Wie Deutschland wohnt
Der Tagesspiegel | Sonntag, 13. Mai 2012

Offene Küche? Holz? Gardine und Teppich? Antworten über Stil und Vorlieben in deutschen Wohnungen gibt die größte Studie seit 20 Jahren – die gerade präsentiert wurde.  [weiter]

Wie Deutschland wohnt
Der Tagesspiegel | Sonntag, 13. Mai 2012

Offene Küche? Holz? Gardine und Teppich? Antworten über Stil und Vorlieben in deutschen Wohnungen gibt die größte Studie seit 20 Jahren – die gerade präsentiert wurde. 

 

Wie modern wohnen die Deutschen? Wenn es nach Einrichtungsmagazinen geht, lautet die Antwort: Familien in München, Ber- lin und Osnabrück leben offen, hell und weiträumig, in einem Mix von Designermöbeln und erlesenen Vintage-Stücken. Das Möbelunternehmen Interlübke wollte es ge- nau wissen – und beauftragte das Bielefelder Forschungsinstitut Emnid mit einer umfassenden Studie. Der Kultursoziologe Alphons Silbermann hatte mit Emnid bereits 1961 und 1989 einen Blick in deutsche Wohnzimmer geworfen. In Weiterführung der Silbermann-Studie wurden nun erst- mals auch Ostdeutsche darüber befragt, was ihnen daheim wichtig ist.

WAS FÜR

UNS DEUTSCHE

WIRKLICH ZÄHLT

Am Dienstag stellte Emnid-Geschäftsführer Klaus-Peter Schöppner die Ergebnisse von „Deutschland privat – So wohnen und leben die Deutschen 2012“ vor. Er hatte bereits Ende der 80er Jahre an der Silbermann-Studie mitgearbeitet. Das wichtigste Resümee: „Es gibt nichts, womit sich die Deutschen mehr befassen als mit ihrer Wohnung. In Zeiten der Verunsicherung durch unruhige Finanzmärkte, die Globalisierung und eine immer älter werdende Gesellschaft sind die eigenen vier Wände ein wichtiger Rückzugs- und Wohlfühlort.“ Nicht etwa das Auto ist den Deutschen hoch und heilig, sondern ihr Zuhause. Für 68 Prozent der Deutschen ist ihre Wohnung wichtiger als Freizeit, Auto, Urlaub, Internet und Kleidung. Kein Wunder, dass ein deutscher Werbespruch so geht: „Eigenheim, Glück allein.“

DER SCHÖNSTE

ORT VON ALLEN:

DAS ZENTRUM DES LEBENS

Der liebste, meist genutzte und wichtigste Raum der Wohnung ist nach wie vor das Wohnzimmer, und in seiner Popularität hat es seit 1989 sogar noch zugelegt. Liegt es daran, dass die Wohnräume immer größer und vielgestaltiger werden? So suggerieren es wenigstens Hochglanzmagazine. In ihnen wird zwischen Esstisch und Sitzgruppe, Küchentheke und Kochinsel mit Familie und Freunden geredet und gelacht, während das Vollinduktionskochfeld verhindert, dass das Pastawasser überkocht. Diese Verschmelzung von Wohnzimmer und Küche ist zwar in Zeitschriften und Prospekten von Immobilienentwicklern allgegenwärtig, in der Realität bleibt sie aber die Aus- nahme. 51 Prozent der Wohnzimmer werden als reine Wohnräume genutzt: zum Entspannen oder Fernsehgucken. Nur sechs Prozent der Befragten nutzen einen offenen Raum zum Wohnen und Kochen. Weitaus mehr, nämlich 40 Prozent, essen mit Familie oder Freunden im Wohnzimmer, nur die multifunktionalen Räume, in denen das Wohnen mit der Arbeitsecke, dem Schlafraum oder der Küche konvergiert, sie bleiben im einstelligen Bereich. Das Trendthema „offenes Wohnen“ hat sich in bundesdeutschen Haushalten noch nicht durchgesetzt. „Das kann daran liegen, das die Architek- tur in vielen Fällen die Nutzung von Räumen vorgibt“, erklärt Klaus-Peter Schöppner. „Schließlich leben die meisten Deutschen in Altbauten, in denen sich offene Wohnküchen und auch Wellness-Badezimmer nur unter aufwendigen Baumaßnahmen realisieren lassen würden.“ Nur wer neu baut, scheint ein größeres Interesse für amerikanische Küchen und Kochinseln zu haben. Das könnte sich in der nächsten Studie als Trend herauskristallisieren.

GANZ NORMAL

UND ALLES

ALTBEWÄHRT

Die Möblierung des deutschen Wohnzimmers hat sich seit den 80er Jahren nur unwesentlich verändert. Hier steht die Sitzgarnitur (95%) unangefochten an erster Stelle der Einrichtung. Darauf folgen der Fernseher, Pflanzen und der niedrige Couchtisch. Eine große Überraschung: An hiesigen Fenstern hängen mehrheitlich weiterhin Gardinen (77%). Für mehr als die Hälfte aller Deutschen sind außerdem Tapeten, Teppich und eine Schrankwand essenziell im Wohnzimmer. Einzig der Computer konnte seine Präsenz im Wohnbereich seit 1989 von drei auf 22% versiebenfachen – eine nicht verwunderliche Zahl angesichts des Internetaufstiegs. Das durchschnittliche Wohnzimmer der Nation sieht gar nicht so anders aus, als es die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt 2004 entworfen hat: fleckenunempfindlicher Veloursteppich, beige Sitzgruppe mit gläsernem Couch- tisch, Raufasertapete und eine hellholzige Schrankwand, in deren Zentrum der Fernseher thront. Die Agentur richtete sich so einen Konferenzraum ein, um „auf Augenhöhe“ mit den Müllers von ne- benan über Kampagnen für Fertiggerichte, Putzmittel und Versicherungen nachdenken zu können. Wenn es nach der Studie geht, kann Jung von Matt unbedenklich weiter in diesem Ambiente an Ideen basteln.

HOLZ IN

DEN HÜTTEN,

DAS WAR FRÜHER

Nur ein Aspekt ändert sich langsam, aber sicher in deutschen Haushalten: Während 1989 noch fast die Hälfte aller Befragten angab, sich am liebsten mit sanften Farben und Holztönen zu umgeben, sind es heute nur noch 38%. Im Gegenzug ist die Lust an der Helligkeit gestiegen. Der Anteil der Menschen, die in den eigenen vier Wänden die Farbe Weiß bevorzugen, ist um 17% gestiegen.

