Auf Linie gebracht
Lufthansa Exclusive | April 2017

New York, Berlin, Kopenhagen: Weltweit werden alte Bahntrassen zu Parks. Alle freuen sich über mehr Grün, doch viele fürchten die Folgen der Aufwertung  [weiter]

Auf Linie gebracht
Lufthansa Exclusive | April 2017

New York, Berlin, Kopenhagen: Weltweit werden alte Bahntrassen zu Parks. Alle freuen sich über mehr Grün, doch viele fürchten die Folgen der Aufwertung 

Es ist noch keine 15 Jahre her, da war die New Yorker High Line nichts weiter als ein ungenutztes Gleisviadukt. Zwischen den Schienen, die sich in 22 Meter Höhe von der 34. Straße bis zur Gansevoort Street schlängelten, wuchs Unkraut, darun- ter hatten Obdachlose ihr Quartier.

Die Stadtstreicher sind längst verdrängt. Von 2006 bis 2014 entstand mitten in Manhattans West Side ein Park. Der Wildwuchs wurde durch elegant beplankte Wege ersetzt, mit Klang- und Kunstinstallationen, Holzbänken und hochwachsenden Gräsern, die sich in der Abendbrise biegen. Die seit den 1980er-Jahren brachliegenden Anlagen sind jetzt eine Promenade, ein Ökosystem auf Höhe der dritten Etage, ein Raum für Läu- fer und Flaneure, für Touristen und Hedonisten. Wer heute auf der High Line spazieren geht, sieht Menschen, die mit Selfie-Sticks Urlaubserinnerun- gen festhalten, vor gläsernen Türmen mit Apartments, die zu den teuersten der Welt gehören.

Seit die High Line nach Entwürfen der New Yorker Architekten Diller Scofidio + Renfro und des Landschaftsplanungsbüros James Corner Field Operations realisiert wurde, gilt sie als Vorzeige-Stadtplanungsprojekt des 21. Jahrhunderts, beispielhaft für den Trend, unsere von Lärm und Luftverschmutzung geplagten Innenstädte wieder in lebenswerte Zonen zu verwandeln.

Weltweit bemühen sich nun Städte, die Er- folgsgeschichte der High Line zu kopieren. Ungenutzte Gleisanlagen gibt es zur Genüge. Atlanta ist gerade dabei, eine 35 Kilometer lange Trasse rund um den Stadtkern in Fuß- und Radwege umzuwandeln, der erste Teil der „BeltLine“ wurde 2010 eingeweiht. In Chicago öffnete im Sommer 2015 der 4,3 Kilometer lange „606 Trail“ auf einer ehemaligen Gleisanlage für Güterzüge. Zur gleichen Zeit wurde in Berlin der letzte Bauabschnitt des Parks am Gleisdreieck eingeweiht, ein 26 Hektar umfassendes, geschichtsträchtiges Gelände zwischen Kreuzberg und Schöneberg das seit 1945 zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt brach lag. Barcelonas Antwort auf die High Line sind die „Gärten von Sants“, ein Boulevard auf einer überdachten ehemaligen Bahnstrecke, der in den nächsten Jahren zu einem fünf Kilometer langen grünen Korridor ausgebaut werden soll. Und in der südkoreanischen Hauptstadt entsteht zurzeit der „Seoul Skygarden“ auf einem stillgelegten Straßenviadukt. In Miami, wo die Gleise der Metrorail noch in Betrieb sind, wird ein 16 Kilometer langer Fußgänger- und Radweg unterhalb der Trasse angelegt, verziert mit Werken lokaler Künstler. Die „Underline“ soll die Bevölkerung motivieren, sich – statt immer nur mit dem Auto – häufiger zu Fuß oder auf dem Fahrrad durch jene Stadtteile zu bewegen, die noch vor Kurzem als gefährlichstes Pflaster der USA galten.

Es tut sich also etwas in den Metropolen. Ab den 1950er-Jahren bemühte sich die Stadtplanung, ganz dem Dogma der Moderne verpflichtet, die Wege für den Autoverkehr zu optimieren und ei- ne Trennung zwischen Vororten und Zentrum vorzunehmen, zwischen den Orten des Lebens und des Arbeitens. Nun geht es energisch in die ent- gegengesetzte Richtung. Von Paris bis Melbourne werden Fahrrad-Leihsysteme installiert, Fußgängerzonen und Radwege geschaffen, wo zuvor Au- tos parkten – all das, um Stadtzentren attraktiver für die Menschen zu gestalten. Niemand greift die Entwicklung, eine menschen- statt autozentrierte Stadtplanung zu betreiben, offen an, doch erntet das neue Grün nicht von allen Seiten Beifall. Denn jede Verschönerungsmaßnahme scheint die Gentrifizierung, ohnehin ein Problem vieler Met- ropolen, noch weiter anzutreiben.

