Wie Technologie und gesellschaftlicher Wandel unser Wohnen verändern, warum unsere Häuser in Zukunft immer öffentlicher werden und was das Zuhause zu einem schützenswerten Raum macht “The Store” im Berliner Soho House ist ein einladender Ort: Ein Concept Store, in dem man auf gemütlichen Sofas schöne Bücher blättern kann oder mit Freunden und Fremden an runden Tischen sitzt. Man kann sich einen grünen Smoothie von der Bar holen oder leckere Salate essen, während die Begleitung Schuhe anprobiert oder sich eine schnelle Maniküre verpassen lässt. Es kann vorkommen, das in der Showküche im Hintergrund zwei sehr gut aussehende Londoner Food-Bloggerinnen erklären, wie ihr neues Buch zustande gekommen ist – und alles so entspannt und unterhaltsam ist, dass man den ganzen Tag verweilen möchte. „The Store“ passt zu einem Trend, der schon seit einiger Zeit in Restaurants und Hotels zu beobachten ist: öffentliche Orte werden immer gemütlicher. Hotellobbys, Gasträume und Geschäfte sind heute immer öfter wie Wohnzimmer gestaltet, mit liebevoll zusammengetragenen Accessoires, Retromöbeln und familiärer Atmosphäre.

Parallel dazu verändert sich auch unser Wohnen – und zwar in die entgegengesetzte Richtung. War die bürgerliche Wohnung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Rückzugsort der Kernfamilie, wo die Welt der Arbeit und der gesellschaftlichen Verpflichtungen ausgeblendet wurde – so wird dieser Kokon des Privaten heute aufgebrochen. Wohnen im digitalen Zeitalter wird immer öffentlicher – und seitdem steht die Frage im Raum, wie wichtig uns die Errungenschaft der Privatsphäre ist. Das Zuhause ist nach der Kleidung unsere dritte Haut – eine Schutzhülle, die es zu erhalten gilt.

Eigentlich ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel passiert – sollte man meinen. Wo immer in der Welt der Industrienationen jemand die Tür zu einer Wohnung öffnet, werden wir dahinter Küche und Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer finden. Es wird Schränke und Türen geben, fließend Wasser und vermutlich einen Tisch mit Stühlen. Auch die Typologie der Möbel hat sich seit der vorangegangenen Generation kaum verändert. Betten sind vielleicht ein paar Zentimeter länger geworden, aber Tische haben immer noch vier Beine. Die Möbelklassiker der 20er, 50er und 60er Jahre sind heute wieder so populär, dass der Eindruck entstehen könnte, wir würden wie unsere Großeltern leben wollen. Und doch hat sich die Art, wie wir unsere Wohnungen nutzen, in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Das Zuhause ist von einer festen Burg der Beständigkeit zu einem Ort des permanenten Wandels geworden.

Wie wir wohnen, spiegelt einen gesellschaftlichen Wandel: Weil unsere Familien- und Berufsplanung nicht mehr so geradlinig verlaufen wie die unserer Eltern und Großeltern, ziehen wir heute öfter um, leben vielleicht in wechselnden Patchwork-Konstellationen oder pendeln zwischen verschiedenen Städten und Wohnungen. Wir sind beruflich wie privat mobiler als unsere Vorfahren. Der Anteil der Single-Haushalte liegt heute bei über einem Drittel, mit steigender Tendenz. In den 50er Jahren lebten noch 75 Prozent der Deutschen als Familie zusammen, heute sind es nur noch etwa 60 Prozent. Wer in der Generation unserer Eltern eine Familie gründete und eine Immobilie kaufte, richtete sie noch im Bewusstsein ein, dort sein Leben zu verbringen. Die Investitionen sahen entsprechend aus: eine Sitzgarnitur vor dem TV-Gerät als Zentrum der familiären Kommunikation, ein repräsentatives Ess- zimmer und eine Schrankwand für die 23-bändige Brockhaus-Aus- gabe gehörten dazu. Heute haben wir andere Ansprüche an unsere Möbel. Die Schrankwand hat ausgedient – das Lexikon steckt im Computer, und wer damit rechnet, in ein paar Jahren wieder umzuziehen, kauft lieber Möbel, die sich verschiedenen räumlichen Situationen anpassen können. Modulare Regale und multifunktionale Möbel sind gefragt.

