Gemessen an der Zukunft
Art Online | 18.11.2011

Berühmt geworden ist Marc Newson mit Objekten im retro-futuristischen Look. Ob Türstopper oder Raumfahrzeug, Freizeitschuh oder Sitzgelegenheit – fast jeder Entwurf des australischen Designers hat biomorphe Formen.  [weiter]

Gemessen an der Zukunft
Art Online | 18.11.2011

Berühmt geworden ist Marc Newson mit Objekten im retro-futuristischen Look. Ob Türstopper oder Raumfahrzeug, Freizeitschuh oder Sitzgelegenheit – fast jeder Entwurf des australischen Designers hat biomorphe Formen. 

In Hamburg wurde er kürzlich mit dem renommierten Lucky Strike Designer Award ausgezeichnet. art sprach mit dem teuersten Gestalter der Welt über seinen Bestseller „Lockheed Lounge“, australische Popkultur und die Zukunft des Designs.

Als Sie 1986 den „Lockheed Lounge Chair“ aus einem Berg von Polyurethanschaum sägten und mit Aluminium verkleideten, war das Phänomen der „Design Art“ noch nicht erfunden. In den letzten Jahren brach die Chaiselongue, von der weltweit 15 Stück existieren, mehrmals Auktionsrekorde. Wissen Sie noch, was Sie dachten, als Sie „Lockheed Lounge“ gebaut haben?

Als ich damals daran gearbeitet habe, hatte ich eine Vorstellung von einem fließend wirkenden Objekt, das ganz locker von Renaissancebildern inspiriert war. Ich hatte damals keine Vorstellung davon, ob ich ein Designstück oder ein Kunstwerk gestalte. Zu dem Zeitpunkt war mir noch gar nicht klar, das ich Designer werden würde, ich hätte ebensogut Künstler werden können. Ich fand es interessant, einen Stuhl mit skulpturalen Eigenschaften zu gestalten. Das war ein Gegenstand, an dem ich gut meine Ideen aufhängen konnte.

Leute können einen Bezug zu ihm herstellen. Es ist handgemacht – allerdings nicht, weil ich darauf großen Wert gelegt hätte. Hätte es eine Maschine gegeben, mit der man es hätte herstellen können, dann hätte ich es garantiert maschinell herstellen lassen, denn es war eine irrsinnige Arbeit. Er sieht nach Hightech aus, ist es aber nicht, es ist reines Kunsthandwerk. Den ersten Prototypen habe ich 1986 selbst gemacht. Er ist etwas anders als die späteren Versionen. 1988 wusste ich, das Stück ist etwas besonderes und wollte es perfektionieren. Also fertigte ich noch einen Prototypen und legte dann eine kleine Serie auf – und zwei Artist Proofs.

Da ich nicht wochenlang rund um die Uhr in der Werkstatt stehen konnte, engagierte ich jemanden, dem ich beibrachte, wie die „Lockheed Lounges“ hergestellt werden. Es war ein Uhrmacher, der aus Deutschland nach Australien ausgewandert war. Von ihm habe ich viel über das Uhrmacherhandwerk gelernt. Er war ein technisches Genie, ein verrückter Perfektionist. Er hat alle „Lockheed Lounge“ Chairs hergestellt, bis Mitte der Neunziger wurden sie ja noch produziert.

2009 kam „Lockheed Lounge“ bei Philips de Pury in London für 1,1 Millionen Pfund unter den Hammer. Bereuen Sie, keinen der Stühle für sich behalten zu haben?

Nein, ich finde es wundervoll. Für meine Arbeit und ihre Wertschätzung hätte mir ja nichts besseres passieren können, als das „Lockheed Lounge“ diese Form von Eigenleben entwickelt hat. Ausserdem ist es für einen Designer wichtig, loslassen zu können. Man entwirft etwas, bringt es zu Ende und geht über zum nächsten Projekt.

Ein Sammler hat mal gesagt: „Marc Newson Design makes you horny.“ Spielt Sex eine Rolle in Ihrem Design?

Nein, daran habe ich noch nie gedacht. Mein Stil ist eher ein Ergebnis meiner Herkunft. Das Licht, mit dem ich aufgewachsen bin, die Farben, das Meer. Die Surf- und Popkultur, mit der ich in Sydney aufgewachsen bin, haben mich geprägt. Bretter, Wellen, Wetsuits. Das ist fließend, Pop, australische Jugendkultur. Es ist nicht sehr europäisch. Ein australischer Designer zu sein, hat mir eine besondere Perspektive gegeben.

Es gibt zwar keine besonders ausgeprägte Designtradition in Australien. Aber Australier lieben es zu reisen, herumzukommen und zu beobachten. Man muss sich als Designer dafür interessieren, wie Dinge gemacht werden. Und wie Menschen in verschiedenen Kulturen Probleme lösen.

Die biomorphen, fließenden Formen ihrer Produkte stehen für ein optimistisches, zukunftsgewandtes Menschenbild. Passt das noch in die Welt von heute?

Als Designer bin ich Optimist. Ich bin in den Sechzigern aufgewachsen, die Mondlandung gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. Das war eine Zeit, in der die Zukunft noch futuristisch war. Und Technologien einem eine optimistische Zukunftsperspektive gaben. Aber im zeitgenössischen Design beschäftigen wir uns nur mit dem Jetzt. Wir denken nicht mehr daran, wie die Welt in zehn, 15 Jahren aussehen wird. Ich habe nicht den Eindruck, das heute noch jemand optimistisch in die Zukunft sieht.

Denken Sie in Ihrer aktuellen Arbeit denn an die Zukunft?

Immer. Ich frage mich immer, wie das was ich gestalte, in Zukunft wahrgenommen wird. Schon seit den Zeiten von „Lockheed Lounge“ versuche ich, Design zu machen, das zukunftsfähig ist. Das ist es, woran wir Designer gemessen werden.

Hat sich ihr Stil verändert?

Die fließenden Formen meiner frühen Arbeiten waren nur für bestimmte Produkte geeignet. Als ich begann, Mobiltelefone, Kameras und Uhren zu entwerfen, hat sich sicherlich auch mein Stil geändert. Das biomorphe funktioniert ja nicht immer. Ich wollte da auch kein Sklave meines eigenen Stils werden.

In den letzten Jahren arbeiten Sie als Creative Director einer Airline und arbeiten viel an Fahrzeugen, vorzugsweise an sehr schnellen, wie einem Rennboot, einem Privatjet, einer Raumfähre. Sind Sie fasziniert von Geschwindigkeit?

Ich glaube auch das liegt in meiner Kindheit, es ist eine kindliche Faszination für Geschwindigkeit. Als Kind habe ich viel fantasiert und geträumt. Fantasie ist etwas großartiges. Mein Concept Car für Ford oder der Kelvin Jet für Fondation Cartier sind einfach reine Fantasieobjekte. Sie sind Ausdruck einer utopischen Vorstellung davon, wie ich die Welt gern hätte.

 

 

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Wie lebt ihr? Wie arbeitet ihr? Wie esst ihr?
Art | April 2011

Nah am Alltag, experimentell, humorvoll: Die Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung beleben das deutsche Design mit ungewöhnlichen Einfällen. Nun zeigen sie ihre Arbeiten auf der Mailänder Möbelmesse.  [weiter]

Wie lebt ihr? Wie arbeitet ihr? Wie esst ihr?
Art | April 2011

Nah am Alltag, experimentell, humorvoll: Die Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung beleben das deutsche Design mit ungewöhnlichen Einfällen. Nun zeigen sie ihre Arbeiten auf der Mailänder Möbelmesse. 

