Der rote Faden
Audi Magazin | 02/2011

Die Hamburger Designerin Eva Marguerre experimentiert mit Kunststoff und Textilien, Handarbeit und Hightech. Dabei entstehen Designobjekte von fragiler Schönheit – die erstaunlich robust sind. 

Eva Marguerre liebt Garnrollen. Schon als Kind hat die heute 27-Jährige sie gesammelt und sortiert, denn zu Hause in Pforzheim wurde mit der Familie viel gebastelt, genäht, gehäkelt und gestrickt. Als die Tochter eines Physikers später während ihres Designstudiums ein Projekt mit glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) beginnt, ist sie da her sofort angezogen von dem Material, dessen Fasern in Rohform wie Garn auf Spulen aufgewickelt sind. „Glasfaser ist faszinierend“, schwärmt sie heute in ihrem Showroom in der Hamburger Speicherstadt, „weich und glänzend wie Engelshaar, dabei aber extrem stabil.“ Aus einem Industrieregal nimmt die Wahl-Hamburgerin ein paar Prototypen und Materialstudien und erzählt, wie aus einer Semesterarbeit zum Thema Glasfaser unerwartet ein Designhit wurde: Nido. Ein Hocker, der auch als kleiner Tisch funktioniert. Er ist federleicht, signalrot und so zart, als wäre er aus Zuckerguss. Dabei kann er bis zu 200 Kilo Gewicht tragen. Seit das kleine Möbelstück in der Fachpresse rauf und runter gefeiert wurde, gilt Eva Marguerre als eine der talentiertesten Nachwuchsdesignerinnen Deutschlands.
Am Anfang dieser Erfolgsgeschichte stand erst einmal nur ein Experiment. Von Hand ist glasfaserverstärkter Kunststoff nicht leicht zu verarbeiten. Die Glasfasern lösen sich und können verletzen, selbst durch Schutzkleidung hindurch. Um die Fasern zu binden und das Material zu stabilisieren, tränkt Eva Marguerre die Stränge in Harz – und beginnt, damit Gegenstände zu umwickeln. Trocknet das Harz, wird das Material hart und stabil. In der Werkstatt der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe wird wochenlang alles Mögliche umwickelt – von der Blumenvase bis zum gedrechselten Tischbein – dann stellt die Studentin fest: „Eigentlich will ich keine Gegenstände umwickeln, sondern das Material reduzieren auf eine frei im Raum gewickelte Form.“ Sie erinnert sich an die Fadengrafiken, mit denen sie als Waldorfschülerin Rechnen gelernt hatte: Auf ein Brett mit kreisförmig angeordneten Nägeln wird dabei Garn in sternförmigen Mustern gewickelt. Marguerre baut eine Konstruktion, um diese Wickeltechnik im dreidimensionalen Raum umsetzen zu können. Zwischen zwei Brettern mit kreisförmig angeordneten Häkchen spannt sie GFK-Bänder in unterschiedlichen Mustern. „Ich hatte zuerst gar kein Produkt vor Augen, das ich gestalten wollte“, sagt die Designerin heute, „die Form ergab sich aus dem Material und der Technik. Irgendwann formulierte sich das Experiment: ‚Ich bin ein Hocker‘.“ Das ist die Geburtsstunde von Nido. Im Januar 2008 hat ihr Dozent, der Industriedesigner Stefan Diez, mit Arbeiten seiner Studenten eine Ausstellung auf der Möbelmesse in Köln. Eva Marguerre präsentiert ihre Prototypen – sieben verschiedene Hocker, die sie selbst noch gar nicht für ausgereift hält. Die Resonanz darauf ist trotzdem überwältigend. Fach- zeitschriften schreiben über Nido, er wird in Büchern über zukünftiges Design erwähnt, gleich drei Hersteller interessierten sich dafür, den Hocker/Tisch in ihr Programm auf- zunehmen. Für Eva Marguerre, Designstudentin im fünften Semester, ist das ein bisschen wie im Märchen.