WO ICH MICH BETTE,

DA RUHE ICH

UND SONST NICHTS

Wo das Bett steht, da ist für viele der Lebensraum klar abgegrenzt. Die Mehrheit von 85% nutzt ihr Schlafzimmer genau dafür: zum Schlafen. Nur ein Zehntel holt sich die Arbeit in den Ruhebereich und kombiniert das Bett mit einer Arbeitsecke im selben Zimmer. Noch weniger trennen den Wohn- nicht vom Schlafbereich. Und ein verschwindend geringer Teil der Deutschen will sich neben Bett oder Matratze noch körperlich ertüchtigen – und hat sich das Schlafzimmer als Fitness- oder Wellnesszone mit Hanteln oder Heimtrainer auserkoren. Was sich geändert hat, das ist die Nutzung des Raums. Er ist nicht mehr nur der Ort für den Austausch von Intimität oder zum Lesen, sondern wird vielfach genutzt, um persönliche Gespräche zu führen oder tagsüber zu entspannen. Weniger als ein Drittel sieht im Schlafzimmer fern, noch weniger beschäftigen sich im Bett mit ihrem Computer.

MEIN FERNSEHER,

MEINE HIGH-TECH-ANLAGE,

MEIN STROMVERBRAUCH

Dank des Siegeszuges von Internet und Breitbandleitungen haben sich in den vergangenen 20 Jahren unsere Wohnzimmer rasant entwickelt: von „guten Stuben“ zu kleinen Heimkinos, die in einigen Fällen mit Dolby-Surround-Soundsystemen und hauchdünnen Flachbildschirmen aufge- rüstet sind. Das Wohnen wird dank der Fortschritte in der Unterhaltungsindustrie technologieorientierter. In neun von zehn Wohnzimmern steht inzwischen ein Fernseher. Computer finden sich in jedem fünften Wohnzimmer, jeder achte Schlafraum verfügt ebenfalls über so ein Gerät – und fast genauso viele Computer stehen mittlerweile in Kinderzimmern.

GESCHMACK IST,

WAS MIR GEFÄLLT

UND MEINER MUTTI

Die Magazine können sich noch so viel Mühe geben, zwischen Nordsee und Alpen regiert die Skepsis. Modetrends sind den Deutschen in ihren Wohnungen herzlich schnuppe – man könnte auch sagen: Sie sind beratungsresistent. Denn 95% der Befragten geben an, sich ganz nach ihrem persönlichen Geschmack einzurichten, was natürlich nichts über den vermeintlichen Stil aussagt. Nur der Rest orientiert sich an aktuellen Trends. Beim Kauf von Möbeln achten die Deutschen vor allem auf Dinge, die mit Gestaltung und Form wenig zu tun haben: Funktionalität steht bei so gut wie allen Käufern an erster Stelle, dicht gefolgt von Langlebigkeit. Der dritte Faktor, der den Kauf eines neuen Möbelstückes beeinflusst, ist der Preis. Erst danach kommen Umweltverträglichkeit des Produktes und ganz am Ende der Bekanntheitsgrad der Marke. Für den Auftraggeber der Studie, die Firma Interlübke, muss das ein kleiner Schock sein. Dementsprechend fällt die Reaktion im Hauptsitz in Rheda-Widenbrück aus. „Es war für uns überraschend zu erfahren, wie konservativ die Deutschen heute wohnen“, sagt Geschäftsführer Leo Lübke. Vielleicht sollte der Möbelhersteller einfach genauer darauf achten, wen die Deutschen zu Rate ziehen, wenn sie ein neues Bett oder Sofa kaufen möchten. Umfassend beraten lassen sich alle. Nur ihre Tipps holen sich 83% der Befragten aus der eigenen Familie oder vom Partner. In Katalogen recherchieren fast drei Viertel, die Hälfte schaut im Internet nach – und noch weniger lassen sich von Zeitschriften inspirieren.

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Möbel für Piraten
Tagesspiegel | Sonntag, 01. April 2012

Wer Musik, Filme und Texte nur digital speichert, braucht keine Regale für CDs, DVDs und Bücher mehr. Deshalb werden E-Reader, Tablet und iPad nicht nur unsere Mediennutzung umkrempeln, sondern bald auch unsere Wohnungen.  [weiter]

Möbel für Piraten
Tagesspiegel | Sonntag, 01. April 2012

Wer Musik, Filme und Texte nur digital speichert, braucht keine Regale für CDs, DVDs und Bücher mehr. Deshalb werden E-Reader, Tablet und iPad nicht nur unsere Mediennutzung umkrempeln, sondern bald auch unsere Wohnungen. Der Tag, an dem der Internetbuchhändler Amazon über seine englischsprachige Homepage erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkaufte, liegt inzwischen ziemlich genau ein Jahr zurück. „Wir hatten gehofft, dass es irgendwann geschehen würde“, verkündete damals Amazon-CEO Jeff Bezos. „Aber wir hätten nie damit gerechnet, das es so schnell passieren würde.“ Der Kindle, Amazons hauseigener E-Reader, entwickelte sich 2011 zum bestverkauften Produkt in der Geschichte der Firma. Bedeuten diese Entwicklungen nun endgültig das Ende des gedruckten Buchs?

Wohl kaum. Dennoch wird das elektronische Buch langfristig sicher nicht nur den Buchhandel umkrempeln, sondern auch unsere Wohnzimmer. Zumindest die Hersteller von Bücherregalen scheinen das zu glauben. Wer in diesem Frühjahr über die Möbelmessen in Köln, Stockholm oder Paris streifte, konnte allerhand Neuheiten entdecken, die sich weniger um Stauraum als um das Ablegen, Laden und Präsentieren elektronischer Gadgets bemühen. Vom „Büchertablett“ des bay- rischen Herstellers Auerberg, das Büchern und Elektrogeräten auf dem Schreibtisch einen Platz gibt, über Dick Van Hoffs „Crossdock Media Rack“, einen Zeitschriftenständer fürs digitale Zeitalter, bis zu „Wall in One“, einem elegant gebogenen Wandpaneel, auf dem sich ein Laptop (und sonst nicht viel mehr) ablegen und mit Strom versorgen lässt. Auch beim Salone del Mobile, der vom 17. bis 22. April stattfindenden Mailänder Möbelmesse, werden wieder reichlich Regale vorgestellt, die zu schmal, zu gering in der Korpustiefe, zu filigran sind, um eine ordentliche Buchsammlung zu tragen. Zum Beispiel „Rocky“, eine moderne Kredenz, die Charles Kalpakian für das neue Label La Chance entworfen hat: eine dreidimensionale Skulptur für die Wand, die am bes- ten aussieht, wenn gar nichts drinsteht.

