Wohnen mit Farbe
Architektur & Wohnen | April/Mai 2011

Farbe bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen und wie wir uns zuhause fühlen. Räumen verleiht sie Persönlichkeit und Temperatur, Intimität und Größe. Damit das gelingt, sollte man Farbe komponieren wie ein Musikstück.  [weiter]

Wohnen mit Farbe
Architektur & Wohnen | April/Mai 2011

Farbe bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen und wie wir uns zuhause fühlen. Räumen verleiht sie Persönlichkeit und Temperatur, Intimität und Größe. Damit das gelingt, sollte man Farbe komponieren wie ein Musikstück. 

Wer nach dem Urlaub in südlichen Ländern nach Deutschland zurückkommt, stellt sich oft die Frage: Warum gibt es bei uns denn so viele schwarz gekleidete Menschen in weiß getünchten Räumen? Warum gehen andere mit Farbe so viel mutiger um? Funktioniert das Limonengrün und Pink, das indische Fassaden selbst im fahlen Licht der Leuchtröhren noch fröhlich aussehen lässt, auch in einer Küche in Hamburg? Lässt sich das Knallgelb oder Himmelblau des großen Architekten Luis Barragán aus Mexiko nach München holen? Oder verhält es sich mit Farbe so wie mit dem Dessertwein, der im Italienurlaub köstlich war, zu Hause aber fade schmeckt und nun in der Hausbar einstaubt?

„Uns ist die Kultur der Farbe im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen“, glaubt der Hamburger Interior Designer Peter Nolden. „Danach hat man schnell und billig gebaut, die schlecht verputzten Wände mit Raufasertapete beklebt und weiß gestrichen. Schauen Sie mal nach England! Dort finden Sie weder Raufaser noch weiße Wände.“ Dabei gibt es auch in Deutschland eine Tradition für farbige Innenräume. Bayerische Barockkirchen und preußische Villen sind innen mit zarten Tönen bespielt. Bauhaus-Architekten setzten Farbe ein, um die räumliche Tiefe ihrer Gebäude zu betonen. Bruno Taut bemalte die Fassaden der Berliner Gartenvorstadt so bunt, dass sie den Spitznamen „Kolonie Tuschkasten“ trug. Und Le Corbusier gestaltete die Außenwände seiner Häuser in der Stuttgarter Siedlung am Weißenhof in Rosa- und Blautönen, während die Innenräume rosé, englischrot, hellblau und schokoladenbraun gestrichen wurden. Und auch in den 70er-Jahren unternahm das deutsche Wohnzimmer Ausflüge in Gelb, Orange und Braun.

Seither regiert Weiß – und immer noch bevorzugt auf Raufaser. Für Peter Nolden ist das ein Grauen. Er ließ sich von englischen, skandinavischen und preußischen Landsitzen zu einer eigenen Farben-Kollektion inspirieren. Aber auch seinen Kunden fällt es nicht immer leicht, sich von ihren weißen Wänden zu trennen. „Die meisten wollen nur eine Wand streichen“, erzählt Nolden. „Ich versuche dann, ihnen Mut zu machen, doch den ganzen Raum zu verändern.

Was stellt Farbe mit Räumen an? Wie stimmt man Nuancen aufeinander ab? Und welche Farbe passt zu welchem Raum? Susanna Leiser, ausgebildete Farb- und Raumpsychologin in München, gestaltet Räume für Firmen und Privatkunden. Ein gutes Farbkonzept beginnt für sie gar nicht einmal mit der Entscheidung für eine bestimmte Farbe, sondern mit Farborganisation. „Sie prägt den Charakter eines Raumes“, betont Susanna Leiser. „So sollte man eine zentrale Fläche betonen, weil das dem Raum Ruhe gibt. Wenn Linien, Säulen oder Heizkörper farblich hervorstehen, geschieht das Gegenteil.“ Anders ausgedrückt: Wenn man einen ganzen Raum in Aubergine streicht, sollte man Rohre und Heizkörper nicht Weiß lassen. Harmonie entsteht, wenn ein Farbkonzept alle Räume mit einbezieht. Für jeden Raum sollte man sich drei, vier Farben aussuchen, die sich auch in bereits vorhandenen Textilien oder Möbeln finden. „Wenn man die Farben nebeneinander legt, sollten sie alle zusammenpassen“, erklärt Susanna Leiser.

Ob man das Esszimmer in kommunikativem Orange oder in dramatischem Nachtblau will und das Schlafzimmer in transzendentem Blau oder einem höhlenhaften Schokoladenbraun, ist eine Frage der Persönlichkeit – und Intention: Kühle Farben lassen Räume größer wirken, warme Farben kleiner, aber auch gemütlicher. Monochrome Anstriche helfen, in ungleichmäßig geschnittenen Räumen Fehler auszugleichen. In symmetrischen, hellen Zimmern wiederum ist es schön, die Decke nicht in der Wandfarbe zu streichen, sondern in einer aufgehellten Variante. Harmonie lässt sich über die Verwandtschaft der Farben erzeu- gen, über einen ähnlichen Sättigungsgrad zum Beispiel.