Die Art, wie wir unsere Räume nutzen, wird immer flexibler. Wohnraum und Küche verschmelzen, Privatleben und Arbeit sind weniger leicht voneinander zu trennen – und vieles davon hat mit der Digitalisierung unserer Haushalte zu tun.

Das Familienleben findet nicht mehr auf der Sitzgruppe im Wohnzimmer statt, seit wir mit Smartphones und Tablets ausgerüstet sind und jeder von überall aus seiner individuellen Kommunikation nachgehen kann. Eltern von Teenagern wissen: Wann immer sie unangekündigt ein Kinderzimmer betreten, verschwinden Tablet-PCs unter Bettdecken oder Schulbüchern, und schimmern dort verräterisch. Wo früher die ganze Familie gemeinsam vor dem Fernseher saß, um sich den „Tatort“ anzugucken, sieht heute jeder das, was er will, auf dem internetfähigen Gerät seiner Wahl. Dank Mediatheken und Streaming-Diensten sind wir nicht mehr auf Fernsehprogramme angewiesen. Und dank WLAN können wir jede Ecke der Wohnung in einen individuellen Rückzugsort verwandeln. Wir skypen in der Badewanne, kaufen Schuhe sonntag- morgens im Bett und arbeiten die E-Mails vom Sofa aus ab. Tische wollen mal als Computerarbeitsplatz, mal als Bastelunterlage und mal für ein Essen mit Freunden genutzt werden. Sie stehen seltener im repräsentativen Esszimmer, sondern eher im Zentrum des offenen Wohn-Ess-Bereichs, für barrierefreie Kommunikation zwischen Küche und Wohnzimmer. Statt der Sitzgruppe vor dem Fernseher kaufen wir gemütliche Sofas, von denen aus wir online shoppen, arbeiten und unsere sozialen Netzwerke pflegen. Die Öffentlichkeit lassen wir bereitwillig daran teilhaben, wenn wir Fotos auf Facebook oder Instagram posten, unsere Playlists mit Freunden in aller Welt teilen und auf Wohnblogs mitteilen, in welcher Farbe wir unsere Küche streichen wollen.

Und das ist erst der Anfang: Das Internet der Dinge zieht in unsere Häuser ein und wird unser Wohnen noch weitgehender verändern. Schon heute leben knapp sechs Prozent der Deutschen in vernetzten Häusern. Sie steuern ihre Jalousien, Heizung, Licht und Musik per Smartphone. Die nächste Generation der intelligenten Haustechnik geht noch weiter: Die Geräte werden untereinander kommunizieren und machen das Leben noch etwas bequemer: Thermometer werden registrieren, wann die Bewohner im Haus sind, und die Heizung entsprechend einstellen. Fenster lüften ganz von selbst und warnen per SMS, wenn zum Beispiel eine Scheibe beschädigt wird. Unser Leben wird sicherer, energieeffizienter und komfortabler, wenn Hausgeräte, Heizungsanlagen und Türschlösser mitdenken. Bewegungsmelder und Kameras werden Einbrecher abschrecken. Ältere, allein lebende Menschen werden sich geschützter fühlen, wenn Sensoren im Haus einen Notfall registrieren können. Manche Innovation ist Luxus, an den wir uns gewöhnen könnten: der Staubsaugerroboter, der per Internet gesteuert werden kann; die Matratzenauflage, die unseren Schlaf trackt und mit Heizelementen die Temperatur unter der Bettdecke reguliert; dazu passend der Wecker, der unsere Schlafphasen registriert und uns sanft im richtigen Moment weckt; Leuchten, die nur dann Strom verbrauchen, wenn jemand im Raum ist, und die Lichttemperatur auf die Tageszeit und unsere Tätigkeiten abstimmen: hell wie ein blauer Morgenhimmel, wenn wir arbeiten müssen, warm wie Kerzenschein, wenn wir zur Ruhe kommen wollen.