Statt viel Stauraum bieten die Regale der neuen Generation immer öfter neue Funktionalitäten: Steckdosen, an denen sich Smartphone und iPad aufladen lassen, Kabelrinnen, die Elektro-Unordnung verbergen, und schmale Schienen, die den geliebten Gadgets Halt bieten sollen. Leo Lübke, geschäftsführender Gesellschafter des Schranksystemherstellers Interlübke, erklärt die Hintergründe: „Die Art, wie wir Medien nutzen, verändert auch unsere Art des Wohnens. Wenn eine Musiksammlung von 1200 CDs gerade mal 60 GB Speicherplatz benötigt, und eine ganze Bibliothek auf einem notizbuchgroßen Gerät Platz findet, dann werden wir in Zukunft immer weniger Bücherregale benötigen.“ Die Neuheit, die Interlübke in diesem Jahr präsentiert, passt wunderbar zur Bücherlosigkeit der Zukunft. „Bookless“ erinnert mehr an einen Setzkasten als an Stauraum. Raumtei- ler und Vitrine soll es sein, ein Möbel, in dem Menschen ihre Lieblingsdinge in Szene setzen können. Dabei hilft eine LED-Leiste, die den Regalinhalt illuminiert, wie im Schaukasten einer Galerie.

Wohnungen ohne Bücher – etwas bedauerlich wäre die Entwicklung schon. Die Regalmeter an Gelesenem, die wir im Lauf eines Lebens ansammeln, sind ja nicht nur Papierballast, sie haben auch eine Beweisfunktion. Sie erzählen von unserer Persönlichkeit. Wer geht nicht, wenn er zum ersten Mal jemanden besucht, am Bücherregal vorbei, um verstohlen den Inhalt zu prüfen? Sind die Buchrücken nach Größe geordnet, gar nach Farben? Was steht auf Augenhöhe? Zerfledderte Reiseführer in Doppelreihen? Oder schwere Kunstbände, die aussehen, als würden sie nur mit Baumwollhandschuhen durchblättert? Steht da Ideologisches? Karl Marx, Francis Fukuyama, Thilo Sarrazin? Sieht „Finnegan’s Wake“ auch wirklich durchgelesen aus?

Dieses Vergnügen könnte uns in Zukunft abhandenkommen – denn wer würde sich an einem E-Reader oder Tablet vergreifen, um die Literaturliste seines Gastgebers zu scannen? Andererseits: So wie wir uns daran gewöhnt haben, Musik auf dem iPod zu hören, wird möglicherweise auch die bücherbefreite Wohnung irgendwann Normalität sein. „Unsere Mediennutzung wird sich extrem verändern“, glaubt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann, „Tablets werden Fernsehgeräte, Bücher und Zeitschriften überflüssig machen.“ Die Schrankwand mit TV-Altar und Sitz- gruppe davor könnte bald ausgedient haben, denn um mit einem Tablet-PC einen Film zu sehen, muss sich die Familie nicht mehr vor dem Fernsehgerät versammeln. Jedes Haushaltsmitglied wird sein eigenes Gerät besitzen, um Filmstreams anzusehen, Social-Media-Seiten zu verfolgen, E-Mails zu schreiben, Bücher und Zeitschriften zu lesen. Die Möbelindustrie stellt sich darauf ein: Zum Beispiel mit dem Sofa „Suita“, das Antonio Citterio für Vitra entworfen hat. An der Rückenlehne ist eine kleine Ablage angebracht, gerade breit genug, um ein persönliches Kommunikationsgerät abzulegen und immer griffbereit zu haben. „Die Entwicklung wird ähnlich verlaufen wie damals, als die Telefone schnurlos wurden“, glaubt Trendforscher Wippermann. Früher fanden wir es selbstverständlich, beim Telefonieren im Flur zu stehen. Dann konnte man Telefone plötzlich überallhin mitnehmen: in die Badewanne, ins Bett, aufs Sofa. Bald begann jeder, sein eigenes Handy zu benutzen. Heute fänden viele die Vorstellung unzumutbar, sich ein Telefon mit der Familie teilen zu müssen.

„Auch die Vorstellung, Bücher nur noch immateriell in Form von Dateien zu besitzen, spaltet unsere Kultur enorm“, fügt Wippermann hinzu. „Es wird immer Leute geben, die große Bibliotheken haben und sich nicht vorstellen können, per E-Reader zu lesen. Aber die große Masse der Bevölkerung wird Bücher digital lesen. Was auf das Verschwinden des gedruckten Buchs folgt, ist das Phänomen der Verfeinerung. Der Markt für limitierte Editionen wird wachsen, und Bücher werden zu einem Luxusgut werden – ironischerweise nur ein paar Jahrzehnte, nachdem die Erfindung des Taschenbuchs die Branche demokratisiert hat.“

Auch das passt zu den Möbelneuheiten der Saison: Von Muutos Regal „Stacked“ über die „Sum Shelves“ bei Magazin bis zu Interlübkes „Bookless“ haben die aktu- ellen Regalentwürfe eine „Galeriefunktion“: Sie sind dazu gebaut, Raritäten und Lieblingsdinge auszustellen. „Bookless“ gibt es auf Wunsch mit Acrylbuchstützen, auf denen Bildbände aufgeklappt präsentiert werden können. In Zukunft wird man Gästen also nicht mehr sein gesamtes Bücherregal präsentieren, sondern nur noch die aufgeblätterten Lieblingsseiten seiner Lieblingsbücher.