Der dänische Stadtplaner Jan Gehl, der weltweit Städte berät, wie sie öffentlichen Raum klüger gestalten können, erklärt es so: „Wo immer wir geholfen haben, die Lebensqualität zu verbessern, konnten wir bald ein Muster erkennen. Leute, die normalerweise, sobald sie eine Familie gründen, aus der Stadt hinaus in die Vororte ziehen, bleiben nun lieber im Zentrum. Weil sie kurze Wege haben, mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen und das Le- bensgefühl der Stadt schätzen. Doch wo viele Leute sein wollen, führen die Kräfte des Markts dazu, dass die Immobilienpreise steigen. Irgendwann ist ein Niveau erreicht, das sich nur noch Reiche leisten können – weniger Betuchte werden aus dem Viertel gedrängt.“

Die High Line ist ein Paradebeispiel für die- se Abläufe. Schon kurz nachdem die Behörden 2005 einen neuen Flächennutzungsplan erstellt hatten, konnte man der West Side bei ihrer rasanten Metamorphose zuschauen. Als 2009 der erste Abschnitt des High Line Park eröffnet wurde, wichen Reifenhändler und Diner neuen Apartmenthäusern, entworfen von Stararchitekten wie Frank Gehry, Jean Nouvel oder Zaha Hadid. Laut einer Studie der New York City Economic Development Corporation stiegen die Immobilienpreise rund um die High Line zwischen 2003 und 2011 um 103 Prozent. Jeremiah Moss, Blogger und Kolumnist der New York Times, wetterte über die High Line als „von Touristen verstopfter Catwalk“ und „Auslöser für eine der rasantesten Gentrifizierungen in der Geschichte der Stadt“. Auch im vergangenen Jahr stiegen die Preise beachtlich. Ende 2016 lag der mittlere Preis für eine Zwei-Schlafzimmer-Wohnung in West Chelsea bei 2,95 Millionen US- Dollar, 40 Prozent höher als ein Jahr zuvor.

Damit steht die High Line für einen neuen Typ Grünanlagen. Früher wurden Parks angelegt, um der Bevölkerung Erholung zu ermöglichen, die neue Generation verfolgt ein weiteres Ziel: Aufwertung. Die umgebauten Viadukte sind buchstäblich abgehobene Plattformen. Cafés mit Namen wie „Fig & Olive“ tragen einen globalen Look, der in New York ebenso funktioniert wie in Barcelona oder Seoul. Wer nicht vor diese Kulisse passt – Obdachlose, Junkies oder einfach Leute, die keine sechs Dollar für einen Kaffee be- zahlen wollen –, wird ausgegrenzt. Und der morbide Charme stillgelegter Industriebauten, der für viele früher den Reiz eines Meatpacking District ausgemacht hat, ist ebenfalls passé.

„Man könnte jetzt die Frage stellen“, sagt Jan Gehl, „ob wir aufhören sollten, Städte zu verbessern, um solchen Entwicklungen einen Riegel vorzuschieben.“ Für den 80-Jährigen, seit rund 50 Jahren engagiert für menschenfreundliche Städte, ist das keine Option. Die Lösung sei vielmehr, statt der Wünsche der Projektentwickler stärker die Bedürfnisse der Bewohner zu beachten.

Gehls Heimatstadt Kopenhagen hat es vorgemacht: Im multiethnischen Nørrebro, einem sozialen Brennpunkt der Kapitale, entwarfen die Architekten der Bjarke Ingels Group gemeinsam mit den Landschaftsplanern von Topotek 1 und der Künstlergruppe Superflex auf einem ehemaligen Gleisareal den Park Superkilen, zu Deutsch: Superkeil. Befragungen hatten gezeigt, dass viele Immigranten die Parks und öffentlichen Plätze ihrer Heimat vermissten. Daraus entwickelten die Planer die Idee, Gestaltungselemente aus mehr als 60 Ländern zu importieren. Auf dem 2012 eröffneten Superkilen stehen heute russische Neonschilder, ein marokkanischer Brunnen, eine japanische Rutsche und Fitnessgeräte wie in Muscle Beach. Überhaupt gibt es dort reichlich Anreize, sich zu bewegen – ein Faktor, der laut Jan Gehl in der zeitgemäßen Stadtplanung entscheidend ist: „Der Mensch ist ein Bewegungstier.“

Die Rechnung geht auf, die Bewohner lieben ihren Park. Doch auch in Nørrebro geschieht das Unvermeidliche: Es weht eine erste Brise der Gentrifizierung. Reiseführer listen Superkilen in- zwischen unter den Top Ten der Sehenswürdigkeiten Kopenhagens. Die ersten Vintage-Läden und Hipster-Cafés öffnen. „Die Preise werden auch hier steigen“, vermutet Jan Gehl, „das Problem können wir Designer nicht lösen.“ Einen Vorschlag hätte er aber: „Wenn wir mit Parks die Attraktivität eines Viertels steigern können, dann lasst uns einfach mehr von diesen Orten schaffen. Überall in der Stadt und gerade dort, wo Menschen leben, die es nicht so leicht haben.“

 

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Radikal überlegte Dinge
Lufthansa Exclusive | März 2012

Der Designer Konstantin Grcic wollte immer schon gute Produkte für viele Menschen machen. Doch diese brauchen Zeit, manchmal Jahre. Genau diese Ausdauer macht ihn zu einem der besten Designer seiner Generation – und seine Produkte beliebt auf der ganzen Welt.  [weiter]

Radikal überlegte Dinge
Lufthansa Exclusive | März 2012

Der Designer Konstantin Grcic wollte immer schon gute Produkte für viele Menschen machen. Doch diese brauchen Zeit, manchmal Jahre. Genau diese Ausdauer macht ihn zu einem der besten Designer seiner Generation – und seine Produkte beliebt auf der ganzen Welt. 

