Auferstanden
Stern | 21. Mai 2015

Raus aus dem Archiv, rein ins Wohnzimmer: Viele Möbel-Ikonen des 20. Jahrhunderts erhalten gerade ein neues Leben. Warum uns das Design vergangener Zeiten heute noch begeistert  [weiter]

Auferstanden
Stern | 21. Mai 2015

Raus aus dem Archiv, rein ins Wohnzimmer: Viele Möbel-Ikonen des 20. Jahrhunderts erhalten gerade ein neues Leben. Warum uns das Design vergangener Zeiten heute noch begeistert  

Die Möbelbranche hat ihre Vergangenheit zu ihrer Zukunft gemacht: Das Design des 20. Jahrhunderts scheint sich prächtig zu verkaufen. Möbelhersteller durchforsten Jahr für Jahr ihre Archive, um noch einen Stuhl von Jean Prouvé oder Gio Ponti unter die Leute zu bringen. Was immer schon gut lief, wird in neuen Farben oder Materialien angeboten, um frisch zu bleiben. Jedes Jubiläum wird genutzt, wenn es um die Lancierung neuer Editionen geht: Arne Jacobsens Stuhl 3107 wird 60 Jahre alt? – Der Hersteller Fritz Hansen feiert das Ereignis mit einer Geburtstagsedition in Rosa und Dunkelblau.

Was passiert da? Sind uns im 21. Jahrhundert etwa die Formen ausgegangen? Wurde alles Gute schon einmal gedacht? Wollen die Hersteller nur die Entwicklungskosten für neue Möbel sparen? Wollen wir leben wie unsere Großeltern? Oder ist Nostalgie die Antwort auf die mobile digitale Gesellschaft?

Wer einen Sessel sucht und die Wahl hat zwischen aktuellen und alten Entwürfen, entscheidet sich oft für einen Lounge Chair von Charles und Ray Eames. Bei einem Klassiker wie diesem kann man nichts falsch machen, der belegt guten Geschmack, ist bequem, die Qualität verbürgt ein namhafter Hersteller – sofern man das Original kauft. Solch ein Sessel ist eine Anschaffung fürs Leben, da entscheidet man sich gern für bleibende Werte.

Das Möbeldesign befindet sich in einer reifen Phase; ikonenhafte Entwürfe stammen aber meistens aus Zeiten des Auf­ und Umbruchs. Als Marcel Breuer Mitte der 20er Jahre am Bauhaus arbeitete und – inspiriert von einem Fahrradlenker – einen Sessel aus Stahlrohr baute, veränderte er damit die Vorstellung vom Sitzen. Mit dem Material, das man bis dahin nur von Krankenhausbetten kannte, schuf er das Möbel des Maschinenzeitalters: sitzen wie auf einer „elastischen Luftsäule“ statt Plüsch und Polster. Zum Bestseller sollte der Sessel zwar erst ab den 60er Jahren werden, als er unter dem Namen „Wassily“ auf den Markt kam, aber er ist ein Schlüsselobjekt geworden für die Erfindung des modernen Wohnens. Ende der 40er Jahre entwickelte das Designer-Ehepaar Ray und Charles Eames den ersten Stuhl mit Kunststoff-Sitzschale, die dem menschlichen Körper nachempfunden war und in Serie für einen Massenmarkt herge- stellt werden konnte. Ihnen gelang das Kunststück, einen Stuhl zu kreieren, der bis heute modern wirkt und in Schlössern eine ebenso gute Figur macht wie in Häusern aus Glas und Stahl. Diese Art Erfindung ist leider nicht beliebig wiederholbar. Innovation findet heute eher in Algorithmen statt als in der Gestaltung. Ein anderer Grund, warum Reedi- tionen so beliebt sind: Sie passen gut zu unseren heutigen Bedürfnissen. In der Nachkriegszeit bemühten sich viele Gestalter um kleine, erschwingliche Möbel für die breiten Bevölkerungsschichten. Wenn das französische Unternehmen Ligne Roset heute einen schmalen Schreib- tisch und ein filigranes Bücherregal von Pierre Paulin wieder auflegt oder wenn der dänische Hersteller Gubi mit einem eleganten Wandspiegel von Jacques Adnet aus den Fünfzigern einen Bestseller landet, dann liegt es auch daran, dass diese Entwürfe Antworten sind auf die Zwänge der Gegenwart. Wir ziehen heute öfter um als unsere Eltern, leben statistisch gesehen öfter allein, und in den Städten wird Wohnraum immer teurer und knapper.

Design stellt eine Kulturleistung dar wie Literatur und Filmkunst – und Möbelstücke können den Geist ihrer Epoche so speichern wie Bücher und Filme. Der Schriftsteller Italo Calvino sagte einmal: „Ein Klassiker ist ein Buch, das nie auf- hört, das zu sagen, was es zu sagen hat.“ Auch Möbelentwürfe haben uns etwas zu erzählen. Ein Eames-Stuhl verkörpert den Optimismus der amerikanischen Moderne. Seine Botschaft ist: „Die Kriege liegen hinter uns! Wir dürfen wieder leben, genießen!“ Die Welt im Jahr 2015 sieht leider anders aus; wohl deswegen umgeben wir uns mit Dingen, die uns an eine bessere Welt erinnern. Mit dem Sitzsack, dem Flokatiteppich und dem geschwungenen Panton Chair ist es ähnlich – ihnen wohnen die Werte der Sechziger inne: Wir sitzen bodennah und kümmern uns nicht um Konventionen. Die großen Industrieleuchten, die wir über Esstische hängen, vermitteln ein Gefühl von Authentizität einer Arbeitswelt, die den digitalen Nomaden von heute längst verloren gegangen ist. Die Stahlrohrmöbel der Bauhauszeit sind in Rechtsanwaltskanzleien und Arztpraxen verbreitet, weil sie für Rationalität und Transparenz stehen – und für Kontinuität, denn ihre Entwürfe sind inzwischen um die 90 Jahre alt. Und wenn wir uns auf einem millionenfach verkauf- ten Stuhl von Eames niederlassen, dann nicht nur, weil er erschwinglich, praktisch und bequem ist, sondern auch weil er uns das Gefühl vermittelt, selbst ein kleines bisschen so optimistisch, lässig und unvergleichlich innovativ zu werden wie einst seine Erfinder.

 

 

 

 

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Vom Privileg des Privaten
Schöner Wohnen | Juni 2015

Wie Technologie und gesellschaftlicher Wandel unser Wohnen verändern, warum unsere Häuser in Zukunft immer öffentlicher werden und was das Zuhause zu einem schützenswerten Raum macht [weiter]

Vom Privileg des Privaten
Schöner Wohnen | Juni 2015

Wie Technologie und gesellschaftlicher Wandel unser Wohnen verändern, warum unsere Häuser in Zukunft immer öffentlicher werden und was das Zuhause zu einem schützenswerten Raum macht “The Store” im Berliner Soho House ist ein einladender Ort: Ein Concept Store, in dem man auf gemütlichen Sofas schöne Bücher blättern kann oder mit Freunden und Fremden an runden Tischen sitzt. Man kann sich einen grünen Smoothie von der Bar holen oder leckere Salate essen, während die Begleitung Schuhe anprobiert oder sich eine schnelle Maniküre verpassen lässt. Es kann vorkommen, das in der Showküche im Hintergrund zwei sehr gut aussehende Londoner Food-Bloggerinnen erklären, wie ihr neues Buch zustande gekommen ist – und alles so entspannt und unterhaltsam ist, dass man den ganzen Tag verweilen möchte. „The Store“ passt zu einem Trend, der schon seit einiger Zeit in Restaurants und Hotels zu beobachten ist: öffentliche Orte werden immer gemütlicher. Hotellobbys, Gasträume und Geschäfte sind heute immer öfter wie Wohnzimmer gestaltet, mit liebevoll zusammengetragenen Accessoires, Retromöbeln und familiärer Atmosphäre.

Parallel dazu verändert sich auch unser Wohnen – und zwar in die entgegengesetzte Richtung. War die bürgerliche Wohnung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Rückzugsort der Kernfamilie, wo die Welt der Arbeit und der gesellschaftlichen Verpflichtungen ausgeblendet wurde – so wird dieser Kokon des Privaten heute aufgebrochen. Wohnen im digitalen Zeitalter wird immer öffentlicher – und seitdem steht die Frage im Raum, wie wichtig uns die Errungenschaft der Privatsphäre ist. Das Zuhause ist nach der Kleidung unsere dritte Haut – eine Schutzhülle, die es zu erhalten gilt.

Eigentlich ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel passiert – sollte man meinen. Wo immer in der Welt der Industrienationen jemand die Tür zu einer Wohnung öffnet, werden wir dahinter Küche und Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer finden. Es wird Schränke und Türen geben, fließend Wasser und vermutlich einen Tisch mit Stühlen. Auch die Typologie der Möbel hat sich seit der vorangegangenen Generation kaum verändert. Betten sind vielleicht ein paar Zentimeter länger geworden, aber Tische haben immer noch vier Beine. Die Möbelklassiker der 20er, 50er und 60er Jahre sind heute wieder so populär, dass der Eindruck entstehen könnte, wir würden wie unsere Großeltern leben wollen. Und doch hat sich die Art, wie wir unsere Wohnungen nutzen, in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Das Zuhause ist von einer festen Burg der Beständigkeit zu einem Ort des permanenten Wandels geworden.

Wie wir wohnen, spiegelt einen gesellschaftlichen Wandel: Weil unsere Familien- und Berufsplanung nicht mehr so geradlinig verlaufen wie die unserer Eltern und Großeltern, ziehen wir heute öfter um, leben vielleicht in wechselnden Patchwork-Konstellationen oder pendeln zwischen verschiedenen Städten und Wohnungen. Wir sind beruflich wie privat mobiler als unsere Vorfahren. Der Anteil der Single-Haushalte liegt heute bei über einem Drittel, mit steigender Tendenz. In den 50er Jahren lebten noch 75 Prozent der Deutschen als Familie zusammen, heute sind es nur noch etwa 60 Prozent. Wer in der Generation unserer Eltern eine Familie gründete und eine Immobilie kaufte, richtete sie noch im Bewusstsein ein, dort sein Leben zu verbringen. Die Investitionen sahen entsprechend aus: eine Sitzgarnitur vor dem TV-Gerät als Zentrum der familiären Kommunikation, ein repräsentatives Ess- zimmer und eine Schrankwand für die 23-bändige Brockhaus-Aus- gabe gehörten dazu. Heute haben wir andere Ansprüche an unsere Möbel. Die Schrankwand hat ausgedient – das Lexikon steckt im Computer, und wer damit rechnet, in ein paar Jahren wieder umzuziehen, kauft lieber Möbel, die sich verschiedenen räumlichen Situationen anpassen können. Modulare Regale und multifunktionale Möbel sind gefragt.

Die Art, wie wir unsere Räume nutzen, wird immer flexibler. Wohnraum und Küche verschmelzen, Privatleben und Arbeit sind weniger leicht voneinander zu trennen – und vieles davon hat mit der Digitalisierung unserer Haushalte zu tun.

Das Familienleben findet nicht mehr auf der Sitzgruppe im Wohnzimmer statt, seit wir mit Smartphones und Tablets ausgerüstet sind und jeder von überall aus seiner individuellen Kommunikation nachgehen kann. Eltern von Teenagern wissen: Wann immer sie unangekündigt ein Kinderzimmer betreten, verschwinden Tablet-PCs unter Bettdecken oder Schulbüchern, und schimmern dort verräterisch. Wo früher die ganze Familie gemeinsam vor dem Fernseher saß, um sich den „Tatort“ anzugucken, sieht heute jeder das, was er will, auf dem internetfähigen Gerät seiner Wahl. Dank Mediatheken und Streaming-Diensten sind wir nicht mehr auf Fernsehprogramme angewiesen. Und dank WLAN können wir jede Ecke der Wohnung in einen individuellen Rückzugsort verwandeln. Wir skypen in der Badewanne, kaufen Schuhe sonntag- morgens im Bett und arbeiten die E-Mails vom Sofa aus ab. Tische wollen mal als Computerarbeitsplatz, mal als Bastelunterlage und mal für ein Essen mit Freunden genutzt werden. Sie stehen seltener im repräsentativen Esszimmer, sondern eher im Zentrum des offenen Wohn-Ess-Bereichs, für barrierefreie Kommunikation zwischen Küche und Wohnzimmer. Statt der Sitzgruppe vor dem Fernseher kaufen wir gemütliche Sofas, von denen aus wir online shoppen, arbeiten und unsere sozialen Netzwerke pflegen. Die Öffentlichkeit lassen wir bereitwillig daran teilhaben, wenn wir Fotos auf Facebook oder Instagram posten, unsere Playlists mit Freunden in aller Welt teilen und auf Wohnblogs mitteilen, in welcher Farbe wir unsere Küche streichen wollen.

Und das ist erst der Anfang: Das Internet der Dinge zieht in unsere Häuser ein und wird unser Wohnen noch weitgehender verändern. Schon heute leben knapp sechs Prozent der Deutschen in vernetzten Häusern. Sie steuern ihre Jalousien, Heizung, Licht und Musik per Smartphone. Die nächste Generation der intelligenten Haustechnik geht noch weiter: Die Geräte werden untereinander kommunizieren und machen das Leben noch etwas bequemer: Thermometer werden registrieren, wann die Bewohner im Haus sind, und die Heizung entsprechend einstellen. Fenster lüften ganz von selbst und warnen per SMS, wenn zum Beispiel eine Scheibe beschädigt wird. Unser Leben wird sicherer, energieeffizienter und komfortabler, wenn Hausgeräte, Heizungsanlagen und Türschlösser mitdenken. Bewegungsmelder und Kameras werden Einbrecher abschrecken. Ältere, allein lebende Menschen werden sich geschützter fühlen, wenn Sensoren im Haus einen Notfall registrieren können. Manche Innovation ist Luxus, an den wir uns gewöhnen könnten: der Staubsaugerroboter, der per Internet gesteuert werden kann; die Matratzenauflage, die unseren Schlaf trackt und mit Heizelementen die Temperatur unter der Bettdecke reguliert; dazu passend der Wecker, der unsere Schlafphasen registriert und uns sanft im richtigen Moment weckt; Leuchten, die nur dann Strom verbrauchen, wenn jemand im Raum ist, und die Lichttemperatur auf die Tageszeit und unsere Tätigkeiten abstimmen: hell wie ein blauer Morgenhimmel, wenn wir arbeiten müssen, warm wie Kerzenschein, wenn wir zur Ruhe kommen wollen.

Die Bewohner der intelligenten Häuser müssen noch nicht einmal viel von Technik verstehen, denn im Internet der Dinge lernen die Geräte, sich unseren Bedürfnis anzupassen. In New York entsteht zurzeit der Hochhauskomplex „Hudson Yards“, dessen Wohnungen komplett vernetzt sind, von Heizung, Lüftung und Lichtsystem bis zu den einzelnen Hausgeräten. Sensoren sollen die Nutzungsgewohnheiten der Bewohner erfassen, auswerten und zum Beispiel Temperatur und die Belüftung so regeln, dass möglichst wenig Energie verbraucht wird. Auch in Hamburg-Rotherbaum wird zurzeit ein Apartmenthaus gebaut, in dem Haustechnik und Geräte miteinander vernetzt sind. Per Smartphone sollen im „Apartimentum“ Türen geöffnet, Badewannen eingelassen, Musik und Beleuchtung gewählt werden. Kühlschränke werden merken, wenn die Milch zur Neige geht, und Nachschub bestellen. Die Badewanne wird wissen, bei welcher Temperatur wir am liebsten baden, das Schlafzimmerfenster wird sich kurz vor dem Schlafengehen noch mal zum Stoßlüften öffnen, die Kaffeemaschine starten, wenn der Wecker morgens klingelt.

Das bedeutet aber auch: Der digitale Schatten, den wir in unseren eigenen vier Wänden produzieren, wird unsere Wohnungen immer öffentlicher machen. Die Spuren, die wir im Internet hinterlassen, wenn wir einkaufen, Reisen buchen, Themen recherchieren und unsere Netzwerke pflegen, ergeben schon heute ein facettenreiches Bild unserer Interessen und Konsumgewohnheiten. Sie werden durch die Informationen, die unsere Wohnungen sammeln, vervollständigt werden.

Heute schon treffen wir überall auf personalisierte Werbung, wenn wir online einkaufen. Das gibt einen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, wenn auch Kühlschrank, Badewanne und Kaffeemaschine persönliche Daten über ihre Besitzer sammeln. Sollte die Prognose von Googles Chefingenieur Ray Kurzweil zutreffen, dann werden Computer im Jahr 2029 schlauer sein als Menschen. Unsere mitdenkenden Hausgeräte könnten dann aktiv dabei helfen, unser Leben zu optimieren. Der Kühlschrank würde nicht nur registrieren, ob Milch, Butter oder Schokoladenpudding fehlen. Er könnte sich mit der Körperwaage kurzschließen und, statt Schokoladenpudding nachzubestellen, uns einen fettarmen Joghurt empfehlen. Würden wir das wollen?

Privatsphäre ist eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Noch im 19. Jahrhundert lebte man in bürgerlichen Häu- sern mit Großfamilie und Personal zusammen. Wohnungen hatten keine Flure, sondern eine Reihe von Durchgangszim- mern, in denen verschiedene Menschen wohnten und arbeiteten. Auf Bauernhöfen war das Private ohnehin nie vom Arbeitsleben getrennt. Erst mit der Industrialisierung entstanden Arbeitsplätze, die abseits vom Wohnort lagen – aber auch in den Mietskasernen, die im 19. Jahrhundert in Ballungszentren gebaut wurden, lebten viele Menschen in einem Raum, oftmals unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Erst die Moderne hat die Vorstellung von einer Wohnung als privatem Rückzugsort geprägt, wie wir sie heute kennen. Im 21. Jahrhundert ist sie nicht mehr so häufig das Nest einer Kernfamilie – wodurch sie aber nicht an Bedeutung verliert. Im Gegenteil: Nie war uns der private Rückzugsort so wichtig wie im digitalen Zeitalter. Versandhändler Otto fragte die Deutschen im Rahmen einer Wohnstudie, was ihnen „zu Hause“ bedeute. 90 Prozent der Befragten gaben an, dass zu Hause ein Ort der Geborgenheit sei. Sich zu Hause wohlzufühlen ist ihnen wich- tiger, als ein repräsentatives Auto zu fahren – was nur 15 Prozent als wichtig empfinden. 87 Prozent sehen in ihrer Wohnung ihren per- sönlichen Rückzugsort, an dem sie sein können, wie sie sind. Das Zuhause mag sich wandeln – von einer Festung des bürgerlichen Lebens zu einem flexiblen Ort, an dem wir ar- beiten, leben, kochen, essen, einkaufen, uns amüsieren und uns ausruhen. Es mag kleiner sein als die Häuser unserer Eltern und öfter mal den Ort wechseln, wenn uns ein neuer Lebensabschnitt in eine andere Stadt verschlägt. Technologien helfen, unser Zuhause sicherer und komfortabler denn je zu machen. Aber es sollte ein Rückzugsort bleiben. Ein Ort, an dem wir gesund oder ungesund, sparsam oder verschwenderisch leben und der voller vertrauter Gegenstände ist, die nicht alles über uns wissen müssen. Sonst könnte es eines Tages passieren, dass wir im ConceptStore mehr Privatsphäre finden als in unseren eigenen vier Wänden.

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Das Meiste vom Besten
Schöner Wohnen | August 2014

Mit neuen Materialien und Technologien brachten amerikanische Designer Mitte des 20. Jahrhunderts die organische Form ins Wohnzimmer – und entwarfen erschwingliche Möbel für den „American Way of Life“ [weiter]

Das Meiste vom Besten
Schöner Wohnen | August 2014

Mit neuen Materialien und Technologien brachten amerikanische Designer Mitte des 20. Jahrhunderts die organische Form ins Wohnzimmer – und entwarfen erschwingliche Möbel für den „American Way of Life“ 

Ein bisschen Hollywood muss sein. Als Wilton Carlyle Dinges, Gründer der Electrical Machine and Equipment Company (Emeco) in Pennsylvania, 1944 den Auftrag der US-Regierung erhielt, Stühle für die Marine herzustellen, war Aluminium das Material seiner Wahl. Schließlich sollten die Möbel, die für den Einsatz auf Kriegsschiffen und U-Booten geplant waren, es mit Wasser, Salz und Matrosen aufnehmen können. Ob die leicht ergonomische Sitzfläche des „Navy Chair“ wirklich nach einem Po-Abdruck der Schauspielerin Betty Grable geformt wurde, mag bei Emeco heute niemand mehr bestätigen. Vermutlich aber gefiel das Gerücht den Matrosen im Zweiten Weltkrieg – und half dem Stuhl bei seinem Aufstieg zur Designikone.