Aber vor allen Dingen kommt es auf den „Flow“ an. Die Farbexperten des britischen Traditionshauses Farrow & Ball raten: Die Farben, die in einem Flur und den angrenzenden Zimmern verwendet werden, sollten gleich stark sein. Wer in einem Raum mit mehreren Abmischungen eines Farbtons arbeitet, etwa um Stuck, Fensterrahmen oder Säulen zu betonen, sollte die kräftigere Farbe aufden Wänden und die dezentere auf den kleinen Flächen anwenden, um Ruhe zu vermitteln. Manchmal kann das genaue Gegenteil aber auch erfrischend sein.

Was lösen Farben bei uns aus? Wie stimmt man sie auf Architektur und die Möbel ab? Nicht nur auf die Nuancen kommt es an, auch auf die Oberfläche: Welche Qualität bringt welches Ergebnis? Grün soll beruhigen, Rot anregen und Violett mystisch sein – zur Wirkung von Farbtönen hat der Farbpsychologe Axel Venn eine Studie durchgeführt, in der er 60 Probanden Farben genau 360 Adjektiven zuordnen ließ. Die Ergebnisse wurden in Zusammenarbeit mit dem Farbsystem RAL als „Farbwörterbuch“ herausgegeben. Sie zeigen, dass unser Farbverständnis kulturell geprägt ist.

„Farbe ist eine Metasprache“, erklärt der Autor, „Violett- und Rottöne werden von den meisten Menschen als sehr wertvoll angesehen. Ihren Ursprung hat diese Assoziation im Mittelalter: Damals war das Sekret der Purpurschnecke teurer als Gold. Töne mit starker physiologischer Wirkung wie Blau und Orange werden als kalt beziehungsweise warm empfunden.“

Wer seine Wandfarbe punktgenau auf Stil und Epoche seiner Lieblingsmöbel abstimmen will, findet Rat bei Farbherstellern wie Peter Interiors, Little Greene oder Farrow & Ball. Sie rekonstruieren historische Farbnuancen, mit denen die Farbwelten vergangener Zeiten wieder aufleben. „Eau de Nil“ von Little Greene zum Beispiel ist ein typischer Grünton der 30er-Jahre, „Portland Stone“, ein warmes viktorianisches Grau, und „Polar Blue“ sollen uns in die eiscremefarbenen Fünfziger versetzen. Ganz besondere Töne, wie das Ultramarinblau, mit dem Yves Klein seine berühmten Schwämmefärbte, oder das Coelinblau, das Claude Monet für Lufttöne verwendete, stellt die Schweizer Farbenmanufaktur KTColors her. Gründerin Katrin Trautwein produziert Pigmente mit echten Farberden und hochwertigen Halbedelsteinen wie afghanischem Lapislazuli, die zum Teil von Hand in Leinöl auf den Walzenstuhl eingerieben werden. Die „Gourmetköchin“ unter den Farbherstellern bietet darüber hinaus die 80 Farbtöne jener architektonischen Polychromie an, die Le Corbusier zwischen 1931 und 1959 entwickelte. Die Rezepte der Farbklaviatur, die Le Corbusier als optimal empfand, um die Schönheit von Architektur hervorzuheben, waren bis vor gut zehn Jahren in der Fondation Le Corbusier archiviert – bis Katrin Trautwein kam und die Farbtöne rekonstruierte.

Generell gilt: Je mehr Pigmente eine Farbe enthält, desto höher ist ihre Deck- kraft. Künstlich hergestellte Pigmente, die heute oft die natürlichen Erdfarben ersetzen, sind dabei effizienter – aber nicht unbedingt charmanter. Wie Farben wirken, ist aber nicht nur eine Frage der Pigmente, sondern genauso des Trägermaterials. Die meisten Hersteller bieten Farben in matten, seidenglänzenden und wischfesten Bindemitteln an. Um eine besonders matte oder pudrige Oberfläche zu erzielen, fügt Susanna Leiser ihren Farben Mattierungspulver bei – Perlmutt oder Blütenpollenstaub –, verwendet spezielle Grundierungen und trägt die Farbe schon mal mit Gummispachtel auf: „Die Oberfläche kommuniziert die Farbe – und gibt einem Raum erst seine gewisse Sinnlichkeit.“

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Lüften lernen!
A&W Architektur & Wohnen | August/September 2010

Architekt Hans Kollhoff erklärt, warum wir unsere Lebens- gewohnheiten ändern sollten, statt Altbauten mit Dämmschichten zu verschandeln, warum er Zertifikate für Volksverdummung hält und warum Berlin von oben wie eine Müllkippe ausieht.  [weiter]

Lüften lernen!
A&W Architektur & Wohnen | August/September 2010

Architekt Hans Kollhoff erklärt, warum wir unsere Lebens- gewohnheiten ändern sollten, statt Altbauten mit Dämmschichten zu verschandeln, warum er Zertifikate für Volksverdummung hält und warum Berlin von oben wie eine Müllkippe ausieht. 

A&W: Herr Kollhoff, was nervt Sie an der Nachhaltigkeitsdebatte?

HANS KOLLHOFF: Dass sie mittlerweile zur Marketingstrategie degeneriert ist. Nachhaltiges Bauen ist kein Thema, das man plakativ abhandeln kann. Je eingehender man sich damit beschäftigt, desto komplizierter wird es. Heute muss alles irgendwie grün sein. Alles hat ein grünes Label, das einem suggeriert, damit würde das Richtige getan werden.

