Wir sind alle Astronauten
Form 240 | 2011

Eine Doppelausstellung im Marta Museum Herford zeigt den Ideenkosmos des Richard Buckminster Fuller und den Einfluss, den der große amerikanische Visionär auf die zeitgenössische Kunst hat.  [weiter]

Wir sind alle Astronauten
Form 240 | 2011

Eine Doppelausstellung im Marta Museum Herford zeigt den Ideenkosmos des Richard Buckminster Fuller und den Einfluss, den der große amerikanische Visionär auf die zeitgenössische Kunst hat. 

Keine Frage: Buckminster Fuller (1895-1983) zählt zu den faszinierendsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Architekt und Mathematiker, Dichter und Philosoph, Utopist und Umweltschützer in einer Person, war er ein Leben lang bestrebt, Design so zu denken, das es der Menschheit maximal nutzt und dabei minimal Energie und Ressourcen verbraucht. Seine geodätischen Kuppeln und Tensegrity-Prinzipien prägten eine Generation von Architekten und Designern, seine Marathonvorlesungen genossen Kultstatus in der Szene und seine Biographie, die von gescheiterten Projekten und Verlusten durchzogen ist, beeindruckt noch heute, denn er war ein Mensch, dessen Zukunfts- und Technologieglaube selbst Schicksalsschläge in etwas Positives wenden konnte.

Wie weit der Mythos Fuller seiner Zeit voraus war, zeigt die Ausstellung „Bucky Fuller & Spaceship Earth“, kuratiert von Lord Norman Foster und dem spanischen Architekten Luis Fernandez-Galiano. Foster hatte Buckminster Fuller 1971 kennengelernt und in den letzten zwölf Jahren seines Lebens verband beide nicht nur eine Freundschaft, sondern auch das gemeinsame Interesse an Ökologie und Nachhaltigkeit. Fosters Fuller-Retrospektive, zuerst 2010 in Madrid gezeigt, zeichnet anhand von Modellen, Konstruktionen, Zeichnungen, Fotografien und Filmen die wichtigsten Stationen in Fullers Lebenswerk nach – von den „Wohnmaschinen“ Dymaxion House und Wichtia House über die geodätischen Kuppeln, dem amerikanischen Pavillon auf der Expo 1968 in Montreal bis hin zu seinen utopischen Visionen wie dem „Dome over Manhattan“. Ergänzt wird die Werkschau durch die vom Marta Herford kuratierte Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die sich auf das Werk Buckminster Fullers bezieht. „Wir sid alle Astronauten“ zeigt Werke von 21 internationalen Künstlern, darunter Olafur Eliasson und Ai Weiwei, die sich mit Bucky Fullers Formen und Philosophie beschäftigen, darauf Bezug nehmen, sie befragen. Das tut nach der sachlichen Bucky-Hommage gut, denn wer vor Augen hat, wie Attila Csörgös Dodecahedron= Icosahedron-Maschine Figuren formt oder Albrecht Schäfers „Ocellus“ Platikplanenkuppel sich schützend auf und niederbewegt, dem wird bewusst wie gut auch das 21. Jahrhundert den Mythos Fuller vertragen kann. Heimlicher Star der Ausstellung aber ist das Dymaxion Car #4. Drei Prototypen dieses visionären Automobils hatte Buckminster Fuller in den 30er Jahren gebaut. Sie waren stromlinienförmig, dreirädrig und wurden über das Hinterrad gesteuert, was einen extrem kleinen Wendekreis ermöglichte. Leider wurden zwei der drei Wagen bei Unfällen zerstört. Der verbliebene Prototyp wurde 2008 bei einer Fuller-Werkschau im Whitney-Museum gezeigt und war in so desolatem Zustand, das Lord Norman Foster sogleich die Idee hatte, das Auto originalgetreu zu rekonstruieren. Er überredete die Besitzer, ihm #2 zur Verfügung zu stellen um einen weiteren Prototypen zu bauen und versprach im Gegenzug, #2 vollständig zu restaurieren. Als Hommage an Bucky – und ein wenig auch für ihn selbst, denn Dymaxion Car #4 wird nach dem Ausflug nach Herford Teil der Oldtimer-Sammlung des Architekten sein.

www.martaherford.de, 11. Juni – 18. September 2011, Di-So 11-18 Uhr, jeden 1. Mi im Monat 11-21 Uhr, Katalog „Wir sind alle Astronauten“ 27×21 cm Softcover mit Klappumschlag, 248 Seiten, Deutsch/Englisch, 30 €

 

INTERVIEW

Was waren Ihre Beweggründe, die Ausstellung zu kuratieren?