Die Bewohner der intelligenten Häuser müssen noch nicht einmal viel von Technik verstehen, denn im Internet der Dinge lernen die Geräte, sich unseren Bedürfnis anzupassen. In New York entsteht zurzeit der Hochhauskomplex „Hudson Yards“, dessen Wohnungen komplett vernetzt sind, von Heizung, Lüftung und Lichtsystem bis zu den einzelnen Hausgeräten. Sensoren sollen die Nutzungsgewohnheiten der Bewohner erfassen, auswerten und zum Beispiel Temperatur und die Belüftung so regeln, dass möglichst wenig Energie verbraucht wird. Auch in Hamburg-Rotherbaum wird zurzeit ein Apartmenthaus gebaut, in dem Haustechnik und Geräte miteinander vernetzt sind. Per Smartphone sollen im „Apartimentum“ Türen geöffnet, Badewannen eingelassen, Musik und Beleuchtung gewählt werden. Kühlschränke werden merken, wenn die Milch zur Neige geht, und Nachschub bestellen. Die Badewanne wird wissen, bei welcher Temperatur wir am liebsten baden, das Schlafzimmerfenster wird sich kurz vor dem Schlafengehen noch mal zum Stoßlüften öffnen, die Kaffeemaschine starten, wenn der Wecker morgens klingelt.

Das bedeutet aber auch: Der digitale Schatten, den wir in unseren eigenen vier Wänden produzieren, wird unsere Wohnungen immer öffentlicher machen. Die Spuren, die wir im Internet hinterlassen, wenn wir einkaufen, Reisen buchen, Themen recherchieren und unsere Netzwerke pflegen, ergeben schon heute ein facettenreiches Bild unserer Interessen und Konsumgewohnheiten. Sie werden durch die Informationen, die unsere Wohnungen sammeln, vervollständigt werden.

Heute schon treffen wir überall auf personalisierte Werbung, wenn wir online einkaufen. Das gibt einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, wenn auch Kühlschrank, Badewanne und Kaffeemaschine persönliche Daten über ihre Besitzer sammeln. Sollte die Prognose von Googles Chefingenieur Ray Kurzweil zutreffen, dann werden Computer im Jahr 2029 schlauer sein als Menschen. Unsere mitdenkenden Hausgeräte könnten dann aktiv dabei helfen, unser Leben zu optimieren. Der Kühlschrank würde nicht nur registrieren, ob Milch, Butter oder Schokoladenpudding fehlen. Er könnte sich mit der Körperwaage kurzschließen und, statt Schokoladenpudding nachzubestellen, uns einen fettarmen Joghurt empfehlen. Würden wir das wollen?

Privatsphäre ist eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Noch im 19. Jahrhundert lebte man in bürgerlichen Häu- sern mit Großfamilie und Personal zusammen. Wohnungen hatten keine Flure, sondern eine Reihe von Durchgangszim- mern, in denen verschiedene Menschen wohnten und arbeiteten. Auf Bauernhöfen war das Private ohnehin nie vom Arbeitsleben getrennt. Erst mit der Industrialisierung entstanden Arbeitsplätze, die abseits vom Wohnort lagen – aber auch in den Mietskasernen, die im 19. Jahrhundert in Ballungszentren gebaut wurden, lebten viele Menschen in einem Raum, oftmals unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Erst die Moderne hat die Vorstellung von einer Wohnung als privatem Rückzugsort geprägt, wie wir sie heute kennen. Im 21. Jahrhundert ist sie nicht mehr so häufig das Nest einer Kernfamilie – wodurch sie aber nicht an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Nie war uns der private Rückzugsort so wichtig wie im digitalen Zeitalter. Versandhändler Otto fragte die Deutschen im Rahmen einer Wohnstudie, was ihnen „zu Hause“ bedeute. 90 Prozent der Befragten gaben an, dass zu Hause ein Ort der Geborgenheit sei. Sich zu Hause wohlzufühlen ist ihnen wich- tiger, als ein repräsentatives Auto zu fahren – was nur 15 Prozent als wichtig empfinden. 87 Prozent sehen in ihrer Wohnung ihren per- sönlichen Rückzugsort, an dem sie sein können, wie sie sind. Das Zuhause mag sich wandeln – von einer Festung des bürgerlichen Lebens zu einem flexiblen Ort, an dem wir ar- beiten, leben, kochen, essen, einkaufen, uns amüsieren und uns ausruhen. Es mag kleiner sein als die Häuser unserer Eltern und öfter mal den Ort wechseln, wenn uns ein neuer Lebensabschnitt in eine andere Stadt verschlägt. Technologien helfen, unser Zuhause sicherer und komfortabler denn je zu machen. Aber es sollte ein Rückzugsort bleiben. Ein Ort, an dem wir gesund oder ungesund, sparsam oder verschwenderisch leben und der voller vertrauter Gegenstände ist, die nicht alles über uns wissen müssen. Sonst könnte es eines Tages passieren, dass wir im ConceptStore mehr Privatsphäre finden als in unseren eigenen vier Wänden.