An einem Arbeitstisch in einer Münchner Hinterhofetage sitzt einer der wichtigsten Industriedesigner der Welt, trägt dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Hemd. Er wählt seine Worte so bedacht, dass es fast ein wenig hölzern wirkt. Konstantin Grcic hat den Ruf, ein Perfektionist zu sein. Einer, der unablässig experimentiert, beobachtet, verändert und verbessert, um am Ende Dinge zu gestalten, die unseren Alltag schöner, besser, praktischer machen. Er spricht, wie er arbeitet: nachdenklich und zurückhaltend, fast als hätte er mit dem Erfolg der Gegenstände, die er entwirft, nur am Rande zu tun. Dabei wurden schon fünf seiner Produkte in die renommierte Design-Sammlung des MoMA New York aufgenommen, zwei mit dem Design- Oscar Compasso d’Oro ausgezeichnet, und 2010 wählten ihn die britische Zeitschrift Wallpaper und die Sammler-Messe Design Miami zum „Designer des Jahres“.
Andere Gestalter in dieser Preisklasse hätten an dieser Stelle ihrer Biografie längst Büros in Mailand und London, sie würden Art Cars gestalten, Luxushotels einrichten und von ihrem Smartphone aus sekundenschnell diverse Designteams dirigieren. Konstantin Grcic, der diesen schwierigen Nachnamen seinem serbischen Vater verdankt, sitzt immer noch in einer von Prototypen überquellenden Etage in der Schillerstraße, wo sogar München nicht schickimicki ist, und arbeitet mit einem sehr überschaubaren Team: vier Designer, ein Praktikant, eine Assistentin, das war’s schon. Was ihm an seinem Beruf am meisten Spaß macht? „Der Moment, wenn ich mit einem meiner Mitarbeiter zusammensitze und eine Idee Form werden lasse. Wenn die ersten Zeichnungen und Modelle entstehen. Dann gibt es eine gewisse Energie, da wird Kreativität sichtbar.“
20 Jahre ist es her, dass der Designer nach München kam und seine Firma Konstantin Grcic Industrial Design, kurz KGID, gründete. Vorher hatte er in England eine Möbelschreinerausbildung und ein Designstudium am Royal College of Art absolviert und eine Zeit lang beim aufstrebenden britischen Minimalisten Jasper Morrison gearbeitet. Seither entwirft er Dinge: vom Schnellkochtopf bis zum Marmortisch, vom Regenschirm bis zum Wandregal, vom Wäschekorb bis zum Teeservice. Seine Auftraggeber kommen aus aller Welt, seine Objekte findet man bei der japanischen Marke Muji ebenso wie beim renommierten italienischen Möbelhersteller Moroso.

Der Prozess kann Jahre dauern. Am Ende aber sieht ein Grcic- Design einfach und mühelos aus – und ist ungeheuer praktisch

Grcics Entwürfe erkennt man nicht unbedingt an einem bestimmten Stil oder einer wiederkehrenden Formensprache. Sein Markenzeichen ist, sich intensiv Gedanken zu machen. Selbst was auf den ersten Blick einfach aussieht, steckt bei ihm oft voller besonderer Details. Sein Tisch „Table_B“ sieht auf den ersten Blick schlicht wie eine Platte auf Böcken aus, aber genau betrachtet ist es ein superdünnes Aluminiumprofil, elegant wie eine Flugzeugtragfläche mit einer Spannweite von bis zu 3,60 Meter Länge. Sein jüngst mit dem Compasso d’Oro ausgezeichneter Stuhl „Myto“ ist nicht nur eine moderne Interpretation des Freischwingers, sondern eine akribische Materialstudie, bei der Grcic in Zusammenarbeit mit BASF zum ersten Mal einen neuartigen Kunststoff verarbeitet hat.
Gute Dinge brauchen häufig ihre Zeit – und die nimmt sich Konstantin Grcic für jeden seiner Entwürfe. Er ist nicht der Typ, der mal eben schnell potenzielle Ikonen in spontaner Eingebung auf Papierservietten kritzelt. Vier Jahre lang dauerte die Entwicklung eines Ball- Point-Stiftes für Lamy, weil sich der Designer und seine Mitarbeiter mit Technologien beschäftigten, die normalerweise in der Formel 1 oder Hightech-Medizin Anwendung finden. Und an den Tischen der „Champion“-Kollektion, die im vergangenen Jahr in limitierter Edition von der Pariser Galerie Kreo aufgelegt wurden, bastelte das Team zwei Jahre lang. Sie sollten an die magische Welt der Rennwagen erinnern, an den Sport der Geschwindigkeit. „Wir haben viel Zeit darauf verwendet, uns in das Thema Farbe und Grafik einzuarbeiten und die Bedeutung zu erkennen, die daraus für das Objekt entsteht“, erklärt Konstantin Grcic, „es war wie eine Sprache zu lernen. Man lernt erst die Vokabeln und dann, daraus Sätze zu bilden.“
Grcic liebt es, sich mit Dingen intensiv zu beschäftigen. Als die Zeitschrift Wallpaper ihn einlud, an der „Handmade“-Ausstellung in Mailand teilzunehmen, schlug er kein Möbelstück vor, keine Leuchte oder irgendetwas, das er schon einmal gemacht hatte. Er wählte einen Maßanzug. „Das Handwerkliche am Schneidern hat mich seit meiner Kindheit interessiert“, erklärt er, „ich habe schöne Erinnerungen an Besuche mit meinem Vater beim Maßschneider, der seine Anzüge gefertigt hat.“ Die Herausforderung, etwas Zweidimensionales wie Stoff in eine perfekte Hülle für ein dreidimensionales Objekt zu verwandeln, hat ihn dann doch noch zu einem Möbel inspiriert. Für Established & Sons entwarf Grcic das Sofa „Cape“, das verschiedene Hussen tragen kann – eine kühle im Sommer und eine aus wärmendem Textil im Winter.