Die Schau ist eine Hommage an Bucky: ein Ausdruck meiner Dankbarkeit für seinen weisen Rat und die wertvollen Erkenntnisse, die er mir mit auf den Weg gegeben hat und die meine eigene Karriere geprägt haben, sowie der Wunsch, manche seiner so vielfältigen Errungenschaften einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Angefangen hat alles mit dem fantastischen Kernstück der Ausstellung: dem Dymaxion Car #4. Es besticht durch seine einzigartige Optik und ist dennoch ein richtiges Auto – keine Nachbildung. Bei der Herstellung sind wir in Buckys Fußstapfen gewandelt. Fahrwerk, Motor und Antrieb stammen aus einem Ford Sedan aus den 300ern. Ich habe ebenfalls ein Modell von Buckys Wichita House erstellt, das damals von Flugzeugbauern konstruiert wurde. Das ist genauso futuristisch und auch wichtiger Bestandteil der Ausstellung.

Was für eine Beziehung hatte Sie zu Bucky Fuller?

Wir haben zwölf Jahre lang an verschiedenen Projekten zusammengearbeitet, von 1971 bis zu Buckys Tod 1983. Unser gemeinsames Interesse an Themen wie Ökologie und Nachhaltigkeit hat uns zusammengeführt. Jedenfalls sorgte es für eine Menge Gesprächsstoff während jenes Essens, bei dem wir einander vorgestellt wurden. Gegen Ende erklärte Bucky, er wolle mit mir zusammen an dem unterirdischen Theater in Oxford arbeiten – sein erstes Projekt in Großbritannien.

Welche Eigenschaften und Qualitäten von Bucky haben Sie am meisten beeindruckt?

Seine Lebensphilosophie, sein Optimismus, sein Glaube an eine umweltfreundliche, saubere Technologie, die das Überleben des Menschen sichern könnte, solange er nur seinen Kopf anstrengt. Für mich war Bucky die Quintessenz des moralischen Gewissens, wie er stets auf die Zerbrechlichkeit der Erde hinwies und dem Menschen die Verantwortung zum Schutz der Erde übertrug. Buckys Temperament und die Beziehungen, die daraus entstanden, waren von einem echten Sinn für Respekt sowie einer intellektuellen Gleichberechtigung geprägt. Privat war er ganz anders, als das öffentliche Bild des kühlen Technokraten es vermuten ließ – als Mensch und als Freund war er stets herzlich, großzügig und fürsorglich.

Wie hat Bucky Ihre Arbeit und Ihr Denken beeinflusst?

Bucky war eine dieser raren Persönlichkeiten, die die Weltanschauung eines Menschen grundlegend beeinflussen und verändern. Ganz besonders natürlich im Hinblick auf die Herausforderungen aus Natur und Umwelt, vor die wir nun gestellt werden. Was ihn jedoch ganz besonders faszinierte, war, dass die Natur in der Lage ist, aus sich selbst heraus Probleme effzient zu lösen. Ganz egal, ob es sich um Blätter oder Molekularformen handelt, bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass alles einem wunderbar einfachen und logischen Konzept folgt – es gibt keine Redundanz. In gewissem Sinne ist dies auch der Ausgangspunkt für viele unserer eigenen Projekte: Die heutigen Gebäude nehmen immer größere Dimensionen an, und aus diesem Grund müssen die Entwürfe äußerst effizient sein – alles wird auf eine möglichst leichte und effiziente Ge- bäudehülle reduziert.

Finden sich Bezüge zu Bucky Fuller in Ihren eigenen Gebäudeentwürfen?

Bucky ist in Gedanken eigentlich immer bei mir. Der Entwurf für Swiss Re in London basiert auf den Gedanken, die Bucky und ich 1971 zunächst für das theoretische Projekt „Climatroffice“ entwickelt haben. Mit dem Konzept wollten wir einen neuen Bezug zwischen Natur und Arbeitsplatz herstellen. Ein innen liegender Garten sollte ein Mikroklima schaffen, das von einer äußerst energieeffizienten Hülle umgeben war. Das Swiss Re basiert auf demselben runden Grundriss. Die fortlaufenden Etagen sind so gedreht, dass die entstehenden Leerräume am Rand jeder Etage spiralförmige Atrien bzw. Dachgärten bilden, die ein wesentlicher Faktor bei der Regulierung des Raumklimas im Gebäude sind.

Wenn Fuller die Welt im Jahre 2011 erleben könnte, was wäre wohl seine Botschaft?