Was ist das denn für ein Name: Kkaarrlls! Kein Mensch weiß, wie man das aussprechen soll. Aber wer es versucht, kann eigentlich nichts falsch machen. Es klingt etwas gedehnt, so wie Karlsruher sprechen. Kkaarrlls stellt klar: junges deutsches Design kommt heute aus der Provinz, und es hat mit den „alten Schulen“ in Ulm und Dessau nicht viel am Hut.
Kkaarrlls ist der Titel einer Ausstellung und einer Editionskollektion, die Prof. Volker Albus 2009 initiiert hat um zu zeigen: „Made in Karlsruhe“ braucht den Vergleich mit internationalen Designerschmieden wie dem Londoner Royal College of Arts oder der Design Academy Eindhoven nicht zu scheuen. Inzwischen umfasst die Kkaarrlls-Edition 35 Stücke – Prototypen, Sondereditionen, Vordiplom- und Abschlussarbeiten – und Albus kuratiert im dritten Jahr Entwürfe von Studenten und Absolventen seines Fachbereiches für die Ausstellung in der Spazio Crispi. „Was die Objekte verbindet, ist eine unkonventionelle Sicht der Dinge“, erklärt Volker Albus, „eine etwas andere Denkweise.“

Anders denken heißt in Karlsruhe: interdisziplinär, unkonventionell und experimentell arbeiten. Wie Christina Becker, die Sprengstoff einsetzt, um dicke Stahlplatten zu ganz neuen Sitzmöbeln zu formen. Oder Eva Marguerre, die fragile Objekte aus elastischem Garn und Kunstharz gestaltet, indem sie die Dehnbarkeit des Materials an ihre Grenzen treibt. Manche Entwürfe stellen unsere Nutzungsgewohnheiten völlig auf den Kopf. Silvia Knüppels „Drückeberger“ ist eine Kommode aus einem Schaumstoffblock, in den man mit einem Messer Schlitze setzen kann um dort Gegenstände hinein zu drücken. „Ist doch schade, das Leute so viel Geld für Dinge ausgeben, die dann gleich hinter Schranktüren verschwinden“, sagt die HfG-Absolventin, „man möchte die Dinge, die man sich leistet, doch sehen!“

„Beobachtet die Umwelt aufmerksam“, fordert Volker Albus seine Studenten auf, „beobachtet euch selbst: wie lebt ihr? Wie arbeitet ihr? Wie esst ihr?“ Das ist die Grundlage, um Bestehendes mit zeitgemässen Lösungen zu verbinden. Dabei entstehen Möbel und Accessoires für den Hausrat von morgen. Kilian Schindler zum Beispiel studierte Schrebergartensiedlungen in ganz Deutschland und liess sich von den überall präsenten Plastikstühlen zu einem eleganten, feingliedrigen Stuhl inspirieren, der die Monobloc-Linien nachzeichnet. Hanna Emelie Ernsting gestaltet Sitzmöbel für unser steigendes Bedürfnis nach Rückzug und Entspannung. Ihr Sofa „Moody“ ist gemütlich wie ein Jogginganzug. Sein riesiger Oversize-Bezug schützt nicht nur das Polster, sondern lässt sich auch je nach Laune zu Decken, Kissen oder Armlehnen zurecht knautschen oder falten. Und Matthias Heckel fragte sich, wie ein Gefäß aussehen könnte, das einerseits einer Pflanze optimale Wachstumsbedingungen bietet und andererseits dem vielbeschäftigten Besitzer die Pflege erleichtert. Er entwickelte eine Röhren-Konstruktion, die ein wenig an ein Objet trouvé erinnert, in ihrer Funktion aber gar nicht dadaistisch ist. Eine Palme wird in Granulat gepflanzt und artgerecht mit einer Flasche Wasser versorgt. Ist die Flüssigkeit in der Flasche nach zwei, drei Monaten verbraucht, verliert die Konstruktion ihr Gleichgewicht. Die Pflanze kippt zur Seite, um ihrem Besitzer zu signalisieren: Pflegebedarf!

Eine einheitliche Handschrift haben die HfG-Entwürfe nicht, die Studenten werden stets angehalten, ihren eigenen Stil zu entwickeln, auch wenn sie von großen Namen wie Stefan Diez oder Sam Hecht lernen. In der ehemaligen Karlsruher Munitionsfabrik, in dem auch das ZKM untergebracht ist, entstehen daher auch die unterschiedlichsten Entwürfe: Von amüsanten Accessoires für den Alltag, wie Plastikstielen für Proseccodosen (Flo Schwab) oder aus Klebeband gewickelten Körben (Peter Schäfer) bis zu der schlicht eleganten Tischserie „Die Drei“ von Marta Schwindling. Deren etwas anders gedachte Schubladen- und Schliessmechanismen bringen ein Moment der Überraschung in den Schreibtischalltag – und brachten die Designstudentin in das „Graduate Directory 2011“ der britischen Zeitschrift Wallpaper. Dort steht ihr Name nun zwischen Absolventen aus Eindhoven und London – kein schlechter Start.

 

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Ach, ist das nicht süß!
Art | Februar 2011

Soll man Gegenstände lieben? Eine neue Generation vor allem niederländischer Designer findet: soll man unbedingt. Sie gestaltet gefühlsgeladene Produkte für den empfindsamen Benutzer.  [weiter]

Ach, ist das nicht süß!
Art | Februar 2011

Soll man Gegenstände lieben? Eine neue Generation vor allem niederländischer Designer findet: soll man unbedingt. Sie gestaltet gefühlsgeladene Produkte für den empfindsamen Benutzer. 

