Hans-Ulrich Obrist, Kurator und Autor, gilt als eine der einflussreichsten Personen der Kunstwelt. Eines seiner Spezialgebiete ist die Zukunft der Kunst in einer digitaler werdenden Welt. Von Dorothea Sundergeld (Interview) und Jürgen Teller (Foto) 

Audi magazin: Sie haben als Ausstellungskurator und im Rahmen Ihrer „Interview Projects“ schon über 2000 Interviews mit Künstlern, Wissenschaftlern, Architekten und Schriftstellern geführt. Was ist das wichtigste, das Sie aus diesen Gesprächen ziehen?

Dieses Archiv hilft mir zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Meine Neugier bringt mich immer wieder in neue Bereiche, in parallele Realitäten, um es mit einem Begriff aus der Quantenphysik zu sagen. Die Interview Projects sind für mich eine permanente Schule, ein Garten der Ideen und der Inspiration. Gespräche sind eine Werk- zeugkiste, in der man sich bedienen kann, um die Welt zu verstehen oder mit der Welt umzugehen.

Woher kommen derzeit die Impulse, die die Kunstwelt verändern?

Es tritt gerade eine neue Künstlergeneration auf den Plan – die erste Generation, die komplett mit dem Internet aufgewachsen ist. Um zu verstehen, was sie bewegt, habe ich gemeinsam mit dem jungen französischen Kurator Simon Castets vor Kurzem die Internetplattform „89 plus“ lanciert. Das Projekt ist noch im Entstehen, aber einige Hinweise kann man schon ablesen. Zum Beispiel, dass es heute eine Polyphonie der Zentren gibt. Das 20. Jahrhundert war noch stark geprägt von einer westlichen Idee der Kunst. Heute sind es alle Kontinente, auf denen sich etwas abspielt, nicht nur Europa. Es gibt heute auch keine Kunstmetropolen mehr wie Paris in den 50er Jahren oder New York in den 80ern. Dafür gibt es sehr dynamische Kunstszenen in Australien, Lateinamerika, Afrika.

Welche Auswirkung hat die Polyphonie der Zentren? Tre- ten Werte wie Vernetzung und Mobilität an die Stelle der Kunstmetropole?

Wir erleben gerade eine Phase der Globalisierung, die stärker ist als je zuvor. Es ist nicht die erste, aber si- cherlich die extremste Phase. Und diese Kräfte sind auch im Kunstbetrieb am Werke. Als Kunstschaffende können wir uns diesen Kräften entgegensetzen und uns auf das Lokale zurückziehen. Das heißt aber auch, die Chance des globalen Dialoges nicht zu nutzen. Sich der Globalisierung auszusetzen birgt aber die Gefahr, das die homogenisie- renden Kräfte überhand gewinnen – und am Ende alles

immer ähnlicher ausschaut. Die Lösung liegt im Dritten Weg: Einen globalen Dialog zu führen, der irgendwo lokal verankert ist. Eine andere Auswirkung ist das wachsende Interesse der Künstler für das Thema Erinnerung. Die Tatsache, das uns immer mehr Informationen zugänglich sind, bedeutet nicht, das wir mehr Erinnerungen haben. Es könnte sogar sein, das die Amnesie ein Teil unseres digitalen Zeitalters ist. Und das Erinnern ist eine Form von Widerstand dagegen.

Wie macht sich dieser Widerstand bemerkbar?

Nehmen wir zum Beispiel das Verschwinden der Handschrift – ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Wir schreiben immer weniger von Hand und in der jüngeren Generation kommt Handschriftliches kaum noch ins Spiel. Deshalb habe ich Ende letzten Jahres ein Instagram-Projekt lanciert, wo ich jeden Tag Handschriften von Künstlern und Schriftstellern poste. Das ist eine Möglichkeit, auf nicht nostalgische Art und Weise mit den digitalen Mitteln unserer Zeit Handschrift zurückzubringen.

Welche anderen Themen bewegen die aktuelle Künstler- generation?

Zum Beispiel das Wissen um die Grenzen des Wachstums prägt die Kunst von heute. Jemand wie Tino Seghal, einer der einflussreichsten deutschen Künstler, macht Kunst, ohne der Welt weitere Objekte hinzuzufügen. In Sydney haben mein Co-Kurator Klaus Biesenbach und ich gerade das Kaldor Public Arts Projekt „13 Räume“ eröffnet, eine Ausstellung, in der hinter 13 verschlossenen Türen jeweils eine lebende Skulptur stattfindet. Der Besucher öffnet eine Tür und betrachtet ein Kunstwerk, das zwar kein Objekt ist, aber die Dauer eines physischen Objektes hat. Es steht im Museum vom morgen bis zum Abend. Aber wenn das Museum am Abend schließt, dann geht die Skulptur nach Hause. Diese Tendenz ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass wir realisieren, das unsere Ressourcen endlich sind. Werke wie die von Tino Seghal können sich nie erschöpfen, sie sind im gewissen Sinne immer wieder neu.