A&W: Bauen ist die ressourcen- und materialintensivste Tätigkeit des Menschen – und für 50 Prozent der Treibhausgase, 50 Prozent des Energieverbrauchs und in Industrieländern auch für über 50 Prozent des Müllaufkommens verantwortlich. Steht man da als Architekt nicht in der Verantwortung, sich um Nachhaltigkeit zu bemühen?

Hans Kollhoff: Sicher. Das ist aber nicht neu. Das können Sie schon bei Vitruv nachlesen. Dort steht: Architekten sollen kein Material verschwenden. Sie sollen sich an dem Ort, wo gebaut wird, nach den Baumaterialien umsehen. Häuser sollen sie so bauen, dass sie nicht zu schnell auskühlen, der Herd muss an der richtigen Stelle stehen und so fort. All das, was im Moment dahergebetet wird, als hätten wir es erst heute entdeckt, gehört zu den Grundbedingungen von Architektur. Architektur war immer schon nachhaltig.

A&W: Nun hat sich die Welt seit Vitruv ziemlich verändert, wir müssen uns mit dem Klimawandel und der Endlichkeit der Ressourcen auseinandersetzen.

Hans Kollhoff: Wirklich neu ist die globale Bedrohung durch den CO2-Ausstoß. Das zwingt uns zum Bau besser gedämmter Häuser und zur energetischen Ertüchtigung der Altbausubstanz. Nur, wenn Sie einen schönen Altbau geistlos mit Styropor einpacken, dann ist er ruiniert!

A&W: Was würden Sie denn vorschlagen?

Hans Kollhoff: Es gibt immer Wege, eine bessere Energieeffizienz zu erzielen, ohne das Haus kaputt zu machen. Ich kann die Fenster austauschen. Ich kann Dach, Keller und Hofdurchfahrten besser dämmen. Oft haben wir es aber mit fein profilierten Fenstern zu tun, mit Stuckgesimsen und skulpturalem Schmuck in Holz und Stein. Um diese Qualitäten nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, muss man bereit sein, mehr Geld auszugeben. Ein schönes, handwerklich präzise gefertigtes Sprossenfenster kostet halt leicht das Doppelte oder Dreifache eines grobschlächtigen Industrieprodukts.

A&W: Spätestens wenn die Energiekosten so angestiegen sind, dass die Bewohner von Altbauten ihre Heizkosten nicht mehr tragen können, wird es notwendig sein, günstige Lösungen für Dämmung zu finden.

Hans Kollhoff: Fangen wir doch erst einmal bei unserer Lebensweise an. Ich habe einige Jahre in Amerika verbracht. Da gab es in der Regel eine Zentralheizung mit einem Ther- mostat. Nachts wurde die Heizung hochgejubelt, bis es gezischt hat, dann gab es einen Knall, die Heizung ging aus und wurde dann wieder langsam hochgefahren. Ich vermute, in Amerika ist das immer noch so. Das ist für Europäer gewöhnungsbedürftig, da sind wir schon sensibilisiert – aber wir könnten noch viel mehr tun. Man muss es vielleicht nicht gleich so drastisch formulieren wie unser ehemaliger Finanzsenator: „Dann zieht im Winter halt noch einen Pullover mehr über.“ Aber in diese Richtung geht’s! Wir leben in überheizten Räumen. Wir heizen dort, wo man nicht unbedingt heizen muss. In französischen Landhäusern zieht man sich im Winter zurück in einen zentralen Raum, der geheizt wird und der von den umliegenden Räumen eingepackt ist. Wir sind nicht in der Lage, die Fenster so zu öffnen, das wir einerseits frische Luft haben und andererseits nicht zu viel Wärme entweicht. Was hilft uns ein Gebäude mit computergesteuerter Belüftung und einem Öko-Stempel drauf, wenn die Leute nicht in der Lage sind, die Maschinerie zu bedienen? Mit konventionellen Fenstern und Klappläden konnte jeder umgehen, je nach Witterung, Tages- und Jahreszeit. Wir tun doch heute so, als könnte man mit dem Touchscreen die Natur loswerden.

A&W: Sie meinen, Umdenken sei wichtiger als gedämmte Wände?

Hans Kollhoff: Natürlich!

A&W: Aber brauchen wir nicht Regeln, Gesetze, Zertifikate, um das Bewusstsein dafür zu schaffen?

Hans Kollhoff: Das mag sein. Aber man verkauft die Leute für dumm, wenn man ihnen sagt: Nagelt Sonnenkollektoren aufs Dach, dann können eure Häuser Energie gewinnen und ins Netz einspeisen. Wo leben wir denn? Sonnenkollektoren rechnen sich in Deutschland doch nur, weil sie hoch subventioniert sind. Bei unserem Wetter ist die Ausbeute nicht wirklich so, dass sich die Energiegewinnung lohnt, mit Ausnahme vom Kaiserstuhl vielleicht. Aber den sollte man jetzt bitte nicht mit Solarpaneelen einpacken.

A&W: Was halten Sie von der EU-Richtlinie, die ab 2019 vorschreibt, dass Wohnneubauten ihre eigene Energie produzieren sollen?

Hans Kollhoff: Vollkommener Blödsinn! Für mich stellt sich spätestens da die Frage, in welcher Umgebung ich wohnen will. Ich schätze den Komfort moderner Technik, aber ich will sie von meiner Wohnung aus nicht sehen. Seit man kein Geld mehr auszugeben bereit ist für ordentliche Dächer und auf dem Flachdach alles abstellt, was die Mietfläche schmälern könnte, sieht eine Stadt wie Berlin, wenn jetzt auch noch Solaranlagen dazukommen, wie eine Müllkippe aus. Ich will Sonnenkollektoren nicht sehen! Auch nicht die des Nachbarn. Es gibt heute schon ganze Regionen, die ruiniert sind von Sonnenkollektoren auf den Dächern.