Als die Eindhovener Designakademie im vergangenen Jahr die Entwürfe ihrer Abschlussklasse auf der Mailänder Designwoche zeigte, gab sie der Ausstellung den Titel „Questions“. Jedes Exponat war einer Frage zugeordnet, die am Anfang des Gestaltungsprozesses stand. Die Fragen, die sich die Studenten gestellt hatten, waren so interessant wie die Produkte, die sie als Antworten darauf entwickelten. Denn sie zeigten: Designer beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit der Suche nach funktionalen Lösungen für praktische Probleme. Heute werden unsere Befindlichkeiten und Verhaltensweisen immer öfter in die Objekte eingearbeitet. „Welche Gefühle verbinden wir mit Haar?“, fragte Lea Häfliger und entwarf eine Bürste, deren Griff ein langer, schwarzer Haarschopf ist. „Wie können wir uns vor der Welt zurückziehen?“, fragte Yoeri Treffers und präsentierte ein aufblasbares Kunststoffzelt, das uns jederzeit an jedem Ort vor der Außenwelt schützen kann. „Wie können wir den Abschied von einem Verstorbenen zu einem zarten Moment machen?“, fragte Roos Kuipers und zeigte „Mark the last veil“ – eine Holzbahre mit sechs transparenten Stoffbahnen, mit denen die Hinterbliebenen den Verstorbenen zudecken können.
Woher kommt die neue Gefühligkeit? Sind unsere Gestalter der Funktionalität überdrüssig? Wohl kaum. Die emotionale Dimension nimmt einen neuen Stellenwert im Designprozess ein, seit nicht nur die Gesellschaft immer komplexer wird, sondern es auch die Produkte wurden. Im 20. Jahrhundert war die Aufgabe eines Designers, die bequemere Sitzgelegenheit oder den effizienteren Staubsauger zu erfinden. Heute sind so viele Dinge mit Computern ausgestattet, dass die intuitive, auf Erfahrung gestützte Benutzbarkeit von Gegenständen zur Gestaltungsaufgabe wird. Wir haben eine emotionale Bindung zu unseren Smartphones und Espressomaschinen und erfreuen uns an den freundlichen Geräuschen, die sie machen. Junge Mädchen verzieren
ihre Handys mit niedlichen Gesichtern – es scheint, als hätte sich eine neue Designer- generation davon anregen lassen.
Der Hang zum Gefühl ist keine Neuerfindung in der Designwelt. Automobilhersteller sprechen ihre Kunden grundsätzlich auf emotionaler Ebene an – vom auf Hochwertigkeit getrimmten Klang einer zufallenden Tür bis zum „Gesichtsausdruck“ der Scheinwerfer, der je nach Modell mal aggressiv, mal niedlich ausfällt. Schon in den achtziger Jahren bekämpfte die Mailänder Designgruppe Memphis trockenen Funktionalismus mit emotional-experimentellen Möbeln. 1986 kuratierte Volker Albus, Vertreter des „Neuen Deutschen Design“, in Düsseldorf die Ausstellung „Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen“ und forderte: „Gegen die Diktatur der Wirbelsäule, für die Gleichberechtigung der Sinne!“ Etwa zur gleichen Zeit begannen Firmen wie Koziol und Alessi, unsere Haushalte mit Heiterkeitsdesign zu überschwemmen. Lachende Korkenzieher und Spülbürsten mit Kindchenschema suggerierten: Die Spaßgesellschaft ist allgegenwärtig. Doch während die emotionale Ansprache des Käufers in vergangenen Jahrzehnten meist der Vermarktung von Massenprodukten diente, machen Designer heute das Gefühl bewusst zum Thema ihrer Objekte.
Eines der großen Designtabus ist damit gefallen: Um den Besitzer emotional an ein Objekt zu binden, setzen Designer neuerdings süße Tiere und andere Kitschmotive ein. Der Londoner Stephen Johnson zum Beispiel sammelt Tierfiguren vom Flohmarkt und setzt sie zu fabelhaften Assemblagen zusammen. Kollektionen wie „Now Isn’t That Lovely“ (2009) spielen ganz bewusst mit Ornament und Kitsch; sie stillen unser Bedürfnis nach Nostalgie und wirken zugleich ziemlich surreal. Das Stockholmer Designtrio Front legte seine „Animal Collection“ (2006) auf, nachdem es in einer Umfrage Menschen nach ihren Lieblingsgegenständen gefragt hatte. Egal, ob Schuhe, Möbel oder Kissen – oft waren den Befragten Dinge besonders ans Herz gewachsen, die sie mit Tieren assoziierten.
Auch Hella Jongerius, die derzeit wohl gefragteste Designerin überhaupt, benutzt seit Jahren Tiermotive – und sie werden von Jahr zu Jahr dominanter: Waren ihre „Animal Bowls“ für Nymphenburg Porzellan (2004) noch zarte Märchenwesen, so ist der Frosch auf ihrem „Frog Table“ (2010) vom Dekorationselement zum Hauptdarsteller geworden. Er ist der Froschkönig, der am Tisch sitzt und ein Gespräch einfordert. Tiere regen unsere Fantasie an – oder auch märchenhafte Figuren. „Nehmen wir den Gartenzwerg“, sagt Volker Albus, heute Professor für Produktdesign an der HfG Karlsruhe, „sein einziger Daseinszweck ist es, Emotionen zu erzeugen.“ Aber auch jenseits der kalkulierten Niedlichkeit zeigen Designer, wie Dinge in uns Gefühle wecken können – nicht nur als Kaufanreiz. Kiki van Eijk, die schon vor zehn Jahren an der Eindhoven Academy studierte, stellte kürzlich „Drink! Fun!Eat!Rest!Think!Dream!Love!“ vor – Skulpturen aus Muranoglas, die von elementaren Dingen erzählen. Ein Totem aus Küchenutensilien erinnert uns an die Freude am Essen. Eine Trompete und ein Ballon stehen für Spaß und Humor, die Liebe ist symbolisiert durch eine rote Gießkanne (denn man soll sie großzügig verschenken) und verschmilzt mit einem Kerzenhalter (denn sie vereint Gegensätze wie Feuer und Wasser). Kiki van Eijk bekennt sich zur Romantisierung des Alltags: „Ich versuche immer alles ein wenig weicher und freundlicher aussehen zu lassen als die Wirklichkeit.“
Weit weniger gefällig sind die Arbeiten der Rotterdamer Designerin Wieki Somers. Bekannt wurde Somers mit „Bath Boat“ (2005), einer Badewanne in Form eines Holzbootes, in dem der Badende hinwegdriften kann wie ein einsamer Fischer auf dem Meer. „Wir versuchen Design zu schaffen, das uns die Welt intensiver erleben lässt“, erklärt Wieki Somers, die mit ihrem Partner Dylan van den Berg ein gemeinsames Studio betreibt. Objekte des Alltags werden mit ästhetischen und emotionalen Mitteln neu erlebbar, sollen aber durchaus auch irritieren. „High Tea Pot“, eine Porzellankanne in Form eines Schweineschädels, umhüllt von einem Rattenfell, ist eine Arbeit zum Thema Dekadenz. Wieki Somers studierte Bilder des flämischen Malers Frans Snijders und fand ihre Definition von Dekadenz: das Zusammentreffen von Schmackhaftem und Absto- ßendem, Leid und Lust.
Für ihre Serie „Consume or Conserve?“ verwendete sie (angeblich) menschliche Asche, um mit Hilfe eines 3D-Printers Skulpturen im Stil von Stillleben des 16./17. Jahrhunderts zu erstellen. Dabei kombiniert sie Vanitas-Symbole mit Konsumgegenständen der Gegenwart: Ein Spatz sitzt auf einem Toaster und beweint seinen toten Artgenossen. Honigwaben liegen auf einer Körperwaage. Ein Pillendreherkäfer rollt eine Dungkugel auf einem Tischstaubsauger. „Technologie ermöglicht uns, das Leben immer weiter zu verlängern“, erklärt Somers, „aber was nutzt uns ewiges Leben, wenn wir nur immer mehr konsumieren, ohne über die Konsequenzen nachzudenken?“ Wenn uns das Design nun auch noch an die Sterblichkeit erinnert, dann ist es von „form follows function“ schon ziemlich weit entfernt.

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“Die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft”
ART Online | 9. November 2010

Alexander von Vegesack, Gründungsdirektor des Vitra Design Museums, übergibt ab 2011 die operative Führung an Mateo Kries und Marc Zehntner. art fragte Mateo Kries, was sich nun ändern wird.  [weiter]

“Die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft”
ART Online | 9. November 2010

Alexander von Vegesack, Gründungsdirektor des Vitra Design Museums, übergibt ab 2011 die operative Führung an Mateo Kries und Marc Zehntner. art fragte Mateo Kries, was sich nun ändern wird. 

Vom Chefkurator zum Leiter des Vitra Design Museums – was bedeutet das für Sie?

Ich bin seit 15 Jahren im Vitra Design Museum und war schon in den letzten Jahren stark in die Programmgestaltung involviert – deshalb habe ich miterlebt, wie das Museum gewachsen ist und wie unsere Aktivitäten immer internationaler und komplexer geworden sind.

Als Chefkurator war ich vor allem für die Ausstellungen des Museums verantwortlich, nun rücken natürlich auch die vielen anderen Facetten unseres Hauses in den Blickpunkt, von den museumspädagogischen Aktivitäten und Events bis hin zu den Tourneen unserer Wanderausstellungen. Unsere Museumssammlung ist inzwischen eine der größten zum Thema des industriellen Möbeldesigns, und wir machen uns verstärkt Gedanken darüber, wie wir diese Sammlung in den nächsten Jahren stärker erschließen können, ohne dass wir ihren Erhalt gefährden. Digitale Medien sind eine Option, wir denken über eine neue Website nach, die die Sammlung auch online erschließt. Ein wichtiger Aufgabenbereich ist aber auch die Restauration. Zum Beispiel hat sich erst in den letzten Jahren gezeigt, welche Halbwertszeiten die Kunststoffe haben, die in den sechsiger und siebziger Jahren verwendet wurden. In den letzten Jahren setzte auf einmal ein beschleunigter Zersetzungsprozess bestimmter Kunststoffe ein, deren Langzeitverhalten man, als sie verwendet wurden, noch gar nicht kannte.

Was werden wir an Ausstellungen erwarten können?