Es ist nicht die einzige, die eine Folge der Kriegsindustrie ist. In einer Wohnung in Los Angeles bastelte das frisch verheiratete Paar Ray und Charles Eames 1941 an einer selbstgebauten, „Kazam!“ genannten Maschine. Mit Hilfe von Membranen, einer Fahrradpumpe und Wasserdampf konnte die Maschine Sperrholzschichten pressen und in verschiedene Richtungen verformen – was bis dahin nur in eine Richtung gelungen war. Quasi in ihrem Wohnzimmer entwickelten die Eames’ ergonomisch geformte Beinschienen, die in großen Stückzahlen für verletzte Soldaten der US-Armee produziert wurden. Als der Krieg vorbei war, hatten sie die Technik so verfeinert, dass sie endlich den „Lounge Chair Wood“ herstellen konnten, dessen Prototyp Charles bereits 1940 in der Ausstellung „Organic Design in Home Furnishing“ im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt hatte. Die biomorphe Form, die bei der Beinschiene eine medizinische Notwendigkeit gewesen war, trug nun zu höherem Sitzkomfort bei und setzte den typischen Eames-Look: Leichtigkeit, an die menschliche Körperform angepasste, fließende Formen, eine unkomplizierte Eleganz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Amerika am Beginn seiner politisch und wirtschaftlich erfolgreichsten Ära, und das spiegelte sich in der Designwelt wider. Raymond Loewy verpasste dem „Studebaker Starliner Coupé“ eine dynamische Stromlinienform und blitzblanke Zierleisten aus Chrom. War es bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts noch das europäische Geschmacksdiktat, das den Look amerikanischer Wohnzimmer bestimmte, so erfand sich die Nation nun ganz neu. Die aus dem Krieg zurückkehrenden G.I.s wollten heiraten und Familien gründen, sie brauchten Häuser, Autos und Einrichtung. Die Fabriken, die während des Krieges Panzer produziert hatten, stellten nun Autos her, die über die frisch geteerten Straßen der Vororte rollten und vor neu gebauten Einfamilienhäusern parkten. Frank Lloyd Wright hatte mit seinen „Prairie Houses“ das typisch amerikanische L-förmige Wohnhaus mit offenem Grundriss erfunden, der aus Österreich eingewanderte Richard Neutra entwickelte es weiter zu den lichtdurchfluteten Häusern der kalifornischen Moderne.

Nach einer langen Phase der Depression und des Krieges waren die Amerikaner nun in Kauflaune – erschwingliche Gebrauchsgegenstände („good goods“) waren gefragt. Es galt, die Häuser der aufstrebenden Mittelklasse mit Einbauküchen, Bädern, Kühlschränken, TV-Geräten und allerlei Komfort auszustatten. Der Funktionalismus zog durch die Garage, die Küche und das Bad in die amerikanischen Haushalte ein. Design-Know-how brachten Einwanderer aus der alten Welt mit: An der Cranbrook Academy unterrichtete der finnische Architekt Eliel Saarinnen, am Black Mountain College in North Carolina dozierten Josef und Anni Albers, Bauhaus-Gründer Walter Gropius war nach Harvard und sein Nachfolger Mies van der Rohe nach Chicago emigriert. Eine Generation junger Designer kam aus diesen Talentschmieden und traf auf junge, dynamische Unternehmen wie Herman Miller oder Hans Knoll, die mit innovativen Technologien und neuen Materialien wie dreidimensional verformtem Schichtholz, Fiberglas und Drahtgeflecht die Möbel für eine neue Ära schaffen wollten. Hans Knoll, Spross einer Stuttgarter Möblerfamilie, heiratete die Architektin Florence Schust, die gut vernetzt war und Eero Saarinnen und Mies van der Rohe kannte. Von letzterem erwarben sie die Rechte, Sessel und Liege „Barcelona“ herzustellen – bis heute zwei der erfolgreichsten Produkte der Firma. Eero Saarinnen entwickelte für Knoll die „Pedestal Collection“ – die eleganten „Tulip“-Stühle und -Tische mit einem einzigen Fuß wirkten futuristisch wie aus einem Science-Fiction-Filmset.

Bei Herman Miller wurde George Nelson 1945 zum Designdirektor ernannt, entwarf allein im ersten Jahr 70 Möbel und begann, mit Charles und Ray Eames zusammenzuarbeiten. Auf die „Plywood Collection“ folgte 1950 die Weltneuheit: die erste Sitzschale aus Kunststoff! Die passte sich nicht nur komfortabel der menschlichen Körperkontur an, sie war auch in großen Stückzahlen kostengünstig herzustellen und erfüllte die Designmaxime der Eames’: „Das meiste vom Besten möglichst günstig für alle“ zu bieten. Rolf Fehlbaum, dessen Eltern mit ihrer Firma Vitra in den 50er Jahren die europäischen Produktions- und Vertriebsrechte von Herman Miller erwarben, erinnert sich: „Ich war 16, als die Eames das erste Mal zu uns nach Europa kamen. Amerika war damals ein absolutes Vorbild und die Möbel der Eames’ waren mehr als einfach nur Möbel. Sie waren eine Message aus einer anderen Welt, die sagte: ’Alle Probleme können gelöst werden‘. Das Ideal, dass man mit Stühlen und Tischen die Welt verbessern kann, schwingt bei mir bis heute nach.“

Es war der pure Optimismus des „American Way of Life“, der in diesen Entwürfen zum Ausdruck kam. „Die Eames’ setzten der europäischen Moderne, die ja eher streng und dogmatisch war, eine kalifornische Entspanntheit und Leichtigkeit entgegen“, erklärt Rolf Fehlbaum den Zauber dieser Ära, dank der das elterli- che Ladenbaugeschäft zu einem globalen Designunternehmen wuchs. Die Leichtigkeit, die Nelson, Eames, Saarinnen & Co in die Wohnzimmer brachten, setzte Alexander Girard mit Dekorationsobjekten und Textildesign um. Auch die Tische wurden mit organischen Formen gedeckt. Russel Wrights Steingutgeschirr „American Modern“ kombinierte stapelbare, multifunktionale Gefäße und Platten mit ungewöhnlichen Farben und geschwungenen Formen für den informellen amerikanischen Alltag. Biomorphe Formen wurden allgegenwärtig. „In den 40er Jahren bekamen Möbel, Geschirr und alle möglichen anderen Dinge auf einmal weiche Konturen, als würden sie schmelzen wie die Uhren in Dalís Bildern“, schrieb die Keramikerin Eva Zeisel, die 1938 aus Ungarn in die USA emigriert war.

Mit der Einführung von Tupperware und den ersten glasfaserverstärkten Plastiksitzschalen traten Kunststoffe ihren Siegeszug durch die Designwelt an – sie ermöglichten immer günstigere, immer schneller konsumierbare Produkte. Am Ende dieser Entwicklung stand die globalisierte Wegwerfkultur mit dem Phäno- men des „eingebauten“ Verfallsdatums, doch Mitte des Jahrhunderts war von den Schattenseiten der Konsumgesellschaft noch längst keine Rede. „In den 40er und 50er Jahren waren wir jung. Der Krieg war vorbei, wir hatten Frieden und Wohlstand “, schrieb George Nelson, „Die negativen Seiten, Umweltverschmutzung, Energieknappheit und der Verfall der Städte, waren nur eine kleine Wolke am Himmel, nicht größer als eine Männerhand.“

Erste Risse bekam der Mythos des „American Way of Life“ Anfang der 70er Jahre, als die Ölkrise und der Bericht des Club of Rome die Endlichkeit des Wachstums vor Augen führten. Nachhaltigkeit wurde erstmals zum Thema. Der kalifornische Architekt Frank O. Gehry reagierte mit „Easy Edges“, einer Serie von Möbeln aus Wellpappe. Stühle wie der „Wiggle Chair“ waren stabil, innovativ und brachten Gehry Ruhm und Ehre, konnten sich aber aufgrund ihres hohen Preises nie als Massenprodukt durchsetzen.

Während das Midcentury-Modern-Design in den letzten Jahren ein großes Comeback erfahren hat – und der „Plastic Side Chair“ in Lofts, Studentenbuden und Wohnzeitschriften allgegenwärtig ist – ist die aktuelle Generation amerikanischer Designer überschaubar geworden. „Im Vergleich zu Europa haben US-De- signer keine lange Handwerkstradition, auf die sie zurückblicken können“, erklärt Jacques Barret, der in seiner Pariser Galerie Triode zeitgenössisches Design aus den USA ausstellt. „Amerikanisches Design war immer von der Suche nach praktischen, gut verkäuflichen Produkten geprägt. Paradoxerweise wendet sich die junge Generation von der Industrie ab und sucht ihr Glück in handwerklich gefertigten Kleinserien und limitierten Editionen.“

Prominentestes Beispiel ist der New Yorker Stephen Burks. Nach- dem er einige Jahre lang erfolgreich Luxusgegenstände entworfen hatte, bekam er eine Sinnkrise und suchte nach einem Weg, ökologisch und sozial verantwortungsbewusst zu arbeiten. 2005 ging er mit „Aid to Artisans“ nach Südafrika und entwickelte Kollektionen mit Handwerkern, die viel mit recycelten Materialien arbei- ten. Es folgten Kollektionen für Moroso, Dedon, und dieses Jahr zeigte Stephen Burks in Mailand eine Solo-Ausstellung mit „Manmade“-Design. Nicht nur Designer, auch amerikanische Unternehmen haben heute das Thema Nachhaltigkeit verinnerlicht. Seit drei Jahren stellt Emeco den „Navy Chair“ in einer Kunststoffversion her – aus 111 recycelten PET-Flaschen.

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Polymorphe Metropole
Häuser 02 | 2014

Berlin ist grüner, weitläufiger, geschichtsträchtiger und unangepasster als andere Städte. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung lockt die deutsche Kapitale noch immer mit experimenteller Architektur und Orten, die besondere Geschichten erzählen. [weiter]

Polymorphe Metropole
Häuser 02 | 2014

Berlin ist grüner, weitläufiger, geschichtsträchtiger und unangepasster als andere Städte. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung lockt die deutsche Kapitale noch immer mit experimenteller Architektur und Orten, die besondere Geschichten erzählen.  Berlin sei dazu verdammt, „immerfort zu werden, aber niemals zu sein“, schrieb der Kunstkritiker Karl Scheffler in seinem Buch „Berlin, ein Stadtschicksal“. Das war 1910 und lässt erahnen, dass Berlin schon vor über 100 Jahren schonungslos mit seinem gebauten Erbe umging, weshalb man heute in der 800-jährigen Stadt nur vereinzelt Gebäude aus dem Mittelalter, aus der Renaissance- oder Barockzeit findet.

Am stärksten geprägt ist das heutige Stadtbild von der Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, von Fabrikgebäuden und Mietskasernen mit ihren Seitenflügeln und dunklen Hinterhöfen, die während der Industrialisierung gebaut wurden. Ein urbanes Zentrum hatte Berlin einmal – zu seiner Blütezeit in den zwanziger Jahren. Da war es weltoffene Metro- pole, die zweitgrößte europäische Stadt nach London und das Zuhause der Avantgarde. Der Potsdamer Platz, verkehrsreichste Kreuzung des Kontinents, verfügte über die erste Ampelanlage Europas und war Epizentrum großstädtischer Vergnügen. Doch dann trugen NS-Herrschaft und die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges ihren Teil dazu bei, dass Schefflers Satz auch Jahrzehnte später noch Gültigkeit behalten sollte: Berlin wurde zu einem Ort der Leerstellen. Mit der Mauer entstand ein Bauwerk, das die Stadt in zwei Teile trennte, die sich fortan bemühten, mit den Mit- teln der Architektur zum städtebaulichen Aushängeschild ihres jeweiligen politischen Systems zu werden. Im Ostteil entstanden der Prachtboulevard der Stalinallee und der weithin sichtbare Fernsehturm am Alexanderplatz. Der Westen reagierte mit visionären Siedlungsbauten im Hansaviertel und einer dynamisch geschwungenen Kongresshalle in Tiergarten, um sich als „Schaufenster der freien Welt“ zu inszenieren.

Mit dem fall der mauer wurden die Karten ein weiteres Mal neu gemischt: Die Wiedervereinigung erforderte die Planung von Regierungsbauten und Verkehrsknotenpunkten, die Sanierung von Wohnquartieren und Museumsinsel und die Neugestaltung von Plätzen, die jahrzehntelang Brachland waren und auf einmal wieder im Zentrum lagen. Knapp 25 Jahre später sind die meisten großen Bauprojekte abgeschlossen, doch an einem Zentrum mangelt es der Hauptstadt noch immer. Der Potsdamer Platz zieht Kinobesucher an, konnte sich aber nicht wieder zu dem Ort bürgerlicher Vergnügungen aufschwingen, der er mal war. Der Alexanderplatz ist Durchgangsort und von anonymer Hotelkettenarchitektur dominiert.

Der Reiz der Hauptstadt liegt heute in ihrer Heterogenität, in dem Konglomerat von Zentren, die individuelle Entwicklungen durchlebt haben. In der ständigen Veränderung, Umnutzung und Wiederentdeckung von Orten. Man findet diese Plätze abseits der großen Boulevards. In Mitte, wo die ehemalige jüdische Mädchenschule, ein Backsteinbau aus den dreißiger Jahren, behutsam in einen Kultur- und Genussort verwandelt wurde. Auf dem Pfefferberg in Prenzlauer Berg, wo im vergangenen Jahr gerade das kleine, feine Museum für Architekturzeichnung eröffnet hat, dessen sandfarbene Betonkuben im Kontrast zu den Backsteinfassaden der alten Brauerei stehen. Oder auf dem Bötzow-Areal, wo man in der Bar „Le Croco Bleu“ zwischen lackierten Tanks und ausgestopften Tieren im Maschinenraum einer 1949 stillgelegten Brauerei sitzt und Cocktails aus Kristallschalen trinkt.

Ein feinmaschiges Netz unter der Decke hält die blätternde Farbe aus den vierziger Jahren davon ab, auf die Köpfe der Gäste zu rieseln. Verändert wurde so wenig wie nötig – schließlich ist es das Authentische, Industrielle, was die Leute so schätzen. Dabei sind es nicht nur Vorkriegs- und Industriebauten, die es zu entdecken gibt. Im ehemaligen West-Berliner Zentrum wird in diesem Frühjahr das Bikini-Haus wiedereröffnet. Der 1955 bis 57 erbaute Flachdachbau war einmal glamouröse Shoppingmeile, wurde in jüngerer Vergangenheit aber nur noch von Ein-Euro- Shops und Billig-Elektromärkten genutzt. Nun sollen ein junges, vom Berliner Werner Aisslinger gestaltetes Designhotel („25 Hours“), das wiedereröffnete Zoopalast-Kino und eine Terrasse mit Blick auf den Zoo helfen, das denkmalgeschützte Haus erneut als hippen Ausgeh- und Einkaufsort zu etablieren.

es gibt viele Wege, sich dem polymorphen Berlin zu nähern: Man kann sich Siedlungsbauten zum Thema machen und die Arbeiterpaläste der Karl-Marx-Allee, die Nachkriegsmoderne von Le Corbusier, Niemeyer und Aalto im Hansaviertel, die Sozialbauten der Siebziger oder die preisgekrönten Baugruppenprojekte von heute aufsuchen. Man kann dem Fußabdruck der Berliner Mauer und den Veränderungen der vergangenen 25 Jahre nachgehen, denn DOM-Publishers hat diesem Bauwerk 2013 einen eigenen Architekturführer gewidmet. Man kann der Empfehlung des Schauspielers und Publizisten Hanns Zischler folgen („Berlin ist zu groß für Berlin“, Galiani Berlin, 2013) und am Brixplatz in den Bus Nummer 104 steigen. Der befördert seine Fahrgäste einmal quer durch die multizentrische Stadt, vom bürgerlichen Charlottenburg über Schöneberg, Tempelhof, Neukölln bis zur Halbinsel Stralau, die noch vor 20 Jahren ein verlassener, halbindustrieller Ort am Stadtrand war und heute mit Wohnbauten zugepflastert ist.

Unterwegs begegnet man Denkmälern und Alltags- bauten, Kirchen und Moscheen – und Berlinern, die sich ebenso heterogen geben wie ihre Stadtviertel, mal mit Perlenohrring, mal mit Lippenpiercing. Man kann sich auch den Leerstellen widmen, die sich die Berliner selbst aneignen. Die berühmteste Brache der Stadt dürfte derzeit das Tempelhofer Feld sein: Vom Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. als Paradeplatz angelegt, im 19. Jahrhundert als Sportplatz genutzt, von den Nationalsozialisten mit dem damals größten Gebäude Europas bebaut, wurde es für die Berliner zum überlebenswichtigen Ziel der Luftbrücke während der Blockade 1948 – und später zum zentrumsnahen Kleinflughafen. 2008 startete hier das letzte Flugzeug, 2010 wurde das Flugfeld für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die es sich mit Flugdrachen, Grillzangen und Gemüsebeeten aneignete. Auch hier ist Veränderung programmiert: Im Mai dürfen die Berliner per Volksentscheid abstimmen, ob die 380 Hektar große Freifläche teilweise bebaut werden soll oder als Leerstelle inmitten der Stadt erhalten bleibt.

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Designgeschichte Niederlande: Die können auch anders
Schöner Wohnen 03 | 2014

Niederländisches Design ist konzeptuell, innovativ, eigensinnig – und oft mit einer Prise Humor gewürzt. Warum unsere Nachbarn so gute Gestalter sind. [weiter]

Designgeschichte Niederlande: Die können auch anders
Schöner Wohnen 03 | 2014

Niederländisches Design ist konzeptuell, innovativ, eigensinnig – und oft mit einer Prise Humor gewürzt. Warum unsere Nachbarn so gute Gestalter sind. Die 14 Objekte, die Renny Ramakers und Gijs Bakker in einem alten Stadthaus in der Via Cerva unter dem Titel „Droog Design“ ausstellten, waren Gesprächsthema Nummer eins bei der Mailänder Designweek 1993. Marcel Wanders hatte ein paar Lampenschirme zu einem Readymade gestapelt. Rody Graumans stellte einen Leuchter vor, der aus 85 Glühbirnen, schwarzen Kabeln und vielen Lüsterklemmen bestand, und Tejo Remy zeigte eine Kommode aus alten Schubkästen, zusammengehalten von einem Spanngurt. Von Andrea Branzi, dem italienischen Designtheoretiker und Archizoom-Gründer, ist überliefert, dass er nur „protestantesimo“ murmelte, als er durch die Ausstellung ging. Derartiges konnten nur Protestanten zustande bringen.

„Droog“ heißt übersetzt „nüchtern“, „trocken“, und was die Vertreter dieses neuen Designkollektivs zeigten, war ein extremer Gegenentwurf zum Schulterpolsterschick der 80er Jahre. Perfekte Oberflächen, Chrom und Hochglanzlack suchte man hier vergebens. Die Materialien der Droog-Designer waren schlicht, preiswert oder alt, deren Ideen anders, und ihre Herangehensweise war konsumkritisch. Normalerweise schafft eine Kommode Stauraum und Ordnung und hat eine Oberfläche, auf die man eine Blumen- vase stellen kann. Tejo Remys „Chest of Drawers“ kümmert sich nicht sonderlich um diese Vorgaben. Ihre alten, zusammengewür- felten Schubladen sind eher dadaistisch als funktional, aber mit handwerklicher Perfektion in maßgefertigte Ahornkästen geschoben und mit einem nachdenklichen Titel versehen: „You can’t lay down your memory“ – Erinnerungen kann man nicht ablegen.

Ob protestantisch oder nicht, Droogs nüchterne Ästhetik traf Anfang der 90er Jahre den Nerv der Zeit. „Weniger ist nur dann mehr, wenn es eine Bedeutung hinzufügt, wenn es Raum für etwas Neues schafft“, sagt Renny Ramakers, und das tat Droog. So wie Memphis mit seinen grellen Kunststoffoberflächen Farbe und exaltierte Formen in das Design der 80er Jahre gebracht hatte, versorgte Droog die 90er mit einer heiß ersehnten Kombination aus Minimalismus, Gesellschaftskritik und Humor – und war der Auftakt zum Siegeszug des neuen niederländischen Designs.

In den Jahrzehnten davor war es in der Designwelt der Nieder- lande eher beschaulich zugegangen. Es gab Traditionsunternehmen wie die Keramikmanufaktur Royal Tichelaar Makkum, die seit Jahrhunderten ihre Handwerkskunst pflegte. Es gab Gerrit Rietveld, den großen Helden der Moderne, der ab den 20er Jahren Möbel wie den „Rot-Blauen Stuhl“ oder den „Zickzack-Stuhl“ entworfen hatte, Möbel, die der Malerei von Piet Mondrian ent- sprachen: reduziert auf Linien und Flächen. Auf Rietveld folgte Mart Stam, der wie die Gestalter der Bauhaus-Schule mit Stahlrohr experimentierte und als einer der Erfinder des Freischwingers gilt. Später legten holländische Möbelhersteller wie Pastoe, Artifort, Montis oder Ahrend moderne Kollektionen auf, aber die großen Designinnovationen kamen in den Nachkriegsjahrzehnten eher aus Skandinavien, den USA und Italien. In der traditionellen Händlernation gab es zu wenig Industrien und Möbelhersteller, um eine lebendige Designszene zu ernähren.

Gestaltung liegt den Niederländern dennoch im Blut: Die Bewohner des kleinen Landes, von dessen 34 000 Quadratkilometern Fläche etwa ein Viertel unter dem Meeresspiegel liegt, haben seit dem Mittelalter Deiche gebaut, um dem reichlich vorhandenen Wasser etwas Land abzutrotzen. Nachdem sie ihre Polder eigen- händig geschaffen hatten, befreiten sie sich im 17. Jahrhundert von der Herrschaft der Habsburger und wurden zur ersten euro- päischen Republik. Sie begannen, Schiffe zu bauen und Handel zu treiben, was sie bald zur reichsten Nation Europas machte. Ihr Goldenes Zeitalter brachte eine kulturelle Entfaltung, die bis heute ihresgleichen sucht. In der Republik lebten um 1650 rund 700 Maler, die pro Jahr 70 000 Bilder malten. Mit dem Erbe der Alten Meister gehen die Niederländer heute entspannt um. Als das Rijksmuseum 2012 eine Internetplattform lancierte, über die man 125 000 Werke urheberrechtsfrei downloaden kann, ermunterten die Organisatoren dazu, diese Motive beliebig weiterzuverwerten. Lampenschirme werden nun mit Vermeers „Milchmädchen“ bedruckt, Delfter Kachelmotive zieren iPad-Hüllen, und Jan Davidszoons „Stillleben mit Blumen“ gibt es als temporäres Tattoo im Droog-Webshop.