A&W: Was muss der Gesetzgeber tun, um in Zukunft eine Architektur zu fördern, die ästhetisch ansprechend ist und auch Energie spart?

Hans Kollhoff: Es muss nachvollziehbar gemacht werden, was da stattfindet mit den konkurrierenden Labels für nachhaltige Gebäude. Das ist ja selbst für die Architekten, die sich damit beschäftigen, kaum durchschaubar. Durch die Intransparenz sind dem unseriösen Ringen um Wettbewerbsvorteile Tür und Tor geöffnet. Den Leuten wird suggeriert, ein „Green-Building“-Stempel ließe sie ruhig schlafen. Es ist letztlich Sache des Gesetzgebers, hier Klarheit zu schaffen; das kann man nicht den Geschäftemachern überlassen.

A&W: Wer macht denn das Geschäft?

Hans Kollhoff: Wenn eine Industrie sich in den letzten zehn, 15 Jahren eine goldene Nase verdient hat, dann ist es die Dämmstoffindustrie. Das einfachste Rezept zum Energiesparen ist Styropor. Und das wurde kontinuierlich dicker. Als ich angefangen habe zu bauen, in den späten 70er-Jahren, waren es fünf Zentimeter, heute sind es 30. Man sollte Klebstoffe auf dem Bau verbieten. Dazu Silikon, Acryl und PVC, das ganze chemische Teufelszeug, das nach kürzester Zeit schrecklich aussieht und von dem man schon beim Nähertreten Juckreiz verspürt. Dahinter stehen machtvolle Lob- bys einer prosperierenden Industrie.

A&W: Ist es nicht trotzdem ökologisch sinnvoll, den Lebenszyklus von Gebäuden und Baumaterialien zu bewerten?

Hans Kollhoff: Über den Lebenszyklus sollte man bei Lagerhallen und provisorischen Gebäuden reden. Es gibt ganze Bücher über Lebenszyklus-Optimierung, mathematische Kompendien, so dick wie die Bibel. Der Grundfehler ist doch, dass man davon ausgeht, dass ein Haus 30 bis 40, lassen Sie es 50 Jahre sein, hält. Das deckt sich in der Regel mit dem Abschreibungszeitraum. Dann fängt der Zyklus von Neuem an. Das ist fatal. Das Haus, in dessen Hof wir hier sitzen, ist fast 200 Jahre alt. Ein Haus mit einer Lebenserwartung von 50 Jahren müsste in dieser Zeit also viermal gebaut werden. Diesen Energieaufwand können Sie doch niemals wettmachen durch eine neue Bauweise, neue Materialien, neue Technik und was nicht alles. Das ist aber nur die technologische Seite. Der für mich viel wichtigere Aspekt ist die Stadt und was Stadt bedeutet. Stadt ist ja nicht kontinuierlich neu bauen, nach 30 Jahren abreissen und wieder neu bauen. Stadt ist kollektive Erinnerung! Und die macht sich am Gebauten fest. Das hat mit Langlebigkeit zu tun, mit Überlieferung, mit Weiterreichen von Generation zu Generation. Wenn Sie alle 30 Jahre die Bausubstanz austauschen, dann ist Geschichte nicht mehr physisch erfahrbar! Das knabbert doch heute schon an unseren Städten und an Berlin ganz besonders! Wir ziehen durch architektonische Kurzsichtigkeit und unsere mangelnde Bereitschaft, für eine nachhaltige Stadtentwicklung das nötige Geld auszugeben, die Peripherie in die Städte hinein.

A&W: Was kann man dagegen tun?

Hans Kollhoff: Man muss eine Wertschätzung wecken für die Schönheit unserer Dörfer und Städte, also für das, was die meisten Menschen ganz unbewusst schön finden, wenn sie nicht unserem allgegenwärtigen Konsumzwang unterliegen.

A&W: Sie sagen, die Zertifizierung bringt nichts. Aber muss man nicht irgendwo anfangen, Kriterien festzulegen?

Hans Kollhoff: Ja, aber die Kriterienkataloge sind leider viel zu kompliziert und müssen auf griffigere Formeln gebracht werden. Und vor allen Dingen muss das, was diese Zertifikate vorgaukeln, auch überprüft werden – und zwar in Langzeituntersuchungen. Es muss nach fünf, nach zehn und 20 Jahren beurteilt werden, wie sich dieses Haus tatsächlich bewährt. Wenn die Haltbarkeit des Hauses in die Wertung eingeht, dann sieht die Lebenszyklus-Berechnung ganz anders aus.

A&W: Legen die Mieter denn auf grüne Zertifikate so großen Wert?

Hans Kollhoff: Natürlich, die befürchten, dass die „zweite Miete“ mal die erste übertreffen könnte. Dann ist das natürlich ein Vermarktungsargument. Sie sehen ja, was gerade passiert: Die Leute ziehen reihenweise aus den Glaspalästen aus, die vor fünf Jahren als letzter ökologischer Schrei angepriesen wurden, weil sie es in der Klimakammer nicht aushalten und lieber ein Fenster aufmachen möchten und weil sie ungeheure Summen für Heizung, Lüftung und Kühlung ausgeben. Dazu gibt es keine Untersuchungen. Oder sie werden nicht veröffentlicht. Lassen Sie uns in fünf Jahren prüfen, wie die Öko-Häuser in der Hamburger Hafencity dastehen im Vergleich zu einem konventionellen städtischen Haus.

