Das Meiste vom Besten
Schöner Wohnen | August 2014

Mit neuen Materialien und Technologien brachten amerikanische Designer Mitte des 20. Jahrhunderts die organische Form ins Wohnzimmer – und entwarfen erschwingliche Möbel für den „American Way of Life“ 

Ein bisschen Hollywood muss sein. Als Wilton Carlyle Dinges, Gründer der Electrical Machine and Equipment Company (Emeco) in Pennsylvania, 1944 den Auftrag der US-Regierung erhielt, Stühle für die Marine herzustellen, war Aluminium das Material seiner Wahl. Schließlich sollten die Möbel, die für den Einsatz auf Kriegsschiffen und U-Booten geplant waren, es mit Wasser, Salz und Matrosen aufnehmen können. Ob die leicht ergonomische Sitzfläche des „Navy Chair“ wirklich nach einem Po-Abdruck der Schauspielerin Betty Grable geformt wurde, mag bei Emeco heute niemand mehr bestätigen. Vermutlich aber gefiel das Gerücht den Matrosen im Zweiten Weltkrieg – und half dem Stuhl bei seinem Aufstieg zur Designikone.

Es ist nicht die einzige, die eine Folge der Kriegsindustrie ist. In einer Wohnung in Los Angeles bastelte das frisch verheiratete Paar Ray und Charles Eames 1941 an einer selbstgebauten, „Kazam!“ genannten Maschine. Mit Hilfe von Membranen, einer Fahrradpumpe und Wasserdampf konnte die Maschine Sperrholzschichten pressen und in verschiedene Richtungen verformen – was bis dahin nur in eine Richtung gelungen war. Quasi in ihrem Wohnzimmer entwickelten die Eames’ ergonomisch geformte Beinschienen, die in großen Stückzahlen für verletzte Soldaten der US-Armee produziert wurden. Als der Krieg vorbei war, hatten sie die Technik so verfeinert, dass sie endlich den „Lounge Chair Wood“ herstellen konnten, dessen Prototyp Charles bereits 1940 in der Ausstellung „Organic Design in Home Furnishing“ im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt hatte. Die biomorphe Form, die bei der Beinschiene eine medizinische Notwendigkeit gewesen war, trug nun zu höherem Sitzkomfort bei und setzte den typischen Eames-Look: Leichtigkeit, an die menschliche Körperform angepasste, fließende Formen, eine unkomplizierte Eleganz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Amerika am Beginn seiner politisch und wirtschaftlich erfolgreichsten Ära, und das spiegelte sich in der Designwelt wider. Raymond Loewy verpasste dem „Studebaker Starliner Coupé“ eine dynamische Stromlinienform und blitzblanke Zierleisten aus Chrom. War es bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts noch das europäische Geschmacksdiktat, das den Look amerikanischer Wohnzimmer bestimmte, so erfand sich die Nation nun ganz neu. Die aus dem Krieg zurückkehrenden G.I.s wollten heiraten und Familien gründen, sie brauchten Häuser, Autos und Einrichtung. Die Fabriken, die während des Krieges Panzer produziert hatten, stellten nun Autos her, die über die frisch geteerten Straßen der Vororte rollten und vor neu gebauten Einfamilienhäusern parkten. Frank Lloyd Wright hatte mit seinen „Prairie Houses“ das typisch amerikanische L-förmige Wohnhaus mit offenem Grundriss erfunden, der aus Österreich eingewanderte Richard Neutra entwickelte es weiter zu den lichtdurchfluteten Häusern der kalifornischen Moderne.

Nach einer langen Phase der Depression und des Krieges waren die Amerikaner nun in Kauflaune – erschwingliche Gebrauchsgegenstände („good goods“) waren gefragt. Es galt, die Häuser der aufstrebenden Mittelklasse mit Einbauküchen, Bädern, Kühlschränken, TV-Geräten und allerlei Komfort auszustatten. Der Funktionalismus zog durch die Garage, die Küche und das Bad in die amerikanischen Haushalte ein. Design-Know-how brachten Einwanderer aus der alten Welt mit: An der Cranbrook Academy unterrichtete der finnische Architekt Eliel Saarinnen, am Black Mountain College in North Carolina dozierten Josef und Anni Albers, Bauhaus-Gründer Walter Gropius war nach Harvard und sein Nachfolger Mies van der Rohe nach Chicago emigriert. Eine Generation junger Designer kam aus diesen Talentschmieden und traf auf junge, dynamische Unternehmen wie Herman Miller oder Hans Knoll, die mit innovativen Technologien und neuen Materialien wie dreidimensional verformtem Schichtholz, Fiberglas und Drahtgeflecht die Möbel für eine neue Ära schaffen wollten. Hans Knoll, Spross einer Stuttgarter Möblerfamilie, heiratete die Architektin Florence Schust, die gut vernetzt war und Eero Saarinnen und Mies van der Rohe kannte. Von letzterem erwarben sie die Rechte, Sessel und Liege „Barcelona“ herzustellen – bis heute zwei der erfolgreichsten Produkte der Firma. Eero Saarinnen entwickelte für Knoll die „Pedestal Collection“ – die eleganten „Tulip“-Stühle und -Tische mit einem einzigen Fuß wirkten futuristisch wie aus einem Science-Fiction-Filmset.

