lassen Räume größer wirken, warme Farben kleiner, aber auch gemütlicher. Monochrome Anstriche helfen, in ungleichmäßig geschnittenen Räumen Fehler auszugleichen. In symmetrischen, hellen Zimmern wiederum ist es schön, die Decke nicht in der Wandfarbe zu streichen, sondern in einer aufgehellten Variante. Harmonie lässt sich über die Verwandtschaft der Farben erzeu- gen, über einen ähnlichen Sättigungsgrad zum Beispiel.

Aber vor allen Dingen kommt es auf den „Flow“ an. Die Farbexperten des britischen Traditionshauses Farrow & Ball raten: Die Farben, die in einem Flur und den angrenzenden Zimmern verwendet werden, sollten gleich stark sein. Wer in einem Raum mit mehreren Abmischungen eines Farbtons arbeitet, etwa um Stuck, Fensterrahmen oder Säulen zu betonen, sollte die kräftigere Farbe aufden Wänden und die dezentere auf den kleinen Flächen anwenden, um Ruhe zu vermitteln. Manchmal kann das genaue Gegenteil aber auch erfrischend sein.

Was lösen Farben bei uns aus? Wie stimmt man sie auf Architektur und die Möbel ab? Nicht nur auf die Nuancen kommt es an, auch auf die Oberfläche: Welche Qualität bringt welches Ergebnis? Grün soll beruhigen, Rot anregen und Violett mystisch sein – zur Wirkung von Farbtönen hat der Farbpsychologe Axel Venn eine Studie durchgeführt, in der er 60 Probanden Farben genau 360 Adjektiven zuordnen ließ. Die Ergebnisse wurden in Zusammenarbeit mit dem Farbsystem RAL als „Farbwörterbuch“ herausgegeben. Sie zeigen, dass unser Farbverständnis kulturell geprägt ist.

„Farbe ist eine Metasprache“, erklärt der Autor, „Violett- und Rottöne werden von den meisten Menschen als sehr wertvoll angesehen. Ihren Ursprung hat diese Assoziation im Mittelalter: Damals war das Sekret der Purpurschnecke teurer als Gold. Töne mit starker physiologischer Wirkung wie Blau und Orange werden als kalt beziehungsweise warm empfunden.“

Wer seine Wandfarbe punktgenau auf Stil und Epoche seiner Lieblingsmöbel abstimmen will, findet Rat bei Farbherstellern wie Peter Interiors, Little Greene oder Farrow & Ball. Sie rekonstruieren historische Farbnuancen, mit denen die Farbwelten vergangener Zeiten wieder aufleben. „Eau de Nil“ von Little Greene zum Beispiel ist ein typischer Grünton der 30er-Jahre, „Portland Stone“, ein warmes viktorianisches Grau, und „Polar Blue“ sollen uns in die eiscremefarbenen Fünfziger versetzen. Ganz besondere Töne, wie das Ultramarinblau, mit dem Yves Klein seine berühmten Schwämmefärbte, oder das Coelinblau, das Claude Monet für Lufttöne verwendete, stellt die Schweizer Farbenmanufaktur KTColors her. Gründerin Katrin Trautwein produziert Pigmente mit echten Farberden und hochwertigen Halbedelsteinen wie afghanischem Lapislazuli, die zum Teil von Hand in Leinöl auf den Walzenstuhl eingerieben werden. Die „Gourmetköchin“ unter den Farbherstellern bietet darüber hinaus die 80 Farbtöne jener architektonischen Polychromie an, die Le Corbusier zwischen 1931 und 1959 entwickelte. Die Rezepte der Farbklaviatur, die Le Corbusier als optimal empfand, um die Schönheit von Architektur hervorzuheben, waren bis vor gut zehn Jahren in der Fondation Le Corbusier archiviert – bis Katrin Trautwein kam und die Farbtöne rekonstruierte.

Generell gilt: Je mehr Pigmente eine Farbe enthält, desto höher ist ihre Deck- kraft. Künstlich hergestellte Pigmente, die heute oft die natürlichen Erdfarben ersetzen, sind dabei effizienter – aber nicht unbedingt charmanter. Wie Farben wirken, ist aber nicht nur eine Frage der Pigmente, sondern genauso des Trägermaterials. Die meisten Hersteller bieten Farben in matten, seidenglänzenden und wischfesten Bindemitteln an. Um eine besonders matte oder pudrige Oberfläche zu erzielen, fügt Susanna Leiser ihren Farben Mattierungspulver bei – Perlmutt oder Blütenpollenstaub –, verwendet spezielle Grundierungen und trägt die Farbe schon mal mit Gummispachtel auf: „Die Oberfläche kommuniziert die Farbe – und gibt einem Raum erst seine gewisse Sinnlichkeit.“