Die Kunst der Kurve
Schöner Wohnen | Januar 2013

Seit 25 Jahren stellt die Koreanerin Young-Jae Lee in Deutschland Steinzeug her, das in aller Welt gefragt ist.
Ein Besuch in der Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe
in Essen. Seit über 1000 Jahren wird Keramik in Asien hergestellt, und doch beschloss eine junge koreanische Kunststudentin Anfang der 70er Jahre, von Seoul nach Deutschland zu gehen, um das Handwerk zu lernen. Schuld daran war der „Segerkegel“. Dem kleinen Tonkegel, dessen Krümmungsgrad die Brenntemperatur im Ofen verrät, haben wir es zu verdanken, dass eine der berühmtesten Keramikerinnen Koreas heute in Essen wohnt und arbeitet. Segerkegel wurden damals in Deutschland hergestellt, und folglich dachte Young-Jae Lee, dieses Land in Europa müsse sich besonders gut eignen, um alles über Glasur und Brenntechnik zu lernen.

Das Brennen hat sie gelernt und noch vieles mehr. Young-Jae absolvierte Praktika, studierte Keramik und Formgebung in Wiesbaden und verbrachte Jahre damit, an der Drehscheibe zu arbeiten. „Der Drehvorgang hat mich immer fasziniert“, sagt die heute 62-Jährige, „es ist eine so leichte, natürliche Bewegung, die aus einem Klumpen Ton ein Gefäß entstehen lässt. Unter deinen Händen wächst eine Figur, von unten nach oben, von innen nach außen.“ Für Young-Jae Lee ist Keramik eine Abstraktion des menschlichen Körpers. „Nicht umsonst bezeichnet man in vielen Sprachen die Teile eines Gefäßes wie menschliche Körperteile. Eine Vase hat Lippe, Hals, Bauch und Fuß.

1986, da arbeitete sie gerade als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule in Kassel, hörte Young-Jae, dass die Leitung der Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe neu besetzt werden sollte. Sie bewarb sich um die Stelle, zog nach Essen in die von Margarethe Krupp 1924 gegründete Werkstatt und begann, die Manufaktur neu zu organisieren. Sie besann sich auf die formgebenden Prinzipien des Bauhauses und entwickelte ein Manufakturgeschirr, von dem jedes Teil „gut zu drehen, gut zu nutzen und gut zu kombinieren“ sein sollte. 25 Grundelemente gehören heute zur Geschirrserie und sechs Farben, die zueinander passen: Grün-, Grau- und Brauntöne. Geändert hat sich kaum etwas daran in den vergangenen 25 Jahren, nur die Größen der Teller und Schalen wurden mit der Zeit angepasst. Das ist Young-Jae sehr wichtig. „Es ist anspruchsvoller, Qualität zu halten, als immer neue Formen zu finden.“ Da ergänzen sich die Bauhaus-Grundsätze wundervoll mit koreanischen Traditionen. In der asiatischen Kultur ist die ständige Neuerfindung der Form weniger entscheidend als die vollkommene Beherrschung des vorhandenen Repertoires.

Von der Komplexität dieses Handwerks bekommt jeder eine Vorstellung, der Young-Jae und ihre Mitarbeiter in der Werkstatt besucht. Sie liegt direkt neben der Zeche Zollverein in einem alten Baulager, vor dem ein kleiner, asiatisch anmutender Garten angelegt ist. Am Fenster sitzt Daniela Glattki an ihrem Ar- beitsplatz, nimmt einen Abschnitt Ton, Steinzeugmasse aus dem Westerwald. Sie formt einen Becher – mit einer Bewegung, die kraftvoll beginnt und in einer eleganten Kurve endet. Dann stellt sie das Gefäß auf einen Arbeitstisch zu den bereits gedrehten Bechern – und er sieht exakt gleich aus. Jahre hat die gebürtige Polin gebraucht, um diese Perfektion zu erlangen. Damit jedes Stück nur minimale Unterschiede erkennen lässt – und Käufer auch nach Jahren noch eine passende Tasse nachkaufen können –, fertigt jeder Mitarbeiter in der Margaretenhöhe immer die gleichen Stücke. Daniela ist für Trinkgefäße zuständig, Paulina formt die viereckigen Teller, Michael, schon seit 1972 in der Margaretenhöhe, töpfert die großen Gefäße und Teekannen.

„Diese Arbeit ist wie Meditation“, sagt Young-Jae. „Ein Keramiker verinnerlicht die Form und macht sie sich zu eigen. Seine Persönlichkeit beginnt, in die tägliche Arbeit einzufließen.“ Die Meisterin selbst dreht kein Seriengeschirr, sondern beschäftigt sich mit künstlerischen Arbeiten. Ihre Vasen werden von Museen und Galerien von Boston bis Tokio ausgestellt. Doch ihre Arbeit ist ähnlich meditativ wie die ihrer Mitarbeiter. „Ich nehme mir Archetypen von Gefäßen vor und drehe sie wieder und wieder“, erklärt Young-Jae Lee. „Das Spannende an Keramik ist die Wiederholung, denn selbst die kleinste Veränderung führt immer zu einem ganz neuen Ergebnis.“

www.kwm-1924.de