Früher wollte er Dinge für jedermann schaffen. Heute weiß er, dass seine Produkte besser sind, wenn er nicht auf die Masse schielt

Elitäre Gegenstände für eine kleine, gut betuchte Zielgruppe zu entwerfen war nicht Konstantin Grcics Ziel. Er wollte stets Produkte erfinden, die viele Leute zu einem guten Preis kaufen können. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es wahnsinnig schwer ist, dieses Ideal vom demokratischen Design zu erfüllen“, erklärt er, „und inzwischen weiß ich, dass meine Produkte am besten sind, wenn sie gar nicht den Anspruch haben, massentauglich zu sein.“ Die Leuchte „Mayday“ ist ein Beispiel dafür: ein simpler Lampenschirm aus weißem Kunststoff, ein roter Plastikgriff, an dem das fünf Meter lange Kabel aufgewickelt werden kann, dazu ein Haken, mit dem die Leuchte überall aufgehängt werden kann: an einer Leiter, wenn man die Decke streichen will, oder an einem Ast im Garten bei einer Grillparty. Man kann sie mit in die Garage nehmen, um die Ölflecken unterm Auto zu begutachten, und auf den Zimmerfußboden legen, wenn man die Katze hinter dem Schrank hervorlocken will. Grcic entwarf die Leuchte nur für sich – ohne irgendeine Zielgruppe vor Augen zu haben. „Mayday“ bedeutete seinen Durchbruch als Designer, damit gewann er seinen ersten Design-Oscar.

Designs von Grcic verbreiten sich wie von selbst. Man findet sie in Restaurants, Cafés, sogar in großen Stadien

Das wohl erfolgreichste Objekt, das Grcic bislang ersonnen hat, ist zugleich sein radikalster Entwurf: „Chair_One“, eine auf ein Gitter aus Dreiecken reduzierte Aluminium- Sitzschale auf einem Betonsockel. Der italienische Möbelhersteller Magis brachte „Chair_One“ 2004 auf den Markt, heute ist er der Bestseller der Firma. Man sieht ihn in der vierbeinigen Variante in Cafés und Restaurants auf der ganzen Welt, es gibt ihn als Drehstuhl, als Stapelstuhl, als Bank. Er wird in Stückzahlen verkauft, von denen Magis nicht zu träumen gewagt hätte, und hat mit seiner futuristischen Formensprache die 2000er Jahre geprägt. Inzwischen gibt es nicht nur viele Sitzmöbel, sondern auch Obstkörbe und Sportstadien, die von seinem Design inspiriert sind. „Die Form ist oft aufgegriffen worden, und darin liegt für mich die Demokratisierung“, sagt Grcic, „wenn ein Design radikal ist und Beachtung findet, dann verbreitet es sich wie von selbst.“
Dabei ist „Chair_One“ nicht einmal besonders bequem. „Ursprünglich war er als Outdoor-Möbel geplant“, erklärt der Designer, „draußen ist ein Stuhl ganz anderen Einflüssen ausgesetzt. Im Sommer wird er zu heiß, im Winter zu kalt, und auf der Sitzfläche sammelt sich Regenwasser. Dadurch dass wir das Material reduziert haben, wird der Stuhl weniger schmutzig, das Wasser läuft besser ab.“ Aber am Ende fügt er zur Sicherheit noch rasch hinzu: „Er ist viel weniger unbequem, als er aussieht.“

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Cinecittà: Die Stadt der Träume
Lufthansa Woman's World | 04/2011

In den 50er und 60er Jahren wurden in der Filmstadt Cinecittà die spektakulärsten Filme der Welt produziert. Sophia Loren hatte hier ihr erstes Vorsprechen, Federico Fellini wollte nirgends anders wohnen. Heute trifft man eher Touristen als Filmstars.  [weiter]

Cinecittà: Die Stadt der Träume
Lufthansa Woman's World | 04/2011

In den 50er und 60er Jahren wurden in der Filmstadt Cinecittà die spektakulärsten Filme der Welt produziert. Sophia Loren hatte hier ihr erstes Vorsprechen, Federico Fellini wollte nirgends anders wohnen. Heute trifft man eher Touristen als Filmstars. 

