Privatsachen
Feld100 | 01/2011

Von der Stecknadel bis zum Auto soll jeder Europäer etwa 10.000 Dinge besitzen. An die meisten verschwenden wir keinen Gedanken, aber manche begleiten unser Leben. Sie erinnern uns an Kindheit, vergangene Lieben, ein Versprechen, das wir gegeben haben.  [weiter]

Privatsachen
Feld100 | 01/2011

Von der Stecknadel bis zum Auto soll jeder Europäer etwa 10.000 Dinge besitzen. An die meisten verschwenden wir keinen Gedanken, aber manche begleiten unser Leben. Sie erinnern uns an Kindheit, vergangene Lieben, ein Versprechen, das wir gegeben haben. 

 

Oder an besondere Menschen und schöne Momente. Die Nummer 100 in jeder Ausgabe von FELD 100 ist den fünf Lieblingsdingen einer Person gewidmet, die Geschichten dahinter entstehen in Kooperation mit Fünf Dinge, einer Website der Journalistinnen Dorothea Sundergeld (Hamburg) und Okka Rohd (Berlin) und der Artdirektorin Karolina Stasiak (Wien/Berlin).

www.fuenfdinge.de ist seit dem 10. August 2011 online.

 

Susanne Junker, Fotokünstlerin und Betreiberin eines Art Space in Shanghai, wohnt in Paris und Shanghai. www.susannejunker.com, www.stage-back.org

 

Ringblitz

Welche Kamera ich benutze, ist mir relativ egal, aber der Ringblitz ist genau das Licht, das ich für meine Fotos brauche. Er ist klein, passt in mein Reisegepäck (denn ich bin viel unterwegs), und er macht ein knalliges, cooles Licht. Man hat große Beweglichkeit mit ihm, denn man muss ihn nicht auf die Kamera aufstecken. Man kann ihn mit der Hand halten oder sich auf das Handgelenk stecken. Er macht einfach Spaß.

Vibrator

Dazu muss man wohl nicht viel erklären … Oder doch: Ich finde, Frauen sollten mehr masturbieren. Ungefähr ein- bis fünfmal am Tag. Denn es katapultiert den Spirit, das Wohlbefinden. Es ist fast wie eine Meditation, es ruht aus und macht einfach wunderbare Laune. Wenn Frauen sich öfter einen Orgasmus verschaffen würden, bräuchten sie nicht so teure Hautcremes, denn sie sähen ganz von selbst jünger und besser aus. Es gibt diese alte Szene aus Sex and the City, aber sie ist wirklich zutreffend: Die vier treffen sich, und als Samantha ankommt, fragen alle: »Wow, du siehst toll aus, was hast du gemacht?« Samantha sagt: »Well, I masturbated all afternoon.«

Ich hatte auch schon peinliche Vibrator-Momente. Früher, als ich noch als Model arbeitete, war ich einmal auf einer Show in Dallas, und als ich in der Kabine saß und geschminkt wurde, fing auf einmal mein Koffer an zu surren. Ich musste ihn aufmachen, das Ding ausstellen – und es war mir echt unangenehm, weil es natürlich alle mitgekriegt hatten. Die Frau, die mein Make-up machte, war allerdings total nett. Sie sagte mit dem breitesten Südstaatenakzent: »Don’t worry honey, mine glows in the dark.«

Rolex

Ich bin in einer ganz normalen Familie aufgewachsen. Luxusgegenstände gab es bei uns nicht. Als ich das erste Mal richtig Geld verdiente, wollte ich mir unbedingt eine Rolex kaufen. Ich weiß noch heute, wie das war. Ich war mit meinem damaligen Freund und meinem Bruder in Paris. Wir gingen in die Rue de Rivoli, suchten die Uhr aus, gingen Mittag essen, kauften sie und waren danach noch im Ritz einen Champagner trinken. Ich war 22, und natürlich ist das einfach nur ein Statussymbol. Aber für mich ist diese Uhr sehr wichtig. Vielleicht weil ich sie mir selbst gekauft und nicht von einem Freund geschenkt bekommen habe. Und sie ist eines der wenigen Dinge, die ich noch nie verloren habe. Sonst verliere ich ständig Dinge. Einmal hatte ich so eine Panik, die Uhr zu verlieren, dass ich sie im Gefrierfach depo- nierte. Leider vergaß ich das dann und suchte sie wochenlang. Irgendwann öffnete ich das Gefrierfach, und die Uhr saß da und grinste mich an. Ein anderes Mal wäre sie mir fast abhandengekommen, weil ich überfallen wurde. Wir fuhren durch Paris mit dem Auto, das Fenster war offen, und neben mir hielt ein Roller, und ein Typ versuchte, mir die Uhr vom Handgelenk zu reißen. Zu der Zeit ging es mir nicht besonders gut, und ich hatte gerade überlegt, die Uhr zu versetzen. Als der Typ an meinem Handgelenk und meinen Haaren herumriss, entwickelte ich eine unglaubliche Wut. Nachher lag die Uhr mit kaputtem Armband auf dem Boden des Autos, und mir waren büschelweise Haare ausgerissen. Aber die Rolex ist bei mir geblieben.