Bei Herman Miller wurde George Nelson 1945 zum Designdirektor ernannt, entwarf allein im ersten Jahr 70 Möbel und begann, mit Charles und Ray Eames zusammenzuarbeiten. Auf die „Plywood Collection“ folgte 1950 die Weltneuheit: die erste Sitzschale aus Kunststoff! Die passte sich nicht nur komfortabel der menschlichen Körperkontur an, sie war auch in großen Stückzahlen kostengünstig herzustellen und erfüllte die Designmaxime der Eames’: „Das meiste vom Besten möglichst günstig für alle“ zu bieten. Rolf Fehlbaum, dessen Eltern mit ihrer Firma Vitra in den 50er Jahren die europäischen Produktions- und Vertriebsrechte von Herman Miller erwarben, erinnert sich: „Ich war 16, als die Eames das erste Mal zu uns nach Europa kamen. Amerika war damals ein absolutes Vorbild und die Möbel der Eames’ waren mehr als einfach nur Möbel. Sie waren eine Message aus einer anderen Welt, die sagte: ’Alle Probleme können gelöst werden‘. Das Ideal, dass man mit Stühlen und Tischen die Welt verbessern kann, schwingt bei mir bis heute nach.“

Es war der pure Optimismus des „American Way of Life“, der in diesen Entwürfen zum Ausdruck kam. „Die Eames’ setzten der europäischen Moderne, die ja eher streng und dogmatisch war, eine kalifornische Entspanntheit und Leichtigkeit entgegen“, erklärt Rolf Fehlbaum den Zauber dieser Ära, dank der das elterli- che Ladenbaugeschäft zu einem globalen Designunternehmen wuchs. Die Leichtigkeit, die Nelson, Eames, Saarinnen & Co in die Wohnzimmer brachten, setzte Alexander Girard mit Dekorationsobjekten und Textildesign um. Auch die Tische wurden mit organischen Formen gedeckt. Russel Wrights Steingutgeschirr „American Modern“ kombinierte stapelbare, multifunktionale Gefäße und Platten mit ungewöhnlichen Farben und geschwungenen Formen für den informellen amerikanischen Alltag. Biomorphe Formen wurden allgegenwärtig. „In den 40er Jahren bekamen Möbel, Geschirr und alle möglichen anderen Dinge auf einmal weiche Konturen, als würden sie schmelzen wie die Uhren in Dalís Bildern“, schrieb die Keramikerin Eva Zeisel, die 1938 aus Ungarn in die USA emigriert war.

Mit der Einführung von Tupperware und den ersten glasfaserverstärkten Plastiksitzschalen traten Kunststoffe ihren Siegeszug durch die Designwelt an – sie ermöglichten immer günstigere, immer schneller konsumierbare Produkte. Am Ende dieser Entwicklung stand die globalisierte Wegwerfkultur mit dem Phäno- men des „eingebauten“ Verfallsdatums, doch Mitte des Jahrhunderts war von den Schattenseiten der Konsumgesellschaft noch längst keine Rede. „In den 40er und 50er Jahren waren wir jung. Der Krieg war vorbei, wir hatten Frieden und Wohlstand “, schrieb George Nelson, „Die negativen Seiten, Umweltverschmutzung, Energieknappheit und der Verfall der Städte, waren nur eine kleine Wolke am Himmel, nicht größer als eine Männerhand.“

Erste Risse bekam der Mythos des „American Way of Life“ Anfang der 70er Jahre, als die Ölkrise und der Bericht des Club of Rome die Endlichkeit des Wachstums vor Augen führten. Nachhaltigkeit wurde erstmals zum Thema. Der kalifornische Architekt Frank O. Gehry reagierte mit „Easy Edges“, einer Serie von Möbeln aus Wellpappe. Stühle wie der „Wiggle Chair“ waren stabil, innovativ und brachten Gehry Ruhm und Ehre, konnten sich aber aufgrund ihres hohen Preises nie als Massenprodukt durchsetzen.

Während das Midcentury-Modern-Design in den letzten Jahren ein großes Comeback erfahren hat – und der „Plastic Side Chair“ in Lofts, Studentenbuden und Wohnzeitschriften allgegenwärtig ist – ist die aktuelle Generation amerikanischer Designer überschaubar geworden. „Im Vergleich zu Europa haben US-De- signer keine lange Handwerkstradition, auf die sie zurückblicken können“, erklärt Jacques Barret, der in seiner Pariser Galerie Triode zeitgenössisches Design aus den USA ausstellt. „Amerikanisches Design war immer von der Suche nach praktischen, gut verkäuflichen Produkten geprägt. Paradoxerweise wendet sich die junge Generation von der Industrie ab und sucht ihr Glück in handwerklich gefertigten Kleinserien und limitierten Editionen.“

Prominentestes Beispiel ist der New Yorker Stephen Burks. Nach- dem er einige Jahre lang erfolgreich Luxusgegenstände entworfen hatte, bekam er eine Sinnkrise und suchte nach einem Weg, ökologisch und sozial verantwortungsbewusst zu arbeiten. 2005 ging er mit „Aid to Artisans“ nach Südafrika und entwickelte Kollektionen mit Handwerkern, die viel mit recycelten Materialien arbei- ten. Es folgten Kollektionen für Moroso, Dedon, und dieses Jahr zeigte Stephen Burks in Mailand eine Solo-Ausstellung mit „Manmade“-Design. Nicht nur Designer, auch amerikanische Unternehmen haben heute das Thema Nachhaltigkeit verinnerlicht. Seit drei Jahren stellt Emeco den „Navy Chair“ in einer Kunststoffversion her – aus 111 recycelten PET-Flaschen.