Die großen Ausstellungen über bestimmte Figuren der Designgeschichte wird es weiterhin geben. Durch Ausstellungen wie über Le Corbusier ist unser Museum schließlich groß geworden und hat auch ein breites Publikum für Fragen des Designs und der Architektur erreicht. Ende 2012 soll eine große Ausstellung über den Architekten Louis Kahn eröffnet werden. Themenausstellungen sind auch geplant, etwa zum Verhältnis von Kunst und Design in der Pop Art. Aber sicher werden wir uns stärker auch mit aktuellen Themen befassen. So würde es mich interessieren, demnächst einen Rückblick auf das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu wagen. Schließlich war das auch im Design eine verrückte Zeit, mit ihren zwei einschneidenden Krisen, mit völlig gegenläufigen Tendenzen im Design, von der experimentellen Nutzung neuer Technologien bis hin zu den Fragen der Nachhaltigkeit und der Verantwortung. Natürlich beobachten wir auch, welche Designer heute Maßstäbe setzen, auch mit denen werden wir Ausstellungen realisieren. Dann würde mich auch eine Ausstellung über Design in Afrika reizen, die sich jenseits der Klischees von Recycling und reiner Überlebenssicherung bewegt. Dort tritt heute, ebenso wie in Asien, eine Generation neuer Designer auf den Plan, die es Wert wäre, im Museum gezeigt zu werden. Das Verhältnis von Ernährungsfragen und Design wäre ein anderes interessantes Feld. In diesem Thema bündeln sich viele der Widersprüche unserer Zeit. Einerseits wird Nahrung heute von Designern, Starköchen und Großkonzernen unter Gestaltungsaspekten betrachtet, denken Sie nur an Schlagworte wie „Functional Food“, „Convenience Food“ oder „Food Design“. Anderseits stellen sich hier jenseits aller Trends existenzielle Fragen: Wie schafft man es in der Zukunft, die stark wachsende Weltbevölkerung zu ernähren?

Und wie schafft man es, solche Themen in ein Museum zu bringen?

Wir denken auch darüber nach, wie wir die bisherigen Ausstellungsformate weiterentwickeln können. Bisher waren Designausstellungen oft entweder klassische Retrospektiven oder komplexe Themenausstellungen. In der Kunst ist hier in den letzten Jahren viel in Bewegung geraten, man hat viele neue Ausstellungsformate erprobt, und das wünsche ich mir auch für den Bereich Design. Zum Beispiel könnte man bestimmte Themen aus der Perspektive eines Designers beleuchten, eine Gruppe von Protagonisten zu einem Thema zusammenbringen, oder Ausstellungen als Dialog zwischen einem Designer und einem Gestalter aus einer anderen Disziplin anlegen. Und schließlich haben wir ja noch unsere Sammlung, die für neue Projekte immer wieder Inspiration bietet. So haben wir in den letzten Jahren eine große Leuchtenausstellung aufgebaut, mit der wir gerne ein Projekt zum Thema Licht machen würden. Und auch den Nachlass des amerikanischen Designers Alexander Girard, der sich bei uns befindet, könnten wir irgendwann in einer Ausstellung präsentieren. Die Möglichkeiten, Designausstellungen zu konzipieren, sind jedenfalls noch lange nicht ausgeschöpft.

In Ihrem Buch „Total Design“ fordern Sie, das Thema Design stärker in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Wie kann ein Museum dazu einen Beitrag leisten?

Zum einen natürlich durch die Konzeption unserer Ausstellungen. Indem wir bei Themen auswählen, die gesellschaftliche Relevanz besitzen und über die reinen Trends hinausblicken. Wir als Museum haben schließlich die Verantwortung, Ausstellungen zu machen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was bei der Möbelmesse in Mailand oder in Köln zu sehen ist, und was man in den Medien täglich an Neuerungen sieht. Und dann gibt es ja auch noch die vielen anderen Aktivitäten, mit denen wir unsere Themen vertiefen können, etwa Vorträge, Symposien, Workshops oder Führungen. Wir machen schon jetzt immer mehr Rahmenveranstaltungen zu unseren Ausstellungen. Das ist nicht zuletzt deshalb möglich, weil neben unserem Museum dieses Jahr das VitraHaus eröffnet wurde, das die Besucherzahlen weiter in die Höhe getrieben hat, sodass wir auch abends mehr und mehr Gäste zu Veranstaltungen anziehen. Und bei unseren Workshops können sich unsere Besucher auf einer ganz praktischen Ebene mit Design auseinandersetzen. Auch denken wir darüber nach, vermehrt andere Ausstellungsorte neben dem Gehry-Gebäude auf dem Vitra Campus zu nutzen, etwa das Kuppelzelt von Richard Buckminster Fuller oder das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid. Mit diesem Angebot sind wir in der Zukunft durchaus in der Lage, uns auf sehr anspruchsvolle Weise mit Design auseinanderzusetzen.

Werden Sie denn die Finger vom Kuratieren lassen können?

Das wird nicht leicht! Ich werde auch in Zukunft eng mit den Kuratoren der Ausstellungen zusammenarbeiten, und sofern es meine Zeit zulässt, werde ich bei dem einen oder anderen Projekt auch als Kurator agieren.

Vitra Design Museum

Aktuelle Ausstellung: „Frank O. Gehry seit 1997“, bis 13. März 2011; Das Buch „Total Design“ von Mateo Kries ist in diesem Jahr im Nicolai Verlag erschienen

http://www.design-museum.de

info@design-museum.de


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Schwindelerregend seltsam
ART online | April 2010

Blitzblauer Himmel, Vulkanasche, Transportprobleme und Ballermannstimmung. Und seltsame Sitzmöbel, die einem die Sinne verwirren. Das gab es zu sehen auf der diesjährigen Mailänder Design Week.  [weiter]

Schwindelerregend seltsam
ART online | April 2010

Blitzblauer Himmel, Vulkanasche, Transportprobleme und Ballermannstimmung. Und seltsame Sitzmöbel, die einem die Sinne verwirren. Das gab es zu sehen auf der diesjährigen Mailänder Design Week. Die wichtigste Möbelmesse der Welt stand in diesem Jahr ganz unter dem Einfluss der isländischen Vulkanaschewolke. Während die eine Hälfte der Designwelt verzweifelt versuchte, sich mit Bus, Bahn oder Mietwagen nach Mailand durchzuschlagen, saß die andere Hälfte dort fest, gründete Fahrgemeinschaften Richtung Norden und hatte endlich einmal genügend Zeit, um sich alle Ausstellungen anzusehen. Denn wieder einmal gab es neue Räume, neue Veranstaltungsorte, ein neues Designviertel und wieder einmal waren die innovativsten, ungewöhnlichsten Entwürfe nicht auf dem Messegelände in Rho zu sehen, sondern quer über die Stadt verteilt.

Design und Party quer durch die Stadt

Mit Ventura Lambrate startete eine ganz neue Designzone im Osten der Stadt, die Entwürfe von Designschulen und jungen, vornehmlich niederländischen Designern präsentierte. Alles war angenehm nah beieinander, intelligent und unterhaltsam. Die Ausstellungszone um die Via Tortona war im neunten Jahr nach ihrer Gründung hingegen so überlaufen, das sie weniger Spaß machte. Die Warteschlange vor dem Swarovski Crystal Palace war fast so lang wie die am Fahrkartenschalter im Zentralbahnhof. Und die begleitende Party-Animation der lokalen Gastronomie („5 Bier 5 Euro“) grenzte schon an Ballermannisierung. Stilvoller war die Party im Kvadrat Showroom am Corso Monforte. Eingeladen hatten BMW und Flos, um bei Ingwercocktails und Prosecco die von Patricia Urquiola und Giulio Ridolfo gestaltete Auto-Skulptur „The Dwelling Lab“ zu feiern. Die in Spanien geborene Mailänder Designerin hatte sich dem Lebensraum Auto genähert, indem sie das Chaos, das sich im Wageninneren gern ansammelt, auf trichterförmig nach außen gestülpten Wänden geordnet hatte. Vom Benzinkanister bis zum Badmintonset wurden alle Gegenstände liebevoll in Wollstoff eingenäht und mit Klettverschlüssen befestigt – eine Katalogisierung des mobilen Alltags.

