Polymorphe Metropole
Häuser 02 | 2014

Berlin ist grüner, weitläufiger, geschichtsträchtiger und unangepasster als andere Städte. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung lockt die deutsche Kapitale noch immer mit experimenteller Architektur und Orten, die besondere Geschichten erzählen.  Berlin sei dazu verdammt, „immerfort zu werden, aber niemals zu sein“, schrieb der Kunstkritiker Karl Scheffler in seinem Buch „Berlin, ein Stadtschicksal“. Das war 1910 und lässt erahnen, dass Berlin schon vor über 100 Jahren schonungslos mit seinem gebauten Erbe umging, weshalb man heute in der 800-jährigen Stadt nur vereinzelt Gebäude aus dem Mittelalter, aus der Renaissance- oder Barockzeit findet.

Am stärksten geprägt ist das heutige Stadtbild von der Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, von Fabrikgebäuden und Mietskasernen mit ihren Seitenflügeln und dunklen Hinterhöfen, die während der Industrialisierung gebaut wurden. Ein urbanes Zentrum hatte Berlin einmal – zu seiner Blütezeit in den zwanziger Jahren. Da war es weltoffene Metro- pole, die zweitgrößte europäische Stadt nach London und das Zuhause der Avantgarde. Der Potsdamer Platz, verkehrsreichste Kreuzung des Kontinents, verfügte über die erste Ampelanlage Europas und war Epizentrum großstädtischer Vergnügen. Doch dann trugen NS-Herrschaft und die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges ihren Teil dazu bei, dass Schefflers Satz auch Jahrzehnte später noch Gültigkeit behalten sollte: Berlin wurde zu einem Ort der Leerstellen. Mit der Mauer entstand ein Bauwerk, das die Stadt in zwei Teile trennte, die sich fortan bemühten, mit den Mit- teln der Architektur zum städtebaulichen Aushängeschild ihres jeweiligen politischen Systems zu werden. Im Ostteil entstanden der Prachtboulevard der Stalinallee und der weithin sichtbare Fernsehturm am Alexanderplatz. Der Westen reagierte mit visionären Siedlungsbauten im Hansaviertel und einer dynamisch geschwungenen Kongresshalle in Tiergarten, um sich als „Schaufenster der freien Welt“ zu inszenieren.

Mit dem fall der mauer wurden die Karten ein weiteres Mal neu gemischt: Die Wiedervereinigung erforderte die Planung von Regierungsbauten und Verkehrsknotenpunkten, die Sanierung von Wohnquartieren und Museumsinsel und die Neugestaltung von Plätzen, die jahrzehntelang Brachland waren und auf einmal wieder im Zentrum lagen. Knapp 25 Jahre später sind die meisten großen Bauprojekte abgeschlossen, doch an einem Zentrum mangelt es der Hauptstadt noch immer. Der Potsdamer Platz zieht Kinobesucher an, konnte sich aber nicht wieder zu dem Ort bürgerlicher Vergnügungen aufschwingen, der er mal war. Der Alexanderplatz ist Durchgangsort und von anonymer Hotelkettenarchitektur dominiert.

Der Reiz der Hauptstadt liegt heute in ihrer Heterogenität, in dem Konglomerat von Zentren, die individuelle Entwicklungen durchlebt haben. In der ständigen Veränderung, Umnutzung und Wiederentdeckung von Orten. Man findet diese Plätze abseits der großen Boulevards. In Mitte, wo die ehemalige jüdische Mädchenschule, ein Backsteinbau aus den dreißiger Jahren, behutsam in einen Kultur- und Genussort verwandelt wurde. Auf dem Pfefferberg in Prenzlauer Berg, wo im vergangenen Jahr gerade das kleine, feine Museum für Architekturzeichnung eröffnet hat, dessen sandfarbene Betonkuben im Kontrast zu den Backsteinfassaden der alten Brauerei stehen. Oder auf dem Bötzow-Areal, wo man in der Bar „Le Croco Bleu“ zwischen lackierten Tanks und ausgestopften Tieren im Maschinenraum einer 1949 stillgelegten Brauerei sitzt und Cocktails aus Kristallschalen trinkt.

Ein feinmaschiges Netz unter der Decke hält die blätternde Farbe aus den vierziger Jahren davon ab, auf die Köpfe der Gäste zu rieseln. Verändert wurde so wenig wie nötig – schließlich ist es das Authentische, Industrielle, was die Leute so schätzen. Dabei sind es nicht nur Vorkriegs- und Industriebauten, die es zu entdecken gibt. Im ehemaligen West-Berliner Zentrum wird in diesem Frühjahr das Bikini-Haus wiedereröffnet. Der 1955 bis 57 erbaute Flachdachbau war einmal glamouröse Shoppingmeile, wurde in jüngerer Vergangenheit aber nur noch von Ein-Euro- Shops und Billig-Elektromärkten genutzt. Nun sollen ein junges, vom Berliner Werner Aisslinger gestaltetes Designhotel („25 Hours“), das wiedereröffnete Zoopalast-Kino und eine Terrasse mit Blick auf den Zoo helfen, das denkmalgeschützte Haus erneut als hippen Ausgeh- und Einkaufsort zu etablieren.

es gibt viele Wege, sich dem polymorphen Berlin zu nähern: Man kann sich Siedlungsbauten zum Thema machen und die Arbeiterpaläste der Karl-Marx-Allee, die Nachkriegsmoderne von Le Corbusier, Niemeyer und Aalto im Hansaviertel, die Sozialbauten der Siebziger oder die preisgekrönten Baugruppenprojekte von heute aufsuchen. Man kann dem Fußabdruck der Berliner Mauer und den Veränderungen der vergangenen 25 Jahre nachgehen, denn DOM-Publishers hat diesem Bauwerk 2013 einen eigenen Architekturführer gewidmet. Man kann der Empfehlung des Schauspielers und Publizisten Hanns Zischler folgen („Berlin ist zu groß für Berlin“, Galiani Berlin, 2013) und am Brixplatz in den Bus Nummer 104 steigen. Der befördert seine Fahrgäste einmal quer durch die multizentrische Stadt, vom bürgerlichen Charlottenburg über Schöneberg, Tempelhof, Neukölln bis zur Halbinsel Stralau, die noch vor 20 Jahren ein verlassener, halbindustrieller Ort am Stadtrand war und heute mit Wohnbauten zugepflastert ist.

Unterwegs begegnet man Denkmälern und Alltags- bauten, Kirchen und Moscheen – und Berlinern, die sich ebenso heterogen geben wie ihre Stadtviertel, mal mit Perlenohrring, mal mit Lippenpiercing. Man kann sich auch den Leerstellen widmen, die sich die Berliner selbst aneignen. Die berühmteste Brache der Stadt dürfte derzeit das Tempelhofer Feld sein: Vom Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. als Paradeplatz angelegt, im 19. Jahrhundert als Sportplatz genutzt, von den Nationalsozialisten mit dem damals größten Gebäude Europas bebaut, wurde es für die Berliner zum überlebenswichtigen Ziel der Luftbrücke während der Blockade 1948 – und später zum zentrumsnahen Kleinflughafen. 2008 startete hier das letzte Flugzeug, 2010 wurde das Flugfeld für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die es sich mit Flugdrachen, Grillzangen und Gemüsebeeten aneignete. Auch hier ist Veränderung programmiert: Im Mai dürfen die Berliner per Volksentscheid abstimmen, ob die 380 Hektar große Freifläche teilweise bebaut werden soll oder als Leerstelle inmitten der Stadt erhalten bleibt.