Eine gesunde Portion Respektlosigkeit ist, verbunden mit Eigenständigkeit und einem gesellschaftskritischen Ansatz, schon fast ein Markenzeichen niederländischen Designs: von Wieki Somers, die für ihre Teekanne „High Tea Pot“ eine Porzellankanne in Form eines Schweineschädels mit Pelz bezog, über Maarten Baas, der für seine Abschlussarbeit alte Möbel mit dem Flammenwerfer ankohlte und sie anschließend mit Epoxidharz versiegelte, bis zu Studio Job, die historische Möbeltypen wie die Standuhr bauen und mit poppig-bunten provokativen Symbolen verzieren. Gelernt haben sie alle an der Design Academy Eindhoven, die seit den 90er Jahren als eine der besten Designschulen der Welt gilt.

Ein staatliches Subventionssystem ermöglichte es jungen Gestaltern, nach ihrem Ausbildungsabschluss ein eigenes Studio zu gründen und frei zu arbeiten, ohne auf Aufträge aus der Industrie angewiesen zu sein. „Daraus entwickelte sich in den 80er und 90er Jahren ein Wiederaufleben des Autorendesigns, der Handwerks- kunst und der Unikate“, erklärt Guus Beumer, Leiter des niederländischen Instituts für Design, Architektur und E-Kultur, „Het Nieuwe Instituut“. Junge Designer wie Piet Hein Eek, der mit einem Schrank aus Restholz 1989 sein Studium in Eindhoven abgeschlossen hatte, gründeten direkt nach der Ausbildung ihre eigene Firma und taten das, woran sie glaubten. Im Fall von Eek waren es Möbelstücke aus alten Materialien, die in aufwendiger Handarbeit zu Unikaten zusammengefügt werden – und die er inzwischen überaus erfolgreich im eigenen Shop verkauft.

Auch für die Arbeit von Hella Jongerius ist die Verbindung von Handwerkskunst und Hightech, Unikaten und Serienfertigung charakteristisch. „Ich habe kein Bedürfnis, überflüssige neue Formen zu erfinden, insbesondere wenn das Bestehende völlig in Ordnung ist“, sagt sie. „Für mich ist es viel wichtiger, eine neue Geschichte zu erzählen, indem ich bestehende Formen gegen- überstelle.“ Bei Royal Tichelaar Makkum realisierte sie „Slightly Damaged Dinner Service“, ein Keramikservice, das bei extrem hohen Temperaturen gebrannt wurde, sodass sich Unregelmäßigkeiten ergaben wie bei handgedrehten Tellern. Ihre Entwürfe sind künstlerisch – ihre Vasenserie „Misfit“ bekam eine Ausstellung im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen – , aber auch für die Serienfertigung konzipiert. Für Ikea gestaltete Jongerius die Vasenkollektion „Jonsberg“, für Vitra das Sofa „Polder“.

Marcel Wanders ist einer der wenigen Nicht-Absolventen der Design Academy Eindhoven (er wurde nach einem Jahr rausgeworfen und beendete sein Studium in Arnheim). Auch er begann seine Karriere mit der Verbindung von Lowtech und Hightech – Droog legte seinen Sessel „Knotted Chair“ auf, der in Makramee- Technik geknüpft und anschließend mit Epoxidharz stabilisiert wird. Beim italienischen Hersteller Cappellini erschien seine „New Antiques“-Serie, danach gründete er mit Caspar Vissers das eigene Möbellabel Moooi. „Niederländisches Design ist inzwischen eher das Ergebnis einer Denkweise, die ihre Wurzeln in einer bestimmten Kultur hat, als das Produkt einer Nation“, erklärt Guus Beumer. Zu den Absolventen der Design Academy, die vor Ort Designstudios eröffnet haben, zählen inzwischen auch der Spanier Nacho Carbonell und Studio Formafantasma, dessen Gründer aus Sizilien stammen. Und die Shootingstars der vergangenen Jahre, das Amsterdamer Designerpaar Scholten & Baijings, arbeiten mit Porzellan- und Holzmanufakturen in Japan zusammen und bringen ihre Entwürfe nicht nur über den niederländischen Produzenten Thomas Eyck, sondern auch bei internationalen Labels auf den Markt.

Mit dem neuen Jahrtausend geht niederländisches Design neue Wege. Wirtschaftskrisen, aber auch Technologien wie 3-D-Druck und Rapid Prototyping, verändern die Arbeit des Designers und seine Produktionswelt. „Heute kann sich jedermann einen 3-D- Drucker kaufen und zu Hause Design produzieren. Das wird die Rolle des Designers so verändern, wie vor 100 Jahren die Erfin- dung der Fotografie die Rolle des Künstlers verändert hat“, erklärt Guus Beumer. „Designer werden sich in Zukunft öfter mit der Gestaltung von Prozessen beschäftigen als mit Produktgestaltung. Der Konsument hingegen wird selbst zum Gestalter und Produzenten.“ Wie sehr sich die Designwelt heute schon wandelt, lässt sich an den Abschlussarbeiten der Design Academy gut ablesen, die jedes Jahr im Oktober während der Dutch Designweek vor- gestellt werden. Bei der Graduation Show 2013 präsentierte Dave Hakkens „Precious Plastic“, eine Maschine, mit der man zu Hause aus alten Kunststoffdingen neue, selbst entworfene Gegenstände herstellen kann. Renee Schepers entwickelte „A Series of Mnemonics“, ein visuelles Konzept für medizinische Informationen, das die Verständigung zwischen Ärzten und Patienten verbessern soll. Und Mark Berkers stellte „EasyFuneral“ vor, eine Studie für ein Beerdigungsunternehmen, das den Bedürfnissen von Trauernden kostengünstig und in zeitgemäßem Stil entspricht. Lösungen für die Probleme der Welt von heute – nur Möbelentwürfe waren kaum zu sehen.

 

 

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Vom Aufbewahren und Vorzeigen
Häuser | Juni 2013

Kein Möbel ist so vielseitig wie das Regal. Warum manche Modelle es ins Museum schaffen, verrät Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Interview: Dorothea Sundergeld, Foto: Bert Heinzlmeier [weiter]

Vom Aufbewahren und Vorzeigen
Häuser | Juni 2013

Kein Möbel ist so vielseitig wie das Regal. Warum manche Modelle es ins Museum schaffen, verrät Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Interview: Dorothea Sundergeld, Foto: Bert Heinzlmeier 

Das Regal selbst und seine Benutzung haben sich im vergangenen Jahrzehnt so stark verändert wie unser Leben. Florian Hufnagl erklärt, wie aus dem primär funktionalen Stauraum eine Bühne der Inszenierung wurde – und warum man auf manche Regale besser keine Bücher stellen sollte

Herr Hufnagl, wie viele Regale haben es bisher in die Neue Sammlung geschafft?

Einige – das älteste stammt von Bruno Paul und wurde 1908 für die Vereinigten Werkstätten entworfen. Es ist ein sehr schlichtes Regal, ein Anbausystem. Aber es war seiner Zeit extrem weit voraus. Als ich eine Ausstellung über die Gestaltung von Ikea kuratiert habe, habe ich das Bruno-Paul-Regal „Billy“ gegenübergestellt. Es zeigt, wie dieser innovative Entwurf aus der Zeit der Jahrhundertwende in Vergessenheit geraten ist und im 20. Jahrhundert wieder aufgenommen wurde.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Objekte für die Neue Sammlung aus?

Es gibt für mich zwei Kriterien: Funktionalität und Gestaltung. Dieter Rams’ 1960 für Vitsœ entworfenes System „rz 60“ („606“) ist ein Beispiel für ein Regal, das wegweisend in seiner Funktionalität und Gestaltung war. Flexibel, beliebig erweiterbar, in der Höhe verstellbar. Wir haben aber auch Regale, bei denen die Funktionalität eine unterge- ordnete Bedeutung hat, die dafür als Einzelmöbel repräsentativen Charakter haben, wie das „Carlton“ von Ettore Sottsass. „Carlton“ ist streng genommen gar kein Regal, sondern ein Statement zum Thema Regal. Sottsass, der ein sehr kluger Mann war, hat hier mithilfe des Designs über Design gesprochen. Mit seiner totemhaften Struktur und bunten Lami- natoberfläche sagt „Carlton“: „Ich bin das Regal! Neben mir soll nichts stehen!“ Auch lässt sich im Übrigen darauf kaum etwas stellen, denn Sottsass hat die Seiten so abgewinkelt, dass Bücher schief daran lehnen. Das ist der blanke Horror für jeden Buchliebhaber, weil der Buchblock aus der Bindung herausgeht.

Regale gibt es vermutlich schon, seitdem Menschen Bü- cher besitzen. Erklären Sie uns, wie sich dieses Möbel im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert hat?

Das geht Hand in Hand mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft. Früher hatte der Gelehrte noch seine Bibliothek – einen Raum, der der Funktion der Buchaufbewahrung vorbehalten war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Wohnungen kleiner. Wer sich keine Bibliothek leisten konnte, rückte das Regal ins Wohnzimmer. Wenn die Bücher dann immer mehr wurden, begann man, Regale auch auf den Gängen aufzustellen. So entstand der Bedarf an Systemmöbeln, und die Industrie reagierte darauf.

34 Und dann kam die große Zeit der Schrankwand?

Das ist ein klassisches Thema Ende der 50er Jahre. Da wurden wandbildende Wandschränke entwickelt, oft in Schleiflack. Ein wachsender, gebildeter Mittelstand hatte das Bedürfnis, seine Literatur, die Schallplatten etc. zur Schau zu stellen.

Und was macht die Schrankwand heute?

Ich halte sie für fast verschwunden, mit Ausnahme von Restbeständen. Die Gründe sind verschiedene. Zum einen gibt es einen Trend zum authentischen Einzelmöbel. Eine Entwicklung, die immer dann eintritt, wenn der prinzipielle Bedarf gedeckt ist und die bloße Funktion nicht mehr im Vordergrund steht. Ein wichtiger Grund ist auch die zu- nehmende Mobilität unserer Gesellschaft. Wir richten uns ja heute nicht mehr für die Ewigkeit ein, sondern ziehen öfter um.

Bringen veränderte Grundrisse und Lebensgewohnheiten auch neue Möbelformen hervor?

Ja, denn Design reagiert immer auf gesellschaftliche Veränderungen. Heute geht die Tendenz zum offenen Wohnen. Die Grundrisse unserer Wohnungen werden freier gestaltet, und da hat das Regal oft auch eine Raumteiler-Funktion.

Je mehr Bücher, Filme und Musik wir in digitaler Form besitzen, desto weniger Stauraum brauchen wir für sie. Wird das Regal irgendwann ganz aus unseren Wohnungen verschwinden?

Das glaube ich nicht. Die Anzahl der Regale in der Wohnung wird sich sicherlich verringern. Selbst jemand wie ich, der immer großen Wert auf eigene Bücher gelegt hat, benötigt heute weniger Bücher als früher. Das Thema Lexikon hat sich ja fast ganz erledigt. Informationen, für die ich früher Lexika benötigt habe, kommen heute aus dem Netz. Da brauche ich keine Regalmeter mehr, sondern nur eine Ablagefläche für meinen Laptop.

Was bedeutet das für den Möbeltypus Regal?

Wenn wir nicht mehr so viel Stauraum brauchen, wer- den wir uns auf wenige Bücher konzentrieren, die wir wie Kostbarkeiten behandeln und inszenieren. Seit der Jahrtausendwende gibt es daher immer mehr Regale, bei denen die Inszenierung des In-halts eine Rolle spielt. Bruno Rainaldi entwarf zum Beispiel das Regal „Ptolomeo“, das Bücher nicht mehr vertikal stapelt, sondern horizontal. Es sagt: Hier liegen meine Buchschätze.

Was sagt der Regalinhalt über einen Menschen aus?

Am Bücherregal kann man erkennen, ob jemand methodisch arbeitet oder nicht. Sieht es aus wie Kraut und Rüben? Oder sind die Bücher nach Größe aufgestellt oder nach Inhalt sortiert?

Mit welchen Regalen leben Sie zu Hause?

Mit einer Mischung. Da ich viele Bücher besitze, habe ich auch viele „Billy“-Regale. Dann gibt es „Ptolomeo“, in dem ein Bereich meinen privaten Liebhabereien vorbehalten ist. Und es gibt „Nan15“ von Nitzan Cohen, das ich sehr schätze. Es besteht aus Metallmodulen, die man unkompliziert auf- und abbauen und mit denen man das Regal beliebig erweitern kann. Die Mischung dieser drei erfüllt per- fekt die unterschiedlichen Bedürfnisse nach Funk- tionalität, Mobilität und Repräsentation.

 

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„Wir brauchen einen globalen Dialog, der lokal verankert ist“
Audi Magazin | Mai 2013

Hans-Ulrich Obrist, Kurator und Autor, gilt als eine der einflussreichsten Personen der Kunstwelt. Eines seiner Spezialgebiete ist die Zukunft der Kunst in einer digitaler werdenden Welt. Von Dorothea Sundergeld (Interview) und Jürgen Teller (Foto) [weiter]

„Wir brauchen einen globalen Dialog, der lokal verankert ist“
Audi Magazin | Mai 2013

Hans-Ulrich Obrist, Kurator und Autor, gilt als eine der einflussreichsten Personen der Kunstwelt. Eines seiner Spezialgebiete ist die Zukunft der Kunst in einer digitaler werdenden Welt. Von Dorothea Sundergeld (Interview) und Jürgen Teller (Foto) 

Audi magazin: Sie haben als Ausstellungskurator und im Rahmen Ihrer „Interview Projects“ schon über 2000 Interviews mit Künstlern, Wissenschaftlern, Architekten und Schriftstellern geführt. Was ist das wichtigste, das Sie aus diesen Gesprächen ziehen?

Dieses Archiv hilft mir zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Meine Neugier bringt mich immer wieder in neue Bereiche, in parallele Realitäten, um es mit einem Begriff aus der Quantenphysik zu sagen. Die Interview Projects sind für mich eine permanente Schule, ein Garten der Ideen und der Inspiration. Gespräche sind eine Werk- zeugkiste, in der man sich bedienen kann, um die Welt zu verstehen oder mit der Welt umzugehen.

Woher kommen derzeit die Impulse, die die Kunstwelt verändern?

Es tritt gerade eine neue Künstlergeneration auf den Plan – die erste Generation, die komplett mit dem Internet aufgewachsen ist. Um zu verstehen, was sie bewegt, habe ich gemeinsam mit dem jungen französischen Kurator Simon Castets vor Kurzem die Internetplattform „89 plus“ lanciert. Das Projekt ist noch im Entstehen, aber einige Hinweise kann man schon ablesen. Zum Beispiel, dass es heute eine Polyphonie der Zentren gibt. Das 20. Jahrhundert war noch stark geprägt von einer westlichen Idee der Kunst. Heute sind es alle Kontinente, auf denen sich etwas abspielt, nicht nur Europa. Es gibt heute auch keine Kunstmetropolen mehr wie Paris in den 50er Jahren oder New York in den 80ern. Dafür gibt es sehr dynamische Kunstszenen in Australien, Lateinamerika, Afrika.

Welche Auswirkung hat die Polyphonie der Zentren? Tre- ten Werte wie Vernetzung und Mobilität an die Stelle der Kunstmetropole?

Wir erleben gerade eine Phase der Globalisierung, die stärker ist als je zuvor. Es ist nicht die erste, aber si- cherlich die extremste Phase. Und diese Kräfte sind auch im Kunstbetrieb am Werke. Als Kunstschaffende können wir uns diesen Kräften entgegensetzen und uns auf das Lokale zurückziehen. Das heißt aber auch, die Chance des globalen Dialoges nicht zu nutzen. Sich der Globalisierung auszusetzen birgt aber die Gefahr, das die homogenisie- renden Kräfte überhand gewinnen – und am Ende alles

immer ähnlicher ausschaut. Die Lösung liegt im Dritten Weg: Einen globalen Dialog zu führen, der irgendwo lokal verankert ist. Eine andere Auswirkung ist das wachsende Interesse der Künstler für das Thema Erinnerung. Die Tatsache, das uns immer mehr Informationen zugänglich sind, bedeutet nicht, das wir mehr Erinnerungen haben. Es könnte sogar sein, das die Amnesie ein Teil unseres digitalen Zeitalters ist. Und das Erinnern ist eine Form von Widerstand dagegen.

Wie macht sich dieser Widerstand bemerkbar?

Nehmen wir zum Beispiel das Verschwinden der Handschrift – ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Wir schreiben immer weniger von Hand und in der jüngeren Generation kommt Handschriftliches kaum noch ins Spiel. Deshalb habe ich Ende letzten Jahres ein Instagram-Projekt lanciert, wo ich jeden Tag Handschriften von Künstlern und Schriftstellern poste. Das ist eine Möglichkeit, auf nicht nostalgische Art und Weise mit den digitalen Mitteln unserer Zeit Handschrift zurückzubringen.

Welche anderen Themen bewegen die aktuelle Künstler- generation?

Zum Beispiel das Wissen um die Grenzen des Wachstums prägt die Kunst von heute. Jemand wie Tino Seghal, einer der einflussreichsten deutschen Künstler, macht Kunst, ohne der Welt weitere Objekte hinzuzufügen. In Sydney haben mein Co-Kurator Klaus Biesenbach und ich gerade das Kaldor Public Arts Projekt „13 Räume“ eröffnet, eine Ausstellung, in der hinter 13 verschlossenen Türen jeweils eine lebende Skulptur stattfindet. Der Besucher öffnet eine Tür und betrachtet ein Kunstwerk, das zwar kein Objekt ist, aber die Dauer eines physischen Objektes hat. Es steht im Museum vom morgen bis zum Abend. Aber wenn das Museum am Abend schließt, dann geht die Skulptur nach Hause. Diese Tendenz ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass wir realisieren, das unsere Ressourcen endlich sind. Werke wie die von Tino Seghal können sich nie erschöpfen, sie sind im gewissen Sinne immer wieder neu.

Arbeiten Künstler heute anders als im 20. Jahrhundert?

Es gibt heute ganz andere Wege für junge Künst- ler, um sichtbar zu werden. Einer der bekanntesten Künstler der „89plus“ Plattform, Niko Karamyan alias „Niko the Ikon“ zum Beispiel hat Zehntausende von Followern auf allen möglichen Plattformen von Instagram über Twitter bis Facebook, er hat aber fast noch nie ausgestellt. Vor 20 Jahren konnte ein junger Künstler nur sichtbar werden, in- dem er auf einer Biennale war oder in einer Galerie oder einem Museum ausgestellt hat.

Entwickelt eine Generation, die permanent vernetzt ist, auch ein stärkeres Bedürfnis nach nicht mediatisierter, direkter Erfahrung?

Es geht immer um die Kombination von Linking und Delinking. In meiner Arbeit als Kurator gibt es viele Mo- mente, in denen dauernde Vernetzung von zentraler Be- deutung ist und andere, an denen ich alle Kanäle abschalte. Das sind Atelierbesuche, Konferenzen, Interviews, Zeiten, in denen ich schreibe. Ich beschäftige mich mit Social Me- dia, Twitter und Instagram, denn das funktioniert sehr gut für mich, zum Beispiel für das Handschriftenprojekt. Künstlern auf Instagram zu folgen, bedeutet, täglich ihre neuen Bilder zu sehen, das ist ein großer Gewinn. Gleichzeitig schaffe ich andere Kanäle ab. Ich telefoniere zum Beispiel nur noch, wenn ich eine Verabredung habe und beantworte nicht mehr dauernd alle Emails. Viele meiner Freunde sind per Email gar nicht mehr erreichbar, sondern nur noch per sms. Das ist eine Aufgabe unserer Zeit: Jeder muss den Mix von Linking und Delinking für sich selbst kuratieren. Viele der Gespräche, die ich für mein Interview Project führe, finden in Bewegung statt – im Auto, im Taxi, im Zug, im Flugzeug, im Park (Spaziergangsgespräche) – es sind bestimmt 1.000 Stunden in diesem 2000 stündigen Archiv, die in Bewegung aufgezeichnet werden. Gerade eine Autofahrt kann ein sehr konzentrierter Raum für ein Gespräch sein, denn sie hat eine zeitliche Begrenzung durch die Dauer der Fahrt. In diesen unendlichen Informa- tions- und Kommunikationsmöglichkeiten, die wir heute haben ist es wichtig, sich selbst auferlegte Einschränkungen zu finden.

Wenn die Gegenwartskunst der Röntgenapparat des Zukünftigen ist, welche Schlüsse können Sie dann aus der aktuellen Kunst für die Welt von Morgen ziehen?

Ich fand es als Kurator immer schwierig, über die Zukunft zu sprechen, denn das tut die Kunst einfach am besten selbst. Vor einem Jahr habe ich daher an die 100 Künstler gefragt, wie ihre Definition der Zukunft ist. Die Antworten waren sehr unterschiedlich – von „In der Zukunft haben wir möglicherweise keine Vergangenheit mehr“ (Daniel Birnbaum) über „Die Zukunft ist lecker“ (Hans-Peter Feldmann) oder „A future fuelled by human waste“ (Matthew Barney) bis zu „Die Zukunft wird ein Remake“ (Didier Fiuza Faustino). //

 

Hans Ulrich Obrist

wurde 1968 in der Schweiz geboren und studierte zu- nächst Ökonomie und Politik. Danach wandte er sich der zeitgenössischen Kunst zu und machte sich schnell einen Namen als erfolgreicher Kurator und Ausstellungsorganisator. Mittlerweile ist Obrist u.a. Co-Direktor der Ser- pentine Gallery in London sowie Gründungsmitglied der Akademie der Künste der Welt in Köln. Für die Jahre 2010 und 2011 wurde Obrist vom renommierten Fachmaga- zin Art Review auf den zweiten Platz der Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Kunstbranche gewählt. 2009 stand er in der Liste sogar ganz oben. Im Rahmen des von Audi gesponserten Events DLD (Digital-Life- Design) trat Obrist bereits als Sprecher und Moderator auf. Er hat zahlreiche Bücher und Texte veröffentlicht. Dazu gehören beispielsweise das Standardwerk „A Brief History of Curating“ sowie seine Interviewreihe „Conversation Series“ für die er Gespräche mit u.a. Zaha Hadid, Yoko Ono und Rem Koolhaas geführt hat.