Andere Ausstellungen regten eher zum Nachdenken an – wie der vom Interni Magazin organisierte „Think Tank“ in den von Filarete erbauten Klosterhöfen der Università degli Studi. Die italienische Zeitschrift hatte internationale Designer wie John Pawson, Jaime Hayon und Daniel Libeskind gebeten, sich in Installationen über den Wertewandel im neuen Jahrtausend Gedanken zu machen. Die Ergebnisse reichten von Windrädern für den privaten Vorgarten (Philippe Starck) bis zu meditativen Windspielen wie der „CCC Wall Casalgrande Ceramic Cloud“ (Kengo Kuma).

Manchmal tat es auch weh

Ansonsten wurde vieles gezeigt, das die Sinne verwirrt und den Augen Schmerzen zufügt. In der Spazio Fendi, außen vom Perspektivenkünstler Felice Varini bearbeitet, gestalteten die Designer von Beta Tank einen spielerischen Raum in schwarzweißen Op-Art-Mustern und reichten zur Beruhigung der Nerven gelbe Lollis. In der Spazio Rossana Orlandi wurden die schmelzenden Sessel von Nina Saunders ausgestellt. Und überhaupt: Sitzgelegenheiten 2010 werden schwindelerregend seltsam. Während sich Marcel Wanders („Sparkling Chair“ für Magis) und Tokujin Yoshioka (Invisibles for Kartell) auf durchsichtigen (und putzintensiven) Kunststoff verlegten, trat Fabio Novembre mit einem Stuhl in Form einer weißen Maske („Driade“) auf, dessen Inspirationsquelle man zwischen Karneval und LSD-Trip verorten könnte. Bei Moroso stellte Tokujin Yoshioka einen Stuhl aus recyceltem Aluminium vor, der in beliebige Formen gebracht werden kann („Memory Chair“) und sehr an zerknüllte Alufolie erinnert.

2010 ist aber auch das Jahr der iPhone-Apps. Überall wurden welche angeboten, die Planbarkeit in das Mailänder Designgewirr bringenwollten. Die schönste von allen aber kam von Maarten Baas. Der Niederländer hat eine seiner Installationen die Analog-Digital Clock als App herausgebracht. Für 79 Cent kann jetzt jeder iphone-Träger eine „digitale“ Uhr herunterladen, die von fleißigen analogen Händen einmal in der Minute an eine Glasscheibe gemalt wird.

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Gemütlichkeit in Zeiten der Krise
Art online |September 2009

Zum siebten Mal fand vom 19. bis 27. September das London Design Festival statt – trotz Rezessionstief mit 163 Ausstellungen und Installationen im ganzen Stadtgebiet. Fazit: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner.  [weiter]

Gemütlichkeit in Zeiten der Krise
Art online |September 2009

Zum siebten Mal fand vom 19. bis 27. September das London Design Festival statt – trotz Rezessionstief mit 163 Ausstellungen und Installationen im ganzen Stadtgebiet. Fazit: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner. 

Neben der Messe „100% Design“ und „Designersblock“ auf demMessegelände in Earl’s Court, und der „Tent London“ in der Truman Brewery im Osten der Stadt war das Zentrum des diesjährigen Festivals das Victoria & Albert Museum im Westen Londons. Im V&A waren zwei der besten Ausstellungen zu sehen: „In Praise of Shadows“ zeigte Leuchten-Entwürfe europäischer Designer, die sich mit Niedrigenergie-Lichtquellen auseinandersetzen. Von Tom Dixons Kupfer-Leuchte „Blow Light“, die selbst mit dem kühlen Licht von Energiesparlampen warme Atmosphäre schafft über Puff Buff’s glamourösen LED-Kronleuchter bis zu Rachel Wingfields solarbetriebenen luminiszierenden Lichtobjekt „Sonumbra“ – diese Leuchten zeigen: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner.

Die Ausstellung „Telling Tales“ (noch bis zum 18. Oktober) thematisiert Fantasie und Angst im zeitgenössischen Design. Die Räume der Ausstellung sind mal wie Märchenbühnen, mal wie düstere Albtraumsettings gestaltet und inszenieren bekannte Entwürfe niederländischer Designstars wie Tord Boontje, Marcel Wanders, Studio Job, Maarten Baas, aber auch experimentelle Objekte von Nachwuchsdesignern wie eine von einem Bienenvolk „gebaute“ Honigwaben-Vase des gebürtigen Slowaken Tomas Gabzdil Libertiny. Vom Anblick verwurmter Fuchsohren, Atompilzen zum Kuscheln und Kinderpantoffeln aus Maulwurfskörpern konnte man sich wunderbar erholen im sonnigen Innenhof des Museums. Hier hatte Martino Gamper den „Wallpaper Chair Arch“ aus Ercol-Stühlen gebaut.

Brauchen wir noch mehr Stühle?

Ein paar Stockwerke darüber, im Auditorium des „Sackler Center“, wurde derweil über die Frage diskutiert, ob wir überhaupt noch neue Stühle brauchen. Die „Financial Times“ hatte Designer, Kuratoren und Hochschuldozenten zu Diskussionsforen eingeladen. Es ging um Globalisierung und Verantwortung, Ethik und Überlebensstrategien, Urheberrechte und Energieverbrauch, vor allem aber über die Chancen, die Kreative in Zeiten der Krise überhaupt noch haben. Eine sympathisch einfache Antwort darauf hatte Jaime Hayón. Der gebürtige Spanier lebt seit drei Jahren in London und liebt es (trotz der hohen Lebenshaltungskosten) für seine Internationalität. Er rät jungen Kreativen, auf jeden Fall an einem eigenen Stil zu arbeiten. „Studenten müssen lernen, ihre Einzigartigkeit zu entwickeln. Ich habe schließlich auch Bauhaus-Design studiert und mache etwas völlig anderes“.

Aus Hayóns Perspektive ist das leicht gesagt. Der aufgekratzte Spanier, der sich für ein Foto auch schon mal ins rosa Hasenkostüm wirft, hat nicht nur Projekte rund um den Globus, sondern war auch während des London Design Festivals gleich zweimal Aufsehen erregend vertreten. Auf dem Trafalgar Square installierte er mit Bisazza ein Schachspiel mit lebensgroßen, handbemalten Keramikfiguren. In der Galerie Spring Projects zeigt er noch bis zum 22. Oktober „American Chateau Room One“, eine Ausstellung von exzentrischen Objekten, die er mit seiner Partnerin Nienke Klunder realisiert hat. Entwürfe wie „Rocking Hot Dog“ oder die „Donut Madonna“ sollen die Fusion von europäischer Handwerkskunst und der amerikanischer Alltagskultur darstellen – Versailles trifft auf Disneyworld.

Gemütlichkeit Reloaded

Mit seiner Verspieltheit sowie mit der Liebe zum perfekten Handwerk liegt Hayón ganz vorn. Galeristin Libby Sellers zeigt noch bis zum 18. Oktober von Royal Leerdam hergestellte zentimeterdicke Glasobjekte des Niederländers Dick van Hoff. Ihre temporäre Galerie, eine alte Autowerkstatt in Brompton, ist eingerichtet wie ein Wohnzimmer, mit Stillleben über dem Sofa und Vasen auf dem Kaminsims. Alles ist geradezu protestantisch karg, dabei aber robust, langlebig, hochwertig. Die Sitzmöbel sind aus massiver Eiche (selbstverständlich aus nachhaltiger Fortwirtschaft), die Lederbezüge darauf stammen von Biorindern, umweltschonend gegerbt … „Austerity Deluxe“ liegt im Trend – und heißt übersetzt in etwa „Entbehrung Deluxe“. Der Wert des Objektes liegt in der Geschichte und Herkunft der Materialien und ihrer hochwertigen Verarbeitung. Van Hoffs Glasobjekte kosten 1.400 Pfund das Stück – bei einer Auflage von 50.