Falls nun jemand denkt, das sei doch alles frühestens in 20 Jahren und überhaupt nur in den USA ein Thema, dann ist das einerseits richtig: Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, die gerade erst zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht wurde, lag der Marktanteil von E-Books am gesamten Buchhandel 2010 in Deutschland bei nur einem Prozent. Andererseits: Im vergangenen Jahr stieg der E-Book-Umsatz um 77 Prozent. Im Januar 2011 besaßen 380 000 Deutsche einen E-Reader, ein Jahr später waren es bereits 1,6 Millionen. Und Peter Wippermann, der Trendforscher, gibt Deutschland bis zur Buchlosigkeit noch drei bis fünf Jahre.

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Familienbetrieb
Der Tagesspiegel | Sonntag, 10. April 2011

Drei Kinder und zwei Karrieren unter einem Dach, noch dazu ein
Wohn- und Arbeitsplatz voller Designermöbel: Das passt eigentlich alles gar nicht zusammen. Familie Diez in München beweist: Es geht doch!  [weiter]

Familienbetrieb
Der Tagesspiegel | Sonntag, 10. April 2011

Drei Kinder und zwei Karrieren unter einem Dach, noch dazu ein
Wohn- und Arbeitsplatz voller Designermöbel: Das passt eigentlich alles gar nicht zusammen. Familie Diez in München beweist: Es geht doch! 

Im Glockenbachviertel lebt Münchens umtriebigstes Designerpaar. Für Liebhaber von glatten Flächen und klaren Linien entwerfen Saskia und Stefan Diez – sie Schmuck, er Möbel. Sie verkauft ihre Halsketten bis nach New York und Paris, er gilt als einer der wichtigsten Möbeldesigner Deutschlands. Sie leben und arbeiten mit ihren drei Kindern. Und die bringen manchmal das Streben nach Perfektion ins Wanken. Im Vorderhaus der Geyerstrasse 20 ist der Showroom von Saskia Diez. An einem alten Schreibtisch entwirft die 34-jährige Schmuck aus feinem Silber, bunten Holzkugeln und Steinen, die sie teilweise bei Spaziergängen an der Isar aufsammelt. Junge Frauen in Tokio, Paris und New York lieben die schlicht schönen Stücke. Oben, im 3. Stockwerk, ist die Wohnung der Familie, die aber vor allem als Schlafstatt und Stauraum dient. Gelebt wird in der Remise hinter dem Haus, in der Werkstatt. Im Sommer, wenn die Türen offen stehen, laufen Kinder, Besucher und Praktikanten rein und raus, für Projektbesprechungen werden ein paar Stühle vor die Tür geholt. Ein paar Meter weiter plätschert der Glockenbach, drinnen wird gesägt, gebastelt und geplant.

Ein ganz normaler Dienstag vormittag im März: Nikolaus (2), Helena (3) und Selma (5) sind im Kindergarten. Zwischen einer Kiste mit Bioäpfeln, zerfledderten Pixibüchern und Industrieregalen voller Prototypen stehen Modelle: Raumansichten, Stühle, auf Pappe aufgezogene Fotos von Armen, Ohrmuscheln und Decolletées, an denen Schmuckstücke baumeln. Es ist viel los bei Herrn und Frau Diez: die Mailänder Möbelmesse steht vor der Tür, wo er Neuheiten bei e15, Established & Sons und Wilkhahn zeigt; sie bereitet eine Ausstellung für den Münchener Förderpreis vor. Am großen Besprechungstisch erklärt Stefan Diez einem Praktikanten auf Englisch, wie er den Bezugsstoff eines Sitzmöbels verarbeiten soll. Er hat ziemlich genaue Vorstellungen und kritzelt zur Erläuterung seitenweise Skizzen in einen Block. Der 39-jährige Münchener vertritt eine neue Generation deutscher Designer, die jenseits von Bauhaus und Funktionalismus international wahrgenommen werden. Seine Möbel-Entwürfe sind einfach, durchdacht und dabei leichtfüssig. Für den westfälischen Büromöbelhersteller Wilkhahn hat er mit Technologie aus der Automobilindustrie einen eleganten Stuhl aus Stahlblech entworfen („Chassis“), für Thonet den guten alten Bugholz-Stuhl ins 21. Jahrhundert übersetzt („404“). Die Sitzmöbel-Familie, die er für die Firma e15 entworfen hat, zählt seit ein paar Jahren schon zu den Highlights der Mailänder Möbelmesse. E15-Gründer Philipp Mainzer sagt über Diez: „Stefans Qualität ist, das bei ihm nicht das Design um des Designs willen stattfindet, sondern die Funktion, das Handwerk und die Marke im Vordergrund stehen.“
Man kann seiner Arbeit ansehen, das er eine Ausbildung zum Schreiner absolviert hat, bevor er in Stuttgart bei Richard Sapper Design studierte, danach bei Konstantin Grcic arbeitete, und schließlich 2003 sein eigenes Studio auf die Beine stellte.

Seine Frau Saskia, die nach ihrer Goldschmiedelehre in München Industriedesign studierte, half neben dem Studium schon im Studio Diez, Modelle zu bauen. Später arbeitete sie als Designerin für Rosenthal, Konstantin Grcic und Authentics, bevor sie 2005 mit ihrer ersten Schmuckkollektion herauskam. Seither arbeiten die beiden unter einem Dach, aber in verschiedenen Disziplinen. Was beide an Design fasziniert, ist das Experimentieren mit Materialien, die den klassischen Wertebegriff unterlaufen. Modellhaft wirkende Stühle aus hochwertiger Eiche, eleganter Schmuck aus Isargestein, Taschen aus Papier. Die papiernen Gepäckstücke sind ein Gemeinschaftsprojekt, werden aus dem erstaunlich robusten Material hergestellt, das auch für reißfeste Briefumschläge verwendet wird – und brachte dem Paar den Deutschen Designpreis 2010 in Silber.