Kann man vor dem Trevi-Brunnen stehen, ohne an Anita Ekberg zu denken, wie sie in Fellinis „La Dolce Vita“ in einer viel zu heissen Nacht mitsamt ihrem unfassbar geschnittenen Abendkleid in den Brunnen steigt und ruft: „Marcello, komm!“? Haben wir nicht alle, wenn wir eine Vespa die Via del Corso entlangknattern hören, das Bild von Gregory Peck und Audrey Hepburn vor Augen, wie sie lachend durch „Ein Herz und eine Krone“ brausen? Der Charme vergangenen Film-Glamours gehört zu Rom wie die Persol-Brille zu Marcello Mastroianni. Viele der Rom-Bilder, die in unserem kollektiven Filmgedächtnis haften, wurden aber gar nicht an Original Schauplätzen gedreht, sondern ein paar Kilometer südlich des Zentrums, in der Filmstadt Cinecittà. Auf dem 40 Hektar großen Grundstück an der Via Tuscolana entstanden schon 3.000 Filme, vom Monumentalschinken bis zur Pastawerbung. Hier wurde für „Ben Hur“ das berühmteste Wagenrennen der Filmgeschichte gedreht. Hier sprach Sophia Loren für ihre erste Rolle vor, lange bevor sie zur größten Diva des italienischen Films wurde. Fellini, der fast alle seine Filme hier drehte, nannte Cinecittà seine „ideale Welt“. Im Studio Nr. 5, lange Zeit das größte Filmstudio Europas, bewohnte er sogar ein Apartment und sagte einmal: „Ich bin nicht in Cinecittà, um Filme zu machen. Ich mache Filme, um in Cinecittà zu sein.“

Gebaut wurde die Filmstadt unter Benito Mussolini, der Architektur und Film zu seinen wichtigsten Propagandainstrumenten auserkoren hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die rotbraun getünchten Hallen im rationalistischen Stil teilweise zerstört, wurden zwischenzeitlich als Flüchtlingslager genutzt. Aber schon bald wieder drehten Vittorio de Sica, Roberto Rossellini, Luchino Visconti mit Stars wie Anna Magnani oder Gina Lollobrigida. Dann kamen die Amerikaner, die Rom und die damals niedrigen Drehkosten liebten und begründeten den Mythos von „Hollywood am Tiber“. Massenszenen mit zehntausenden von Statisten und hunderten von Pferden waren hier weitaus günstiger zu realisieren als in Kalifornien. In den 50ern und 60er Jahren entstanden in Cinecittà die aufwändigsten Produktionen der Welt. Eine der teuersten und spektakulärsten: „Cleopatra“ (1963). Die Dreharbeiten trieben die Produktionsfirma 20th Century Fox fast in den Ruin, verschlissen zwei Regisseure und die Ehen der beiden Hauptdarsteller, Richard Burton und Elizabeth Taylor. Die Kosten stiegen von ursprünglich vorgesehenen 2 Mio. auf 44 Mio. US Dollar an – was heute 320 Mio. entsprechen würde. Der Film fiel zwar bei der Kritik durch, gewann aber vier Oscars und brachte den Klatschspalten den Skandal des Jahres.

Später war es Fellini, dessen Name symbiotisch mit Cinecittà verbunden war, in den Achtzigern drehte Bernardo Bertolucci „Der letzte Kaiser“, danach wurde es immer ruhiger in der Filmstadt. Große Filmproduktionen gab es immer weniger, dafür mehr TV- und Werbefilmproduktionen. Nach der Teilprivatisierung Ende der Neunziger gelang noch ein Coup: Martin Scorcese drehte 2002 „Gangs of New York“. Riesige Szenenbilder aber werden heute mehr und mehr am Computer gebaut. Dazu kam die neue Konkurrenz aus Osteuropa: In Kroatien oder Rumänien liegen die Produktionskosten heute bis zu 25% günstiger als in Italien. Im Frühjahr häuften sich die Gerüchte um die Schließung der Studios, aber eine neue Steuerregelung ermöglicht Filmproduktionen, ein Viertel der Produktionskosten abzusetzen. Woody Allen machte davon auch gleich Gebrauch, als er im Sommer seinen neuen Film „Bop Decamerone“ in Rom drehte. Das jährliche Budget des nationalen Filmarchivs, Cinecittà Luce, wurde allerdings von 29 Mio auf 7,5 Mio. Euro gekürzt, worauf sich Roberto Benigni, Regisseur von „Das Leben ist schön“, im nationalen Fernsehen aufregte: „Das ist unser filmisches Gedächtnis, unsere Geschichte. Man kann doch seine Geschichte nicht einfach dichtmachen!“

„Cinecittà ist eine schöne Frau, die in die Jahre gekommen ist“, sagte einmal Dante Ferretti, der als Szenenbildner schon für Fellini gearbeitet hat, und dessen Set für „Gangs of New York“ 2002 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Heute bleichen die Fiberglas-Fassaden, mit denen er das New York des 19. Jahrhunderts nachbaute, unter der römischen Sonne aus, und sind Teil einer Touristen-Route durch die Filmstadt. Nur einen Steinwurf vom Broadway entfernt liegt das antike Rom, das aufwändige Set der amerikanisch-britischen TV-Produktion „Roma“, die 2005-2007 gedreht wurde. Die Kulisse von „Roma“ wird für heute für Firmenevents vermietet, direkt neben dem „Forum Romanum“ steht ein Galazelt. Ansonsten spazieren Touristen unter den hohen Pinien zwischen den denkmalgeschützten Hallen entlang, klopfen ungläubig an Fiberglas-Säulen und schmunzeln über einen modernen Feuerlöscher, der sich in einer Gasse des alten Roms verirrt hat. Weltstars kommen nur noch selten in die Cinecittà. Monica Belucci drehte hier einen Teil von „A Burning Hot Summer“, Julia Roberts war für eine Kaffeewerbung hier. Broadway und Rom sind derzeit Teil der Ausstellung „Cinecitta’si mostra“ („Cinecittà zeigt sich“). Bis Ende November wird hier die Geschichte der Studios gezeigt und ein Blick in die Filmgeschichte von Schwarz-Weiss bis 3D geworfen. Die Ausstellung ist eine Art Testlauf. Das Studio-Management denkt darüber nach, die zu Cinecittà gehörenden Dino Studios, 20 Minuten südlich von Rom gelegen, in einen Themenpark umzuwandeln.