 

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Die Kunst der Kurve
Schöner Wohnen | Januar 2013

Seit 25 Jahren stellt die Koreanerin Young-Jae Lee in Deutschland Steinzeug her, das in aller Welt gefragt ist.
Ein Besuch in der Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe
in Essen. [weiter]

Die Kunst der Kurve
Schöner Wohnen | Januar 2013

Seit 25 Jahren stellt die Koreanerin Young-Jae Lee in Deutschland Steinzeug her, das in aller Welt gefragt ist.
Ein Besuch in der Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe
in Essen. Seit über 1000 Jahren wird Keramik in Asien hergestellt, und doch beschloss eine junge koreanische Kunststudentin Anfang der 70er Jahre, von Seoul nach Deutschland zu gehen, um das Handwerk zu lernen. Schuld daran war der „Segerkegel“. Dem kleinen Tonkegel, dessen Krümmungsgrad die Brenntemperatur im Ofen verrät, haben wir es zu verdanken, dass eine der berühmtesten Keramikerinnen Koreas heute in Essen wohnt und arbeitet. Segerkegel wurden damals in Deutschland hergestellt, und folglich dachte Young-Jae Lee, dieses Land in Europa müsse sich besonders gut eignen, um alles über Glasur und Brenntechnik zu lernen.

Das Brennen hat sie gelernt und noch vieles mehr. Young-Jae absolvierte Praktika, studierte Keramik und Formgebung in Wiesbaden und verbrachte Jahre damit, an der Drehscheibe zu arbeiten. „Der Drehvorgang hat mich immer fasziniert“, sagt die heute 62-Jährige, „es ist eine so leichte, natürliche Bewegung, die aus einem Klumpen Ton ein Gefäß entstehen lässt. Unter deinen Händen wächst eine Figur, von unten nach oben, von innen nach außen.“ Für Young-Jae Lee ist Keramik eine Abstraktion des menschlichen Körpers. „Nicht umsonst bezeichnet man in vielen Sprachen die Teile eines Gefäßes wie menschliche Körperteile. Eine Vase hat Lippe, Hals, Bauch und Fuß.

1986, da arbeitete sie gerade als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule in Kassel, hörte Young-Jae, dass die Leitung der Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe neu besetzt werden sollte. Sie bewarb sich um die Stelle, zog nach Essen in die von Margarethe Krupp 1924 gegründete Werkstatt und begann, die Manufaktur neu zu organisieren. Sie besann sich auf die formgebenden Prinzipien des Bauhauses und entwickelte ein Manufakturgeschirr, von dem jedes Teil „gut zu drehen, gut zu nutzen und gut zu kombinieren“ sein sollte. 25 Grundelemente gehören heute zur Geschirrserie und sechs Farben, die zueinander passen: Grün-, Grau- und Brauntöne. Geändert hat sich kaum etwas daran in den vergangenen 25 Jahren, nur die Größen der Teller und Schalen wurden mit der Zeit angepasst. Das ist Young-Jae sehr wichtig. „Es ist anspruchsvoller, Qualität zu halten, als immer neue Formen zu finden.“ Da ergänzen sich die Bauhaus-Grundsätze wundervoll mit koreanischen Traditionen. In der asiatischen Kultur ist die ständige Neuerfindung der Form weniger entscheidend als die vollkommene Beherrschung des vorhandenen Repertoires.

Von der Komplexität dieses Handwerks bekommt jeder eine Vorstellung, der Young-Jae und ihre Mitarbeiter in der Werkstatt besucht. Sie liegt direkt neben der Zeche Zollverein in einem alten Baulager, vor dem ein kleiner, asiatisch anmutender Garten angelegt ist. Am Fenster sitzt Daniela Glattki an ihrem Ar- beitsplatz, nimmt einen Abschnitt Ton, Steinzeugmasse aus dem Westerwald. Sie formt einen Becher – mit einer Bewegung, die kraftvoll beginnt und in einer eleganten Kurve endet. Dann stellt sie das Gefäß auf einen Arbeitstisch zu den bereits gedrehten Bechern – und er sieht exakt gleich aus. Jahre hat die gebürtige Polin gebraucht, um diese Perfektion zu erlangen. Damit jedes Stück nur minimale Unterschiede erkennen lässt – und Käufer auch nach Jahren noch eine passende Tasse nachkaufen können –, fertigt jeder Mitarbeiter in der Margaretenhöhe immer die gleichen Stücke. Daniela ist für Trinkgefäße zuständig, Paulina formt die viereckigen Teller, Michael, schon seit 1972 in der Margaretenhöhe, töpfert die großen Gefäße und Teekannen.

„Diese Arbeit ist wie Meditation“, sagt Young-Jae. „Ein Keramiker verinnerlicht die Form und macht sie sich zu eigen. Seine Persönlichkeit beginnt, in die tägliche Arbeit einzufließen.“ Die Meisterin selbst dreht kein Seriengeschirr, sondern beschäftigt sich mit künstlerischen Arbeiten. Ihre Vasen werden von Museen und Galerien von Boston bis Tokio ausgestellt. Doch ihre Arbeit ist ähnlich meditativ wie die ihrer Mitarbeiter. „Ich nehme mir Archetypen von Gefäßen vor und drehe sie wieder und wieder“, erklärt Young-Jae Lee. „Das Spannende an Keramik ist die Wiederholung, denn selbst die kleinste Veränderung führt immer zu einem ganz neuen Ergebnis.“

www.kwm-1924.de

 

 

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Der Funktionalist
Schöner Wohnen | Januar 2013

Er öffnete das Haus zur Natur, indem er Wände auf Stahl und Glas reduzierte. Er befreite Wohnräume von Historismus und bestückte sie mit Möbeln, die heute Ikonen sind. Ludwig Mies van der Rohe war ein Erfinder der Moderne. [weiter]

Der Funktionalist
Schöner Wohnen | Januar 2013

Er öffnete das Haus zur Natur, indem er Wände auf Stahl und Glas reduzierte. Er befreite Wohnräume von Historismus und bestückte sie mit Möbeln, die heute Ikonen sind. Ludwig Mies van der Rohe war ein Erfinder der Moderne. 

Es war ein warmer Sommertag im Juli 1927, als in Stuttgart das bürgerliche Wohnzimmer auf den Kopf gestellt wurde. Der Werkbund hatte zur Eröffnung der Ausstellung „Die Wohnung“ in die Weißenhofsiedlung geladen. Unter der Leitung des 31-jährigen Ludwig Mies van der Rohe waren 21 Häuser in nur 21 Monaten gebaut worden. Hier zeigte die Avantgarde der europäischen Architekten von Walter Gropius bis Hans Sharoun, von Le Corbusier bis Bruno Taut, wie sie sich Wohnkultur für das 20. Jahrhundert vorstellte: lichtdurchflutet, sachlich und schnörkellos. Gepolsterte Sitzgarnituren, bunte Perserteppiche, Kronleuchter und Spitzendeckchen, die die Besucher von zu Hause kannten, fehlten gänzlich. Stattdessen sahen sie große Fenster, offene Grundrisse, kahle Wände, Möbel aus Stahlrohr – und Stühle ohne Hinterbeine!

Die Ausstellung war eine der Geburtsstunden der Moderne – und für Ludwig Mies van der Rohe ein Durchbruch in mehrerlei Hinsicht. Zum einen kam bei den von ihm gebauten Mehrfamilienhäusern zum ersten Mal die Stahlskelettbauweise zum Einsatz. Sie ermöglichte größere Fensterflächen und variable Grundrisse – und war ein Vorläufer der Glas-und-Stahl-Bauweise, für die er nach dem Krieg berühmt werden sollte. Während die ungewohnte Askese der Weißenhofsiedlung das Publikum teilweise irritierte, waren die ausgestellten Möbel ein voller Erfolg. Stahlrohr wurde der große Trend der 30er Jahre, und die Freischwinger, die hier sowohl der niederländische Architekt Mart Stam als auch Mies van der Rohe erstmals zeigten, galten plötzlich als Inbegriff des neuen Wohnens. Das leicht nachgiebige, gebogene Stahlrohr sorgte für bequeme Federung, sah dabei aber filigraner und leichter aus als die gewohnten Polsterstühle.

Darüber, wer als Erfinder des Freischwingers gelten dürfe – Mart Stam oder Mies –, gab es lange Streit. Auf einen Mitarbeiter von Mies geht folgende Anekdote zurück: Während der Vorbereitungen für die Ausstellung trafen Stam und Mies in Stuttgart zusammen, und Mart Stam skizzierte seinen Stuhl mit rechtwinklig geformten Vorderbeinen, konstruiert aus Gasrohrabschnitten und Winkel-Fittings. Zurück im Atelier, zeichnete Mies den Stuhl an eine Tafels, und kommentierte: „So was Hässliches mit diesen Muffen. Wenn er wenigstens abgerundet hätte – so wäre es schöner.“ Daraufhin zeichnete er einen runden Bogen über die Stuhlbeine. Daraus entstand der „MR10“-Freischwinger, der noch heute in Varianten von Tecta, Thonet und Knoll International hergestellt wird. Mart Stam gilt also als Erfinder des „Stuhls ohne Hinterbeine“, das elegantere Design aber geht auf Mies zurück. Wie visionär der Freischwinger war, muss sein Schöpfer früh geahnt haben, denn schon einen Monat nach der Eröffnung der Weißenhof-Ausstellung stellte Mies in den USA einen Patentantrag.

Die internationale Aufmerksamkeit, die die Weißenhof-Ausstellung hervorrief, brachte Mies einen prestigeträchtigen Folgeauftrag. Gemeinsam mit Lilly Reich, die als erste Frau Vorstandsmitglied des Werkbunds war, sollte er den deutschen Pavillon für die Weltausstellung 1929 in Barcelona gestalten. Mit diesem Repräsentationsbau brachte Mies die Grundsätze der modernen Architektur auf den Punkt: ein freier Grundriss, fließende Übergänge zwischen einzelnen Zonen und dank großer Fensterflächen auch zwischen innen und außen. Das i-Tüpfelchen der harmonisch-geradlinigen Räume war der „Barcelona“- Sessel, ein elegantes Sitzmöbel aus Flachstahl mit feinen Ziegenleder- polstern, dessen schwungvolle Linien sich harmonisch in die Blickfluchten einfügten. Die scherenförmig verschweißten Seitenteile waren von antiken Klappstühlen inspiriert. Andere Designer der Bauhaus-Ära verfolgten das Ideal, funktionale Möbel zu erschwinglichen Preisen herzustellen. Für Mies van der Rohe lag der Reiz der Reduktion eher in der Verfeinerung als in der Demokratisierung des Designs. Die Herstellung des „Barcelona“-Sessels, der ersten Stilikone unter den Sitzmöbeln, ist bis heute sehr aufwendig und kostspielig, da die Schweißnähte von Hand geschliffen werden müssen.

Das Arrangement von Möbeln im Raum trieb Mies in Barcelona zur Perfektion. „Kein zweiter moderner Architekt von Rang legt so großen Wert auf die Stellung der Möbel“, sagte der amerikanische Architekturkritiker Philip Johnson einmal, „Mies macht sich über die Verteilung der Stühle in einem Raum ebenso viele Gedanken wie andere Architekten über die Gruppierung von Gebäuden um einen Platz.“ Das Gesamtkunstwerk von Interieur und Architektur setzte Mies mit dem Entwurf der Villa Tugendhat im tschechischen Brno (Brünn) fort. Das Wohnhaus einer Textilfabrikantenfamilie hebt die Grenzen von innen und außen weitgehend auf. Statt Räume nach Funktionen zu unterteilen, schuf Mies ein offenes Raumkontinuum.

Viele Außenmauern wurden durch Glasscheiben ersetzt, die im Boden versenkt werden konnten. Eingerichtet war die Villa minimalistisch: Chrom, weiße Wände, wenige, zum Teil eigens für das Haus entworfene Sitzmöbel. Kann man in der Villa Tugendhat wohnen?“, fragte die Werkbund-Zeitschrift „Die Form“ provokativ. „Ist das Wohnen in diesem Einheitsraum nicht ebenso ein Paradewohnen wie in alten Gesellschaftsräumen?“ Grete und Fritz Tugendhat verteidigten ihr Traumhaus in der folgenden Ausgabe: „Es ist richtig, man kann im Hauptraum keine Bilder aufhängen, ebenso wenig kann man wagen, irgendein die stilvolle Einheitlichkeit des Mobiliars störendes Stück hineinzutragen. Wird aber deswegen das persönliche Leben erdrückt?“ Nur acht Jahre lang konnte die Familie das Meisterwerk bewohnen. Nachdem die Nationalsozialisten das Land besetzt hatten, flohen die Tugendhats nach Venezuela. Ihr Haus erlebte eine wechselhafte Geschichte: In den 40er Jahren residierte hier Flugzeugbauer Willy Messerschmitt, nach Kriegsende zog die Rote Armee ein, später nutzte das benachbarte Kinderkrankenhaus die Räume.

Auch für den Architekten begann eine Zeit der Unsicherheit. 1930 wurde Mies als Direktor zum Bauhaus Dessau berufen, das aber bereits 1932 von den Nazis geschlossen wurde. Die Moderne hatte im Dritten Reich keine Chance, man wohnte unterm Spitzdach und mit schweren Massivholzmöbeln. Mies blieb länger in Deutschland als Bauhaus-Kollegen wie Klee, Gropius oder Kandinsky. Erst als Hitlers Kulturbeauftragter ihn fragte, ob er bereit sei, seine Entwürfe unter dem Namen des Führers zu bauen, so erzählte es Georgia van der Rohe im „Spiegel“, verließ er noch in derselben Nacht Deutschland – und Lilly Reich. In Amerika leitete er die Architekturabteilung des Armour Institute in Chicago und gründete 1939 dort sein Architekturbüro. Nur ein Einfamilienhaus baute Mies in seiner amerikanischen Zeit – das Farnsworth House in Illinois. Ansonsten widmete er sich dem Hochhausbau. Mies, der schon in den 20er Jahren Hochhauskonstruktionen aus Glas und Stahl entworfen hatte, wurde nun zum Star des International Style und errichtete Stahlkonstruktionen mit filigranen Profilen und gläsernen Vorhangfassaden. Zu seinen berühmtesten Bauwerken zählen Lake Shore Drive 860/880 in Chicago (1951) und das Seagram Building in New York (1958).

In Deutschland baute Mies nur noch einmal: Anfang der 60er Jahre kam der Auftrag für die Neue Nationalgalerie in Berlin. Der damals schon Mitte 70-Jährige besuchte mehrmals die Baustelle, konnte aber an der Einwei- hung des Ausstellungsraumes aus ge- sundheitlichen Gründen nicht mehr teilnehmen. 1969 starb er in Chicago an einer Lungenentzündung. Seine berühmtesten europäischen Bauwerke sind heute Museen: Der Barcelona-Pavillon wurde 1986 rekonstruiert. Die Villa Tugendhat im tschechischen Brno, seit 2001 auf der Liste des Unesco- Weltkulturerbes, wurde erst in den vergangenen Jahren aufwendig saniert. Seit März 2012 ist das Haus für geführte Besichtigungen geöffnet.

 

 

 

 

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Der Konstrukteur
Schöner Wohnen | November 2012

Mit Möbeln aus Stahlblech und Sperrholz, so robust gebaut wie Häuser, zeigte der Franzose die Schönheit der reinen Konstruktion. Doch Jean Prouvé war nicht nur Designer, Architekt und Ingenieur, sondernauch Unternehmer und Humanist[weiter]

Der Konstrukteur
Schöner Wohnen | November 2012

Mit Möbeln aus Stahlblech und Sperrholz, so robust gebaut wie Häuser, zeigte der Franzose die Schönheit der reinen Konstruktion. Doch Jean Prouvé war nicht nur Designer, Architekt und Ingenieur, sondernauch Unternehmer und Humanist

Wenn Jean Prouvé sich konzentrieren wollte, kippelte er gern mit dem Stuhl. „Mein Vaterliebte es, auf den Hinterbeinen seines Stuhls zu balancieren“, erzählt seine Tochter Catherine. „Er war der Einzige in der Familie, der es schaffte, auf nur zwei Beinen völlig still zu sitzen.“ Wahrscheinlich lag es auch am Stuhl, dass der Designer so virtuos die Balance halten konnte. Sein berühmter „Standard Chair“ trägt einen Großteil der Gewichtslast auf den konisch geformten Hinterbeinen. Dieser stille Klassiker aus Sperrholz und gefaltetem Stahlblech, 1934 entworfen und 1950 weiterentwickelt, erobert heute wieder Küchen und Esszimmer in aller Welt, denn sein robuster Charme passt so wunderbar zum „Industrial Chic“ urbaner Lofts.

Von Chic allerdings hielt Prouvé nicht besonders viel. Funktionalität und Leichtigkeit waren die obersten Gebote für seine Entwürfe. Der zurückhaltende Franzose, der 1901 als Sohn des Malers Victor Prouvé in Paris geboren wurde und in den 20er Jahren in Nancy eine Ausbildung zum Kunstschmied absolviert hatte, eröffnete dort 1924 seine erste Werkstatt. Er begann, sich von der Art nouveau abzuwenden und Möbel mit ganz eigener Ästhetik und so robust wie Häuser zu bauen. „Möbel müssen so komplexe Probleme lösen wie große Baukonstruktionen“, sagte Prouvé, „das führte mich dazu, sie mit der gleichen Sorgfalt, nach den gleichen Statikgesetzen, ja sogar aus den gleichen Materialien zu gestalten.“ Wie viele seiner Zeitgenossen entdeckte er Stahl als Werkstoff. Doch das Stahlrohr, wie es Marcel Breuer, Mart Stam und Le Corbusier bevorzugten, war ihm nicht robust genug. „Mich inspirierte das Stahlblech, abgekantet, gestanzt, gerippt, dann geschweißt.“ Dem hochglänzenden Chrom- und Nickel-Look seiner Zeit setzte er grob lackierten Stahl entgegen und machte so den industriellen Charakter des Materials sichtbar. Und wo sich die Formen des typischen 50er-Jahre-Designs sonst sanft verjüngen, setzte Prouvé konische Elemente ein, schräg gestellte Beine, die seine Möbel eher dynamisch als elegant wirken lassen. Die Konstruktion war ihm immer wichtiger als die tatsächliche Gestalt.

Prouvé selbst hat sich nie als Designer bezeichnet, er verstand sich als „homme d’usine“, einen Mann der Fabrik. Seine Möbel entstanden nicht auf dem Papier, sondern in der Werkstatt, in Zusammenarbeit mit Ingenieuren und Handwerkern. Eine erste Entwurfszeichnung wurde als Prototyp umgesetzt, dann einem Stabilitätstest unterzogen und korrigiert. Hatte eine Variante seine Zustimmung gefunden, wurde das Möbel in kleiner Serie her- gestellt. So war Jean Prouvé unabhängig von externen Betrieben und konnte selbst in kleinen Stückzahlen produzieren. Das Unternehmen wuchs. Prouvé baute bald nicht nur Möbel, sondern auch Fassadenelemente für Architekten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Metall knapp und teuer. Während die Produktion fast zum Erliegen kam, engagierte sich Prouvé in der Resistance, kümmerte sich um die Lebensmittelversorgung seiner Mitarbeiter. 1945 war er für einige Monate sogar Bürgermeister von Nancy. Nach dem Krieg entwickelte er Notunterkünfte und mobile Schulgebäude aus fabrikgefertigten Metallpaneelen, die vor Ort montiert wurden.

Als Familienvater war Jean Prouvé ganz Patriarch – er band Brüder, Cousins und später auch seine Kinder in das Unternehmen ein. Bei Prouvés daheim drehte sich alles um die Firma. „Wir lebten in einem Haus voller Prototypen“, erinnert sich Catherine Prouvé, „und meine Mutter bewirtete die Architekten, Studenten und Mitarbeiter, die mein Vater zum Essen mitbrachte.“ Als Arbeitgeber ver- stand Prouvé es, seine Angestellten durch Boni, Weiterbildung und bezahlten Urlaub zu motivieren. Der technologiebegeisterte Designer liebte zwar Autos, vor allem Cabrios, und besaß verschiedene Modelle von Citroën, Talbot, Triumph und Alfa Romeo, abgesehen davon aber lag ihm das Anhäufen von Besitztümern fern. Was seine Firma an Gewinn erwirtschaftete, wurde in neue Maschinen investiert, der Rest als Prämie an die Mitarbeiter ausgeschüttet. So demokratisch und dynamisch wie der „Standard Chair“ war das ganze Unternehmen. Der berühmte „Esprit Prouvé“ blieb auch dann noch erhalten, als die Firma auf mehr als 200 Mitarbeiter angewachsen und 1946 nach Maxéville im Industriegebiet von Nancy umgezogen war.

