Form follows Frau
Art | April 2010

Lolita-Feminismus fürs Wohnzimmer. Wie die junge slowenische Designerin Nika Zupanc mit weiblicher Eleganz nüchterne Möbelkonzepte aufmischt – und mit Archetypen von Weiblichkeit spielt. 

Das „Doll house“ ist eine haushohe, weiß gepunktete Black Box mit einem spitzen Dachaufsatz, aus dessen Schornstein kugelrunde Kunstwolken aufsteigen. Im vergangenen April stand es in Mailand auf dem Platz vor dem Superstudio Più, wo Design-Legende Giulio Cappellini während der Möbelmesse junge Gestalter eingeladen hatte, ihre Kollektionen zu präsentieren. Es hätte keinen besseren Platz geben können für Nika Zupanc’ Auftritt: Draußen ist es hell, laut, anstrengend. Drinnen ist eine gedämpfte Welt aus schwarz lackierten Sofas mit steifen Satinkissen, Stühlen, die an die gestärkten Schürzen von Zimmermädchen erinnern, und Staubwedeln, die auf ihrer luxuriösen Verpackung arrangiert sind wie kostbare Schmuckstücke. Besucher des Puppenhauses treten ein in eine perfekte Utopie des weiblichen Eskapismus. Klavierlack, Straußenfedern, Fiberglas – schon die Materialien sind ein Genuss für Augen und Fingerspitzen. Eine heilsame Zuflucht vor den Zumutungen des allzu bodenständigen familiären Alltags. In der Welt der 36-Jährigen hat sogar eine Elektroherdplatte die Form einer goldenen Puderdose, und die Babywiege ist aus hochglänzendem schwarzem Kunststoff – eine in Acryl geschnittene Verweigerung der visuellen Niedlichkeitsdiktatur, die sonst in Kinderzimmern herrscht.

„I will buy flowers myself“ steht am Eingang zum „Doll house“, „Ich werde mir selbst Blumen kaufen“. Es ist eine Referenz an den ersten Satz aus Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“ und steht für eine Frau, die ihren eigenen Weg geht. Ein bisschen altmodisch, ein bisschen arrogant und vielleicht etwas oberflächlich. Dabei aber trotzig, selbstbewusst und eigenständig. „Mrs. Dalloway“, Zupanc’ literarische Lieblingsheldin, ist auch Namensgeberin der Elektroherdplatte, die sie für Gorenje gestaltet hat. „Der Titel ‚I will buy flowers myself‘ und die Installation können leicht missverstanden werden“, sagt Nika Zupanc. „Man könnte denken, ich mache Design für Frauen. Das ist nicht so. Mein Thema ist vielmehr das ironische Spiel mit den verschiedenen Archetypen von Weiblichkeit.“

Schon ihre Visitenkarte ist ein Spiel mit femininen Klischees: kirschrot wie die Fin­ gernägel ihrer Besitzerin, mit der metallisch glänzenden Silhouette einer Einkaufstüten tragenden Dame. „La femme et la maison“ steht darauf – „die Frau und das Haus“ – der Titel ihrer ersten eigenen Designkollektion. Die Wiegen „Boris, Vladimir und Aleksander“ hat sie unter diesem Label auf den Markt gebracht, den Straußenfedern-Staubwedel „Unfaithful Feather Duster“ gibt es bereits in ausgewählten Geschäften und übers Internet zu kaufen.

Nika Zupanc’ Karriere begann im Jahr 2000 mit einem mit Auszeichnung abgeschlossenen Studium an der Kunst- und Designakademie der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Gefolgt von ein paar Jahren, in denen jeder verfügbare Cent in Prototypen und Ausstellungen investiert wurde und einer Pecha-Kucha-Nacht in Udine (art 5/2008). Bei dem Event, wo Kreative die Gelegenheit haben, ihre Ideen in 20 Bildern und jeweils 20 Sekunden Zeit zu präsentieren, wurde die Slowenin vom innovativen Möbelfabrikanten Moroso entdeckt. Die Italiener waren begeistert von ihrem „Maid chair“. Kurze Zeit später kam ein Anruf vom niederländischen Designstar Marcel Wanders, der die Lampe „Lolita“ produzieren wollte. Im vergangenen Jahr präsentierte Moroso „Tailored chair“ auf der Mailänder Möbelmesse, 2008 war „Lolita“ von Moooi vorgestellt worden: ein charmantes, etwas naives, irgendwie verführerisches Kunststoffwesen, verfügbar als Pendelleuchte, Steh- oder Tischleuchte.

„Ich liebe Kunststoff“, erklärt Nika Zupanc. „Die Verarbeitung erfordert einen gewissen Perfektionismus – und ich mag Dinge, die schwierig sind. Zudem bietet seine hochglänzende Oberfläche die Möglichkeit, mit der Sprache des Glamours Dinge zu erzählen, die nicht immer einfach sind. Meine Produkte haben ein anziehendes Äußeres, das beim näheren Betrachten Fragen aufwirft.“ Die „Lolita“-Lampe zum Beispiel versammelt typisch weibliche visuelle Elemente – einen Lampenschirm wie ein Glockenrock, Proportionen mit Kindchenschema, eine angedeutete Spitzenbordüre –, bringt sie aber in einen neuen, ungewohnten Zusammenhang. Und ist dabei nicht nur dekorativ, sondern auch sehr funktional: „Lolita“ erzeugt schönes atmosphärisches Licht, ist aber zugleich eine gute Leselampe. Benutzbarkeit ist für Nika Zupanc von zentraler Bedeutung – nur dass sie dem modernistischen Leitsatz „form follows function“ noch eine emotionale Dimension hinzufügt.

Und manchmal auch einen gesellschaftskritischen Subtext: „Wenn man das aktuelle Angebot an Kindermöbeln betrachtet, stellt man fest: Es gibt sie fast ausschließlich in einer praktischen, kindlichen Ästhetik. Sie sind Teil eines gesellschaftlichen Konsens, der besagt, eine Frau, die Mutter wird, kann nur mit einer praktischen, ziemlich unweiblichen Formensprache erreicht werden“,erklärt Zupanc, selbst Mutter eines vierjährigen Sohnes. „Das bedeutet, dass eine Frau, sobald sie Mutter wird, alle anderen weiblichen Rollen ablegen muss.“ Die „leicht arroganten“ Wiegen „Boris, Vladimir und Aleksander“ und das Rutschauto „Konstantin B“ sind Nika Zupanc’ Kampfansage an die Pastellfarben und Teddymotive, die in den Einrichtungsabteilungen von Baby­ Kaufhäusern dominieren. Und ein Plädoyer für Eleganz im Spielzimmer.un, wo die Slowenin mit Moooi und Moroso zwei der angesagtesten Produktionspartner gefunden hat, steht sie in den Startlöchern für eine internationale Karriere. Für andere Kreative wäre das ein Grund, nach London, Paris oder Mailand zu ziehen. Nicht für Nika Zupanc. Sie wird vorerst im kleinen, idyllischen Ljubljana bleiben, weit ab von den Trendmetropolen zeitgenössischen Designs. Und dieses Jahr im April, wenn die Designwelt aufs Neue nach Mailand pilgert, wird Nika Zupanc wieder ihr Haus auf dem Gelände des Superstudio Più öffnen. Und wieder wird eine große weibliche Literaturheldin Pate stehen: Scarlett O’Hara. „Gone with the wind“ heißt Zupanc’ neue Kollektion von Sofas, Lampen, Bänken – und Leitern.