 

Hans Kollhoff

Geboren 1946 in Lobenstein, studierte Hans Kollhoff Architektur in Karlsruhe bei Egon Eiermann und in New York bei Oswald Mathias Ungers. 1978 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Berlin, das er seit 1984 mit der Architektin Helga Timmermann partnerschaftlich führt. Bekannt wurde Hans Kollhoff mit seinen Wohnbauten am Luisenplatz in Berlin (1983–87), durch den Entwurf des Main Plaza in Frankfurt (2001–2002) und des Daimler-Chrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz (1998– 2000), das er in der Tradition der New Yorker Backstein-Hochhäuser gestaltete. Seit 1990 doziert Hans Kollhoff, der sich für klassische Baugestaltung und die Verwendung traditioneller Materialien einsetzt, als Professor an der ETH Zürich.

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Von der Küchenwerkstatt zum Lebensraum
A&W Architektur & Wohnen | Juni/Juli 2010

Kaum etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert wie die Küche. Vom abgeschlossenen Hausfrauenreich ist sie zum neuen Lebensmittelpunkt der ganzen Familie geworden. Und nun auf dem besten Weg, mit dem Wohnbereich zu verschmelzen.  [weiter]

Von der Küchenwerkstatt zum Lebensraum
A&W Architektur & Wohnen | Juni/Juli 2010

Kaum etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert wie die Küche. Vom abgeschlossenen Hausfrauenreich ist sie zum neuen Lebensmittelpunkt der ganzen Familie geworden. Und nun auf dem besten Weg, mit dem Wohnbereich zu verschmelzen. 

Ein Sonntag im Jahr 1970. Großmutter rotiert zwischen Gasherd, Kühlschrank und Spüle und teilt ihre Töchter zum Tischdecken ein. Die Männer der Familie nebeln derweil das Wohnzimmer mit Zigarettenrauch zu und diskutieren über Fußball. Die Welt ist in Ordnung. Das Essen wird aufgetischt. Kaum ist die Mahlzeit vorbei, zieht Großmutter sich zurück in ihr Reich und macht den Abwasch.

Ein Sonntag im Jahr 2010. Freunde kommen zu Besuch, die Kinder toben ums Sofa herum, die Erwachsenen stehen am Arbeitsblock der offenen Küche, waschen Salat, schneiden Gemüse oder sitzen mit einem Glas Weißwein am Esstisch. Man spricht über Fußball, Kindergärten und die Vorzüge eines Teppan-Yaki-Grill und nascht von den Vorspeisen. Die Stimmung ist entspannt, das Essen gut. Und weil keine Wand Küche und Wohnbereich trennt, kann das Gespräch auch zwischen den Gängen ungehindert weitergehen.

Kaum ein Raum hat in den vergangenen Jahrzehnten einen solchen Wandel erlebt wie die Küche. Unsere Mütter und Großmütter waren stolz auf ihre Einbauküche, die ihr Hausfrauenleben mit funktionalen Geräten, hygienischen Oberflächen und kurzen Laufwegen ungeheuer vereinfachte. Und die eine Tür hatte, die geschlossen wurde, damit weder Bratgerüche noch Stressmomente nach außen dringen konnten, wo der Mann seinen verdienten Feierabend genoss. Die Heldin dieser Generation hieß Margarete Schütte-Lihotzky, eine Wiener Architektin, die in den 20er-Jahren die sogenannte Frankfurter Küche erfand. Wie beliebt die sechseinhalb Quadratmeter kleine Kochzelle war, sei dahingestellt, aber immerhin wurde sie in mehr als 10 000 Frankfurter Wohnungen eingebaut – und war die Keimzelle jener Einbauküche, deren erste 1950 von Poggenpohl vorgestellt wurde und die heute in 89 Prozent aller deutschen Haushalte anzutreffen ist. Der wahre Retter der Hausfrau aber war der Designer Otl Aicher. Der Mitbegründer der Ulmer Hochschule für Gestaltung plädierte für das Kochen als kommunikatives Ritual. 1988 brachte Bulthaup seine Küchenwerkbank auf den Markt – und verwandelte die Kochstelle von einem Ort der Arbeit in einen Ort zum Leben.