Nur ein Problem hat Nido, und damit wäre seine Erfolgsgeschichte auch fast schon wieder zu Ende gewesen: Die Konstruktion trägt 50 Kilo. Die Designerin selbst kann darauf sitzen, aber unter dem Durchschnittsdeutschen wäre Nido schnell zusammengebrochen. „Dann kamen von allen Seiten gute Ratschläge: Misch Carbon darunter. Wickel es auf eine Stahlkonstruktion. Spritz etwas ein“, erzählt Marguerre, „aber am Ende war niemand da, der Nido für produzierbar hielt.“ Die Studentin packt ihren Prototyp ein und fährt in die Schweiz zu einem Unternehmen, das auf GFK-Verarbeitung spezialisiert ist. Dort wird der kleine Hocker vermessen und durchgerechnet – und es wird ihm bescheinigt: statisch perfekt konstruiert. Intuitiv hatte Marguerre in Dreiecken gewickelt und somit für optimale Statik gesorgt. Aber auch hier hat niemand eine Idee, wie man Nido belastbarer gestalten könnte, ohne die fragile Optik zu zerstören. Im Herbst folgt dann eine Veröffentlichung in einer großen Frauenzeitschrift. Daraufhin meldet sich die Glasfasermanufaktur Masson aus Stralsund bei der Designerin. Und zwar mit einer ziemlich unangenehmen Frage. Der Hersteller von GFK-Gartenmöbeln will wissen, was sie denn vorhabe mit diesem Nido. Denn das Patent für das Pro- duktionsverfahren gehöre Masson. Für einen Augenblick glaubt jetzt auch Eva Marguerre nicht mehr an die Geschichte von der Studentin, die mit ihrem ersten Prototyp einen Designhit landet. Aber dann kommt es doch alles anders: In Mecklenburg-Vorpommern zeigt man Interesse an einem Kennenlernen. Eva Marguerre macht sich auf den 850 Kilometer langen Weg von München, wo sie gerade ein Praktikum absolviert, nach Stralsund. Im Gepäck einen Nido.
Eine gute Entscheidung, denn bei Masson sind die ersten Fachleute, die sagen: „Na klar ist der produzierbar.“ Der Prototyp wird weiterentwickelt und trägt jetzt 200 Kilo bei einem Eigengewicht von gerade mal 900 Gramm. Die Stabilität wird durch stärkere Wicklung erreicht. Zum Streit um das Patent kommt es nicht. Eva Marguerre bildet einen Masson-Mitarbeiter in ihrer Wickeltechnik aus, die Firma produziert Nidos, und verkauft werden sie über die Design-Shops von Manufactum und Magazin. Die Designerin hat am Ende doch noch einen Hersteller, einen Hocker mit Erfolgsgeschichte – und eine Nominierung für den Deutschen Designpreis 2011.
Und was kommt nach dem Erstlingswerk? Eva Marguerre beendet ihr Studium an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, zieht nach Hamburg, wo sie in einem Atelier im Hafen weiter experimentiert. Ihr jüngstes Projekt heißt MOA, und wieder einmal arbeitet sie mit Garnrollen und Harz: Auf zweidimensionalen Holzrahmen werden Fäden aus elastischem Garn gespannt. Eine Form wird anschließend in das harzgetränkte Netz gedrückt, gespannt – und wenn das Harz getrocknet ist, aus dem Rahmen gelöst und abgeschnitten. Das Ergebnis: ein zarter, biegsamer, flexibler Korb. Was passiert mit dem Rand? Auch hier entscheidet sich Eva Marguerre wieder für die Reduktion: keine Bearbeitung, kein Abschluss, nur die schlichte Schnittkante. So kommt die fragile Netz- struktur besser zum Tragen. Auch für MOA ist schon ein Hersteller gefunden: Das junge französische Label Petite Friture bringt die Körbe dieses Jahr in limitierter Edition auf den Markt.
Die Designerin macht sich inzwischen auf zu neuen Projekten: Gemeinsam mit ihrem Partner, dem auf computergeneriertes Design spezialisierten Marcel Besau, arbeitet sie derzeit an einem Programm, das Lochmusterkarten für alte Strickmaschinen erstellt. Was dabei herauskommt, lässt sich noch nicht sagen. „Es entsteht immer etwas Neues, wenn man den Dingen ihren Lauf lässt, sich ein Experiment entwickeln kann“, sagt Eva Marguerre. Nur so viel ist sicher: Es werden wieder Garnrollen im Spiel sein.