Die Werkstatt am Glockenbach ist für beide mehr als nur ein Arbeitsplatz, an dem sie Nine-to-Five Dinge erledigen. „Wenn man mich fragt, wo ich lebe, denke ich nicht an die Wohnung im 3. Stock, ich denke zuerst an die Werkstatt. Wir sind ja auch oft am Wochenende hier“, sagt Stefan Diez „wenn die Kinder nicht wären, hätten wir die Wohnung vermutlich gar nicht.“ Unten, in der Büroküche, wo Kinderzeichnungen an den Wänden hängen, wird oft für Freunde gekocht. Oben auf der Galerie gibt es ein Büro und einen Raum, der als Spielzimmer für die Kinder geplant war. De facto halten sie sich aber nie dort auf. Wenn die Kinder nachmittags nach Hause kommen, kümmert sich Saskia Diez um den zweijährigen Nikolaus. Die Mädchen spielen noch ein, zwei Stunden im Studio. Sie basteln, malen oder suchen sich jemanden, der gerade mit Modellbau beschäftigt ist und etwas Zeit für sie hat. „Der Lieblingsort der Mädchen ist hinter dem Regal mit den Prototypen“, sagt Saskia Diez, „das ist eigentlich Stauraum, aber für die Kinder ist es ihre Höhle. Wenn wir ein grösseres Abendessen haben und der Besprechungstisch zur Tafel wird, holen sie sich etwas zu Essen und verstecken sich da hinten.“ Wie es ist, in einer Werkstatt aufzuwachsen, weiß Stefan Diez aus der eigenen Kindheit. Er stammt aus einer Schreiner-Familie in Freising, und er kann sich gar nichts besseres vorstellen. „Für mich war es das grösste, sonntags in die Werkstatt zu schleichen und die Maschinen anzustellen“, erzählt er, „je grösser und gefährlicher, desto besser! Ich habe sie auch nur ganz kurz angemacht und mich auf den Boden geschmissen, falls was wegfliegt.“ Mit einer ähnlichen Selbstverständlichkeit wachsen seine Kinder nun in der Arbeitsumgebung ihrer Eltern auf, zwischen Schere, Stein, Papier, mit Heißklebepistole und Cutter.

Wie funktioniert das, drei Kinder und zwei Karrieren in einer Werkstatt? Mit guter Organisation, einer guten Atmosphäre und netten Großeltern, die einspringen, wenn Messebesuche, Geschäftsreisen und Stressphasen anstehen. Keine Nanny, kein Au-pair? „Nein, nein“, winkt Saskia Diez ab, „die Kinder haben ein gutes Gefühl dafür, wer hier gerade ein paar Minuten Zeit hat, etwas mit ihnen zu machen.“ „Und sie haben ein gutes Gespür für Dinge, die gefährlich sind“, ergänzt ihr Mann, „Sie wachsen mit Werkzeug auf und haben von Anfang an einen normalen Umgang damit. Wir erklären ihnen, das man mit einer Heißklebepistole vorsichtig sein muß – und dann lassen wir sie damit spielen. Im Zweifel verbrennen sie sich mal, oder schneiden sich mit einem Cutter. Aber es ist noch nie etwas schlimmes passiert.“

Spielzeug zu entwerfen, ist den den beiden Gestaltern noch nie in den Sinn gekommen. Saskia Diez hat eine „Kid’s Collection“ aus Bergkristall und bunten Holzperlen entworfen, legt aber großen Wert darauf, das ihre Töchter nicht mit Prototypen verwöhnt werden: „Selma und Helena bekommen mal eine Kette oder Ohrringe zum Geburtstag, so wie andere Kinder auch.“ Design-Spielzeug hält Stefan Diez für völlig überbewertet: „Am liebsten spielen Kinder doch mit den unfertigen Sachen: Papier, Stifte, Kartons. Und es ist wichtig, ihnen die Freiräume dabei zu lassen.“ Die Werkstatt ist ein Paradies für bastelfreudige Kinder: Pappmodelle, die förmlich danach rufen, als Puppenstuben zweckentfremdet zu werden, Materialproben ohne Ende und junge Leute, denen man über die Schulter gucken kann, wenn sie eine 3D-Zeichnung am Computer machen. Natürlich sind die Diez-Kinder kreativ, zeichnen und malen gern. Gelegentlich müssen die Eltern klarstellen, das man sich an Materialkisten nicht beliebig bedienen kann. Das ihre Eltern Designer sind, ist den drei Kindern nicht bewußt. Design wird im Diez-Haushalt auch nicht besonders thematisiert. Erklären sie manchmal, was einen guten Stuhl ausmacht? „Nein, nie!“, sagt Stefan Diez entschieden, „Man kann Kindern wirklich den Spaß verderben, indem man ihnen immer alles erklärt“, und erzählt, wie dankbar er dafür ist, das sein Vater so wenig Zeit hatte, das er meistens alleine in der Werkstatt herumbasteln konnte. Die Diez-Kinder haben von daher einen ziemlich unverkrampften Umgang mit Prototypen, von denen es in der Geyerstrasse 20 wimmelt. „Neulich haben die Kinder Duschköpfe, die wir für Bosch entworfen haben, mit Malfarbe verschönert“, sagt Stefan Diez, und er fügt bayerisch entspannt hinzu: „Aber mei, so was regt mich nicht auf.“

 

 

 

 

 

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Geht doch!
Der Tagesspiegel Sonntag | 10. Oktober 2010

Briten hassen die Architektur von heute wie der Vampir den Knoblauch – allen voran Prinz Charles. Jetzt will der Schriftsteller Alain de Botton seinen Landsleuten beibringen, die Moderne lieben lernen. Mit Ferienhäusern.  [weiter]

Geht doch!
Der Tagesspiegel Sonntag | 10. Oktober 2010

Briten hassen die Architektur von heute wie der Vampir den Knoblauch – allen voran Prinz Charles. Jetzt will der Schriftsteller Alain de Botton seinen Landsleuten beibringen, die Moderne lieben lernen. Mit Ferienhäusern. 

Von der Straßenseite aus betrachtet ist „Balancing Barn“ nicht viel mehr als ein bescheidenes Ferienhäuschen in der saftig-grünen Hügellandschaft von Suffolk. Extravagant mutet auf den ersten Blick nur die Metallfassade an, in der sich der anreisende Besucher spiegelt. Biegt man um die Ecke, sieht die „Balancierende Scheune“ allerdings gar nicht mehr so bescheiden aus: Auf dem abschüssigen Gelände hängt das 30 Meter lange Haus zur Hälfte in der Luft. Als hätte ein gelangweilter Riese einen Störenfried in diese idyllische Spielzeuglandschaft bringen wollen, indem er die Scheune so weit über den Abhang schiebt, dass sie fast herunterkippt.