Mehr als zwei Jahrzehnte danach ist die Küche immer gesellschaftsfähiger geworden und endgültig aus einer dunklen, kleinen Ecke der Wohnung in ihren sonnigen Teil gewandert, sie wurde vergrößert und zu anderen Zimmern geöffnet – und ihre Bedeutung nimmt stetig zu. „Küchenplanung beschränkt sich heute nicht mehr auf die Themen Ergonomie, Laufwege, Stauraum“, sagt Siematic-Geschäftsführer Ulrich Siekmann, „Die Küche ist wohnlich geworden und wird inzwischen auch wie ein Wohnraum konzipiert. Da finden auch schon mal Lieblingsdinge und Erbstücke Platz.“ War der abendliche Versammlungsort der Familie früher die Sitzgruppe vor dem Fernsehgerät, so ist es heute immer öfter die Küche. Anders gesagt: Die Küche wächst ins Wohnzimmer. Was das bedeutet, konnte man auf der diesjährigen Mailänder Messe Eurocucina sehen: Die Materialien werden immer eleganter, hochwertiger, wohnlicher. Team 7 stellte „Vao“ vor – Vollholzschränke kombiniert mit Arbeitsplatten aus Natur- oder Quarzstein. Philippe Starck setzt seinen Küchenblock für Warendorf auf chromglänzende Trompetenfüße, die man eher unter einem Esstisch erwartet hätte. Und Hersteller wie Poggenpohl oder Toncelli bieten sogar Leder als Oberflächenmaterial an. Leder? Großmutter hätte schon bei dem Gedanken an die Pflege den Kopf geschüttelt. „Leder als Material in der Küche wird eher als Akzent gesetzt werden“, erklärt Poggenpohl-Geschäftsführer Elmar Duffner, „aber es verdeutlicht den Trend zur multifunktionalen Nutzung der Küche. Sie muss die Anforderung Kochen erfüllen, aber auch den Rahmen für einen eleganten Cocktailempfang darstellen.“ Das Modell „Artesio“, das der Hamburger Architekt Hadi Teherani für Poggenpohl entwarf, schafft nicht nur via Material, sondern auch durch die Form eine Verbindung zum Wohnraum. Regalmodule für die Wände und ein frei stehender Block sind mit einem Deckenelement verbunden, in dem Belüftung, Licht und Technik untergebracht sind – und das den Bogen von der Küche zum Wohnraum spannt. „Diese Küche bildet ein Haus im Haus“, so Hadi Teherani, „man hat einen offenen Wohn-Küchen-Bereich, ohne dass man vom Sofa direkt auf die Kochzeile blickt.“

Paradoxerweise werden die Küchen zum neuen Lebenszentrum unserer Wohnungen, obwohl wir immer weniger darin kochen. Gemeinsames Frühstück und Mittagessen sind in deutschen Familien heute schon die Ausnahme, das Abendessen kämpft noch um seine Erhaltung als fester Termin. „Der Trend geht zu mehren kleineren Mahlzeiten am Tag und zu individuellen Tagesabläufen“, erklärt Trendforscher Harry Gatterer vom Wiener Zukunftsinstitut. In den 60er-Jahren hatten laut Gatterer noch 75 Prozent aller Haushalte ein regelmäßiges gemeinsames Essen, heute sind es nur noch 22. Demgegenüber steht ein Trend zur Professionalisierung des Wohnens. „Wir können heute unser Wohnzimmer in ein Kino verwandeln, unsere Kaffeemaschine macht den besten Cappuccino der Stadt“, sagt Gatterer. „Aber in unseren arbeitsreichen Alltag nehmen wir meist nur Snacks zu uns. Doch am Wochenende wird das Kochen zelebriert mit anspruchsvollen Rezepten und Fünfgängemenüs.“ Warum das Kochen in der Fast-Food-Ära zum Event wird, erklärt Trendbüro-Gründer Peter Wippermann: „Alles, was verschwindet, gewinnt an Wert. Es wird zum Luxus. Das gemeinsame Kochen ist heute ein Intimitätsbeweis und steht im Gegensatz zu den Convenience-Produkten, die von fremden Leuten zubereitet werden.“

Wir haben zwar keine Zeit mehr zum Kochen, aber wir kompensieren das durch eine hochwertige Küche und einen Maschinenpark, auf den ein Spitzenkoch neidisch wäre. „Hightech-Geräte wie Dampfgarer, Teppan-Yaki-Grill oder Lavastein sind vor allem bei männlichen Käufern sehr beliebt“, sagt Britta Schaper, Küchenplanerin für Bulthaup. „Den Kunden ist wichtig, dass ihre Küche super aussieht – selbst wenn sie nicht viel kochen.“ Und auch Matthias Flick, Inhaber von Hamburgs Küchentempel „Cucinaria“, bestätigt: „Elektrogeräte und Accessoires werden immer stärker nach optischen Kriterien gekauft.“ Reichte früher das Küchenmesser aus dem Kaufhaus, muss es heute ein japanisches Kai-Messer sein, wie es auch Tim Mälzer benutzt.

Gerade diese Professionalisierung erfordert Stauraum: Trüffelhobel und Sorbetmaschine sollen in der wohnlichen Küche so untergebracht sein, dass man sie nicht wahrnimmt. So verschwinden etwa ganze Küchenzeilen bei Arclinea hinter eleganten Taschentüren, die beim Öffnen lautlos in Zwischenräumen verschwinden. Andere bieten frei stehende, drehbare Hochschränke (Warendorf), die vom Geschirrspüler bis zum Ofen alles hinter edlen Furniertüren verbergen. Mal schweben die Oberschränke direkt an der Zimmerdecke (Leicht), sodass sich auch der Raum über einer Kochinsel nutzen lässt. Und die Firma Siematic, die vor 50 Jahren erstmals eine grifflose Küche präsentierte und so auch eine Grundlage schuf für die wohnlichen Küchenfronten von heute, präsentierte für sein neuestes Modell „S2“ einen Multimedia-Hochschrank mit integriertem TV- und Computer-Bildschirm. Bulthaup erwei- tert die Küchenschränke seines „B3“-Systems mit allerlei funktionalem Innenleben, sodass sie auch als Garderobe oder Kleiderschrank verwendet werden können.