Arbeiten Künstler heute anders als im 20. Jahrhundert?

Es gibt heute ganz andere Wege für junge Künst- ler, um sichtbar zu werden. Einer der bekanntesten Künstler der „89plus“ Plattform, Niko Karamyan alias „Niko the Ikon“ zum Beispiel hat Zehntausende von Followern auf allen möglichen Plattformen von Instagram über Twitter bis Facebook, er hat aber fast noch nie ausgestellt. Vor 20 Jahren konnte ein junger Künstler nur sichtbar werden, in- dem er auf einer Biennale war oder in einer Galerie oder einem Museum ausgestellt hat.

Entwickelt eine Generation, die permanent vernetzt ist, auch ein stärkeres Bedürfnis nach nicht mediatisierter, direkter Erfahrung?

Es geht immer um die Kombination von Linking und Delinking. In meiner Arbeit als Kurator gibt es viele Mo- mente, in denen dauernde Vernetzung von zentraler Be- deutung ist und andere, an denen ich alle Kanäle abschalte. Das sind Atelierbesuche, Konferenzen, Interviews, Zeiten, in denen ich schreibe. Ich beschäftige mich mit Social Me- dia, Twitter und Instagram, denn das funktioniert sehr gut für mich, zum Beispiel für das Handschriftenprojekt. Künstlern auf Instagram zu folgen, bedeutet, täglich ihre neuen Bilder zu sehen, das ist ein großer Gewinn. Gleichzeitig schaffe ich andere Kanäle ab. Ich telefoniere zum Beispiel nur noch, wenn ich eine Verabredung habe und beantworte nicht mehr dauernd alle Emails. Viele meiner Freunde sind per Email gar nicht mehr erreichbar, sondern nur noch per sms. Das ist eine Aufgabe unserer Zeit: Jeder muss den Mix von Linking und Delinking für sich selbst kuratieren. Viele der Gespräche, die ich für mein Interview Project führe, finden in Bewegung statt – im Auto, im Taxi, im Zug, im Flugzeug, im Park (Spaziergangsgespräche) – es sind bestimmt 1.000 Stunden in diesem 2000 stündigen Archiv, die in Bewegung aufgezeichnet werden. Gerade eine Autofahrt kann ein sehr konzentrierter Raum für ein Gespräch sein, denn sie hat eine zeitliche Begrenzung durch die Dauer der Fahrt. In diesen unendlichen Informa- tions- und Kommunikationsmöglichkeiten, die wir heute haben ist es wichtig, sich selbst auferlegte Einschränkungen zu finden.

Wenn die Gegenwartskunst der Röntgenapparat des Zukünftigen ist, welche Schlüsse können Sie dann aus der aktuellen Kunst für die Welt von Morgen ziehen?

Ich fand es als Kurator immer schwierig, über die Zukunft zu sprechen, denn das tut die Kunst einfach am besten selbst. Vor einem Jahr habe ich daher an die 100 Künstler gefragt, wie ihre Definition der Zukunft ist. Die Antworten waren sehr unterschiedlich – von „In der Zukunft haben wir möglicherweise keine Vergangenheit mehr“ (Daniel Birnbaum) über „Die Zukunft ist lecker“ (Hans-Peter Feldmann) oder „A future fuelled by human waste“ (Matthew Barney) bis zu „Die Zukunft wird ein Remake“ (Didier Fiuza Faustino). //

 

Hans Ulrich Obrist

wurde 1968 in der Schweiz geboren und studierte zu- nächst Ökonomie und Politik. Danach wandte er sich der zeitgenössischen Kunst zu und machte sich schnell einen Namen als erfolgreicher Kurator und Ausstellungsorganisator. Mittlerweile ist Obrist u.a. Co-Direktor der Ser- pentine Gallery in London sowie Gründungsmitglied der Akademie der Künste der Welt in Köln. Für die Jahre 2010 und 2011 wurde Obrist vom renommierten Fachmaga- zin Art Review auf den zweiten Platz der Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Kunstbranche gewählt. 2009 stand er in der Liste sogar ganz oben. Im Rahmen des von Audi gesponserten Events DLD (Digital-Life- Design) trat Obrist bereits als Sprecher und Moderator auf. Er hat zahlreiche Bücher und Texte veröffentlicht. Dazu gehören beispielsweise das Standardwerk „A Brief History of Curating“ sowie seine Interviewreihe „Conversation Series“ für die er Gespräche mit u.a. Zaha Hadid, Yoko Ono und Rem Koolhaas geführt hat.