Kein Möbel ist so vielseitig wie das Regal. Warum manche Modelle es ins Museum schaffen, verrät Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Interview: Dorothea Sundergeld, Foto: Bert Heinzlmeier 

Das Regal selbst und seine Benutzung haben sich im vergangenen Jahrzehnt so stark verändert wie unser Leben. Florian Hufnagl erklärt, wie aus dem primär funktionalen Stauraum eine Bühne der Inszenierung wurde – und warum man auf manche Regale besser keine Bücher stellen sollte

Herr Hufnagl, wie viele Regale haben es bisher in die Neue Sammlung geschafft?

Einige – das älteste stammt von Bruno Paul und wurde 1908 für die Vereinigten Werkstätten entworfen. Es ist ein sehr schlichtes Regal, ein Anbausystem. Aber es war seiner Zeit extrem weit voraus. Als ich eine Ausstellung über die Gestaltung von Ikea kuratiert habe, habe ich das Bruno-Paul-Regal „Billy“ gegenübergestellt. Es zeigt, wie dieser innovative Entwurf aus der Zeit der Jahrhundertwende in Vergessenheit geraten ist und im 20. Jahrhundert wieder aufgenommen wurde.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Objekte für die Neue Sammlung aus?

Es gibt für mich zwei Kriterien: Funktionalität und Gestaltung. Dieter Rams’ 1960 für Vitsœ entworfenes System „rz 60“ („606“) ist ein Beispiel für ein Regal, das wegweisend in seiner Funktionalität und Gestaltung war. Flexibel, beliebig erweiterbar, in der Höhe verstellbar. Wir haben aber auch Regale, bei denen die Funktionalität eine unterge- ordnete Bedeutung hat, die dafür als Einzelmöbel repräsentativen Charakter haben, wie das „Carlton“ von Ettore Sottsass. „Carlton“ ist streng genommen gar kein Regal, sondern ein Statement zum Thema Regal. Sottsass, der ein sehr kluger Mann war, hat hier mithilfe des Designs über Design gesprochen. Mit seiner totemhaften Struktur und bunten Lami- natoberfläche sagt „Carlton“: „Ich bin das Regal! Neben mir soll nichts stehen!“ Auch lässt sich im Übrigen darauf kaum etwas stellen, denn Sottsass hat die Seiten so abgewinkelt, dass Bücher schief daran lehnen. Das ist der blanke Horror für jeden Buchliebhaber, weil der Buchblock aus der Bindung herausgeht.

Regale gibt es vermutlich schon, seitdem Menschen Bü- cher besitzen. Erklären Sie uns, wie sich dieses Möbel im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert hat?

Das geht Hand in Hand mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Früher hatte der Gelehrte noch seine Bibliothek – einen Raum, der der Funktion der Buchaufbewahrung vorbehalten war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Wohnungen kleiner. Wer sich keine Bibliothek leisten konnte, rückte das Regal ins Wohnzimmer. Wenn die Bücher dann immer mehr wurden, begann man, Regale auch auf den Gängen aufzustellen. So entstand der Bedarf an Systemmöbeln, und die Industrie reagierte darauf.

34 Und dann kam die große Zeit der Schrankwand?

Das ist ein klassisches Thema Ende der 50er Jahre. Da wurden wandbildende Wandschränke entwickelt, oft in Schleiflack. Ein wachsender, gebildeter Mittelstand hatte das Bedürfnis, seine Literatur, die Schallplatten etc. zur Schau zu stellen.

Und was macht die Schrankwand heute?

Ich halte sie für fast verschwunden, mit Ausnahme von Restbeständen. Die Gründe sind verschiedene. Zum einen gibt es einen Trend zum authentischen Einzelmöbel. Eine Entwicklung, die immer dann eintritt, wenn der prinzipielle Bedarf gedeckt ist und die bloße Funktion nicht mehr im Vordergrund steht. Ein wichtiger Grund ist auch die zu- nehmende Mobilität unserer Gesellschaft. Wir richten uns ja heute nicht mehr für die Ewigkeit ein, sondern ziehen öfter um.

Bringen veränderte Grundrisse und Lebensgewohnheiten auch neue Möbelformen hervor?

Ja, denn Design reagiert immer auf gesellschaftliche Veränderungen. Heute geht die Tendenz zum offenen Wohnen. Die Grundrisse unserer Wohnungen werden freier gestaltet, und da hat das Regal oft auch eine Raumteiler-Funktion.

Je mehr Bücher, Filme und Musik wir in digitaler Form besitzen, desto weniger Stauraum brauchen wir für sie. Wird das Regal irgendwann ganz aus unseren Wohnungen verschwinden?

Das glaube ich nicht. Die Anzahl der Regale in der Wohnung wird sich sicherlich verringern. Selbst jemand wie ich, der immer großen Wert auf eigene Bücher gelegt hat, benötigt heute weniger Bücher als früher. Das Thema Lexikon hat sich ja fast ganz erledigt. Informationen, für die ich früher Lexika benötigt habe, kommen heute aus dem Netz. Da brauche ich keine Regalmeter mehr, sondern nur eine Ablagefläche für meinen Laptop.

Was bedeutet das für den Möbeltypus Regal?

Wenn wir nicht mehr so viel Stauraum brauchen, wer- den wir uns auf wenige Bücher konzentrieren, die wir wie Kostbarkeiten behandeln und inszenieren. Seit der Jahrtausendwende gibt es daher immer mehr Regale, bei denen die Inszenierung des In-halts eine Rolle spielt. Bruno Rainaldi entwarf zum Beispiel das Regal „Ptolomeo“, das Bücher nicht mehr vertikal stapelt, sondern horizontal. Es sagt: Hier liegen meine Buchschätze.

Was sagt der Regalinhalt über einen Menschen aus?

Am Bücherregal kann man erkennen, ob jemand methodisch arbeitet oder nicht. Sieht es aus wie Kraut und Rüben? Oder sind die Bücher nach Größe aufgestellt oder nach Inhalt sortiert?

Mit welchen Regalen leben Sie zu Hause?

Mit einer Mischung. Da ich viele Bücher besitze, habe ich auch viele „Billy“-Regale. Dann gibt es „Ptolomeo“, in dem ein Bereich meinen privaten Liebhabereien vorbehalten ist. Und es gibt „Nan15“ von Nitzan Cohen, das ich sehr schätze. Es besteht aus Metallmodulen, die man unkompliziert auf- und abbauen und mit denen man das Regal beliebig erweitern kann. Die Mischung dieser drei erfüllt per- fekt die unterschiedlichen Bedürfnisse nach Funk- tionalität, Mobilität und Repräsentation.