Der Gründer sollte als Designer, Inge- nieur und Humanist in die Geschichte eingehen, als Geschäftsmann leider nicht. In Maxéville tätigte Prouvé immer größere Investitionen, um fabrikgefertigte Häuser herstellen zu können, mit denen er den großen Bedarf an Wohnhäusern nach dem Krieg decken wollte. Speziell für die französischen Kolonien in Afrika entwarf er das „Maison Tropicale“ mit Aluminiumlamellen als Sonnenschutz und einer Fassade mit Lüftungsluken. Einige Musterhäuser wurden im kongolesischen Brazzaville errichtet, doch sie waren für den afrikanischen Markt zu teuer. In Maxéville wurden die Gewinne immer kleiner. Um weiter investieren zu können, schloss sich Prouvé mit Studal, einem Unternehmen der Aluminiumindustrie zusammen. Es gab Finanzspritzen, verlangte dafür aber immer mehr Firmenanteile. Als Großaufträge für die Metallfertighäuser ausblieben, forderte der Vorstand die Umstrukturierung des Unternehmens. 1953 wurde Prouvé die Entscheidungsbefugnis genommen, er durfte die Produktionshallen nicht mehr betreten. Für den „homme d’usine“ war das eine Katastrophe. Noch schlimmer war, dass er mit den Ateliers auch das Recht an seinen Patenten verlor. Prouvé durfte nicht mehr Prouvé bauen. „Dass ihr es wisst: Ich bin 1952 gestorben“, schrieb er am Ende seines Lebens in einem Brief an seine Familie. Es war das Jahr, in dem Studal die Aktienmehrheit erlangte.

„Man hat Ihnen die Flügel gestutzt. Behelfen Sie sich mit dem, was Ihnen bleibt“, riet ihm sein Freund Le Corbusier nach dem Verlust von Maxéville – und das tat Prouvé. 1954 errichtete er in Nancy mit Restbeständen aus Maxéville ein Wohnhaus für seine sechsköpfige Familie, das sein Manifest des modernen Wohnens sein sollte: kleine Schlafzimmer, dafür ein großer Wohnraum, in dem die Familie zusammenkommt. Prouvé gründete ein Baukonstruktionsbüro in Paris und dozierte an der CNAM (Conservatoire National des Arts et Metiers) in voll besetzten Hörsälen. Die Möbelproduktion kam mit dem Scheitern von Maxéville zum Erliegen. Gemeinsam mit Charlotte Perriand entwickelte Prouvé zwar noch Einrichtungskonzepte, neue Möbelentwürfe gab es aber nicht mehr.

Erst Jahre nach seinem Tod 1984 wurde Prouvé als Designer wiederentdeckt, zuerst von der Sammlerszene. Pariser Galeristen wie Patrick Seguin kauften zu Beginn der 90er ganze Bestände an Prouvé-Möbeln aus öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Studenten- wohnheimen. In Sammlerkreisen wurden Prouvé-Vintage-Möbel immer begehrter: In den 90ern noch konnte man einen „Standard Chair“ für 1000 Franc (150 Euro) kaufen, heute erzielt der Klassiker auf Auktionen locker mehr als 5000 Euro. Aber auch normale Sterbliche können nun wieder Prouvé kaufen. Im Jahr 2000 legt Vitra-Chef Rolf Fehlbaum, der seine Designsammlung mit einem Prouvé begonnen hatte, den „Standard Chair“ als Reedition auf. Im vergangenen Jahr brachte das Modelabel G-Star gemeinsam mit Vitra und der Familie Prouvé die „Raw Edition“ heraus – eine limitierte Edition von zum Teil noch nie realisierten Möbelentwürfen, deren Oberflächen in Farbe und Material leicht abgewandelt wurden. Ob der späte Ruhm Prouvé gefallen hätte? „Mein Vater hätte die Energie zu schätzen gewusst, die seinen Designs durch die neuen Editionen zufließt“, sagt Catherine Prouvé, „er wollte immer, dass die Dinge frisch und modern aussehen.“ Aus der „Prouvémania“ in der Kunstszene hätte sich der bescheidene Franzose nicht viel gemacht. Catherine Prouvé ist sicher: „Wenn mein Vater heute noch lebte, würde er Häuser für Obdachlose entwerfen.“

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Tee oder Kaffee?
Schöner Wohnen | November 2012

Der Meister des reduzierten Designs gibt Antworten auf vierzehn kurze Fragen und zeichnet für uns einen Traum

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Tee oder Kaffee?
Schöner Wohnen | November 2012

Der Meister des reduzierten Designs gibt Antworten auf vierzehn kurze Fragen und zeichnet für uns einen Traum

Was bedeutet Ihnen zu Hause? „Kein fester Ort, aber meine sieben, acht Sachen um mich herum zu haben“

Tee oder Kaffee? „Immer Tee, Kaffee nur in Italien“

Deutsches Design ist…

„Die Mystifizierung einer vergangenen Ära. Dennoch dient der Begriff auch heute als Sinnbild für qualitätsvolles, modernes Design“

Welches ist der wichtigste raum der Wohnung? „Der Raum mit einem großen Tisch vor dem Fenster, einem Stuhl, Büchern, Papier und Stiften“

Berlin oder München? „Beide Städte, im Wechsel“

Was denken Sie, wenn Ihre Ideen kopiert werden: Diebstahl oder Kompliment? „Früher dachte ich: Kompliment. Inzwischen betrachte ich es eindeutig als Diebstahl. Leider mangelt es an einem international ein- heitlichen Rechtssystem, um dieses Übel zu bekämpfen“

Haben Sie jemals etwas entworfen, das Sie nicht mochten? „Ja, das kommt immer wieder vor. Man leidet sehr dabei, aber das Scheitern ist immer auch Teil unseres Tuns. Ich versuche, daraus zu lernen“

Über was freuen Sie sich? „Ich freue mich über eine intelligente Idee“

Holz oder Kunststoff? „Die Materialfrage steht bei jedem Projekt ganz oben. Es geht vor allem darum, einen angemessenen Werkstoff zu finden – Holz oder Kunststoff oder all die anderen Materialien“

Haben Sie ein Lieblingsstück? „Ganz viele. Und irgendwie wechseln sie sich ständig ab. Ich war immer schon schlecht darin, mein Lieblings-Etwas aufzuzählen“

Was ärgert Sie? „Das Fehlen einer Idee“

Auf welches Möbelstück würden Sie nie verzichten? „Ich besitze einen gelben ‚Box‘-Stuhl, entworfen von Enzo Mari (1971, Castelli). Es ist mein Arbeitsstuhl im Münchener Büro, ich verbringe Stunden darauf, seit vielen vielen Jahren. Ein befreundeter Designer hat ihn mir einmal geschenkt. Ich liebe einfach alles daran: die Farbe, die Löcher, das etwas Eigensinnige, seine schematische Konstruktion. Überdies finde ich ihn auch absolut bequem“

„Less is more“ oder „less is bore“ – ist weniger mehr oder ist weniger langweilig? Ich halte es mit Designer Dieter Rams: „Less but better“, also „Weniger, aber besser“

Fragen: Gunda Siebke und Dorothea Sundergeld 

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Designen heißt Denken
Schöner Wohnen | November 2012

Seit mehr als 20 Jahren entwirft Konstantin Grcic Dinge, die radikal durchdacht sind. Portrait eines Perfektionisten

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Designen heißt Denken
Schöner Wohnen | November 2012

Seit mehr als 20 Jahren entwirft Konstantin Grcic Dinge, die radikal durchdacht sind. Portrait eines Perfektionisten

Ein großer Jahresübersichtskalender hängt im Münchner Büro von Konstantin Grcic. Rote Klebepunkte stehen für Reisetage, grüne für Büro- und schwarze für Telefontermine. Doch Deutschlands bester Industriedesigner braucht auch Tage, auf die keine Punkte geklebt sind. Mit rosafarbenem Textmarker sind die Wochen hervorgehoben, die der Chef in Berlin verbringt. Von einem eingespielten Team und Regalmetern voller Prototypen, Materialproben und Modellen umgeben zu sein ist wundervoll. Aber immer wenn Konstantin Grcic ein neues Projekt beginnt, braucht er Zeit zum Nachdenken. Dann tut es gut, allein zu sein. Also packte der gebürtige Münchner unlängst einen Lieferwagen mit Lieblingssachen voll und zog nach Berlin. Seine Wohnung dort liegt im Hansaviertel, einem Westberliner Wohnquartier weitab vom Mitte-Trubel, das anlässlich der Interbau-Ausstellung 1957 geplant wurde. Grcics Nachbarn sind mehrheitlich Senioren, die hier leben, seit die Gebäude fertiggestellt wurden – und ein paar Architekturliebhaber, die Fans der Nachkriegsmoderne sind. Walter Gropius und Egon Eiermann, Arne Jacobsen, Le Corbusier und Oscar Niemeyer haben hier Wohnhäuser gebaut. Konstantin Grcic wohnt im sechsten Stock eines Gebäudes, das der Finne Alvar Aalto geplant hat. Die Wohnungen sind für die Bedürfnisse einer Kleinfamilie konzipiert. Es gibt eine Küche, einen Wohnraum mit großem Fenster, Balkon und einer Wandnische für ein Bücherregal, zwei kleine Zimmer und ein Bad. Im großzügig angelegten Treppenhaus ist ein Müllschlucker eingebaut und vor den Fenstern gibt es Sitzbänke für einen Plausch mit den Nachbarn. Die Wohnung hat ihm seine Freundin vermittelt, sie doziert über Jura an der Humboldt-Universität und wohnt ein paar Stockwerke tiefer im selben Haus.

Grcic ist mit einer Auswahl an Möbeln, Kunst und einem seiner japanischen Fahrräder eingezogen. Als wir ihn besuchen, sieht es nicht besonders eingerichtet aus. Bilder stehen sorgsam gerahmt auf dem Boden, ein Vintage-Kinderstuhl von Arne Jacobsen ist auf einem knallgelben Container platziert. Alles hier hat eine charmante Zufälligkeit, die signalisiert: Ich kann jederzeit aufbrechen oder zumindest alles umräumen. Erstaunlich, wie wenig ein Möbeldesigner zum Wohnen braucht. Konstantin Grcic scheint nicht der Typ zu sein, der es sich gern auf einem Sofa gemütlich macht. „Ich unterscheide nicht besonders zwischen Wohnen und Arbeiten“, erklärt er und bringt Tee und Brezeln aus der Küche. Das Vormittagsritual hat er aus München mitgebracht. Sammelt er Design? „Nein. Ich habe eine Leidenschaft für Dinge, aber nicht dafür, Dinge zu besitzen.“

Er nimmt Platz am zentralen Möbelstück seiner Wohnung, einem großen Schreibtisch. Es ist ein Ur-Prototyp seines „Bishop“ für SCP Ltd. Hier ist alles, was der Designer braucht: ein Mac-Book Pro, Papier, ordentlich parallel liegende Stifte, ein paar Bücher; und ein weiter Blick in den Berliner Himmel bis zum Oscar-Niemeyer-Gebäude. Draußen umgeben ihn die Helden der Moderne, drinnen seine eigenen Stücke. 1991 hat er, frisch nach der Ausbildung in London, sein Studio in München gegründet. Seitdem ist einiges zusammengekommen. Der „Miura“-Barhocker, der an der Wand steht, ist das erste Projekt, das er mit der Südtiroler Firma Plank realisiert hat. Ein Exemplar des für Magis gestalteten „Chair_One“ steht auf dem Balkon. Am Küchentisch sitzt man auf einem „360°“-Drehstuhl, ebenfalls für Magis entworfen. Im Nebenraum die „Diana“-Tischchen von Classicon und der Muji-Schreibtisch. Mitten im Zimmer steht der Hocker „Missing Object“, der 2004 in einer limitierten Edition für die Pariser Galerie Kreo entstand. Ein schlichter Eichenblock mit zwei handschmeichelnden Eingriffen. Mehr Reduktion geht nicht. Und mehr Ästhetik eigentlich auch nicht.

Von Schreibgerät über Haushaltswaren bis zu Leuchten und Teegeschirr hat Konstantin Grcic in den vergangenen 22 Jahren alles entworfen. Doch im Design von Stühlen manifestiert sich seine Arbeitsweise am deutlichsten. Sie sind nicht immer eingängig, aber immer eigenständig; nicht immer bequem, aber immer besonders. Fragt man Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, was seine Arbeit von der anderer unterscheidet, so heben sie meistens hervor, wie präzise er ist, wie viel Zeit er sich für jedes Projekt nimmt. „Konstantin Grcic lässt nie nach oder locker“, sagt Oliver Holy, Geschäftsführer von Classicon, „er hat ein unbestechliches Auge, arbeitet mit großer Sorgfalt und Disziplin.“ Elmar Flötotto, für dessen Möbelfirma Grcic jüngst den Schulstuhl „Pro“ entworfen hat, sagt: „Am Anfang steht bei ihm eine sehr gründliche Recherche. Dann erst der Designprozess. Er hat eine Leidenschaft für eine einfache, klare, in sich schlüssige Formensprache. So entstehen innovative Produkte mit neuem Gebrauchsnutzen.“

Fragt man den Designer selbst, wie er an neue Projekte herangeht, sagt er: „Bei einem Stuhl ist die entscheidende Frage: Wie benutzt man ihn?“ Dabei geht es um mehr als nur um Komfort oder Ästhetik. Ein Stuhl steht auch in einer Beziehung zu dem, der darauf sitzt. Der Stuhl kleidet den Menschen, und der Mensch entwickelt eine Beziehung zum Möbel. „Ich behaupte, dass alle meine Stühle komfortabel sind, auch wenn sie erst einmal unmöglich erscheinen. Es kommt immer auf den Zusammenhang an, in dem man sie benutzt.“ „360°“ zum Beispiel bietet dem Gesäß eine weniger als bordsteinkantenschmale Sitzfläche. Aber das ist in manchen Situationen, dort, wo Menschen sich viel bewegen und nur gelegentlich kurz sitzen, optimal. Als Grcic „Miura“ entwickelte, sein erstes Projekt mit Plank, beobachtete er intensiv, wie Menschen Barhocker benutzen; und stellte fest, dass sie sich die meiste Zeit halb anlehnen, halb draufsetzen. Die abgeknickten Sitzflächen von „Miura“ machen genau diese Haltung bequem.

Wenn ein Objekt gut durchdacht ist, setzt es sich ganz von selbst durch – und wächst manchmal über sich hinaus. So wie „Chair_One“, eine auf ein Gitter aus Dreiecken reduzierte Aluminiumsitzschale, die Konstantin Grcic für Magis entworfen hat. 2004 kam das radikale Sitzmöbel auf den Markt, seither sieht man es rund um den Globus in Cafés, Restaurants und Wohnungen. „Dabei war nie vorgesehen, dass Leute ein Abendessen lang darauf sitzen“, sagt sein Schöpfer. Geplant war der Stuhl als Outdoor-Möbel. Stühle sind im Freien ganz anderen Umweltbedingungen ausgesetzt als drinnen. Auf den Sitzflächen sammeln sich Regenwasser und Schmutz, sie werden im Winter schnell zu kalt, im Sommer zu heiß. Daraus folgte die Entscheidung, die Sitzschale als Gitter zu gestalten. In Anbetracht der Form bietet der Stuhl ziemlich viel Komfort, er ist sogar viel bequemer, als er aussieht. Bei Magis zählt er zu den Bestsellern, sein Erfolg geht noch darüber hinaus: Mit seinem Tarnkappenbomber-Look prägte „Chair_One“ die Formensprache der 2000er Jahre, man sieht sein kantiges Design inzwi- schen überall, von Obstschalen bis zu Architektur. Wir fragten Jasper Morrison, bei dem Grcic am Londoner Royal College of Art studiert hat, was seinen Schüler und ehemaligen Mitarbeiter so besonders mache. Der erklärt: „Konstantin ist mutig, wenn es darum geht, neue Projekte anzugehen. Er war ein sehr zielstrebiger Student und wusste schon damals ziemlich genau, was er wollte. Meiner Meinung nach ist er heute der experimentellste Designer, der mit der Industrie zusammenarbeitet – ich sehe ihn in der Tradition von Richard Sapper, Enzo Mari, Mario Bellini oder Achille Castiglioni. Er schafft es, alle vorgefassten Erwartungen an das Ergebnis über Bord zu werfen und jedes Mal bei null anzufangen. Das ist wirklich sehr selten!“

Für Konstantin Grcic haben sich einige Dinge verändert, seit er Anfang der 90er in München begann. „Die Projekte, mit denen ich mich beschäftige, sind immer komplexer geworden“, erklärt er. Bei den Designaufgaben, die er heute löst, geht es immer öfter um hohe Investitionen und aufwendige Technologien. Kunststoffstühle wie „Myto“ oder „Pro“ erfordern jahrelange Entwicklungszeit. Doch was Grcic an seinem Beruf immer noch am meisten liebt, ist das „Machen“ eines Möbelstücks. „Manchmal vermisse ich die Naivität, mit der ich zu Beginn meiner Laufbahn Möbel entworfen habe“, setzt er nachdenklich hinzu. Vielleicht deswegen durfte auch das „Es Shelf“ mit nach Berlin umziehen, das Grcic 1999 für Nils Holger Moormann entworfen hat. Es ist ein simples Regal aus Sperrholzplatten und Stäben. Es hat stets eine gewisse Schräglage, wackelt humorvoll und ist die Negation von Technologie schlechthin. „Aber ich finde, es ist gut gealtert“, sagt Grcic.

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Da kann man was draus machen
Häuser | 05/2012

Muck Petzet ist Generalkommissar des deutschen Beitrags auf der Architektur-Biennale Venedig 2012. Bei den Besuchern des Deutschen Pavillons wirbt der Architekt für den Erhalt qualitätvoller, aber wenig geliebter Alltagsbauten aus den Nachkriegsjahrzehnten. [weiter]

Da kann man was draus machen
Häuser | 05/2012

Muck Petzet ist Generalkommissar des deutschen Beitrags auf der Architektur-Biennale Venedig 2012. Bei den Besuchern des Deutschen Pavillons wirbt der Architekt für den Erhalt qualitätvoller, aber wenig geliebter Alltagsbauten aus den Nachkriegsjahrzehnten. 

 

Häuser: Das Thema des Deutschen Pavillons lautet 2012 „Reduce/Reuse/Recycle“ – was haben Begriffe aus der Müllwirtschaft mit Architektur zu tun?

Muck Petzet: Es gibt Analogien zwischen dem Bauen im Bestand und der Abfallwirtschaft, die sehr spannend sind. Zum Beispiel kann man gewisse Renovierungen mit dem Mehrwegsystem verglei­ chen. Ein Haus wird geleert, neu befüllt und be­ kommt ein neues Etikett. Der Titel der Ausstellung soll dazu anregen, bestehende Architektur mit anderen Augen anzuschauen. Wir haben 16 Um­ bauprojekte ausgewählt und von der Fotografin Erica Overmeer fotografieren lassen. Sie hat einen Blick für die Qualitäten des Alltäglichen.

Warum ist das Thema Umbau so wichtig?

Zum einen findet bereits heute 80 Prozent der Bau­ tätigkeit im Bestand statt. Zum anderen kommt in den nächsten Jahren ein großer Renovierungsbe­ darf bei Gebäuden der Nachkriegsjahrzehnte auf uns zu. Die Siedlungsbauten der 50er bis 70er haben aber zugleich das Problem, dass sie ziemlich unbeliebt sind. Deshalb wollen wir interessante Umbaustrategien aufzeigen und eine Aufmerksam­ keit dafür schaffen, dass weniger Eingriff manch­ mal mehr ist.

Viele würden die Gebäude der 50er bis 70er lieber abbrechen und neu bauen. Ist jedes Bauwerk grund- sätzlich erhaltenswert?

Wenn man den energetischen Aspekt betrachtet, ist Abbruch immer Energieverschwendung. Dabei geht es nicht nur um die Energie, die ich aufwen­ den muss, um etwas Neues zu schaffen. In jedem Bestand steckt sogenannte „graue Energie“, die für Herstellung, Transport und Verarbeitung der Bau­ materialien verbraucht wurde. Wenn ich bei einer energetischen Sanierung in Betracht ziehe, wie viel graue Energie in den Baustoffen steckt, zum Beispiel in mineralölbasierten Dämmmaterialien, sieht die Bilanz schlecht aus. Eine konservative Studie geht davon aus, dass es 15 bis 25 Jahre dauert, bis ein Gebäude die Energie, die zu seiner Sanierung verwendet wurde, wieder eingespart hat.

Uns geht es in der Ausstellung aber nicht darum, zu sagen: „Alles muss erhalten bleiben“, sondern im Gegenteil um Veränderung und Weiterentwicklung. Was gut sichtbar wird an den vorgestellten Projekten, ist, wie Bestand gerade durch seine Sperrigkeit zu Lösungen führt, die man sich nicht hätte ausdenken können. Selbst aus der Hässlichkeit eines Gebäudes kann man etwas Neues gewinnen.

Was macht eine gute Umbaustrategie aus?

Jeder Bestand hat Qualitäten, die oft auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. Es geht darum, diese wahrzunehmen und zu prüfen, ob sie sich in die Gegenwart oder Zukunft übertragen lassen. Denn ein Gebäude speichert nicht nur Energie in Form von Materialien. Es speichert auch die Geschichten und erzählt von sozialen Zusammenhängen. Wir sollten Spaß an der Veränderung haben, dabei aber nicht sinnlos Dinge zerstören, die Potenzial für die Zukunft hätten. In der Annäherung von Alt und Neu stecken viele Möglichkeiten.

Was sollen die Besucher aus der Ausstellung mitnehmen?