Auch bei den Nachwuchsdesignern stand Handgemachtes hoch im Kurs, allerdings nicht immer so hochpreisig. Nacho Carbonell, Raw Edges, Rowan Mersh, Max Lamb und Gemma Holt zeigten mit der Installation „Corn Craft“, wie man mit preiswertem Material (Getreide!) Räume und Möbel nachhaltig gestalten kann. Auf der „Tent London“ gab es viel Gestricktes, Selbstbedrucktes und Handbemaltes zu sehen. Highlights der „New Talent Zone“ bei „Tent London“ waren die mit Sandsäcken bespannten Hocker des Niederländers Erwin Zwiers („Leave your Shape behind“) und die „Cozy Furniture“-Kollektion des gebürtigen Rostockers Hannes Grebin. Der Student der Bauhaus-Universität nahm sich das deutsche Wohnzimmer vor, behielt Materialien und Muster von Sofa und Perserteppich und macht deutsche Gemütlichkeit zur Skulptur, indem er die Geometrie der Möbelstücke aufbricht.

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Form follows Frau
Art | April 2010

Lolita-Feminismus fürs Wohnzimmer. Wie die junge slowenische Designerin Nika Zupanc mit weiblicher Eleganz nüchterne Möbelkonzepte aufmischt – und mit Archetypen von Weiblichkeit spielt.  [weiter]

Form follows Frau
Art | April 2010

Lolita-Feminismus fürs Wohnzimmer. Wie die junge slowenische Designerin Nika Zupanc mit weiblicher Eleganz nüchterne Möbelkonzepte aufmischt – und mit Archetypen von Weiblichkeit spielt. 

Das „Doll house“ ist eine haushohe, weiß gepunktete Black Box mit einem spitzen Dachaufsatz, aus dessen Schornstein kugelrunde Kunstwolken aufsteigen. Im vergangenen April stand es in Mailand auf dem Platz vor dem Superstudio Più, wo Design-Legende Giulio Cappellini während der Möbelmesse junge Gestalter eingeladen hatte, ihre Kollektionen zu präsentieren. Es hätte keinen besseren Platz geben können für Nika Zupanc’ Auftritt: Draußen ist es hell, laut, anstrengend. Drinnen ist eine gedämpfte Welt aus schwarz lackierten Sofas mit steifen Satinkissen, Stühlen, die an die gestärkten Schürzen von Zimmermädchen erinnern, und Staubwedeln, die auf ihrer luxuriösen Verpackung arrangiert sind wie kostbare Schmuckstücke. Besucher des Puppenhauses treten ein in eine perfekte Utopie des weiblichen Eskapismus. Klavierlack, Straußenfedern, Fiberglas – schon die Materialien sind ein Genuss für Augen und Fingerspitzen. Eine heilsame Zuflucht vor den Zumutungen des allzu bodenständigen familiären Alltags. In der Welt der 36-Jährigen hat sogar eine Elektroherdplatte die Form einer goldenen Puderdose, und die Babywiege ist aus hochglänzendem schwarzem Kunststoff – eine in Acryl geschnittene Verweigerung der visuellen Niedlichkeitsdiktatur, die sonst in Kinderzimmern herrscht.

„I will buy flowers myself“ steht am Eingang zum „Doll house“, „Ich werde mir selbst Blumen kaufen“. Es ist eine Referenz an den ersten Satz aus Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“ und steht für eine Frau, die ihren eigenen Weg geht. Ein bisschen altmodisch, ein bisschen arrogant und vielleicht etwas oberflächlich. Dabei aber trotzig, selbstbewusst und eigenständig. „Mrs. Dalloway“, Zupanc’ literarische Lieblingsheldin, ist auch Namensgeberin der Elektroherdplatte, die sie für Gorenje gestaltet hat. „Der Titel ‚I will buy flowers myself‘ und die Installation können leicht missverstanden werden“, sagt Nika Zupanc. „Man könnte denken, ich mache Design für Frauen. Das ist nicht so. Mein Thema ist vielmehr das ironische Spiel mit den verschiedenen Archetypen von Weiblichkeit.“

Schon ihre Visitenkarte ist ein Spiel mit femininen Klischees: kirschrot wie die Fin­ gernägel ihrer Besitzerin, mit der metallisch glänzenden Silhouette einer Einkaufstüten tragenden Dame. „La femme et la maison“ steht darauf – „die Frau und das Haus“ – der Titel ihrer ersten eigenen Designkollektion. Die Wiegen „Boris, Vladimir und Aleksander“ hat sie unter diesem Label auf den Markt gebracht, den Straußenfedern-Staubwedel „Unfaithful Feather Duster“ gibt es bereits in ausgewählten Geschäften und übers Internet zu kaufen.

Nika Zupanc’ Karriere begann im Jahr 2000 mit einem mit Auszeichnung abgeschlossenen Studium an der Kunst- und Designakademie der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Gefolgt von ein paar Jahren, in denen jeder verfügbare Cent in Prototypen und Ausstellungen investiert wurde und einer Pecha-Kucha-Nacht in Udine (art 5/2008). Bei dem Event, wo Kreative die Gelegenheit haben, ihre Ideen in 20 Bildern und jeweils 20 Sekunden Zeit zu präsentieren, wurde die Slowenin vom innovativen Möbelfabrikanten Moroso entdeckt. Die Italiener waren begeistert von ihrem „Maid chair“. Kurze Zeit später kam ein Anruf vom niederländischen Designstar Marcel Wanders, der die Lampe „Lolita“ produzieren wollte. Im vergangenen Jahr präsentierte Moroso „Tailored chair“ auf der Mailänder Möbelmesse, 2008 war „Lolita“ von Moooi vorgestellt worden: ein charmantes, etwas naives, irgendwie verführerisches Kunststoffwesen, verfügbar als Pendelleuchte, Steh- oder Tischleuchte.

„Ich liebe Kunststoff“, erklärt Nika Zupanc. „Die Verarbeitung erfordert einen gewissen Perfektionismus – und ich mag Dinge, die schwierig sind. Zudem bietet seine hochglänzende Oberfläche die Möglichkeit, mit der Sprache des Glamours Dinge zu erzählen, die nicht immer einfach sind. Meine Produkte haben ein anziehendes Äußeres, das beim näheren Betrachten Fragen aufwirft.“ Die „Lolita“-Lampe zum Beispiel versammelt typisch weibliche visuelle Elemente – einen Lampenschirm wie ein Glockenrock, Proportionen mit Kindchenschema, eine angedeutete Spitzenbordüre –, bringt sie aber in einen neuen, ungewohnten Zusammenhang. Und ist dabei nicht nur dekorativ, sondern auch sehr funktional: „Lolita“ erzeugt schönes atmosphärisches Licht, ist aber zugleich eine gute Leselampe. Benutzbarkeit ist für Nika Zupanc von zentraler Bedeutung – nur dass sie dem modernistischen Leitsatz „form follows function“ noch eine emotionale Dimension hinzufügt.

Und manchmal auch einen gesellschaftskritischen Subtext: „Wenn man das aktuelle Angebot an Kindermöbeln betrachtet, stellt man fest: Es gibt sie fast ausschließlich in einer praktischen, kindlichen Ästhetik. Sie sind Teil eines gesellschaftlichen Konsens, der besagt, eine Frau, die Mutter wird, kann nur mit einer praktischen, ziemlich unweiblichen Formensprache erreicht werden“,erklärt Zupanc, selbst Mutter eines vierjährigen Sohnes. „Das bedeutet, dass eine Frau, sobald sie Mutter wird, alle anderen weiblichen Rollen ablegen muss.“ Die „leicht arroganten“ Wiegen „Boris, Vladimir und Aleksander“ und das Rutschauto „Konstantin B“ sind Nika Zupanc’ Kampfansage an die Pastellfarben und Teddymotive, die in den Einrichtungsabteilungen von Baby­ Kaufhäusern dominieren. Und ein Plädoyer für Eleganz im Spielzimmer.un, wo die Slowenin mit Moooi und Moroso zwei der angesagtesten Produktionspartner gefunden hat, steht sie in den Startlöchern für eine internationale Karriere. Für andere Kreative wäre das ein Grund, nach London, Paris oder Mailand zu ziehen. Nicht für Nika Zupanc. Sie wird vorerst im kleinen, idyllischen Ljubljana bleiben, weit ab von den Trendmetropolen zeitgenössischen Designs. Und dieses Jahr im April, wenn die Designwelt aufs Neue nach Mailand pilgert, wird Nika Zupanc wieder ihr Haus auf dem Gelände des Superstudio Più öffnen. Und wieder wird eine große weibliche Literaturheldin Pate stehen: Scarlett O’Hara. „Gone with the wind“ heißt Zupanc’ neue Kollektion von Sofas, Lampen, Bänken – und Leitern.