Der Riese heißt Winy Maas, er ist einer der Gründer des niederländischen Architekturbüros MVRDV, das mit spektakulären Bauten wie dem niederländischen Pavillon auf der Expo in Hannover bekannt geworden ist. Sein Auftrag: auf dem Grundstück im Naturschutzgebiet ein Ferienhaus zu bauen. Tatsächlich findet Maas aber kaum etwas langweiliger als Idylle. „Wenn Sie sich die Kataloge von Ferienhausvermietern ansehen, gewinnen Sie den Eindruck, Glück sei ein Klischee von niedlichen Häusern unter blauem Himmel“, erklärt der Architekt. „Das reicht mir nicht. Ich will mehr Spannung!“ Der poetischen Wirklichkeit eines Baugrundstücks am See näherte sich MVRDV mit gewohnt spielerischer Eleganz. Die verspiegelte Fassade lässt das halb schwebende Haus wie eine Illusion erscheinen, die die Sonne zu jeder Tageszeit in andere Farben hüllt. Die an der Auskragung angebrachte Schaukel vervollständigt das Traumbild, das Winy Maas an den Surrealisten Magritte erinnert: Ceci n’est pas une maison.

Drinnen fühlt sich Balancing Barn nicht weniger extravagant an. Der schwebende Teil des Stahlgerüstbaus, in dem der Wohnbereich untergebracht ist, gerät in leichte Schwingungen, wenn sich Menschen im Raum bewegen. Der holländische Designer Jurgen Bey, der das Haus eingerichtet hat, wählte weiche Sitzgelegenheiten und Sitzsäcke, weil sich die Bewegung in weichen Polstern noch besser wahrnehmen lässt. Fenster erlauben Ausblicke zu allen Seiten – selbst nach unten durch den Boden und durch das Dach –, so dass die Grenzen zwischen außen und innen verschwimmen.

Die radikale Modernität, auch in der Möblierung, man muss sie mögen. So wie Alain de Botton. Für den Schweizer Schriftsteller und Philosophen, der seit Jahren in London lebt, ist Balancing Barn „ein entspannter, harmonischer, schöner Ort. Wer hier Zeit verbringt, entwickelt eine Sensibilität dafür, wie Architektur funktioniert. Jeder Winkel, jedes Material, jede Entscheidung, die ein Architekt trifft, hat eine Auswirkung“. Deswegen hat er „Living Architecture“ initiiert: „Die Initiative will Menschen die Möglichkeit bieten, in Häusern hervorragender zeitgenössischer Architekten zu wohnen, um genau dies nachvollziehen zu können.“

Das war etwas, was der gebürtige Schweizer in Großbritannien oft vermisst hat: zeitgenössische Architektur. Nachdem er mit seinem Buch „Glück und Architektur“ die Wirkung von Räumen auf unsere Befindlichkeit untersucht hatte, entwickelte Alain de Botton das Bedürfnis, den Worten Taten folgen zu lassen. Für historische Gebäude gibt es in Großbritannien den „Landmark Trust“, der schützenswerte Wohnhäuser vor dem Verfall rettet, indem er sie instand setzt und dann als Urlaubsdomizile vermietet. Alain de Botton schwebte etwas Ähnliches für zeitgenössische Architektur vor.

Er gewann eine Handvoll Mitstreiter für sein Projekt, fand Sponsoren, die die Baukosten tragen, aber anonym bleiben wollen, und Grundstücke in beliebten britischen Tourismusregionen. Nun, knapp vier Jahre später, sind die ersten Gebäude fertiggestellt. Neben Balancing Barn in Suffolk lassen sich bereits zwei andere Häuser mieten: „The Shingle House“ in Dungeness, Kent, ist eine luxuriöse Weiterentwicklung der traditionell geteerten holzverkleideten Fischerhütten der kargen Region und wurde von dem jungen irischen Büro NORD Architecture entworfen. „The Dune House“ ist eine Strandvilla an der Küste von Suffolk. Die norwegischen Architekten Jarmund & Vigsnæs setzten eine Schlafzimmer-Etage mit holzverkleidetem Giebeldach auf ein voll verglastes Erdgeschoss, um Durchblicke von der Straße zum Strand zu ermöglichen.

Zwei weitere Häuser sind im Bau: ein feuersteinverkleidetes Gebäude vom britischen Architektenpaar Patti und Michael Hopkins entsteht in Norfolk, der Schweizer Peter Zumthor hat „The Secular Retreat“ entworfen, das derzeit in Devon errichtet wird. Für die Zukunft ist geplant, jedes Jahr ein neues Haus fertigzustellen. Die Non-Profit-Organisation ist Eigentümer der Häuser, erwirtschaftet aber keinen Gewinn, sondern hofft, durch die Vermietung der Objekte die laufenden Kosten zu decken. Die Miete für die edel ausgestatteten Gebäude ist nicht billig: zwischen 1200 und 2900 Pfund die Woche. Allerdings kann man sie durch viele Leute teilen. Zur Balancing Barn gehören vier Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad.

Mit seinem Unternehmen möchte Alain de Botton nicht nur Urlauber glücklich machen, sondern auch die Diskussion um zeitgenössische Architektur in eine positive Richtung lenken – und Menschen mit den bewohnbaren Showrooms auf den modernen Geschmack bringen. Die meisten Briten leben in Häusern, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden – und sind Neubauten gegenüber grundsätzlich skeptisch. „Der britische Wohnungsbau ist vermutlich der am wenigsten experimentierfreudige in Europa“, erklärt Living-Architecture-Direktor Mark Robinson. „Viele verbinden zeitgenössische Architektur mit den brutalistischen Apartmentblocks der 60er und 70er Jahre. Die waren billig gebaut und sahen schon nach kurzer Zeit heruntergekommen aus.“

Zugegeben: Nicht nur Sozialbauten, auch Le Corbusiers Vorzeigeobjekt „Villa Savoye“ hatte mit einem undichten Flachdach zu kämpfen; doch machen die Architekten schon längst nicht mehr die Fehler der Corbusier-Generation. Aber im britischen Häuserkampf wird weniger über Qualität gestritten als über Ideale. Die Feinde zeitgenössischer Architektur sind die Traditionalisten, von denen es auf der Insel nicht wenige gibt – allen voran Prince Charles, der sich auf nicht immer demokratische Weise in die Debatte einschaltet. Mal nennt der Prince of Wales ein metallverkleidetes Universitäts-Auditorium, in dem er eine Rede halten soll, einen „Mülleimer“. Mal versucht er, Weltklasse-Architekten wie Richard Rogers oder Jean Nouvel aus Bauprojekten zu vertreiben, indem er den Entwicklern oder Bauherren schriftlich mitteilt, wie unpassend er deren Entwürfe findet. Zuletzt hat er damit ein großes Projekt von Rogers erfolgreich torpediert.