Ausstellung „Cinecittà si Mostra“, Via Tuscolana 1055, bis 30. November 2011, geöffnet täglich 10.30-19.30, Sa bis 21 Uhr, Di geschlossen

 

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Made in Germany: Monkey 47
Lufthansa Magazin 10/2011

Wo wird der beste Gin der Welt gemacht? Nicht in England, nicht in Indien, sondern mitten in Süddeutschland. In der Stählemühle, einer kleinen, feinen Obstbrennerei zwischen Schwarzwald und Bodensee. Ein Werkstattbesuch.  [weiter]

Made in Germany: Monkey 47
Lufthansa Magazin 10/2011

Wo wird der beste Gin der Welt gemacht? Nicht in England, nicht in Indien, sondern mitten in Süddeutschland. In der Stählemühle, einer kleinen, feinen Obstbrennerei zwischen Schwarzwald und Bodensee. Ein Werkstattbesuch. 

Ursprünglich, so will es die Legende, war es ein Brite, der den Gin ins Ländle brachte: Montgomery „Monty“ Collins, in Madras geboren, Weltenbummler und Uhrenliebhaber, betrieb hier in der Nachkriegszeit das Gasthaus „Zum wilden Affen“, und bereicherte die Speisekarte mit einem hausgemachten Gin. Einen Teil der Gewürze liess er aus Indien schicken, Wacholder, Schlehen, Holunder, Fichtennadelsprossen und vieles mehr fand er direkt vor der Haustür. 47 Botanicals gehören in den Schwarzwald Dry Gin, Monty’s Geheimwaffe: frische Preisselbeeren, die ihm eine fruchtige Note verleihen.

Die Spur des Briten verliert sich in den Sechzigern, aber die Rezeptur für den Gin taucht im neuen Jahrtausend wieder auf und fällt Alexander Stein in die Hände. Der Spross einer süddeutschen Spirituosenfamilie (seinen Eltern gehörte die Weinbrennerei Jacobi) arbeitete als Manager bei Nokia in den USA, war aber recht unzufrieden. „Ich wollte etwas Authentisches tun“, erzählt er „und ging zurück nach Deutschland mit dem Traum, einen Gin herzustellen, der schmeckt wie Monty Collins‘ Leben – nach Bollenhut, Turban und Melone.“

Mit dem Rezept im Gepäck macht er sich auf die Suche nach einem guten Obstbrenner. Er findet einen der besten: Christoph Keller. Der ehemalige Kunstbuchverleger hatte 2005 die Stählemühle mit seiner Familie gekauft, um sein Leben zu entschleunigen. Als er erfährt, das die Brennlizenz, die zur Mühle gehört, verfällt, wenn sie längere Zeit nicht genutzt wird, beschliesst er, Hobby-Brenner zu werden. Er liest Bücher zum Thema, besucht Destillen, experimentiert – und gewinnt schon bald die ersten Medaillen mit seinen Obstbränden. 2011 haben Destillata und Gault Millau die Stählemühle in den „Kreis der auserwählten Destillerien“ aufgenommen, er darf sich nun zu den besten Obstbrennern der Welt zählen.

Einen Gin zu destillieren, war für Keller eine schöne Herausforderung: „Ein guter Obstbrand zeichnet sich durch Typizität aus. Man soll den ganzen Lebenskreislauf der Frucht herausschmecken, von der Blüte bis zur Vanitas“, erklärt er, „ein guter Gin aber soll komplex sein, ohne seinen typischen Charakter von Wacholder und Zitrus zu verlieren.“ Knapp zwei Jahre entwickeln Alexander Stein und Christoph Keller „Monkey 47“ auf der Basis von Monty Collins Rezept. Sie verwenden das weiche Schwarzwälder Quellwasser, destillieren besonders schonend und verzichten auf Kältebehandlung und Filtrierung, damit sich die ätherischen Öle voll entfalten können. Das Ergebnis ist ein sehr besonderer Gin. Im Glas entfaltet er eine Nase von Lavendel und Zitrusaromen, der Geschmack ist pfeffrig, man schmeckt den Wacholder, die Grapefruitschalen, die frischen Preisselbeeren. England, Indien, Schwarzwald. Fast zu schade, ihn mit Tonic zu strecken. „Eine Kolumnistin aus Singapur schrieb über Monkey 47: Ich wünschte, sie würden Parfum daraus machen!“ erzählt Alexander Stein. Die deutschen Gastronomen, die Stein und Keller zur Degustation geladen hatten, waren weniger begeistert. „Zu komplex“, befanden etwa die Hälfte der Barchefs, „davon trinken die Gäste ja maximal einen.“ Die Macher aber dachten nicht daran, ihr Produkt flacher auszubauen. Der Erfolg gab ihnen recht: Im Frühjahr wurde der Schwarzwald Dry Gin mit der Goldmedaille des World-Spirits Award ausgezeichnet. Aus den besseren Bars zwischen Hamburg und München – und aus der First Class Lounge der Lufthansa – ist der Affe nicht mehr wegzudenken. Alexander Stein und Christoph Keller setzen jetzt noch einen drauf. Im Oktober kommt ihr Distiller’s Cut auf den Markt. In einer limitierten Edition von 1.000 Flaschen und mit einer besonders individuellen Geschmacksnote.