Die Begriffe „Reduce/Reuse/Recycle“ stehen ja für eine Wahrnehmungsverschie- bung von Müll zu einem Wertstoff. Ich würde gern auch in der Betrachtung von Alltagsarchitektur die Wahrnehmung verändern. Für die meisten Architekten klingt Umbau immer noch irgendwie zweitklassig. Ich freue mich, wenn ein Besucher denkt: „Aha, da ist ja wirklich eine Qualität drin, die ich vorher noch nicht gesehen habe. Da kann man was draus machen!“ Architekten und Archi- tekturstudenten sollen Lust bekommen, sich mit Bestand zu beschäftigen und das als sehr kreative und freie Aufgabe zu betrachten. 

 

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Paris kann auch anders
Häuser 05 | 2012

Selbstsicher schwelgt die französische Metropole in ihrer Vergangenheit. Dabei hat die Stadt auch aufregend moderne Architektur zu bieten. Die Avantgarde liegt hier nur oft verborgen hinter historischen Fassaden. Eine Entdeckungsreise. [weiter]

Paris kann auch anders
Häuser 05 | 2012

Selbstsicher schwelgt die französische Metropole in ihrer Vergangenheit. Dabei hat die Stadt auch aufregend moderne Architektur zu bieten. Die Avantgarde liegt hier nur oft verborgen hinter historischen Fassaden. Eine Entdeckungsreise. 

 

Sie ist eine der schönsten städte der welt. Keine andere entspricht so sehr unserer Vorstellung von einer Metropole mit elegantem Charme. Allein der Geruch der Metro, der durch den Abrieb der bremsenden Gum- mireifen entsteht, löst Nostalgie aus. Spätestens wenn wir in einem Café mit Art-déco-Mosaik an einem der runden Marmortische am Boulevard sitzen, können wir gar nicht anders, als Paris zu lieben. Der einzige Vorwurf, den wir dieser Stadt machen könnten, wäre, dass sie ein Mythos ist – zu museal, um von heute zu sein.

Für zeitgenössische Architektur ist in der französischen Hauptstadt in der Tat wenig Platz. Wo auch immer man die Treppen der Metro emporsteigt, stehen Baudenkmäler – von mittelalterlichen Kirchen über Fassaden der Haussmann-Zeit bis zu Le Corbusiers Vorzeigeprojekten der Moderne. Architektur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es hier nicht leicht. Selbst François Mitterrand, der seine Regierungszeit (1981–1995) wie kein anderer Präsident dazu nutzte, das Gesicht der Stadt zu prägen, musste mit dem Triumphbogen „Grande Arche“ (Johan Otto von Spreckelsen) ins Hochhausviertel La Défense westlich von Paris und mit der Nationalbibliothek (Dominique Perrault) in das 13. Arrondissement ausweichen. Zu den jüngsten Großprojekten, die im Zentrum eröffnet wurden, zählt das Musée du Quai Branly von Jean Nouvel, und seit dessen Einweihung 2006 ist nun schon so viel Zeit vergangen, dass die Grünanlagen des Gartenkünstlers Gilles Clément schön verwildern.

Doch es gibt neues aus Paris – man muss nur gelegentlich ein paar Türen öffnen, um es zu entdecken. Die Avantgarde verbirgt sich hier gern hinter denkmalgeschützten Fassaden. Wer im Louvre zum Beispiel durch das obere Stockwerk des Denon-Flügels geht und auf dem Weg zur „Mona Lisa“ rechts einen Blick aus dem Fenster wirft, entdeckt sie: die schönste Innovation des Museums seit der Pyramide von I. M. Pei. Eine organisch geformte Dachkonstruktion aus Glas und Metallgewebe, die wie ein riesiges, vom Wind gebauschtes Tuch über dem Innenhof, der Cour Visconti, liegt. Im Sonnenlicht wirkt die Oberfläche „irisierend wie ein Libellenflügel“, so der Architekt Mario Bellini. In diesem Herbst wird darunter die neue Abteilung für islamische Kunst ein- geweiht, mit 2500 Exponaten aus 14 Jahrhunderten.

In der kaum weniger berühmten Opéra Garnier hat die Pariser Architektin Odile Decq ein exzentrisches Restaurant gebaut, ohne die denkmalgeschützten Kuppeln und Säulen anzutasten. Ihr Trick: ein kurvenreich geschwungenes Zwischengeschoss, das auf Säulen frei im Raum steht. „Es ist wie das Phantom der Oper“, erklärt die Architektin, „es gleitet lautlos durch die Räume, ohne etwas zu berühren.“ Tatsächlich wurde in diesem Haus der Mythos vom Phantom der Oper geboren, unter anderem wegen eines nie ganz aufgeklärten Unfalls: 1896 war das Gegengewicht eines prächtigen Kronleuchters zu Boden gestürzt und hatte eine Concierge erschlagen.

Auf der linken Seine-Seite versteckt sich hinter den Schaufenstern eines Ladenlokals an der Rue de Sèvres ebenfalls zeitgenössische Architektur. Hermès hat hier das Art-déco-Schwimmbad des Hotels „Lutetia“ in einen Flagship-Store umgebaut. Da der Denkmalschutz verlangte, dass die Räume jederzeit wieder als Bad genutzt werden können, deckte man das Becken mit einer Mosaikfläche ab. „Die wirkliche Herausforderung war, den eindrucksvollen Raum mit seinen umlaufenden Galerien als Verkaufsfläche zu gestalten“, sagt Architektin Julia Clapp vom Architekturbüro RDAI. Drei hüttenähnliche Pavillons aus gebogenen Eschenholzstäben waren die Lösung: Sie schaffen Räume im Raum und bieten Durchsicht auf die bestehende Architektur.

Ein nicht minder spektakulärer Umbau fand im ehemaligen Theater La Gaîté Lyrique am Rand des Marais-Viertels statt. Es wurde 1862 erbaut, stand jedoch in den vergangenen 20 Jahren leer, bis Architektin Manuelle Gautrand es zu neuem Leben erweckte – als Zentrum für digitale Künste. Die Bausubstanz war zu großen Teilen zerstört, weshalb der Kontrast von digitalen Themen und historischer Hülle nur in wenigen Räumen spürbar ist. Besonders gelungen ist das „Foyer Historique“ – darin schweben zwei LED-Kronleuchter wie Augen über einer Bar aus Lichtwürfeln, die in der Dämmerung einem gepixelten Lächeln ähnelt.

Neue bauprojekte hatten es in der Vergangenheit auch deshalb schwer in Paris, weil die Öffentlichkeit sie oftmals ablehnte. Die Glaspyramide von I. M. Pei konnte Mitterrand nur gegen großen öffentlichen Widerstand durchsetzen. Das von Renzo Piano und Richard Rogers entworfene Centre Pompidou wurde in den 70ern zunächst als Ölraffinerie beschimpft, und den Eiffelturm bezeichneten die Pariser während der Bauarbeiten als „wirklich tragische Straßenlaterne“. Heute verhindern eher die strengen Gestaltungsauflagen von Denkmalpflege und Baubehörden gewagte Experimente.

Die Bewohner selbst scheinen dem Neuen gegenüber toleranter geworden zu sein. Vor allem, wenn es sich mit historischer Hülle tarnt. Als das Palais de Tokyo, Museum für zeitgenössische Kunst, kürzlich die Eröffnung eines neuen Trakts mit einer 36-Stunden- Party feierte, kamen statt der erwarteten 10 000 Besucher 24 000. Dabei erwies sich das Architektenteam Lacaton & Vassal, das bereits die erste Umbauphase vor zehn Jahren gestaltet hatte, als durchaus schonunglos: rohe Betonböden, Maschendrahtzäune und Spanplat- ten lassen den Prachtbau aus den 30er Jahren im Inneren wie eine Techno-Location aus dem Berlin der 90er wirken. Aber genau dieser Hausbesetzer-Charme steht der Kunst gut, die hier ausgestellt wird. Und auch der Stadt – als Kontrast zur allgegenwärtigen Nostalgie.

 

LOUVRE

Ein Dach für die islamische Sammlung: Wie der Flügel einer Libelle schillert die gewellte Glas- und Metallhaut über der Cour Visconti, einem der Innenhöfe des Louvre. Unter der von Mario Bellini und Rudy Ricciotti entworfenen Konstruktion verbirgt sich die Sammlung für islamische Kunst, die im Herbst eröffnet wird. Da das Dach lichtdurchlässig ist, werden die lichtempfindlicheren Stücke in den beiden unteren Geschossen ausgestellt. Der Clou: Die Neorenaissance-Fassade aus dem 19. Jahrhundert bleibt trotz des Neubaus sichtbar.

PALAIS GARNIER

Balustrade mit Swing: Schon Architekt Charles Garnier hatte im Gebäude ein Restaurant vorgesehen, als er das Opernhaus für Napoleon III. entwarf. Fast 150 Jahre später eröffnete das Restaurant „L’Opéra“ im Seitenflügel. Die Pariser Architektin Odile Decq setzte der neobarocken Opulenz fließende Formen in Weiß und Knallrot entgegen. Sogar das Glas der Fenster ist wie ein Vorhang in sanfte Wellen gelegt.

 

HERMÈS

Showroom im Schwimmbad: Das Stammhaus des Luxus-Konzerns, 24, Faubourg Saint-Honoré, wurde in den 30er Jahren gestaltet. Als Hermès vor einigen Jahren dann nach einer weiteren Adresse, diesmal auf der linken Seine-Seite, suchte, erschien das „Lutetia“ die perfekte Wahl. Denn das Art-déco-Schwimmbad des gleichnamigen Hotels wurde ebenfalls in den 30ern errichtet. Mit dem Ausbau des denkmalgeschützten Raumes beauftragte man das Büro RDAI. Die Architekten entwarfen Hütten aus Eschenholz, um Räume im Raum zu schaffen, ohne die historische Substanz zu beschädigen. Der Pool wurde mit einem Mosaik bedeckt.

 

DOCKS EN SEINE

Ein grünes Kleid für die Cité de la Mode et du Design: In die Pariser Hafenanlagen ist neues Leben eingezogen. Das Architektenduo Jakob+MacFarlane gewann den Wettbewerb für die Revitalisierung der alten Lagerhallen am Seine-Ufer mit einem „plug over“-Konzept. Das Zementtragwerk der 1907 errichteten Gebäude wurde mit Röhren aus Glas und Stahl verkleidet, durch die man auf Treppenstufen die verschiedenen Stockwerke erreicht. Im Frühjahr eröffnete hier das neue Zentrum für Mode und Design.

 

PALAIS DE TOKYO

Jede Menge Spielraum: Mit 22 000 Quadratmetern ist das Palais de Tokyo seit April dieses Jahres Europas größte Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst. Die Architekten Lacaton & Vassal, die schon den ersten Bauabschnitt 2002 betreuten, hatten ein knappes Budget für den Umbau des Gebäudes aus den 30er Jahren. Ihr Konzept: minimale Intervention und einfache Materialien in Rohbauqualität. Das Ergebnis ist eine spektakuläre Bühne für Installationen wie Ulla von Brandenburgs „Death of a King“ (oben).

 

LA GAÎTE LYRIQUE

Belle Époque trifft auf digitales Zeitalter Erbaut wurde La Gaîté Lyrique in den 1860er Jahren als Operettenhaus. Anfang des 20. Jahrhunderts begeisterten Serge Diaghilevs Ballets Russes auf der Bühne. Nachdem in den 80er Jahren der Versuch, einen Vergnügungspark zu installieren, gescheitert war, stand das Haus leer. Bis Architektin Manuelle Gautrand es zu einem Forum für digitale Künste umbaute. Heute erfreuen sich hier Technikbegeisterte an digitalem Spielzeug, und Kulturinteressierte kommen zu Vernissagen, Konzerten und Performances.

 

TIPPS & ADRESSEN

Abteilung für islamische Kunst im Musée du Louvre 75058 Paris, Metro: Louvre/ Palais Royal Musée, Tel. +33- 1-40 20 53 17, www.louvre.fr

Restaurant „L’Opéra“ im Palais Garnier Place Jacques Rouché, 75009 Paris, Metro: Opéra, www.opera-restaurant.fr

Hermès Showroom. 17, rue de Sèvres, 75006 Paris, Metro: Sèvres-Babylone, www. hermes.com

Les docks en seine/Cité de la Mode et du Design. 34, quai d’Austerlitz, 75013 Paris, Metro: Gare d’Austerlitz, www.paris- docks-en-seine.fr

Palais de Tokyo Erweiterung des Zentrums für zeitgenössische Kunst. 13, avenue du Président Wil- son, 75016 Paris, Metro: Iéna, www.palaisdetokyo.com

La Gaîté Lyrique Zentrum für digitale Künste. 3, bis rue Papin, 75003 Paris, Metro: Réaumur-Sébastopol, www.gaite-lyrique.net

Mobile Art Pavillon Ausstellungsraum für junge Kunst vor dem Institut du Monde Arabe. 1, rue des Fosses Saint-Bernard, 75005 Paris, Metro: Jussieu, www.imarabe.org

 

MODERNE ARCHITEKTUR KLASSIKER

Centre Pompidou: Das von Renzo Piano und Richard Rogers entworfene Zentrum für moderne Kunst wurde 1977 eröffnet. Place Georges Pompidou, Metro: Rambuteau, www.centre pompidou.fr

Musée du Quai Branly: Das Museum für außereuropäische Kunst von Jean Nouvel öffnete 2006 seine Türen. 37, quai Branly, 75007 Paris, Metro: Pont de l’Alma, www. quaibranly.fr

Fondation Le Corbusier: Die beiden von Le Corbusier 1923 erbauten Villen Jeanneret und La Roche sind heute Museum. 8–10, square du Docteur-Blanche, 75016 Paris, Metro: Jasmin, Tel. +33-1-42 88 41 53, www. fondationlecorbusier.fr

Maison Tzara: Nur von außen zu besichtigen: das Haus, das Adolf Loos 1926 für den Künstler Tristan Tzara baute. 15, avenue Junot, 75018 Paris, Metro: Lamarck-Caulaincourt

Maison de Verre: Die Ikone der Klassischen Moderne, 1932 nach einem Entwurf von Pierre Chareau vollendet, ist ebenfalls nur von außen zu besichtigen. 31, rue Saint-Guillaume, 75007 Paris, Metro: Rue du Bac

Zentrale der kommunistischen Partei Frankreichs Das von Oscar Niemeyer entworfene Gebäude wurde 1971 fertiggestellt. Besichtigung der Innenräume nur nach Terminvereinbarung. 2, place du Colonel Fabien, 75019 Paris, Metro: Colo- nel Fabien, Tel. +33-1- 40 40 12 12, www.pcf.fr

HOTELS

Hotel HI Matic: Klein, bunt und ungewöhnlich ist das von Designerin Matali Crasset konzipierte „HI Matic“-Hotel. DZ ab 110 Euro, 71, rue de Charonne, 75011 Paris, Metro: Charon- ne, Tel. +33-1-43 67 56 56, www.hi-matic.net

Intercontinental Paris Le Grand: 1862 eröffnet, ist das Haus ein Musterbeispiel für den Baustil unter Napoleon III. DZ ab 335 Euro, 2, rue Scribe, 75009 Paris, Metro: Opé- ra, Tel. +33-1-40 07 32 32, www.paris.intercontinental. com

Hotel Design de la Sorbonne: Charmant, persönlich und perfekt gelegen für Flaneure und Fans des alten und neuen Paris. DZ ab 100 Euro, 1, rue Victor Cousin, 75005 Paris, Metro: Cluny Sor- bonne, RER Luxembourg, Tel. +33-1-40 46 22 11, www.hotelsorbonne.com

La Maison Champs-Élysées: Der belgische Modedesigner Martin Margiela redesignte das Hotel als eine Hommage an die Farbe Weiß. DZ ab 340 Euro, 8, rue Jean Gou- jon, 75008 Paris, Metro: Franklin D. Roosevelt, Tel. +33-1-40 74 64 65, www. lamaisonchampselysees.com

RESTAURANTS/BARS

Les Collections: Der Designer Didier Gomez gab dem Restaurant im „Sofitel Paris Le Faubourg“ einen neuen Look, die Küche bleibt gehoben französisch. 15, rue Boissy d’Anglas, 75008 Paris, Métro: Concor- de, Tel. +33-1-44 94 14 14

Le derrière: Die Küche des Hinterhof- Restaurants ist modern französisch, die Einrichtung bietet Retroschätze aus verschiedenen Jahrzehnten. 69, rue du Gravilliers, 75003 Paris, Metro: Arts et Metiers, Tel.+33144619195, www.derriere-resto.com

Le Bar à Champagne: Die Bar gehört zum Restaurant „Le Ciel de Paris“ – und dem ist man in der 56. Etage des Tour Montparnasse ganz nah. 33, avenue Maine, Metro: Montparnasse-Bienve- nue, Tel. +33-1-40 64 77 64, www.cieldeparis.com

Café Germain: Die Designerin India Mahdavi gestaltete das Restaurant. Blickfang: eine Frauenfigur, die über zwei Stockwerke reicht. 25/27, rue de Buci, 75006 Paris, Metro: Mabil- lon, Tel. +33-1-43 26 02 93

DESIGN GALERIEN

Galerie BSL: Noé Duchaufour-Lawrance entwarf einen futuristischen Corian-Ausbau für die kleine Design-Galerie im Marais. 23, rue Charlot, 75003 Pa- ris, Metro: Filles du Calvaire, Tel. +33-1-44 78 94 14, www.galeriebsl.com

Galerie Kreo: Hier gibt es limitierte Editionen zeitgenössischer Designer wie Pierre Charpin, Ronan & Erwan Bouroullec, Martin Szekely und Konstantin Grcic. 31, rue Dauphine, 75006 Paris, Metro: Odéon, Tel. +33-1-53 10 23 00, www.galeriekreo.com

Galerie Christine Diegoni: Gute Adresse für Möbel der 50er bis 80er Jahre. Schwerpunkt: Leuchten von Gino Sarfatti. 47, ter rue d’Orsel, 75018 Paris, Metro: Abes- ses, Tel. +33-1-42 64 69 48, www.christinediegoni.fr

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Wie Deutschland wohnt
Der Tagesspiegel | Sonntag, 13. Mai 2012

Offene Küche? Holz? Gardine und Teppich? Antworten über Stil und Vorlieben in deutschen Wohnungen gibt die größte Studie seit 20 Jahren – die gerade präsentiert wurde. [weiter]

Wie Deutschland wohnt
Der Tagesspiegel | Sonntag, 13. Mai 2012

Offene Küche? Holz? Gardine und Teppich? Antworten über Stil und Vorlieben in deutschen Wohnungen gibt die größte Studie seit 20 Jahren – die gerade präsentiert wurde. 

 

Wie modern wohnen die Deutschen? Wenn es nach Einrichtungsmagazinen geht, lautet die Antwort: Familien in München, Ber- lin und Osnabrück leben offen, hell und weiträumig, in einem Mix von Designermöbeln und erlesenen Vintage-Stücken. Das Möbelunternehmen Interlübke wollte es ge- nau wissen – und beauftragte das Bielefelder Forschungsinstitut Emnid mit einer umfassenden Studie. Der Kultursoziologe Alphons Silbermann hatte mit Emnid bereits 1961 und 1989 einen Blick in deutsche Wohnzimmer geworfen. In Weiterführung der Silbermann-Studie wurden nun erst- mals auch Ostdeutsche darüber befragt, was ihnen daheim wichtig ist.

WAS FÜR

UNS DEUTSCHE

WIRKLICH ZÄHLT

Am Dienstag stellte Emnid-Geschäftsführer Klaus-Peter Schöppner die Ergebnisse von „Deutschland privat – So wohnen und leben die Deutschen 2012“ vor. Er hatte bereits Ende der 80er Jahre an der Silbermann-Studie mitgearbeitet. Das wichtigste Resümee: „Es gibt nichts, womit sich die Deutschen mehr befassen als mit ihrer Wohnung. In Zeiten der Verunsicherung durch unruhige Finanzmärkte, die Globalisierung und eine immer älter werdende Gesellschaft sind die eigenen vier Wände ein wichtiger Rückzugs- und Wohlfühlort.“ Nicht etwa das Auto ist den Deutschen hoch und heilig, sondern ihr Zuhause. Für 68 Prozent der Deutschen ist ihre Wohnung wichtiger als Freizeit, Auto, Urlaub, Internet und Kleidung. Kein Wunder, dass ein deutscher Werbespruch so geht: „Eigenheim, Glück allein.“

DER SCHÖNSTE

ORT VON ALLEN:

DAS ZENTRUM DES LEBENS

Der liebste, meist genutzte und wichtigste Raum der Wohnung ist nach wie vor das Wohnzimmer, und in seiner Popularität hat es seit 1989 sogar noch zugelegt. Liegt es daran, dass die Wohnräume immer größer und vielgestaltiger werden? So suggerieren es wenigstens Hochglanzmagazine. In ihnen wird zwischen Esstisch und Sitzgruppe, Küchentheke und Kochinsel mit Familie und Freunden geredet und gelacht, während das Vollinduktionskochfeld verhindert, dass das Pastawasser überkocht. Diese Verschmelzung von Wohnzimmer und Küche ist zwar in Zeitschriften und Prospekten von Immobilienentwicklern allgegenwärtig, in der Realität bleibt sie aber die Aus- nahme. 51 Prozent der Wohnzimmer werden als reine Wohnräume genutzt: zum Entspannen oder Fernsehgucken. Nur sechs Prozent der Befragten nutzen einen offenen Raum zum Wohnen und Kochen. Weitaus mehr, nämlich 40 Prozent, essen mit Familie oder Freunden im Wohnzimmer, nur die multifunktionalen Räume, in denen das Wohnen mit der Arbeitsecke, dem Schlafraum oder der Küche konvergiert, sie bleiben im einstelligen Bereich. Das Trendthema „offenes Wohnen“ hat sich in bundesdeutschen Haushalten noch nicht durchgesetzt. „Das kann daran liegen, das die Architek- tur in vielen Fällen die Nutzung von Räumen vorgibt“, erklärt Klaus-Peter Schöppner. „Schließlich leben die meisten Deutschen in Altbauten, in denen sich offene Wohnküchen und auch Wellness-Badezimmer nur unter aufwendigen Baumaßnahmen realisieren lassen würden.“ Nur wer neu baut, scheint ein größeres Interesse für amerikanische Küchen und Kochinseln zu haben. Das könnte sich in der nächsten Studie als Trend herauskristallisieren.