Die Diskussion wird auf der Insel hitzig geführt. Als 2006 das Victoria & Albert Museum eine Ausstellung über die Architektur der Moderne eröffnete, zeichnete der Karikaturist des „Architect’s Journal“ die Moderne als Frankensteins Monster, das von den Toten aufersteht. Der traditionell arbeitende britische Architekt Robert Adam schrieb im „Observer“: „Modernismus basiert auf der beängstigend arroganten Vorstellung, dass eine elitäre Gruppe von Leuten die Gesellschaft verbessern könne, ohne in Betracht zu ziehen, was die Öffentlichkeit will.“

Einen der Gründe, warum die Debatte so hitzig geführt wird, sieht Alain de Botton im Mangel an guten Beispielen. „Oft versteht die eine Seite die andere nicht, weil gar nicht alle Arten von Architektur verfügbar sind. Moderne Architektur manifestiert sich in Großbritannien vor allem in der Öffentlichkeit: Flughäfen, Museen, Opernhäuser. Dabei ist es ein fundamentaler Unterschied, ob man Architektur nur durchläuft oder ob man in einem Raum schläft.“

Ob eine Nacht im Balancing Barn Prince Charles umstimmen würde, darf bezweifelt werden. Den Unmut der Anwohner bekam der Unternehmensgründer bereits am Strand von Suffolk zu spüren. „Einmal kam einer der Dorfbewohner auf mich zu und fragte: Sind Sie sich eigentlich darüber im Klaren, dass Sie hier alle hassen?“, erzählt Alain de Botton. Aber im Grunde freut es ihn, zu sehen, wie Menschen am Strand stehen bleiben, auf das Dune House zeigen und zu diskutieren beginnen. Wenn sich mehr Menschen mit zeitgenössischen Häusern beschäftigen, hat Living Architecture schon einen Teil seines Klassenziels erreicht. Auch wenn das Dune House im Dorf nur „Stealth Bomber“ genannt wird: „Tarnkappenbomber“.

www.living-architecture.co.uk

 

 

 

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Marke Eigenbau
Der Tagesspiegel Sonntag | 25. Juli 2010

Man braucht keine Tischlerlehre und kein besonderes Talent: Einen Stuhl basteln kann jeder – und glücklich machen soll es auch. Die Designer Le Van Bo, Jerszy Seymour und Enzo Mari helfen dabei mit Bauplänen.  [weiter]

Marke Eigenbau
Der Tagesspiegel Sonntag | 25. Juli 2010

Man braucht keine Tischlerlehre und kein besonderes Talent: Einen Stuhl basteln kann jeder – und glücklich machen soll es auch. Die Designer Le Van Bo, Jerszy Seymour und Enzo Mari helfen dabei mit Bauplänen. Der Sessel ist bequem, ordentlich verarbeitet, recht schick und kostet im besten Fall schlappe 24 Euro. Nur kaufen kann man ihn nicht. Wer hier sitzen will, muss selber bauen. Dazu braucht man nicht mehr als ein Brett, etwas Werkzeug und einen Bauplan, den der Berliner Architekt, Optimist und ehemalige Hartz-IV-Empfänger Le Van Bo gebührenfrei per E-Mail schickt.

Warum er das macht? Weil er der Gesellschaft etwas zurückgeben will. Weil er der Meinung ist, dass auch arme Leute schöne Möbel verdient haben. Und weil er weiß, dass das Selbstwertgefühl Luftsprünge macht, wenn man etwas mit den eigenen Händen geschaffen hat. Zwei Dinge, die Le Van Bo, der als Kind mit seinen Eltern aus Laos nach Berlin kam, an Deutschland besonders liebt, sind der Bauhaus-Stil und die Volkshochschule. „Beides ist aus der Idee heraus entstanden, die Lebensqualität der Leute zu verbessern“, erklärt er. „Das eine mit dem Ziel, gutes Design einer breiten Masse zugänglich zu machen. Das andere mit dem Ziel, das Bildungsniveau der Bevölkerung zu erhöhen.“

Heute sind Bauhaus-Möbel Designklassiker, die sich vor allem eine gut betuchte Klientel leisten kann, und an der Volkshochschule trifft man pensionierte Studienräte. Doch Le Van Bo hat sich vorgenommen, beide Ursprungsideen wiederzubeleben – und zu verbinden. Nachdem er selbst einen VHS-Kurs „Schreinerei für Anfänger“ absolviert hatte, begann der 33-Jährige, Möbel zum Selberbauen zu entwerfen. Er kaufte eine Kiefern-Leimholzplatte für 24 Euro und entwickelte einen Bauplan für einen Sessel, der aus dem Brett (das man sich im Baumarkt kostenlos auf Maß zuschneiden lassen kann), Holzdübeln, Polsterbändern und Schaumstoffkissen besteht. Schnell wurde ein Claim gefunden („konstruieren statt konsumieren“), eine Homepage gebastelt (hartzivmoebel.blogspot.com), Postkarten gedruckt und ein Messestand auf dem DMY-Designfestival gebucht. Für Leute, die ihre handwerklichen Fähigkeiten unterschätzen, gibt es einen Kurs an der Berliner VHS City West, in dem der Sessel unter Anleitung eines Schreiners gebaut wird.

Über 400 Mal hat der Architekt seinen Bauplan bereits verschickt. Nicht nur an VHS-Schüler, sondern an „Menschen mit mehr Geschmack als Geld“ aus Deutschland, England, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, den USA.

Neu ist die Idee nicht. Der holländische Architekt Gerrit Rietveld entwarf schon 1938 den „Crate Chair“ aus Holzlatten, der als Bausatz vertrieben wurde. Doch in Krisenzeiten wie diesen wird auch die gesellschaftliche Rolle von Gestaltung wieder öfter diskutiert. Ist Design vom demokratischen Bauhaus-Ideal zu einem Marketinginstrument mutiert?