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Die Utopisten von Paris
Art | September 2009

Ein Architekt, ein Produktdesigner, ein Landschaftsgestalter. Alle drei arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, Design und Architektur. Was sie verbindet, ist eine Utopie: die Vision einer besseren Welt.  [weiter]

Die Utopisten von Paris
Art | September 2009

Ein Architekt, ein Produktdesigner, ein Landschaftsgestalter. Alle drei arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, Design und Architektur. Was sie verbindet, ist eine Utopie: die Vision einer besseren Welt. 

Gilles Clément findet das Ideal einer Landschaft auf verlassenen Industriegeländen, wo sich Pflanzen in gerissenem Asphalt ansiedeln. Philippe Rahm entwirft nachhaltige Wohnhäuser, die nach dem Prinzip des atlantischen Golfstroms beheizt werden. Mathieu Lehanneur baut Haushaltsgeräte, die Menschen gesünder machen und Aquarien, die die Weltmeere vor der Überfischung bewahren sollen. Diesen Pariser Künstlern geht es nicht um Idealstädte, fantastische Architekturszenarien oder revolutionäre Gesellschaftsmodelle – sie sind die Utopisten der Gegenwart. Ihre Vorgehensweise ist wissenschaftlich-analytisch, ihre Entwürfe zeigen kleine Auswege aus der menschengemachten globalen Klimakatastrophe. Manchmal sind sie nur ein bisschen zu visionär, um sich heute schon auf dem Markt durchzusetzen – wir finden ihre Ideen eher auf Biennalen und in Museen, in Galerien und an Hochschulen als im realen Alltag. Noch. Die ersten ihrer Entwürfe sind schon dabei, den Kunstkontext zu verlassen.

Im Café Marly unter den Arkaden des Louvre flattern Spatzen aufgeregt um Tischbeine und versuchen, ein paar Croissantkrümel zu erwischen. Es ist ein sonniger Nachmittag in Paris. Philippe Rahm bestellt Wasser und Kaffee. Der Schweizer Architekt mit Wohnsitz Paris kommt gerade aus einer Vorlesung in der Ecole du Louvre. Wenn man aus dem abgedunkelten Auditorium in das goldgelbe Nachmittagslicht tritt, erscheint einem die Außenwelt wie eine Kulisse – links die Glaspyramide des Louvre, rechts der Eiffelturm über der glitzernden Seine. „Eine schöne Landschaft“, bemerkt Philippe Rahm. „Man kann sich mit ihrer Form beschäftigen. Man kann auch tiefer gehen. Sie in ihre einzelnen Elemente und Substanzen zerlegen.“ Rahm beschäftigt sich für einen Architekten erstaunlich wenig mit Gebäuden. Seine Materialien sind Licht, Luft und Wärme. Es sind die Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, die ihn interessieren. „Natur im Sinne von etwas, das nicht vom Menschen beeinflusst ist, existiert spätestens seit der Industrialisierung ja ohnehin nicht mehr“, sagt Philippe Rahm. Zentrales Thema seiner Arbeit ist eine Rückprojektion der Natur in den Innenraum. Zum Beispiel mit dem Projekt „L’Air de Paris“, das er während der Möbelmesse in Mailand vorstellte. Ein gläsernes Klimagerät für Wohnräume, bei dem die Außenluft durch verschiedene Schichten aus Kalkstein, Eichen- und Nussbaumholz gefiltert wird. Materialien, die im Loiretal und den Ebenen der Normandie vorkommen, und die, vom Westwind getragen, den Duft des vorindustriellen Paris geprägt haben müssen. Ironischerweise liefert „L’Air de Paris“ nicht nur den Parisern Luft im imaginierten Naturzustand – sie ermöglicht sogar deren Export und Reproduzierbarkeit. Eine Anfrage aus Dubai liegt bereits vor.

Doch in erster Linie sieht sich Rahm als Architekt, der Häuser bauen will, die der Klimaerwärmung durch zu hohen CO2-Ausstoß entgegenwirken. Während andere, die energieeffiziente Häuser bauen, über Dämmstoffe und Technologien nachdenken, geht Rahm die Sache anders an. Ausgehend von der Bewegung von Luftströmen im Raum hat er ein Klimakonzept für Wohnhäuser entworfen. Durch eine wärmere und eine kühlere Wärmequelle im Haus entsteht im Raum ein ähnliches Phänomen, wie es der Golfstrom erzeugt. Über der Wärmequelle steigt die warme Luft nach oben, kühlt sich ab, sinkt im kühleren Teil der Wohnung nach unten. Für sein Werk „Digestible Gulf Stream“ auf Vene- digs Architekturbiennale 2008 installierte Philippe Rahm zwei unterschiedlich temperierte Platten und erzeugte so einen Golfstrom im Raum, der spürbar war in Form eines leichten Lufthauchs. Das Exponat war eines der meistbesuchten im Arsenale.

Entsprechend dieses „Digestible Gulf Stream“ hat Rahm für die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ein Haus entworfen, das die unterschiedlichen Wohnbereiche in den verschiedenen Wärmezonen des Hauses ansiedelt. Die zwei Etagen des gläsernen Hauses sind von einem Holzstäbchenboden getrennt, durch den die warme Luft nach oben steigen, kühlere Luft nach unten sinken kann. Auf der oberen Etage sind Wohnzimmer und Bad angesiedelt, in denen man es gern warm hat, im unteren Stockwerk sind Schlafzimmer und Flur, in denen niedrigere Temperaturen gewünscht sind. Interessante Idee, aber die für den hausinternen Luftstrom erforderliche Luftdurchlässigkeit bringt es mit sich, dass praktisch alle Wohnsituationen auf zwei Etagen offen sind. Ist es nicht ein sehr utopischer Entwurf? „Nein, ich denke, man kann dieses Haus gut bewohnen. Für mich ist es mein Traumhaus!“, konstatiert Rahm – dann lacht er und fügt hinzu „nun, vielleicht könnte man für das Schlafzimmer eine Box abtrennen, um etwas mehr Intimität zu haben“.

Mathieu Lehanneurs Studio ist so, wie man sich ein Pariser Designbüro vorstellt: Inmitten des angesagten Sentier-Viertels, in einem lichtdurchfluteten Dachgeschoss, bevölkert von lässigen Mitarbeitern. Im Hintergrund läuft leise elektronische Musik, an den Wänden hängen Skizzen, Materialproben, Fotos. Auf weißen Plastikboxen in den Regalen kleben Etiketten: Glas, Papier, Leder. Man sieht sofort: Mathieu Lehanneur kommt aus dem klassischen Industriedesign. Wo Philippe Rahm einen Computer einsetzt, um die Umwelt in ihre Elemente zu zerlegen, entwirft Lehanneur mit dem Kopf und den Händen. Und geht doch einen anderen Weg als die meisten Gestalter. „Industriedesigner fragen normalerweise: Wie gestalte ich ein Produkt ansprechend, kostengünstig und so, dass es bei den Marketingleuten nicht durchfällt“, sagt Mathieu Lehanneur. „Mein Hauptinteresse gilt dem menschlichen Körper. Ich möchte vor allem Dinge entwerfen, die den komplexen Funktionsweisen des menschlichen Körpers gerecht werden.“ Auf diesen Weg brachte den 1974 geborenen Sohn eines Erfinders eher ein Zufall. Als Lehanneur während seines Studiums als Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie arbeitete, fiel ihm auf, wie wenig sich die Industrie um die psychologische Kommunikationsfähigkeit von Medikamentenpackungen kümmert. Als Abschlussarbeit an der Pariser Designschule ENSCI entwarf er daher „Therapeutische Objekte“, die durch ihr Design den Patienten helfen. Zum Beispiel eine zwiebelförmig aufgebaute Verpackung für Antibiotika, die die Einnahmedauer verständlich kommuniziert: Erst wenn man das Medikament bis zum Kern der Verpackung verbraucht hat, wird seine Wirksamkeit gewährleistet.