 

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Tüftelwege zur Kunst
Lufthansa Exclusive | 08/2011

Thomas Heatherwick ist der neue Star der britischen Design- und Architekturszene. Er entwirft alles von der Handtasche bis zum Hochhaus, vom Gartenstuhl bis zum Elektrizitätswerk. Und zwar am liebsten so, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat.  [weiter]

Tüftelwege zur Kunst
Lufthansa Exclusive | 08/2011

Thomas Heatherwick ist der neue Star der britischen Design- und Architekturszene. Er entwirft alles von der Handtasche bis zum Hochhaus, vom Gartenstuhl bis zum Elektrizitätswerk. Und zwar am liebsten so, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat. 

Ist es ein großer Kreisel? Eine Skulptur? Ein Sitzmöbel? Spun Chair ist vor allem eines: ein großer Spaß. Man setzt sich rein, schaukelt ein bisschen hin und her, dreht eine Runde – und muss unwillkürlich lachen, weil einem das Blut einmal in den Kopf und wieder in die Füße geschwappt ist. Während des London Design Festivals im letzten September standen die Kunststoffsessel, die Thomas Heatherwick als Outdoor/Indoor Möbel für den italienischen Hersteller Magis entworfen hat, am Südufer der Themse. Passanten standen Schlange, um sie auszuprobieren – und manch einer drehte sich wie ein Derwisch bis zum Lachanfall. Spun Chair ist typisch Heatherwick. Seine Entwürfe sind erlebbar, erfindungsreich und versetzen Betrachter einen Moment lang in kindliches Erstaunen. Zum Beispiel wenn sie vor der Fußgängerbrücke im Londoner Paddington Basin stehen, die sich in die Luft erhebt, zusammenrollt wie der Schwanz eines Skorpions und zu einem eleganten Rad zusammenlegt, um ein Schiff passieren zu lassen. Selbst so banale Dinge wie Lüftungsschächte sehen bei Heatherwick so aus, das sie einem den Atem rauben. Seine Abluftanlage für ein unterirdisches Elektrizitätswerk am Paternoster Square ist aus herkömmlichem Stahlblech, aber aus zarten Dreiecken gefaltet wie Papier-Origami.

Im Londoner Stadtteil King’s Cross wohnt und arbeitet Thomas Heatherwick. Sein Studio ist eine Kreuzung aus Lagerhalle, Großraumbüro und Daniel Düsentriebs Werkstatt. Am Eingang steht ein ausgestopftes Eichhörnchen unter Glas und blinzelt Besucher aus braunen Knopfaugen an. An der Wand hängen 3D-Landkarten, in Regalen stapeln sich Prototypen, Modelle und Materialproben. An zwei Dutzend Computerbildschirmen arbeiten Architekten, Industriedesigner, Bühnenbildner, Grafiker und sogar ein Psychologe. Heatherwick, der mit wildem Lockenkopf und eichhörnchenbrauen Augen von einer Projektbesprechung zur nächsten eilt, mag es, mit Leuten aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen zu arbeiten. „Heute ist man entweder Designer, Architekt oder Künstler. Warum kann man nicht alles zugleich sein?“, sagt er im Interview. In seinem 1994 gegründeten Atelier verschwinden diese Grenzen zwischen den Disziplinen. Er selbst, der am Londoner Royal College of Arts 3D-Design studiert hat, bezeichnet sich am liebsten als Erfinder. Schon als Kind zeichnete der Sohn einer Goldschmiedin und eines Musiklehrers Skizzen für nützliche Dinge, zum Beispiel einen Schlitten mit luftgepolsterten Kufen, die wie Stoßdämpfer funktionieren sollten.

„Thomas liebt es, an Dingen zu tüfteln“ sagt seine Studio-Managerin Kate Close, „Ist eine Aufgabe schwierig? Dann ist sie sein Ding!“ Dabei lässt sich der 41-jährige gern von alltäglichen Situationen, Begegnungen und Geschichten inspirieren. Als die Wohltätigkeitsstiftung Wellcome Trust ihn beauftragte, eine Skulptur über dem Wasserbassin ihres acht Stockwerke hohen Atriums zu entwerfen, kam ihm die Idee einer Glasskulptur, die herunterfallende Flüssigkeiten darstellt. Seine deutsche Großmutter hatte ihm von der Silvester-Tradition des Bleigiessens erzählt. Heatherwick ließ über 400 mal geschmolzenes Metall in Wasser tropfen. Eines der Gebilde, die dabei entstanden wurde als Vorlage für die Skulptur ausgewählt, und aus 142.000 Glaskugeln, an 27.000 Stahldrähten hängend, nachgebildet.