Araki-Polaroid

Es ist das erste Kunstwerk, das ich mir gekauft habe. Zugegeben – es ist eigentlich ein Schnäppchen-Araki. Diese Polaroids werden auf Messen massenweise angeboten. Dennoch: Es ist ein Kick, sich das erste Mal ein Stück Kunst zu kaufen. Wirklich ein anderes Thema als eine Handtasche oder ein Paar Schuhe. Und ich liebe dieses Bild, weil es ein so un- gewöhnlicher Araki ist. Normalerweise sieht man bei ihm gefesselte Frauen. Hier ist eine Puppe gefesselt und noch dazu auf den Kopf gestellt, wodurch es eine ko- mische Satanismus-Anspielung wird, was eigentlich überhaupt nicht Arakis Thema ist. Josh (mein Ehemann) schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich mit diesem Bild ankam. »Mensch, Susi, 500 Euro für ein Polaroid?!« Aber nun ist es da. Und bleibt.

International Art Diary

Eigentlich mache ich heute fast alles Schriftliche mit dem iPhone oder dem Computer. Aber letztes Jahr schenkte mir Josh das International Art Diary zu Weihnachten. Darin sind alle großen internationalen Kunstveranstaltungen gelistet, es gibt ein paar Stadtpläne und viel Platz für Notizen. Seitdem habe ich mir angewöhnt, wieder Sachen aufzubewahren. Tickets, Einladungen, Eintrittskarten, Kritzellisten. Am Ende vom Jahr liegt dann ein Berg von Kram auf meinem Schreibtisch, und ich klebe alles ein, was wichtig war – und schreibe wieder mit der Hand. Das ist ein bisschen altmodisch, aber sehr schön.

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Die politische Galerie
Feld 100 | 01/2011

Seit die arabische Welt im Umbruch ist und im mittleren Osten Kunstmuseen wie Pilze aus dem Boden spriessen, ist arabische Kunst hoch im Kurs. Bei einer zierlichen Dame libanesischer Abstammung in Hamburg steht das Telefon seitdem nicht mehr still.  [weiter]

Die politische Galerie
Feld 100 | 01/2011

Seit die arabische Welt im Umbruch ist und im mittleren Osten Kunstmuseen wie Pilze aus dem Boden spriessen, ist arabische Kunst hoch im Kurs. Bei einer zierlichen Dame libanesischer Abstammung in Hamburg steht das Telefon seitdem nicht mehr still. 

Früher hatte sie montags frei, doch die Zeiten sind nun vorbei. Dabei ist es für Andrée Sfeir-Semler keine neue Erfahrung, das ihre Künstler gefragt sind. Seit über 25 Jahren betreibt die in Beirut geborene Kunsthistorikerin eine Galerie unter ihrem Namen, zuerst in Kiel, dann in Hamburg. Sie vertritt Blue Chips wie Ian Hamilton Finlay, Sol LeWitt oder Michelangelo Pistoletto. Doch seitdem sie 2005 eine Filiale in Beirut eröffnet hat, und einige der wichtigsten arabischen Künstler bei ihr unter Vertrag sind, sehen Frau Sfeir-Semlers Montage immer öfter aus wie dieser: sie sitzt am Schreibtisch, das Telefon klingelt, der Email-Eingang ist überfüllt. Arabische Künstler sind derzeit auf dem internationalen Markt so gefragt wie die Russen nach ’89 und die Chinesen zu Beginn der Nuller Jahre. „Es ist verrückt“, erklärt die 58-jährige, „einige unserer Künstler sind zur Documenta eingeladen, andere zur Istanbul Biennale. Walid Raad hat Museumsausstellungen rund um die Kugel. Rabih Mroué hatte letztes Jahr die erste Einzelausstellung in seinem Leben – nun ist er im Stuttgarter Kunstverein und nächstes Jahr auf der Documenta. Und ich reise ihnen natürlich überall hinterher.“ Die Arbeiten ihrer Künstler sind meist konzeptuell. „Nichts fürs Wohnzimmer“, sagt Andrée Sfeir-Semler. Walid Raad, Rabih Mroué und Akram Zaatari beschäftigen sich mit Archivmaterial. Ihre Themen sind das kollektive Gedächtnis ihres Volkes, die Erinnerung an die Gegenwartsgeschichte im Nahen Osten. Während Akram Zaatari vor allem dokumentiert, nehmen Walid Raad und der Theaterregisseur Rabih Mroué das Archivmaterial um daraus eine Art historischen Roman zu machen. Sie erzählen Geschichten, die die Wahrheit sind, auch wenn die Fakten erfunden sind. Seitdem im Nahen und Mittleren Osten Museen aus dem Boden spriessen und die arabische Welt im Umbruch ist, wollen immer mehr Menschen diese Geschichten hören.