Boffi, für die Norbert Wangen schon vor sechs Jahren einen ganzen Küchenblock inklusive Spüle und Herdstelle unter einer einzigen, verschiebbaren Arbeitsfläche verschwinden ließ, schafft jetzt in den Schubladen der „Domestici“-Serie Ordnung mit Einsätzen aus elegantem, gemasertem Eschenholz. Braucht man so viel innere Schönheit? „Unsere Kunden sind in zweifacher Hinsicht ,Opfer‘“, sagt Boffi-Chefdesigner Piero Lissoni, „sie kochen leidenschaftlich gern und sie sind verrückt nach Design. Wenn sie in einer perfekten Umgebung einen Salat zubereiten, gelingt er ihnen einfach besser.“

 

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Besser Schlafen
A&W Architektur & Wohnen | April/Mai 2010

Ein Bett zu kaufen ist eine Wissenschaft, eine emotionale Entscheidung – und am Ende eine Glaubensfrage. Doch da müssen wir durch. Denn wie wir nachts schlafen, bestimmt, wie gesund und zufrieden wir am Tag sind.  [weiter]

Besser Schlafen
A&W Architektur & Wohnen | April/Mai 2010

Ein Bett zu kaufen ist eine Wissenschaft, eine emotionale Entscheidung – und am Ende eine Glaubensfrage. Doch da müssen wir durch. Denn wie wir nachts schlafen, bestimmt, wie gesund und zufrieden wir am Tag sind. Den Loriot-Klassiker kennt jeder: Ein Paar möchte ein Bett kaufen und wird von dem Verkäufer erst einmal mit Fachbegriffen, Verarbeitungsdetails und Wahlmöglicheiten verunsichert. Während die beiden gerade das „klassische Horizontalensemble“ testen, betritt ein weiteres Paar das Geschäft, es kommt zum gemeinsamen Probeliegen und zu Einblicken ins Privatleben der jeweils anderen. Das ist über 30 Jahre her, seitdem wurde die Bettenbranche zwar um einige Materialien, Forschungsergebnisse und Glaubens- richtungen bereichert – aber geblieben ist eines: Bettenkauf ist immer noch irgendwie unangenehm. Da liegt man in Socken und schutzloser Horizontallage vor einem Fachverkäufer, während einem der Partner das T-Shirt lüpft, um zu beurteilen, ob die Wirbelsäule in Seitenlage gut gestützt wird, und man fragt sich: Taschenfederkern oder Flügelunterfederung? Latex oder Kaltschaum? Schafwolle? Rosshaar? Und passt die be-queme Matratze auch in das Designbett, das uns am besten gefällt?

Im Bett kommt es auf zwei Dinge an: eine punktelastische Unterfederung, welche die Wirbelsäule nachts entlastet, damit sich die Bandscheiben wieder ausdehnen können. Und auf ein gutes Bettklima, das die Feuchtigkeit reguliert. Schließlich muss eine Matratze Nacht für Nacht etwa einen halben Liter Flüssigkeit aufnehmen. Die Stiftung Warentest hat in den letzten Jahren öfter Kaltschaum-, Latex- und Taschenfederkernmatratzen untersucht, und in allen Kategorien schnitten manche besser und andere schlechter ab. Die teuersten sind dabei nicht immer die besten. Einzig das Wasserbett verliert gegenüber allen anderen: Die Luft kann nicht darin zirkulieren, die Wirbelsäule wird nicht optimal gestützt, und der Stromverbrauch zum Beheizen ist ökologisch auch nicht gerade korrekt.

„Für welches Liegesystem man sich entscheidet, spielt keine Rolle“, sagt Rückenspezialist Dietmar Krause vom Deutschen Grünen Kreuz, „aber wichtig ist, dass Unterbau und Matratze zueinanderpassen. Die beste Flügelunterfederung hilft mir nichts, wenn ich einen harten Futon drauflege.“ Auch wie hart oder weich man schläft, ist mehr eine Frage des Geschmacks als der Gesundheit. Entscheidend ist: „Schulter und Beckenbereich sollen in der Matratze einsinken, damit die Wirbelsäule gerade liegt. Sie darf aber nicht zu weich sein, damit der Körper sich nachts gut bewegen und drehen kann.“

Wie gut unser Bett uns tut, hängt nicht nur von der Qualität der Matratze ab. Es muss auch „mental bequem sein, intuitiv sein, unsere Emotionen ansprechen“, wie Patricia Urquiola sagt. Gestalterisch findet die spanische Designerin mit Büro in Mailand das Thema Betten eher undankbar: „Eigentlich ist es ja nur ein Rahmen, den man entwirft. Das lässt einem nicht viel Spielraum. Die Matratze ist das Butterbrot, und der Designer kann nur noch Marmelade dazugeben.“ Mit dem Dosieren der Marmelade klappt es bei ihr dafür gut: Ihr erster Betten-Entwurf, „Clip“ – ein schlichtes, cleveres Bett mit flexibler Rückenlehne –, ist bei Molteni seit Jahren ein Bestseller, „Lowland“, für Moroso entworfen, sieht mit seinen weichen Konturen und dem Kopfteil zum Hochklappen genauso komfortabel aus, wie es ist.