„Beating up an idea“ nennt der 41-jährige seine Herangehensweise. „Eine Idee verprügeln“ bedeutet, sie von allen Seiten zu betrachten, jede Meinung anzuhören, auch ungewöhnliche Ansätze zu verfolgen. Nicht immer sind die Lösungen so kostenintensiv wie bei der Bleigiessen-Installation. Als die Universität von Aberystwyth in Wales Heatherwick um den Bau von 16 Künstlerateliers bat, suchte das Studio nach einer günstigen Möglichkeit, die in einfacher Holzbauweise geplanten Gebäude zu isolieren. Heatherwick dachte zunächst an eine Dachverkleidung aus rostfreiem Stahl, die attraktiv, aber sehr teuer gewesen wäre. Stahl, so dünn gewalzt wie Coladosenblech, ist günstiger, aber nicht stabil genug. In der Werkstatt des Studios wurde daraufhin eine Maschine gebaut, die mit einer mittelalterlich wirkenden Holzwalze das Blech zerknautscht, wodurch es stabiler wird (und außerdem interessanter aussieht). Aufgefaltet und mit Bauschaum unterspritzt, ergab das ungewöhnliche Material eine kostengünstige, robuste und ausgezeichnet isolierende Verkleidung für die Holzhäuser. „Ich finde es langweilig, überall in der Welt meinen Stil umzusetzen. Viel interessanter ist es doch zu fragen: Was können wir hier besser machen? Was ist die richtige Lösung für diesen oder jenen Ort?“

Wenn der Erfinder in Thomas Heatherwick sich allerdings eine Idee in den Kopf gesetzt hat, verfolgt er sie hartnäckig: schon seit seinem Studium träumte er davon, ein Aluminiummöbel im Extrusionsverfahren herzustellen – ohne Schrauben und Nähte, aus einem einzigen Stück Metall, das durch eine Form gepresst wird. Jedes Jahr beauftragte er einen anderen seiner Mitarbeiter, industrielle Hersteller in aller Welt abzutelefonieren auf der Suche nach einer Presse, die groß genug wäre, um ein Sitzmöbel herzustellen. 2008 wurde er fündig: eine Fabrik in China hatte die größte Extrusionsmaschine der Welt gebaut, die für die Luft- und Raumfahrtindustrie Aluminium mit bis zu 10.000 Tonnen Druck presst. Heatherwick entwarf eine Form, die Bank „Extrusions“ wurde gepresst. Wie bei einer Zahnpasta, die aus der Tube gedrückt wird, sind Anfang und Ende des Materials eigenwillig zerquetscht. Heatherwick beließ es dabei, polierte das Aluminium auf Hochglanz – und wurde von der Londoner Kunstszene mit einer Ausstellung in der feinen Galerie Haunch of Venison gefeiert. Nun tüftelt Heatherwick daran, die Bank in einem größeren Maßstab zu produzieren: „Die Fabrikhalle ist groß genug, um eine Bank zu extrudieren, auf der 700 Leute sitzen können – wir müssen noch einen Weg finden, sie zu transportieren.“

Bisheriger Höhepunkt seiner Karriere aber ist sein Entwurf für den britischen Pavillon auf der Shanghai Expo 2010. Das Expo-Thema „Better City, Better Life“ beantwortete der Londoner mit einem Kubus, in dem wie in einem Nadelkissen 60.000 Acrylglasstäbe stecken. In die Spitze jedes Stabes ist ein Pflanzensamen eingelassen, der tagsüber vom Sonnenlicht beleuchtet wird. Nachts ist der Pavillon innen beleuchtet und die äußeren Enden der 7,5 Meter langen Stäbe glühen im Dunkeln. Die „Kathedrale der Samen“ wurde von 50.000 Menschen täglich besucht, und brachte Heatherwick nicht nur die Expo-Goldmedaille ein sondern auch eine Reihe von Aufträgen aus Fernost. Derzeit ist der Universalkreative deshalb auch immer öfter in China, wo er ein Büro in Hongkong betreibt, von dem aus er diverse Bauprojekte koordiniert: Einen 180 m hohen Hotelturm in China zum Beispiel, und eine Wohnanlage in Kuala Lumpur. „Der Maßstab unserer Projekte wird größer.“ Die Aufgaben zuhause in London haben zwar nicht diese Größenordnung, sind aber dafür eine umso größere Ehre. Haunch of Venison stellte im April auf der Mailänder Möbelmesse eine neue, limitierte Edition des Spun Chair in patiniertem Stahl und Messing vor. Die Kunststoff-Variante von Spun wurde in die Designabteilung des MoMA New York aufgenommen. Und auch 2012 könnte ein gutes Jahr werden für Heatherwick. Das renommierte Victoria & Albert Museum bereitet gerade eine Werkschau über ihn vor. Sein neuer roter Doppeldeckerbus, ein Redesign des berühmten Routemaster aus den 50er Jahren, wird hybridangetrieben auf Londons Strassen rollen. Und bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele wird die Fackel das Feuer in einer von Thomas Heatherwick gestalteten Feuerschale entzünden.

 

 

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