Für die Galeristin ist der Boom eine große Bestätigung. Mit Anfang 20 kam Andrée Sfeir-Semler nach Deutschland, um zu studieren. Sie blieb, als in ihrer Heimat Krieg ausbrach – heiratete, und eröffnete ihre Galerie ursprünglich mit einem Schwerpunkt auf Minimalismus. Sie ist eine energische, drahtige Person mit kantigen Gesichtszügen, einem perfekt sitzenden Kostüm und einer damenhaften Frisur, aus der im Eifer des Gesprächs schonmal einzelne Haarsträhnen eigenwillig hervorstehen. Sie ist eine erfolgreiche Frau, die ihre Karriere und Familie in Deutschland hat, aber ihr Libanesischsein dabei immer gepflegt hat. Jedes Jahr ging sie zurück in den Libanon und beobachtete die Szene dort. Lange Zeit war die praktisch nicht existent. Wo Bomben hochgehen, produzieren Menschen keine Kunst. Als sich im letzten Jahrzehnt eine interessante Szene junger arabischer Künstler entwickelte, beschloss sie, ein Standbein in Beirut zu eröffnen – und weil sie die erste war, konnte sie sich die Künstler, die sie vertreten wollte, aussuchen.

Der Anfang war alles andere als leicht. Sfeir-Semler hatte eine Lagerhalle im Hafen gemietet, eine Riesenfläche, weit ab von jeglichem Geschehen. Vier Tage vor der Galerieeröffnung war nicht klar, ob sie überhaupt stattfinden würde. Es gab eine Ausgangssperre in der Stadt wegen Autobomben, kurz zuvor war Ministerpräsident Rafik Hariri ermordet worden. Am Donnerstag wurde dann die Ausgangssperre für den Samstag aufgehoben und zur ersten Vernissage kamen 1.800 Gäste – ein sensationeller Start.

Es ist ein Spagat zwischen zwei Welten, den Andrée Sfeir-Semler seitdem vorführt. Bis Mitte Juli zeigte die Beiruter Galerie Modebilder, die F.C. Gundlach in den 60ern im Nahen Osten fotografiert hat. Es war die gute Zeit, als Beirut noch das „Paris des Ostens“ war. Die Galeriefläche teilte sich der Grandseigneur der deutschen Modefotografie mit Hoda Tawakol, einer jungen Ägypterin, die in Hamburg aufgewachsen ist und gerade ihr Diplom gemacht hat. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Körper, Verhüllungen und Vernarbungen. Sie spannt Stretch-Textilien, wie sie für Bikinis verwendet werden, verletzt und zerschneidet sie und näht sie wieder zusammen. Die leichten, schönen Themen treffen bei Sfeir-Semler schnell mit den Ernsten zusammen. „Sie können in dieser Ecke der Welt keine Galerie führen, ohne politisch zu werden“, erklärt Sfeir-Semler, „Politik ist auf Schritt und Tritt präsent. Und es passieren so viele Ungerechtigkeiten, das man nicht daran vorbeigehen kann.“

Was Andrée Sfeir-Semler mit ihren Künstlern verbindet, ist das Leben in der Diaspora. Walid Raad lebt in New York, Rabih Mroué hat lange Zeit in Paris verbracht. „Ich habe hier in Deutschland meine Professionalität und meinen Kunst- und Kulturbegriff entwickelt“, sagt die Tochter einer christlichen Beiruter Intellektuellenfamilie, „ohne den Abstand, den Blick von außen, hätte ich vielleicht niemals eine Galerie in Beirut eröffnet.“ Viele der schätzungsweise 15 Millionen Libanesen in aller Welt kehren regelmäßig nach in ihre Heimat zurück, in der etwa 4 Mio. Menschen leben. „Versuchen Sie mal, im August einen Flug nach Beirut zu bekommen – da ist alles ausgebucht!“ Es sind nicht nur Libanesen, sondern auch viele Araber, die sich nach 9/11 in westlichen Ländern nicht mehr wohlgefühlt haben und begannen, im Libanon Urlaub zu machen. Nach der Aufhebung des Bankgeheimnisses in der Schweiz und dem Finanzcrash 2008 ist viel Geld in den Libanon geflossen. Gute Bedingungen für eine Galerie in Beirut. „Wir sind von Anfang an mit dem Glück gesegelt“, sagt Andrée Sfeir-Semler. Könnte sie sich auch vorstellen, in Beirut zu leben? „Auf keinen Fall!“ sagt sie entschieden und bändigt eine Haarsträhne. „Zum einen könnte mein Mann sich nie vorstellen, dort zu leben. Und so lange es noch zwei Stunden dauert, bis man eine 2MB Datei hochgeladen hat, brauche ich Hamburg für die Professionalität.“

 

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