Designer und E15-Gründer Philipp Mainzer findet: „Das optimale Bett muss ein eigenständiges Objekt sein, welches durch eine abgestimmte und zurückhaltende Gestaltung überzeugt, aber gleichzeitig auch ein Statement ist.“ Mainzers jüngstes Betten-Modell, „Pardis“, hat mit seinem hohen, flexibel ansetzbaren Kopfteil fast architektonische Qualität. Und für den Hamburger Designer Peter Maly, der für Ligne Roset schon einige moderne Klassiker entworfen hat, ist ein Bett nie nur ein Ort zum Schlafen. Es muss, so sagt er, „auch einer zum Lesen, Frühstücken, Fernsehen, Reden“ sein. „Das Schlafzimmer wird wohnlicher“, war auch das Motto vieler Hersteller auf der Kölner Möbelmesse, und es zeigtsich darin, dass die Kopfteile der Betten hoch sind und weich gepolstert – wie ein Sessel oder Sofa.

In einem großen Zimmer sorgt ein Bett mit Baldachin für Gemütlichkeit. Hohe Matratzen mit hohem Unterbau und einem opulenten Kopfteil können kleine Räume aber schnell noch kleiner wirken lassen. Und das Luxusformat zwei mal zwei Meter sieht mit einem breiten Rahmen oft klotzig aus. Betten, die länger als breit sind, erscheinen meist eleganter. Eine weitere Herausforderung guten Bettendesigns erklärt Peter Maly: „Eine hohe Matratze mag komfortabel sein, aber bei modernen Betten sieht eine flache Ebene einfach besser aus. Das Design des Bettes sollte die Matratze im Rahmen nahezu oder ganz verschwinden lassen.“

Viele Bettenhersteller, vom italienischen Flou bis zu Hülsta oder Interlübke in Ostwestfalen, bieten Lattenrost- Matratzen-Kombinationen an, die auf das Betten-Design abgestimmt sind. Interlübke etwa entwickelte mit Lattoflex ein Liegesystem, das sehr niedrig ist und auch in flachen Bettgestellen noch elegant wirkt. „Filigrane Designbetten sehen ja am besten aus, wenn sie nur zehn bis 15 Zentimeter über dem Boden schweben“, erklärt Geschäftsführer Leo Lübke. „Obwohl der Trend derzeit eher zum höheren Schlafen geht.“

Vielleicht hat die Volkskrankheit Rückenschmerz die Vorliebe für eine bandscheibenfreundliche Schlafhöhe von über 50 Zentimetern hervorgerufen. Jedenfalls bietet jetzt auch das Design- Unternehmen Interlübke ein sogenanntes Boxspring-Bett an. Bei ihm liegt die Matratze auf einer Unterfederung („Spring“), die in einem stoffbespannten Holzrahmen steckt („Box“). Die Kombination ist hoch und wuchtig. Auch das Interlübke-Modell „Faenum“ ist „kein Bett, das schreit, ‚ich bin die Schönste im ganzen Land‘“, sagt Leo Lübke. „Aber man schläft darauf wie im Märchen.“

Boxspring-Betten sind sehr verbreitet im angloamerikanischen Raum und werden in Deutschland immer beliebter. Die Modelle kosten ab 3.500 bis 60.000 Euro. Zu den namhaftesten Herstellern gehören die britische Firma Vi-Spring, Hästens aus Schweden, und in Deutschland zählt die Firma Schramm in der Pfalz dazu. In dem Familienunterneh- men werden seit den 60er-Jahren Taschenfederkernmatratzen und dazu passende Rahmen und Kopfteile gefertigt. Zwei Wochen Handarbeit stecken in jeder Matratze. Jede der sechsfach gedrehten Federn wird hier mit Ofenhitze behandelt, in Nesseltaschen eingenäht, mit Schichten von Naturlatex, Baumwolle oder Schafschurwolle gepolstert. Da jede auf Anfrage angefertigt wird, können bei den Doppelbetten auch zwei ganz unterschiedliche Härtegrade in einer Matratze realisiert werden. „Der große Vorteil von Boxspring-Betten“, sagt Geschäftsführer Axel Schramm, „ist die Verbindung von gutem Liegen und gutem Bettklima, da die Luft in den Federkernen optimal zirkulieren kann.“

Designerbett oder Boxspring? Metall oder Massivholz? Am Ende ist alles eine Frage des Gefühls – und manchmal der Überzeugungen. Wer auf viele natürliche Materialien Wert legt und Metall im Schlafbereich wegen möglicher Störungen durch elektromagnetische Felder vermeiden möchte, sollte auf Holz und Latex zurückgreifen. Der österreichische Schlafforscher Günther W. Amann- Jennson etwa hat mit Orthopäden ein ergonomisches Bettsystem entwickelt. Das Liegesystem „Samina“ besteht aus einem doppelten Holzlamellenrost, einer Naturkautschuk-Matratze und einer Auflage aus Schafschurwolle für trocken- warmes Bettklima. Amann-Jennson, von Haus aus Psychologe, beschäftigt sich mit Schlafforschung, seit er in sei-ner Praxis feststellte, dass viele körperliche und psychische Probleme auf Schlafstörungen zurückzuführen sind. „Gut zu schlafen ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel, um unser Nerven-, Immun- und Hormonsystem ins Gleichgewicht zu bringen“, sagt er. Und der beste Grund, sich für die Wahl eines neuen Bettes viel Zeit zu nehmen.

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