GANZ NORMAL

UND ALLES

ALTBEWÄHRT

Die Möblierung des deutschen Wohnzimmers hat sich seit den 80er Jahren nur unwesentlich verändert. Hier steht die Sitzgarnitur (95%) unangefochten an erster Stelle der Einrichtung. Darauf folgen der Fernseher, Pflanzen und der niedrige Couchtisch. Eine große Überraschung: An hiesigen Fenstern hängen mehrheitlich weiterhin Gardinen (77%). Für mehr als die Hälfte aller Deutschen sind außerdem Tapeten, Teppich und eine Schrankwand essenziell im Wohnzimmer. Einzig der Computer konnte seine Präsenz im Wohnbereich seit 1989 von drei auf 22% versiebenfachen – eine nicht verwunderliche Zahl angesichts des Internetaufstiegs. Das durchschnittliche Wohnzimmer der Nation sieht gar nicht so anders aus, als es die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt 2004 entworfen hat: fleckenunempfindlicher Veloursteppich, beige Sitzgruppe mit gläsernem Couch- tisch, Raufasertapete und eine hellholzige Schrankwand, in deren Zentrum der Fernseher thront. Die Agentur richtete sich so einen Konferenzraum ein, um „auf Augenhöhe“ mit den Müllers von ne- benan über Kampagnen für Fertiggerichte, Putzmittel und Versicherungen nachdenken zu können. Wenn es nach der Studie geht, kann Jung von Matt unbedenklich weiter in diesem Ambiente an Ideen basteln.

HOLZ IN

DEN HÜTTEN,

DAS WAR FRÜHER

Nur ein Aspekt ändert sich langsam, aber sicher in deutschen Haushalten: Während 1989 noch fast die Hälfte aller Befragten angab, sich am liebsten mit sanften Farben und Holztönen zu umgeben, sind es heute nur noch 38%. Im Gegenzug ist die Lust an der Helligkeit gestiegen. Der Anteil der Menschen, die in den eigenen vier Wänden die Farbe Weiß bevorzugen, ist um 17% gestiegen.

WO ICH MICH BETTE,

DA RUHE ICH

UND SONST NICHTS

Wo das Bett steht, da ist für viele der Lebensraum klar abgegrenzt. Die Mehrheit von 85% nutzt ihr Schlafzimmer genau dafür: zum Schlafen. Nur ein Zehntel holt sich die Arbeit in den Ruhebereich und kombiniert das Bett mit einer Arbeitsecke im selben Zimmer. Noch weniger trennen den Wohn- nicht vom Schlafbereich. Und ein verschwindend geringer Teil der Deutschen will sich neben Bett oder Matratze noch körperlich ertüchtigen – und hat sich das Schlafzimmer als Fitness- oder Wellnesszone mit Hanteln oder Heimtrainer auserkoren. Was sich geändert hat, das ist die Nutzung des Raums. Er ist nicht mehr nur der Ort für den Austausch von Intimität oder zum Lesen, sondern wird vielfach genutzt, um persönliche Gespräche zu führen oder tagsüber zu entspannen. Weniger als ein Drittel sieht im Schlafzimmer fern, noch weniger beschäftigen sich im Bett mit ihrem Computer.

MEIN FERNSEHER,

MEINE HIGH-TECH-ANLAGE,

MEIN STROMVERBRAUCH

Dank des Siegeszuges von Internet und Breitbandleitungen haben sich in den vergangenen 20 Jahren unsere Wohnzimmer rasant entwickelt: von „guten Stuben“ zu kleinen Heimkinos, die in einigen Fällen mit Dolby-Surround-Soundsystemen und hauchdünnen Flachbildschirmen aufge- rüstet sind. Das Wohnen wird dank der Fortschritte in der Unterhaltungsindustrie technologieorientierter. In neun von zehn Wohnzimmern steht inzwischen ein Fernseher. Computer finden sich in jedem fünften Wohnzimmer, jeder achte Schlafraum verfügt ebenfalls über so ein Gerät – und fast genauso viele Computer stehen mittlerweile in Kinderzimmern.

GESCHMACK IST,

WAS MIR GEFÄLLT

UND MEINER MUTTI

Die Magazine können sich noch so viel Mühe geben, zwischen Nordsee und Alpen regiert die Skepsis. Modetrends sind den Deutschen in ihren Wohnungen herzlich schnuppe – man könnte auch sagen: Sie sind beratungsresistent. Denn 95% der Befragten geben an, sich ganz nach ihrem persönlichen Geschmack einzurichten, was natürlich nichts über den vermeintlichen Stil aussagt. Nur der Rest orientiert sich an aktuellen Trends. Beim Kauf von Möbeln achten die Deutschen vor allem auf Dinge, die mit Gestaltung und Form wenig zu tun haben: Funktionalität steht bei so gut wie allen Käufern an erster Stelle, dicht gefolgt von Langlebigkeit. Der dritte Faktor, der den Kauf eines neuen Möbelstückes beeinflusst, ist der Preis. Erst danach kommen Umweltverträglichkeit des Produktes und ganz am Ende der Bekanntheitsgrad der Marke. Für den Auftraggeber der Studie, die Firma Interlübke, muss das ein kleiner Schock sein. Dementsprechend fällt die Reaktion im Hauptsitz in Rheda-Widenbrück aus. „Es war für uns überraschend zu erfahren, wie konservativ die Deutschen heute wohnen“, sagt Geschäftsführer Leo Lübke. Vielleicht sollte der Möbelhersteller einfach genauer darauf achten, wen die Deutschen zu Rate ziehen, wenn sie ein neues Bett oder Sofa kaufen möchten. Umfassend beraten lassen sich alle. Nur ihre Tipps holen sich 83% der Befragten aus der eigenen Familie oder vom Partner. In Katalogen recherchieren fast drei Viertel, die Hälfte schaut im Internet nach – und noch weniger lassen sich von Zeitschriften inspirieren.

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Möbel für Piraten
Tagesspiegel | Sonntag, 01. April 2012

Wer Musik, Filme und Texte nur digital speichert, braucht keine Regale für CDs, DVDs und Bücher mehr. Deshalb werden E-Reader, Tablet und iPad nicht nur unsere Mediennutzung umkrempeln, sondern bald auch unsere Wohnungen. [weiter]

Möbel für Piraten
Tagesspiegel | Sonntag, 01. April 2012

Wer Musik, Filme und Texte nur digital speichert, braucht keine Regale für CDs, DVDs und Bücher mehr. Deshalb werden E-Reader, Tablet und iPad nicht nur unsere Mediennutzung umkrempeln, sondern bald auch unsere Wohnungen. Der Tag, an dem der Internetbuchhändler Amazon über seine englischsprachige Homepage erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkaufte, liegt inzwischen ziemlich genau ein Jahr zurück. „Wir hatten gehofft, dass es irgendwann geschehen würde“, verkündete damals Amazon-CEO Jeff Bezos. „Aber wir hätten nie damit gerechnet, das es so schnell passieren würde.“ Der Kindle, Amazons hauseigener E-Reader, entwickelte sich 2011 zum bestverkauften Produkt in der Geschichte der Firma. Bedeuten diese Entwicklungen nun endgültig das Ende des gedruckten Buchs?

Wohl kaum. Dennoch wird das elektronische Buch langfristig sicher nicht nur den Buchhandel umkrempeln, sondern auch unsere Wohnzimmer. Zumindest die Hersteller von Bücherregalen scheinen das zu glauben. Wer in diesem Frühjahr über die Möbelmessen in Köln, Stockholm oder Paris streifte, konnte allerhand Neuheiten entdecken, die sich weniger um Stauraum als um das Ablegen, Laden und Präsentieren elektronischer Gadgets bemühen. Vom „Büchertablett“ des bay- rischen Herstellers Auerberg, das Büchern und Elektrogeräten auf dem Schreibtisch einen Platz gibt, über Dick Van Hoffs „Crossdock Media Rack“, einen Zeitschriftenständer fürs digitale Zeitalter, bis zu „Wall in One“, einem elegant gebogenen Wandpaneel, auf dem sich ein Laptop (und sonst nicht viel mehr) ablegen und mit Strom versorgen lässt. Auch beim Salone del Mobile, der vom 17. bis 22. April stattfindenden Mailänder Möbelmesse, werden wieder reichlich Regale vorgestellt, die zu schmal, zu gering in der Korpustiefe, zu filigran sind, um eine ordentliche Buchsammlung zu tragen. Zum Beispiel „Rocky“, eine moderne Kredenz, die Charles Kalpakian für das neue Label La Chance entworfen hat: eine dreidimensionale Skulptur für die Wand, die am bes- ten aussieht, wenn gar nichts drinsteht.

Statt viel Stauraum bieten die Regale der neuen Generation immer öfter neue Funktionalitäten: Steckdosen, an denen sich Smartphone und iPad aufladen lassen, Kabelrinnen, die Elektro-Unordnung verbergen, und schmale Schienen, die den geliebten Gadgets Halt bieten sollen. Leo Lübke, geschäftsführender Gesellschafter des Schranksystemherstellers Interlübke, erklärt die Hintergründe: „Die Art, wie wir Medien nutzen, verändert auch unsere Art des Wohnens. Wenn eine Musiksammlung von 1200 CDs gerade mal 60 GB Speicherplatz benötigt, und eine ganze Bibliothek auf einem notizbuchgroßen Gerät Platz findet, dann werden wir in Zukunft immer weniger Bücherregale benötigen.“ Die Neuheit, die Interlübke in diesem Jahr präsentiert, passt wunderbar zur Bücherlosigkeit der Zukunft. „Bookless“ erinnert mehr an einen Setzkasten als an Stauraum. Raumtei- ler und Vitrine soll es sein, ein Möbel, in dem Menschen ihre Lieblingsdinge in Szene setzen können. Dabei hilft eine LED-Leiste, die den Regalinhalt illuminiert, wie im Schaukasten einer Galerie.

Wohnungen ohne Bücher – etwas bedauerlich wäre die Entwicklung schon. Die Regalmeter an Gelesenem, die wir im Lauf eines Lebens ansammeln, sind ja nicht nur Papierballast, sie haben auch eine Beweisfunktion. Sie erzählen von unserer Persönlichkeit. Wer geht nicht, wenn er zum ersten Mal jemanden besucht, am Bücherregal vorbei, um verstohlen den Inhalt zu prüfen? Sind die Buchrücken nach Größe geordnet, gar nach Farben? Was steht auf Augenhöhe? Zerfledderte Reiseführer in Doppelreihen? Oder schwere Kunstbände, die aussehen, als würden sie nur mit Baumwollhandschuhen durchblättert? Steht da Ideologisches? Karl Marx, Francis Fukuyama, Thilo Sarrazin? Sieht „Finnegan’s Wake“ auch wirklich durchgelesen aus?

Dieses Vergnügen könnte uns in Zukunft abhandenkommen – denn wer würde sich an einem E-Reader oder Tablet vergreifen, um die Literaturliste seines Gastgebers zu scannen? Andererseits: So wie wir uns daran gewöhnt haben, Musik auf dem iPod zu hören, wird möglicherweise auch die bücherbefreite Wohnung irgendwann Normalität sein. „Unsere Mediennutzung wird sich extrem verändern“, glaubt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann, „Tablets werden Fernsehgeräte, Bücher und Zeitschriften überflüssig machen.“ Die Schrankwand mit TV-Altar und Sitz- gruppe davor könnte bald ausgedient haben, denn um mit einem Tablet-PC einen Film zu sehen, muss sich die Familie nicht mehr vor dem Fernsehgerät versammeln. Jedes Haushaltsmitglied wird sein eigenes Gerät besitzen, um Filmstreams anzusehen, Social-Media-Seiten zu verfolgen, E-Mails zu schreiben, Bücher und Zeitschriften zu lesen. Die Möbelindustrie stellt sich darauf ein: Zum Beispiel mit dem Sofa „Suita“, das Antonio Citterio für Vitra entworfen hat. An der Rückenlehne ist eine kleine Ablage angebracht, gerade breit genug, um ein persönliches Kommunikationsgerät abzulegen und immer griffbereit zu haben. „Die Entwicklung wird ähnlich verlaufen wie damals, als die Telefone schnurlos wurden“, glaubt Trendforscher Wippermann. Früher fanden wir es selbstverständlich, beim Telefonieren im Flur zu stehen. Dann konnte man Telefone plötzlich überallhin mitnehmen: in die Badewanne, ins Bett, aufs Sofa. Bald begann jeder, sein eigenes Handy zu benutzen. Heute fänden viele die Vorstellung unzumutbar, sich ein Telefon mit der Familie teilen zu müssen.

„Auch die Vorstellung, Bücher nur noch immateriell in Form von Dateien zu besitzen, spaltet unsere Kultur enorm“, fügt Wippermann hinzu. „Es wird immer Leute geben, die große Bibliotheken haben und sich nicht vorstellen können, per E-Reader zu lesen. Aber die große Masse der Bevölkerung wird Bücher digital lesen. Was auf das Verschwinden des gedruckten Buchs folgt, ist das Phänomen der Verfeinerung. Der Markt für limitierte Editionen wird wachsen, und Bücher werden zu einem Luxusgut werden – ironischerweise nur ein paar Jahrzehnte, nachdem die Erfindung des Taschenbuchs die Branche demokratisiert hat.“

Auch das passt zu den Möbelneuheiten der Saison: Von Muutos Regal „Stacked“ über die „Sum Shelves“ bei Magazin bis zu Interlübkes „Bookless“ haben die aktu- ellen Regalentwürfe eine „Galeriefunktion“: Sie sind dazu gebaut, Raritäten und Lieblingsdinge auszustellen. „Bookless“ gibt es auf Wunsch mit Acrylbuchstützen, auf denen Bildbände aufgeklappt präsentiert werden können. In Zukunft wird man Gästen also nicht mehr sein gesamtes Bücherregal präsentieren, sondern nur noch die aufgeblätterten Lieblingsseiten seiner Lieblingsbücher.

Falls nun jemand denkt, das sei doch alles frühestens in 20 Jahren und überhaupt nur in den USA ein Thema, dann ist das einerseits richtig: Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, die gerade erst zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht wurde, lag der Marktanteil von E-Books am gesamten Buchhandel 2010 in Deutschland bei nur einem Prozent. Andererseits: Im vergangenen Jahr stieg der E-Book-Umsatz um 77 Prozent. Im Januar 2011 besaßen 380 000 Deutsche einen E-Reader, ein Jahr später waren es bereits 1,6 Millionen. Und Peter Wippermann, der Trendforscher, gibt Deutschland bis zur Buchlosigkeit noch drei bis fünf Jahre.

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Zweite Reihe Mitte
Schöner Wohnen | 04/2012

Auf einem Berliner Hofgrundstück baute sich ein Architektenpaar ein Haus zum Leben und Arbeiten. Mit minimalistischem Sichtbeton, harmonischen Farbwelten und einem grandiosen Blick ins Grüne. [weiter]

Zweite Reihe Mitte
Schöner Wohnen | 04/2012

Auf einem Berliner Hofgrundstück baute sich ein Architektenpaar ein Haus zum Leben und Arbeiten. Mit minimalistischem Sichtbeton, harmonischen Farbwelten und einem grandiosen Blick ins Grüne. Berlin ist ein Dorf, zumindest hier, hinter der Fassade der Bernauer Straße Nr. 5. Wer durch die Hofeinfahrt geht, lässt den Mitte-Trubel hinter sich. Ein schmaler Fußweg krümmt sich wie ein mittelalterliches Gässchen, gesäumt von Kinderspielzeug und Fahrrädern. Nur stehen hier keine alten Mauern, sondern modernste Reihenhäuser dicht an dicht. 16 Bauherren haben sich, im Grenzbereich zwischen Mitte und Wedding, innovative Wohn- und Arbeitsstätten errichtet. Dass es mitten in der Stadt solche Grundstücke gibt, haben sie der deutschen Teilung zu verdanken. Jahrzehnte lang verlief hier die Mauer und hinterließ mitten im Stadtgebiet eine grüne Narbe. Bis 2000 dauerte die Restituierung, 2005 teilte man das Areal in Parzellen auf, die in Erbpacht an eine Gruppe von Bauherren verkauft wurden – die meisten von ihnen Architekten, Kreative und Filmschaffende.

Das Grundstück, das sich die Familie Ludloff aussuchte, war nicht groß (160 m2), aufgrund seiner Lage in der Kurve leicht trapezförmig geschnitten und nach Süden ausgerichtet. Kein einfacher Schnitt, aber beste Bedingungen, um einem Haus mit kleiner Grund- fläche (ca. 60 m2) zum großen Auftritt zu verhelfen: Wer heute durch die Tür der dunklen Reihenhausfassade tritt, wird an sonnigen Tagen vom leuchtenden Grün des Gartens geblendet, das durch die Glas- fassade auf der breiten Südseite scheint.

Die Eingangshalle im Erdgeschoss ist der zentrale Raum des Hauses. Hier werden tagsüber Meetings abgehalten und Kundengespräche geführt – das Architekturbüro liegt im Untergeschoss –, abends wird an dem vier Meter langen Tisch mit Familie und Freunden gesessen, geredet, gegessen. „Wir wollten das Reihenhaus als Einraumgebäude neu definieren“, erklärt Laura Fogarasi-Ludloff, „ein offenes Haus, in dem man die Großzügigkeit des Raumes auf jeder Etage erleben kann.“ Die Atmosphäre wandelt sich von einem Stockwerk zum anderen, was die Architekten vor allem durch den Einsatz von Farbe erreicht haben. Im Erdgeschoss, wo gearbeitet und kommuniziert wird, sind die Wände in sachlichen Grau- und Blautönen gehalten. Die „Kinderetage“ im ersten Stockwerk ist weiß und ochsenblutrot, das private Wohnzimmer ganz oben in zwei kräftigen Orangetönen gestrichen. „Je privater die Nutzung des Raumes, desto kräftiger haben wir die Farben gewählt“, erklärt Laura Fogarasi-Ludloff. Ganz oben, im Treppenhaus, ist die Decke himmelblau, um die Höhe des Raumes zu betonen. Weil die vier Etagen des Hauses ansonsten von Sichtbeton und glatten Linoleumböden geprägt sind, wirkt das Farbenspiel an keiner Stelle zu bunt.

„Das Schöne daran ist ja“, sagt Laura Fogarasi-Ludloff, „dass man nur einen Topf neuer Farbe kaufen muss, wenn man etwas an seiner Umgebung ändern will.“ In den vier Jahren, seit die Architektenfamilie hier lebt, hat sie sich allerdings noch an keiner der Farben übersehen, dafür wurde ihr Heim mit dem „Häuser-Award“ ausgezeichnet.

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Bessere Stadt, besseres Leben
Audi Magazin | 01/2012

Der  junge dänische Architekt Bjarke Ingels baut Häuser, die sozialverträglich und umweltbewußt, durchdacht und experimentell zugleich sind. Und gewinnt mit seinen Entwürfen Architekturpreise und Wettbewerbe in Serie. [weiter]

Bessere Stadt, besseres Leben
Audi Magazin | 01/2012

Der  junge dänische Architekt Bjarke Ingels baut Häuser, die sozialverträglich und umweltbewußt, durchdacht und experimentell zugleich sind. Und gewinnt mit seinen Entwürfen Architekturpreise und Wettbewerbe in Serie. 

Bjarke Ingels ist gerade mal 37, hat vor sechs Jahren in Kopenhagen das Architekturbüro BIG („Bjarke Ingels Group“) gegründet und gilt derzeit als der Shootingstar der Branche. Er gewinnt Architekturpreise und Wettbewerbe in Serie, hat Baustellen rund um den Globus, und das US-Magazin „Fast Company“ zählte ihn 2010 zu den 100 kreativsten Köpfen des Planeten. Wie er es so schnell geschafft hat? In Rotterdam lernte er bei Rem Koolhaas, dass Kommunikation für einen Architekten ebenso wichtig ist wie Kreativität. Nach ein paar Jahren im „Office for Metropolitan Architecture“ gründete er mit einem Kollegen das Studio PLOT und entwickelte einen eigenen Ansatz: Nicht so exaltiert wie die „Starchitecture“ sollten seine Gebäude sein und nicht so langweilig wie die Gebrauchsarchitektur, die unsere Städte dominiert. Stattdessen wollte er perfekte Orte schaffen, die soziale, ökonomische und ökologische Ansprüche erfüllen. „Pragmatischen Utopismus“ nennt Bjarke Ingels seinen Ansatz, den er auch nach der Trennung von PLOT und Gründung von BIG beibehielt.

Was er darunter versteht, sieht man an den zahlreichen Modellen, die sich im Büro an der Nørrebrogade auf Fensterbänken und Regalen stapeln. Seine Gebäudeentwürfe sind mutig, ungewöhnlich und humorvoll, aber bezahlbar. Einen Apartmentblock in Kopenhagen stattete er mit dreieckigen Balkonen aus. Sie verbinden größtmögliche Fläche mit minimalem Schatten und verleihen der Fassade eine interessante Geometrie. Direkt daneben sollte er einen Parkplatz und einen weiteren Wohnblock bauen. Ingels fusionierte beide Aufgaben, baute Apartmentreihen, die versetzt auf einem mehrstöckigen Park- haus angeordnet sind, und deren Terrassen die Überdachung für die parkenden Autos sind. Weil das Gebäude sich wie ein Berg im sonst bügelbrettflachen Kopenhagen er- hob, perforierte er die Aluminiumfassade des Parkhauses, um sie luftdurchlässig zu machen, und bedruckte sie mit einem Foto des Himalaya.