Brauchen wir ständig neue Dinge? Wie kann Gestaltung nachhaltiger werden? Die Branche entdeckt dabei einen fast vergessenen Idealismus wieder: gute Gestaltung als Open Source. Auf der Mailänder Möbelmesse, wo jedes Jahr die feinsten und teuersten Neu- heiten der Branche präsentiert werden, zeigte der finnische Hersteller Artek in diesem Jahr einen Selbstbau-Klassiker von Enzo Mari. Auf dem Boden des Messestands kniete der 78-jährige Mailänder Designer und hämmerte rohe Pinienholzlatten zu einem simplen Lehnstuhl zusammen – ein Entwurf von 1974. „Sedia 1“ sieht ein wenig aus wie eine Kinderzeichnung. Für Enzo Mari, der formalistisches Design strikt ablehnt, ist es die einzig richtige, auf das wesentliche reduzierte Form, die ein Stuhl haben sollte. Entwickelt hat er „Sedia 1“ vor 35 Jahren eher aus Gründen der Frustration als aus Idealismus. Mari, schon damals Denker und Provokateur, hatte 1968 ein schlichtes, zweckmäßiges Bettsofa entworfen, das sich als kommerzieller Flop erwies. In einer Branche, die stets neue formale Ergebnisse verlangt, wollte sich sein Ansatz nicht durchsetzen. „Keiner verstand meine Möbel“, sagt Mari in einer Video-Dokumentation, „Ich dachte: Wenn die Leute einen Stuhl selber zusammen- zimmern, dann erkennen sie, warum er gut und richtig ist.“ Seine „Autoprogettazione“-Kollektion umfasste Bauanleitungen für Betten, Schränke, Bücherregale und Sitzmöbel. Verschickt wurden sie kostenlos an jeden, der Enzo Mari einen frankierten Rückumschlag zusandte.

Die Reaktionen waren gemischt. „Kollegen warfen mir Faschismus vor, weil ich nur eine Form als die richtige anerkenne“, erzählt Mari. Er bekam tausende Briefe aus aller Welt. „Manche schrieben mir, ich sei ein Genie. Aber nicht alle verstanden, worum es mir geht. Es gab Leute, die schätzten Autoprogettazione, weil sie ein Chalet in den Bergen hatten und den ,rustikalen Stil’ mochten. Das ist doch purer Kitsch!“ Der Designer ist froh, dass Artek „Sedia 1“ nach 35 Jahren wiederaufgelegt hat. Mit dem zugeschnittenen Pinienholz-Bausatz, 50 Nägeln und einer Bauanleitung wird eine DVD geliefert, die seine Philosophie erklärt: „Design ist nur Design, wenn es Wissen vermittelt.“ Das Selbstbau-Set kostet 190 Euro.

Der kanadische Designer Jerszy Seymour will nicht zur besseren Form erziehen – sondern zum besseren Bewusstsein. Sein „Workshop Chair“ ist weder Bausatz noch Anleitung, sondern die Anregung, mit einem Topf heißen Industriewachses und ein paar Holzlatten die eigene Kreativität zu entdecken. „Die Freude an der Arbeit mit den eigenen Händen ist uns in der spätkapitalistischen Gesellschaft verloren gegangen“, sagt der in Berlin lebende Künstler. „Es ist doch absurd, dass es sich lohnt, einen Stuhl für ein paar Euro in China herstellen zu lassen und um die halbe Welt zu schicken, um ihn hier für Hunderte von Euro zu verkaufen. Wir wollen die Produktionsmittel wieder in die Hände der Leute geben!“

Hervorgegangen ist der „Workshop-Chair“ aus einer Reihe von Museumsprojekten. 2008 veranstaltete Jerszy Seymour ein Dinner-Event in Wien, bei dem Besucher mit Holz und heißem Wachs zunächst das Mobiliar und anschließend das Essen „kochen“ durften. „Statt einen Vortrag auf einer Konferenz zu halten, haben wir beim Essen darüber nachgedacht, welche Mechanismen hinter den Produktionsprozessen der Möbelindustrie stecken“, erklärt Seymour. Nach dem ,First Supper’ am MAK wurden die Wachsverbindungen wieder eingeschmolzen und für den „Salon des Amateurs“ im MARTA Herford (2009) und die „Coalition of Amateurs“ im MUDAM Luxemburg wiederaufbereitet. Mit „Amateur“ meint Seymour übri- gens keine Laien. Er setzt den Begriff im Sinne der lateinischen Wurzel des Wor- tes ein: Liebhaber. Seine Vision einer „Amateur Society“, die auf Freude an der Arbeit mit den Händen basiert, hat er auf einem großen Wanddiagramm zusam- mengefasst, die die Ausstellungsbesucher zur Diskussion anregen sollen.

In diesem Sommer wird der Workshop-Chair als Produkt lanciert werden. Zwei Wege führen dann zu der robusten Holz-Wachs-Konstruktion, die alle Qualitätsansprüche der europäischen Möbelindustrie erfüllt. Liebhaber können sich den Stuhl von Jerszy Seymour in seiner Berliner Werkstatt anfertigen lassen – für 460 Euro pro Stück – oder sich das „Amateur Wax Manual“ von seiner Website (www.jerszyseymour.com) downloaden und selber loslegen. Den Spezial-Wachs, der nicht in der Sonne schmilzt und auf dem Herd erhitzt werden muss, lässt man sich vom Hersteller schicken. Einen Liter des Hightech-Materials bekommt man geschenkt gegen Zahlung der Versandgebühr. „Natürlich können die Leute meinen Stuhl nachbauen“, sagt Seymour. „Interessanter finde ich es aber, wenn sie ihre eigenen Ideen realisieren. Mit Holz und Wachs ist alles möglich!“

steht da am Ende etwas, auf das ich stolz sein kann. Wenn ich das Ergebnis meiner Arbeit sehe, verschafft mir das innerlich eine gewisse Befriedigung. Außerdem kann ich gerade bei stupiden Arbeiten, wenn ich zum Beispiel Holz mit der Hand schleife, gut über Alltagsprobleme grübeln. Das hat fast schon eine meditative Wirkung.

Ich muss mich mal erkundigen, ob es in Berlin eigentlich Werkstätten gibt, in die sich Heimwerker einmieten können, um zum Beispiel ein Kinderbett abzuschleifen. Schließlich gibt es ja auch Werkstätten für Leute, die ein bisschen an ihrem eigenen Auto rumschrauben wollen. Wäre doch ungerecht, wenn es so etwas nicht auch für Leute wie mich gäbe.

 

 

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