Nie war Buckys Appell „aus weniger mehr zu machen“ relevanter als heute. Themen wie Schutz bietende Unterkünfte, Energie und Umwelt – Kernaspekte der modernen Architektur – spiegeln sein Vermächtnis am besten wider. Die Grundsätze nachhaltigen Designs, für die Bucky Wegbereiter war, sind zentrale Themen der modernen Architektur.

Wenn Bucky heute noch am Leben wäre, woran würde er arbeiten?

Das kann ich unmöglich beurteilen – Bucky passte einfach in keine Schublade! Wenn er jetzt hier wäre, würde er uns mit größter Eindringlichkeit nahelegen, dass die Investition in die Erforschung erneuerbarer Energien als Alternative zu fossilen Brennstoffen unumgänglich ist. Dann würde er einen Bezug zu den immer knapper werdenden konventionellen Brennstoffen herstellen und auf die daraus resultierende Kriegsgefahr und die damit verbundenen Grausamkeiten hinweisen. Bucky hatte immer einen Sinn für das große Ganze, und den brauchen wir, wenn wir die Klima- und Energieprobleme der heutigen Zeit erfolgreich lösen wollen.

Wie gefällt Ihnen die Ausstellung über moderne Kunst, die Marta Herford parallel zu Ihrer eigenen Ausstellung kuratiert hat?

Es war faszinierend zu sehen, wie Buckys Ideen sich in einer neuen Generation von Künstlern wiederfinden.

Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft weitere Ausstellungen zu kuratieren, oder war dies eine „Herzensangelegenheit“ für Sie?

Wenn sich eine gute Gelegenheit böte, dann vielleicht. Aber es ist schon richtig: Dies war eine Ehrenbezeugung an Bucky Fuller.

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Das Labor
Form 235 | 2010

Harvard-Professor David Edwards hat in Paris einen Ort für Querdenker geschaffen: „Le Laboratoire“ ist Think Tank, Shop, Labor und Galerie zugleich. Die aktuelle Ausstellung „Water Design“ zeigt innovative Ideen für den Transport von Wasser.  [weiter]

Das Labor
Form 235 | 2010

Harvard-Professor David Edwards hat in Paris einen Ort für Querdenker geschaffen: „Le Laboratoire“ ist Think Tank, Shop, Labor und Galerie zugleich. Die aktuelle Ausstellung „Water Design“ zeigt innovative Ideen für den Transport von Wasser. 

„Muss Espresso unbedingt flüssig sein?“ Diese Frage ist ganz nach dem Geschmack von David Edwards. Der Harvard-Professor vom Wyss Institute for Biomedical Inspired Engineering bringt mit Vorliebe Künstler, Designer, Wissenschaftler und Köche zusammen, um neue Lösungen zu finden – sei es nun für die Behandlung von

Infektionskrankheiten, für kalorienfreien Schokoladengenuss oder allergikerfreundliches Raumklima. Damit die Antworten nicht in den Schreibtischschubladen kreativer Köpfe verblassen, sondern funktionierende Produkte aus ihnen werden können, hat der in Boston und Paris lebende Wissenschaftler „Le Laboratoire“ gegründet. Die Ideenschmiede besteht aus Edwards’ Büro „LaboBrain“, das wie die zwei Hälften eines Ge- hirns gebaut ist, dem „LaboShop“, in dem Prototypen und Produkte verkauft werden, und einer großen Ausstellungsfläche in einer Halle, in der bis vor etwa 30 Jahren die größte Druckerei Frankreichs zuhause war. All das liegt nur einen Steinwurf vom Palais Royal und dem Louvre entfernt im feinen ersten Pariser Arrondissement. „Le Laboratoire funktioniert wie ein Trichter, der Ideen sammelt und filtert“, erklärt Edwards, „und am unteren Ende des Trichters steht die Produktion als Fortsetzung dieses Prozesses.“ Die Ausstellungen, gedacht als Schnittstelle zur Öffentlichkeit, sind weniger Ergebnisschau als vielmehr eine wichtige Phase im Produktentwicklungsprozess: Hier wurde etwa der Proto- typ von Mathieu Lehanneurs Luftfilter Andrea vorgestellt, ein Kunststoffgehäuse mit vegetalem Innenleben, das Giftstoffe aussondert. Hier veranstaltete Edwards mit dem Pariser Starkoch Thierry Marx Degustationen, bevor er Le Whif auf den Markt brachte – Schokolade und Espresso „zum Einatmen“, die aus lippenstiftähnlichen kleinen Plastikröhrchen inhaliert werden.