Auf der Mailänder Möbelmesse 2006 präsentierte Lehanneur „Elements“, eine Reihe von Prototypen intelligenter Haushhaltsgeräte. Zum Beispiel „K“, eine Lichtquelle, die – wenn sich ihr ein Gesicht nähert – für einige Sekunden helles, dem Tageslicht nachempfundenes Licht abgibt, um die natürliche Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin zu bremsen. Oder „dB“, ein Gerät, das wie ein Saugroboter durch die Wohnung rollt und überall dort, wo ein unangenehmer Lärmpegel herrscht, ein neutralisierendes „weißes Rauschen“ abgibt, welches die Geräuschkulisse für das menschliche Gehirn kompensiert.

Im vergangenen Jahr zeigte Lehanneur in dem New Yorker Artist Space „Local River“, ein Aquarium, in dem man Fische für den Eigenbedarf aufziehen kann. Die Fische im Wasser und die Pflanzen in den darüber angebrachten Glaskübeln bilden dabei ein kleines Ökosystem: Die Exkremente der Fische düngen die Pflanzen, die wiederum das Wasser reinigen, in dem die Fische schwimmen. Noch in diesem Jahr bringt Lehanneur zusammen mit David Edwards, dem Gründer des Pariser Design-Think- tanks „Le Laboratoire“, den Luftfilter „Andrea“ auf den Markt. „Bestimmte Pflanzen haben die Fähigkeit, toxische Stoffe, die von Kunststoffen, Farben, Stoffen in unserer

Umgebung abgesondert werden, zu absorbieren“, erklärt Lehanneur. „Allerdings liegt die Hauptkapazität der Pflanzen in Wurzeln und Erdreich, die Blätter allein können nur einen kleinen Teil der Giftstoffe aufnehmen.“ „Andrea“, benannt nach Lehanneurs erstem Sohn, leitet die Zimmerluft durch das Erdreich der Pflanze, die in dem ovalen Kunststoffgehäuse ihrer ornamentalen Funktion enthoben und zum Gehirn der Maschine wird.

Gilles Clément ist etwas übermüdet. Erst vor kurzem ist er zurückgekehrt aus Neukaledonien, wo er einer befreundeten Architektin bei einem Projekt behilflich war. Der Landschaftsgestalter teilt seine Zeit auf zwischen Paris, wo er an der Ecole Nationale Supérieure du Paysage von Versailles doziert, seinem Haus in La Creuse und vielen Reisen. Er zählt zu den namhaftesten Gartenarchitekten Frankreichs – allein in Paris gestaltete er die Gärten am Grande Arche von La Défense, den Parc An- dré Citroën und die Gartenanlage des Musée du Quai Branly. Doch er selbst nennt sich in aller Bescheidenheit „Gärtner“. „Landschaftsdesigner haben sich zu lange als Architekten verstanden und die Sprache der Architektur benutzt“, erklärt er. „Für mich aber ist der Garten etwas jenseits von ästhetischen Überlegungen. Er ist eine Utopie, ein Ideal.“ Der Ort, an dem diese Utopie lebt, liegt ein paar Autostunden südlich der Hauptstadt im Departement La Creuse. Hier, wo er schon als Kind seine Ferien verbrachte, kaufte Clément in den siebziger Jahren ein fünf Hektar großes Tal und entwickelte seine Philosophie vom „Jardin en Mouvement“. „Ich wollte einen Ort schaffen, der möglichst vielen Spezies einen Lebensraum gibt, einen Zufluchtsort für die Artenvielfalt.“ Nicht der Gärtner sollte den Garten anlegen, sondern die Natur selbst. So wie der Mensch ein Nomade ist, so reisen auch Pflanzen im „Garten in Bewegung“. Arten breiten sich aus, werden verdrängt, ziehen mit dem Wind. Dem Gärtner kommt dabei die Aufgabe zu, so wenig wie möglich und so viel wie nötig einzugreifen. Er war- tet, beobachtet und folgt mit seinen Maß- nahmen einer botanischen Choreografie von Technik und Impuls.

Die Orte, die Gilles Clément für seine „Gärten in Bewegung“ am meisten schätzt, sind die nicht kultivierten, vom Menschen unberührten Territorien, in denen Natur noch ungehindert stattfindet. Das können unberührte Landschaften sein, Urwälder und Naturreservate, aber auch urbane Orte wie die Ränder von Straßen, Bahngleisen oder Industriebrachen. „Tiers-Paysages“ nennt Clément sie – dritte Landschaften. Diesen Sommer gestaltet Gilles Clément ein Projekt in einem ehemaligen U-Boot-Bunker in Saint-Nazaire. Das von den Nazis im Zweiten Weltkrieg erbaute, aber nicht fertiggestellte Gebäude mit zum Teil neun Meter dicken Betonwänden ist ein perfektes Beispiel für eine dritte Landschaft – jahrzehntelang war es ungenutzt. Für den „Jardin de Tiers-Paysage“ pflanzte Clément 107 Zitterpappeln, die nachts von Leuchtdioden erhellt werden und deren silbrig glitzernde Blätter im Wind rauschen. Ein zweiter Teil der Installation heißt „Jardin des Etiquettes“ – ein trockener Garten mit Pflanzen, die praktisch ohne Erdreich auf dem Beton der Anlage wachsen. Einzig eine dünne Kiesschicht wurde gestreut. Pflanzen, deren Samen durch Wind und Vögel verteilt wurden, siedeln sich an. Wann immer eine Pflanze zum Vorschein kommt, wird sie vom Gärtner bestimmt, und es wird ein Schild mit ihrem Namen aufgestellt. Die Natur ist der Künstler, der Gärtner wird Philosoph.

 

Info:

Philippe Rahm wurde 1967 in der Schweiz geboren. Er studierte Architektur in Lausanne und Zürich. Nach dem Abschluss gründete er mit Jean-Gilles Décosterd ein gemeinsames Büro in Paris; seit 2004 arbeitet er allein. Er unterrichtet an der Architekturschule in Paris- Malaquais und hat eine Professur an der ECAL in Lausanne. Diesen Som- mer ist er in zwei Gruppenausstel- lungen vertreten: „Green Architecture for the Future“ im Louisiana-Muse- um in Humlebæk, bis 4. Oktober; „Radical Nature. Art and Architecture for a Changing Planet“, Barbican Art Gallery, London, bis 18. Oktober; www.philipperahm.com

Mathieu Lehanneur wurde 1974 in Frankreich geboren. Seit seiner Studienzeit an der Ecole nationale supérieure de création industrielle (ENSCI) lebt und arbei- tet er in Paris. Dieses Jahr bringt die Londoner Carpenters Workshop Gallery eine limitierte Lampen- edition und eine Teppichedition von ihm heraus. Auch der Luftfilter „An- drea“ soll im Herbst auf den Markt kommen. Lehanneur gestaltet unter anderem Ladeninterieurs für Issey Miyake und das Antwerpener Mode- label Ra. www.mathieulehanneur.com

Gilles Clément wurde 1943 in Frankreich geboren. Er unterrichtet Landschaftsgestaltung an der Ecole Nationale Supérieure du Paysage (ENSP) in Versailles und hat mit seinen Konzepten vom „Jardin en Movement“ und „Jardin Planétaire“ eine ganze Generation von Gartenge- staltern beeinflusst. Sein Manifest „Die dritte Landschaft“ ist im Merve Verlag erschienen. Im Juni eröffnete der erste Teil seines Gartenprojekts in Saint-Nazaire. Gerade arbeitet er an einem Gartendesign für den Parco Arte Vivente in Turin und einem öffentlichen Park in den Fortanlagen von Maubeuge. Darüber hinaus konzipiert er mit dem französischen Architekten Philippe Madec eine nachhaltige Stadt in Südmarokko. www.gillesclement.com

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