Als es darum ging, ein Konzept für den dänischen Pavillon zur Expo 2010 zu entwickeln, beantwortete BIG das Ausstellungsmotto „Better City, Better Life“ mit einer einfachen Idee: Sie wollten den Bewohnern zeigen, was für einen Spaß Radfahren in Kopenhagen macht. 300 Citybikes standen den Besuchern zur Verfügung, auf denen sie in einer Endlosschleife um die aus dem Kopenhagener Hafen entführte „Kleine Meerjungfrau“ kreisen durften. Und für das neue Rathaus der estnischen Hauptstadt Tallinn erdachte BIG einen Plenarsaal mit verspiegelter Decke. „Wir nennen es das demokratische Periskop“, erklärt Bjarke Ingels, „es schafft eine Verbindung zwischen politischem Überblick und öffentlichen Einsichten.“ Die Politiker können die Reflexion des städtischen Lebens an der Decke sehen – und die Bürger können von der Straße aus ihre Politiker bei der Arbeit im Auge behalten.

„Das Einfache im Komplexen zu finden“ ist Bjarke Ingels’ Ziel. „So wie man bei der Software-Programmierung bestrebt ist, immer kürzere Codes für immer komplexere Inhalte zu schreiben, so versuchen wir in der Archi- tektur den maximalen Effekt mit möglichst wenig Mitteln zu erreichen. Das Maximum an Möglichkeiten mit einem Minimum an Investment.“ Diese Idee steckt in seinen Gebäudeentwürfen, deren Form davon bestimmt ist, grüneres, energieeffizienteres und sozial attraktiveres Leben in urbanen Ballungsräumen zu ermöglichen. Und sie zieht sich auch durch seine theoretische Arbeit.

Bjarke Ingels denkt groß, und das liegt eigent- lich nicht an seinem Firmennamen, der nur ein Akronym für Bjarke Ingels Group ist. Als 2010 die erste Monografie über BIG erschien, gestaltet wie ein Comicbuch, waren darin große Ideen versammelt, die der Gründer enthusiastisch vorstellte. Ein sternförmiger Superhafen in der Ostsee zum Beispiel oder ein Wolkenkratzer in der Form eines „ren“, des chinesischen Schriftzeichens für „Mensch“. Allerdings fanden nur die wenigsten der großen, innovativen Ideen einen Weg in die Realität. „Architektur ist ein Gentlemen’s Sport“, kommentiert Bjarke Ingels gelassen. Das kann er sich erlauben, denn inzwischen häufen sich die Momente, in denen er durch fertig gestellte BIG-Gebäude geht. „Das ist immer ein besonderer Glücksmoment – etwas in der Realität zu erleben, woran man fünf Jahre gearbeitet hat“, sagt Bjarke Ingels. Besonders Spaß machte der Moment in diesem Frühjahr, als die ersten Familien in das „8 House“ einzogen. Der schleifenförmige Gebäudekomplex in Kopenhagen, der 61.000 m2 Fläche für Ge- schäfte, Büros und Wohnungen bietet, trägt die typische BIG-Handschrift: Die Südwestspitze des Gebäudes ist in den Boden gedrückt, damit Sonnenlicht in den Innenhof gelangt. Und weil Bjarke Ingels das Gebäudedach als Ram- pe geplant hatte, konnte er das 8 House erradeln, vom Straßenniveau bis zum Penthouse.

„Wir Architekten sind die Leute, die die Oberfläche des Planeten permanent verändern“, erklärt Bjarke Ingels, „und wir haben die Mittel und die Möglichkeit, sie so zu ver- ändern, dass es mehr Spaß macht, darauf zu wohnen.“ Doch es geht ihm dabei um mehr als nur Spaß. „Wir sollten uns als Gestalter von Ökosystemen verstehen, die Ökologie und Ökonomie miteinander verbinden und den Fluss von Ressourcen kanalisieren.“ Wie das aussehen könnte, dazu hat Bjarke Ingels seine ganz eigenen Ideen. Im vergangenen Jahr hat er den Wettbewerb für die Gestaltung eines Müllheizkraftwerks in Kopenhagen gewonnen. Das Gebäude ist geformt wie ein Berg und dieses Mal so hoch, dass es etwas sportlich wäre, Fahrradwege darauf anzulegen. Es wird das höchste Gebäude in Kopenhagen werden, und BIG hatte die Idee, eine Skipiste darauf anzulegen. „Schließlich haben wir hier ein Wintersport-Klima. Nur die Berge fehlen.“ Ein Fahrstuhl wird schneebegeisterte Dänen zu einer Plattform in 100 Meter Höhe fahren. Auf dem Weg können sie einen Blick auf das Innere der Anlage werfen und sehen, wie aus dem Hauptstadtmüll Energie und Wärme gewonnen werden. Das gesamte Projekt beweist: Wer so ein Ideen-Magier wie Bjarke Ingels ist, kann sogar Berge nach Kopenhagen versetzen.

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Radikal überlegte Dinge
Lufthansa Exclusive | März 2012

Der Designer Konstantin Grcic wollte immer schon gute Produkte für viele Menschen machen. Doch diese brauchen Zeit, manchmal Jahre. Genau diese Ausdauer macht ihn zu einem der besten Designer seiner Generation – und seine Produkte beliebt auf der ganzen Welt. [weiter]

Radikal überlegte Dinge
Lufthansa Exclusive | März 2012

Der Designer Konstantin Grcic wollte immer schon gute Produkte für viele Menschen machen. Doch diese brauchen Zeit, manchmal Jahre. Genau diese Ausdauer macht ihn zu einem der besten Designer seiner Generation – und seine Produkte beliebt auf der ganzen Welt. 

An einem Arbeitstisch in einer Münchner Hinterhofetage sitzt einer der wichtigsten Industriedesigner der Welt, trägt dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Hemd. Er wählt seine Worte so bedacht, dass es fast ein wenig hölzern wirkt. Konstantin Grcic hat den Ruf, ein Perfektionist zu sein. Einer, der unablässig experimentiert, beobachtet, verändert und verbessert, um am Ende Dinge zu gestalten, die unseren Alltag schöner, besser, praktischer machen. Er spricht, wie er arbeitet: nachdenklich und zurückhaltend, fast als hätte er mit dem Erfolg der Gegenstände, die er entwirft, nur am Rande zu tun. Dabei wurden schon fünf seiner Produkte in die renommierte Design-Sammlung des MoMA New York aufgenommen, zwei mit dem Design- Oscar Compasso d’Oro ausgezeichnet, und 2010 wählten ihn die britische Zeitschrift Wallpaper und die Sammler-Messe Design Miami zum „Designer des Jahres“.
Andere Gestalter in dieser Preisklasse hätten an dieser Stelle ihrer Biografie längst Büros in Mailand und London, sie würden Art Cars gestalten, Luxushotels einrichten und von ihrem Smartphone aus sekundenschnell diverse Designteams dirigieren. Konstantin Grcic, der diesen schwierigen Nachnamen seinem serbischen Vater verdankt, sitzt immer noch in einer von Prototypen überquellenden Etage in der Schillerstraße, wo sogar München nicht schickimicki ist, und arbeitet mit einem sehr überschaubaren Team: vier Designer, ein Praktikant, eine Assistentin, das war’s schon. Was ihm an seinem Beruf am meisten Spaß macht? „Der Moment, wenn ich mit einem meiner Mitarbeiter zusammensitze und eine Idee Form werden lasse. Wenn die ersten Zeichnungen und Modelle entstehen. Dann gibt es eine gewisse Energie, da wird Kreativität sichtbar.“
20 Jahre ist es her, dass der Designer nach München kam und seine Firma Konstantin Grcic Industrial Design, kurz KGID, gründete. Vorher hatte er in England eine Möbelschreinerausbildung und ein Designstudium am Royal College of Art absolviert und eine Zeit lang beim aufstrebenden britischen Minimalisten Jasper Morrison gearbeitet. Seither entwirft er Dinge: vom Schnellkochtopf bis zum Marmortisch, vom Regenschirm bis zum Wandregal, vom Wäschekorb bis zum Teeservice. Seine Auftraggeber kommen aus aller Welt, seine Objekte findet man bei der japanischen Marke Muji ebenso wie beim renommierten italienischen Möbelhersteller Moroso.

Der Prozess kann Jahre dauern. Am Ende aber sieht ein Grcic- Design einfach und mühelos aus – und ist ungeheuer praktisch

Grcics Entwürfe erkennt man nicht unbedingt an einem bestimmten Stil oder einer wiederkehrenden Formensprache. Sein Markenzeichen ist, sich intensiv Gedanken zu machen. Selbst was auf den ersten Blick einfach aussieht, steckt bei ihm oft voller besonderer Details. Sein Tisch „Table_B“ sieht auf den ersten Blick schlicht wie eine Platte auf Böcken aus, aber genau betrachtet ist es ein superdünnes Aluminiumprofil, elegant wie eine Flugzeugtragfläche mit einer Spannweite von bis zu 3,60 Meter Länge. Sein jüngst mit dem Compasso d’Oro ausgezeichneter Stuhl „Myto“ ist nicht nur eine moderne Interpretation des Freischwingers, sondern eine akribische Materialstudie, bei der Grcic in Zusammenarbeit mit BASF zum ersten Mal einen neuartigen Kunststoff verarbeitet hat.
Gute Dinge brauchen häufig ihre Zeit – und die nimmt sich Konstantin Grcic für jeden seiner Entwürfe. Er ist nicht der Typ, der mal eben schnell potenzielle Ikonen in spontaner Eingebung auf Papierservietten kritzelt. Vier Jahre lang dauerte die Entwicklung eines Ball- Point-Stiftes für Lamy, weil sich der Designer und seine Mitarbeiter mit Technologien beschäftigten, die normalerweise in der Formel 1 oder Hightech-Medizin Anwendung finden. Und an den Tischen der „Champion“-Kollektion, die im vergangenen Jahr in limitierter Edition von der Pariser Galerie Kreo aufgelegt wurden, bastelte das Team zwei Jahre lang. Sie sollten an die magische Welt der Rennwagen erinnern, an den Sport der Geschwindigkeit. „Wir haben viel Zeit darauf verwendet, uns in das Thema Farbe und Grafik einzuarbeiten und die Bedeutung zu erkennen, die daraus für das Objekt entsteht“, erklärt Konstantin Grcic, „es war wie eine Sprache zu lernen. Man lernt erst die Vokabeln und dann, daraus Sätze zu bilden.“
Grcic liebt es, sich mit Dingen intensiv zu beschäftigen. Als die Zeitschrift Wallpaper ihn einlud, an der „Handmade“-Ausstellung in Mailand teilzunehmen, schlug er kein Möbelstück vor, keine Leuchte oder irgendetwas, das er schon einmal gemacht hatte. Er wählte einen Maßanzug. „Das Handwerkliche am Schneidern hat mich seit meiner Kindheit interessiert“, erklärt er, „ich habe schöne Erinnerungen an Besuche mit meinem Vater beim Maßschneider, der seine Anzüge gefertigt hat.“ Die Herausforderung, etwas Zweidimensionales wie Stoff in eine perfekte Hülle für ein dreidimensionales Objekt zu verwandeln, hat ihn dann doch noch zu einem Möbel inspiriert. Für Established & Sons entwarf Grcic das Sofa „Cape“, das verschiedene Hussen tragen kann – eine kühle im Sommer und eine aus wärmendem Textil im Winter.

Früher wollte er Dinge für jedermann schaffen. Heute weiß er, dass seine Produkte besser sind, wenn er nicht auf die Masse schielt

Elitäre Gegenstände für eine kleine, gut betuchte Zielgruppe zu entwerfen war nicht Konstantin Grcics Ziel. Er wollte stets Produkte erfinden, die viele Leute zu einem guten Preis kaufen können. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es wahnsinnig schwer ist, dieses Ideal vom demokratischen Design zu erfüllen“, erklärt er, „und inzwischen weiß ich, dass meine Produkte am besten sind, wenn sie gar nicht den Anspruch haben, massentauglich zu sein.“ Die Leuchte „Mayday“ ist ein Beispiel dafür: ein simpler Lampenschirm aus weißem Kunststoff, ein roter Plastikgriff, an dem das fünf Meter lange Kabel aufgewickelt werden kann, dazu ein Haken, mit dem die Leuchte überall aufgehängt werden kann: an einer Leiter, wenn man die Decke streichen will, oder an einem Ast im Garten bei einer Grillparty. Man kann sie mit in die Garage nehmen, um die Ölflecken unterm Auto zu begutachten, und auf den Zimmerfußboden legen, wenn man die Katze hinter dem Schrank hervorlocken will. Grcic entwarf die Leuchte nur für sich – ohne irgendeine Zielgruppe vor Augen zu haben. „Mayday“ bedeutete seinen Durchbruch als Designer, damit gewann er seinen ersten Design-Oscar.

Designs von Grcic verbreiten sich wie von selbst. Man findet sie in Restaurants, Cafés, sogar in großen Stadien

Das wohl erfolgreichste Objekt, das Grcic bislang ersonnen hat, ist zugleich sein radikalster Entwurf: „Chair_One“, eine auf ein Gitter aus Dreiecken reduzierte Aluminium- Sitzschale auf einem Betonsockel. Der italienische Möbelhersteller Magis brachte „Chair_One“ 2004 auf den Markt, heute ist er der Bestseller der Firma. Man sieht ihn in der vierbeinigen Variante in Cafés und Restaurants auf der ganzen Welt, es gibt ihn als Drehstuhl, als Stapelstuhl, als Bank. Er wird in Stückzahlen verkauft, von denen Magis nicht zu träumen gewagt hätte, und hat mit seiner futuristischen Formensprache die 2000er Jahre geprägt. Inzwischen gibt es nicht nur viele Sitzmöbel, sondern auch Obstkörbe und Sportstadien, die von seinem Design inspiriert sind. „Die Form ist oft aufgegriffen worden, und darin liegt für mich die Demokratisierung“, sagt Grcic, „wenn ein Design radikal ist und Beachtung findet, dann verbreitet es sich wie von selbst.“
Dabei ist „Chair_One“ nicht einmal besonders bequem. „Ursprünglich war er als Outdoor-Möbel geplant“, erklärt der Designer, „draußen ist ein Stuhl ganz anderen Einflüssen ausgesetzt. Im Sommer wird er zu heiß, im Winter zu kalt, und auf der Sitzfläche sammelt sich Regenwasser. Dadurch dass wir das Material reduziert haben, wird der Stuhl weniger schmutzig, das Wasser läuft besser ab.“ Aber am Ende fügt er zur Sicherheit noch rasch hinzu: „Er ist viel weniger unbequem, als er aussieht.“

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Gemessen an der Zukunft
Art Online | 18.11.2011

Berühmt geworden ist Marc Newson mit Objekten im retro-futuristischen Look. Ob Türstopper oder Raumfahrzeug, Freizeitschuh oder Sitzgelegenheit – fast jeder Entwurf des australischen Designers hat biomorphe Formen. [weiter]

Gemessen an der Zukunft
Art Online | 18.11.2011

Berühmt geworden ist Marc Newson mit Objekten im retro-futuristischen Look. Ob Türstopper oder Raumfahrzeug, Freizeitschuh oder Sitzgelegenheit – fast jeder Entwurf des australischen Designers hat biomorphe Formen. 

In Hamburg wurde er kürzlich mit dem renommierten Lucky Strike Designer Award ausgezeichnet. art sprach mit dem teuersten Gestalter der Welt über seinen Bestseller “Lockheed Lounge”, australische Popkultur und die Zukunft des Designs.

Als Sie 1986 den “Lockheed Lounge Chair” aus einem Berg von Polyurethanschaum sägten und mit Aluminium verkleideten, war das Phänomen der “Design Art” noch nicht erfunden. In den letzten Jahren brach die Chaiselongue, von der weltweit 15 Stück existieren, mehrmals Auktionsrekorde. Wissen Sie noch, was Sie dachten, als Sie “Lockheed Lounge” gebaut haben?

Als ich damals daran gearbeitet habe, hatte ich eine Vorstellung von einem fließend wirkenden Objekt, das ganz locker von Renaissancebildern inspiriert war. Ich hatte damals keine Vorstellung davon, ob ich ein Designstück oder ein Kunstwerk gestalte. Zu dem Zeitpunkt war mir noch gar nicht klar, das ich Designer werden würde, ich hätte ebensogut Künstler werden können. Ich fand es interessant, einen Stuhl mit skulpturalen Eigenschaften zu gestalten. Das war ein Gegenstand, an dem ich gut meine Ideen aufhängen konnte.

Leute können einen Bezug zu ihm herstellen. Es ist handgemacht – allerdings nicht, weil ich darauf großen Wert gelegt hätte. Hätte es eine Maschine gegeben, mit der man es hätte herstellen können, dann hätte ich es garantiert maschinell herstellen lassen, denn es war eine irrsinnige Arbeit. Er sieht nach Hightech aus, ist es aber nicht, es ist reines Kunsthandwerk. Den ersten Prototypen habe ich 1986 selbst gemacht. Er ist etwas anders als die späteren Versionen. 1988 wusste ich, das Stück ist etwas besonderes und wollte es perfektionieren. Also fertigte ich noch einen Prototypen und legte dann eine kleine Serie auf – und zwei Artist Proofs.

Da ich nicht wochenlang rund um die Uhr in der Werkstatt stehen konnte, engagierte ich jemanden, dem ich beibrachte, wie die “Lockheed Lounges” hergestellt werden. Es war ein Uhrmacher, der aus Deutschland nach Australien ausgewandert war. Von ihm habe ich viel über das Uhrmacherhandwerk gelernt. Er war ein technisches Genie, ein verrückter Perfektionist. Er hat alle “Lockheed Lounge” Chairs hergestellt, bis Mitte der Neunziger wurden sie ja noch produziert.

2009 kam “Lockheed Lounge” bei Philips de Pury in London für 1,1 Millionen Pfund unter den Hammer. Bereuen Sie, keinen der Stühle für sich behalten zu haben?

Nein, ich finde es wundervoll. Für meine Arbeit und ihre Wertschätzung hätte mir ja nichts besseres passieren können, als das “Lockheed Lounge” diese Form von Eigenleben entwickelt hat. Ausserdem ist es für einen Designer wichtig, loslassen zu können. Man entwirft etwas, bringt es zu Ende und geht über zum nächsten Projekt.

Ein Sammler hat mal gesagt: “Marc Newson Design makes you horny.” Spielt Sex eine Rolle in Ihrem Design?

Nein, daran habe ich noch nie gedacht. Mein Stil ist eher ein Ergebnis meiner Herkunft. Das Licht, mit dem ich aufgewachsen bin, die Farben, das Meer. Die Surf- und Popkultur, mit der ich in Sydney aufgewachsen bin, haben mich geprägt. Bretter, Wellen, Wetsuits. Das ist fließend, Pop, australische Jugendkultur. Es ist nicht sehr europäisch. Ein australischer Designer zu sein, hat mir eine besondere Perspektive gegeben.

Es gibt zwar keine besonders ausgeprägte Designtradition in Australien. Aber Australier lieben es zu reisen, herumzukommen und zu beobachten. Man muss sich als Designer dafür interessieren, wie Dinge gemacht werden. Und wie Menschen in verschiedenen Kulturen Probleme lösen.

Die biomorphen, fließenden Formen ihrer Produkte stehen für ein optimistisches, zukunftsgewandtes Menschenbild. Passt das noch in die Welt von heute?

Als Designer bin ich Optimist. Ich bin in den Sechzigern aufgewachsen, die Mondlandung gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. Das war eine Zeit, in der die Zukunft noch futuristisch war. Und Technologien einem eine optimistische Zukunftsperspektive gaben. Aber im zeitgenössischen Design beschäftigen wir uns nur mit dem Jetzt. Wir denken nicht mehr daran, wie die Welt in zehn, 15 Jahren aussehen wird. Ich habe nicht den Eindruck, das heute noch jemand optimistisch in die Zukunft sieht.

Denken Sie in Ihrer aktuellen Arbeit denn an die Zukunft?

Immer. Ich frage mich immer, wie das was ich gestalte, in Zukunft wahrgenommen wird. Schon seit den Zeiten von “Lockheed Lounge” versuche ich, Design zu machen, das zukunftsfähig ist. Das ist es, woran wir Designer gemessen werden.

Hat sich ihr Stil verändert?

Die fließenden Formen meiner frühen Arbeiten waren nur für bestimmte Produkte geeignet. Als ich begann, Mobiltelefone, Kameras und Uhren zu entwerfen, hat sich sicherlich auch mein Stil geändert. Das biomorphe funktioniert ja nicht immer. Ich wollte da auch kein Sklave meines eigenen Stils werden.

In den letzten Jahren arbeiten Sie als Creative Director einer Airline und arbeiten viel an Fahrzeugen, vorzugsweise an sehr schnellen, wie einem Rennboot, einem Privatjet, einer Raumfähre. Sind Sie fasziniert von Geschwindigkeit?

Ich glaube auch das liegt in meiner Kindheit, es ist eine kindliche Faszination für Geschwindigkeit. Als Kind habe ich viel fantasiert und geträumt. Fantasie ist etwas großartiges. Mein Concept Car für Ford oder der Kelvin Jet für Fondation Cartier sind einfach reine Fantasieobjekte. Sie sind Ausdruck einer utopischen Vorstellung davon, wie ich die Welt gern hätte.

 

 

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