Bis Ende Januar ist nun das neueste und ehrgeizigste Le-Laboratoire-Projekt zu sehen: die Ausstellung „Water Design“. Am Anfang des Projekts stand wieder eine Frage: Kann es Wege für den Transport von Trinkwasser geben, die sich an der Funktionsweise biologischer Zellen orientieren? „Wir bestehen zu einem Großteil aus Wasser, das in unseren Körperzellen gespeichert ist“, so Edwards, „warum können nicht auch Flaschen so eng und natürlich mit ihrem Inhalt verbunden sein?“ Zwei massive Probleme der Menschheit wären damit auf einen Streich gelöst: die Schwierigkeit, sauberes Wasser hygienisch zu transportieren, die vor allem in den armen, trockenen Gegenden Afrikas zu einem immer drängenderen Problem wird. Und das größer werdende Müllaufkommen, das uns schon Plas- tikteppiche in den Ozeanen beschert. 2008 begannen einige seiner Studenten in Harvard sich dem Thema zu widmen, bald konnte David Edwards den französischen Designer François Azambourg und den Zellbiologen Donald Ingber für die Idee gewinnen. Im „Food Lab“ wurde mit Gelatine, Stärke, Karbon & Co experimen- tiert, im „LaboBrain“ mit Experten der verschiedensten Disziplinen diskutiert. Die ultimative, biologisch abbaubare, ephemere Wasserflasche der Zukunft wird in der Ausstellung leider noch nicht vorgestellt – wohl aber der Prozess der Ideenfindung inklusive Experimenten und Irrwegen, Erfolgen und Misserfolgen.

„Pumpkin“ ist einer der Schritte auf dem Weg zum Ziel: ein faltbarer Schlauch, der in Entwicklungsländern den Wassertransport erleichtern soll. Mathieu Lehanneur und Julien Benayoun übernahmen die Produktentwicklung. „Ursprünglich fragte mich David, ob ich einen Wasserbehälter nach dem Prinzip des Tensegrity-Trag- werkssystems von Buckminster Fuller gestalten könne“, erzählt Lehanneur. „Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man eine so komplexe Struktur kostengünstig herstellen kann, suchte ich nach Alternativen – und kam relativ bald zu einer Faltkonstruktion, wie man sie von chinesischen Papierlampions her kennt.“

Die hat mehrere Vorteile: Sie ist klein zusammenfaltbar, so dass sie kostengünstig verpackt und transportiert werden kann. Der Nutzer kann den Schlauch mit der Hand reinigen – ein großes Problem beim Wassertransport in Afrika sind nämlich die winzigen Ausgüsse der oft rissigen, schmutzigen Kanister. Die Konstruktion ist flexibel einsetzbar: Man kann die Zieharmonika-Elemente zu einem Kreis zusammenstecken, den eine afrikanische Frau traditionell auf dem Kopf transportieren könnte, den man aber auch als Tasche oder wie einen Patronengurt über der Schulter tragen kann. Die Elemente können aber auch zu einer Schlaufe werden, die zwei Menschen gemeinsam tragen. „Was mich sehr motiviert hat, Pumpkin zu entwickeln, ist die psychologische Dimension des Designs“, erzählt Lehanneur, „denn wenn wir einen Wasserbehälter entwickeln können, der so attraktiv und flexibel ist, dass afrikanische Männer ihren Frauen beim Wassertragen helfen, ist viel gewonnen.“ Für Industrienationen, in denen ja kein akuter Wassermangel herrscht, wurde ein Prototyp entwickelt, der ein kleineres Schlauchelement mit einer Handtasche verbindet – für unterwegs.

Nun ist die Ausstellung im Le Laboratoire auch für Pumpkin nur die erste Phase auf dem Weg von der Utopie zur Marktreife. Der Prototyp soll nun in Zusammen- arbeit mit Studenten der Universität von Pretoria in Subsahara-Ländern getestet werden. „Uns ist wichtig, die Bedürfnisse der Menschen in Afrika mit in den Designprozess einfließen zu lassen“, sagt Julien Benayoun, der bereits im vergangenen Jahr mit einem frühen Testmodell nach Namibia gereist ist. Bis der Kürbis in Afrika zum Einsatz kommen kann, müssen noch einige Proble- me gelöst werden. Derzeit wird zum Beispiel an einem Filtersystem gearbeitet, das das Wasser beim Zusammenpressen der Falten durch eine Membran drückt. Mit Sportartikelherstellern ist man in Verhandlung darüber, die Lifestyle-Variante von Pumpkin herzustellen und zu vertreiben. Das angedachte Geschäftsmodell: Jeder, der in entwickelten Nationen eine Pumpkin-Tasche kauft, finanziert damit einen Pumpkin-Wasserbehälter für Afrika. Höchst sinnvolle Ergebnisse des kreativen Querdenkens in Paris.

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