Designgeschichte Niederlande: Die können auch anders
Schöner Wohnen 03 | 2014

Niederländisches Design ist konzeptuell, innovativ, eigensinnig – und oft mit einer Prise Humor gewürzt. Warum unsere Nachbarn so gute Gestalter sind. Die 14 Objekte, die Renny Ramakers und Gijs Bakker in einem alten Stadthaus in der Via Cerva unter dem Titel „Droog Design“ ausstellten, waren Gesprächsthema Nummer eins bei der Mailänder Designweek 1993. Marcel Wanders hatte ein paar Lampenschirme zu einem Readymade gestapelt. Rody Graumans stellte einen Leuchter vor, der aus 85 Glühbirnen, schwarzen Kabeln und vielen Lüsterklemmen bestand, und Tejo Remy zeigte eine Kommode aus alten Schubkästen, zusammengehalten von einem Spanngurt. Von Andrea Branzi, dem italienischen Designtheoretiker und Archizoom-Gründer, ist überliefert, dass er nur „protestantesimo“ murmelte, als er durch die Ausstellung ging. Derartiges konnten nur Protestanten zustande bringen.

„Droog“ heißt übersetzt „nüchtern“, „trocken“, und was die Vertreter dieses neuen Designkollektivs zeigten, war ein extremer Gegenentwurf zum Schulterpolsterschick der 80er Jahre. Perfekte Oberflächen, Chrom und Hochglanzlack suchte man hier vergebens. Die Materialien der Droog-Designer waren schlicht, preiswert oder alt, deren Ideen anders, und ihre Herangehensweise war konsumkritisch. Normalerweise schafft eine Kommode Stauraum und Ordnung und hat eine Oberfläche, auf die man eine Blumen- vase stellen kann. Tejo Remys „Chest of Drawers“ kümmert sich nicht sonderlich um diese Vorgaben. Ihre alten, zusammengewür- felten Schubladen sind eher dadaistisch als funktional, aber mit handwerklicher Perfektion in maßgefertigte Ahornkästen geschoben und mit einem nachdenklichen Titel versehen: „You can’t lay down your memory“ – Erinnerungen kann man nicht ablegen.

Ob protestantisch oder nicht, Droogs nüchterne Ästhetik traf Anfang der 90er Jahre den Nerv der Zeit. „Weniger ist nur dann mehr, wenn es eine Bedeutung hinzufügt, wenn es Raum für etwas Neues schafft“, sagt Renny Ramakers, und das tat Droog. So wie Memphis mit seinen grellen Kunststoffoberflächen Farbe und exaltierte Formen in das Design der 80er Jahre gebracht hatte, versorgte Droog die 90er mit einer heiß ersehnten Kombination aus Minimalismus, Gesellschaftskritik und Humor – und war der Auftakt zum Siegeszug des neuen niederländischen Designs.

In den Jahrzehnten davor war es in der Designwelt der Nieder- lande eher beschaulich zugegangen. Es gab Traditionsunternehmen wie die Keramikmanufaktur Royal Tichelaar Makkum, die seit Jahrhunderten ihre Handwerkskunst pflegte. Es gab Gerrit Rietveld, den großen Helden der Moderne, der ab den 20er Jahren Möbel wie den „Rot-Blauen Stuhl“ oder den „Zickzack-Stuhl“ entworfen hatte, Möbel, die der Malerei von Piet Mondrian ent- sprachen: reduziert auf Linien und Flächen. Auf Rietveld folgte Mart Stam, der wie die Gestalter der Bauhaus-Schule mit Stahlrohr experimentierte und als einer der Erfinder des Freischwingers gilt. Später legten holländische Möbelhersteller wie Pastoe, Artifort, Montis oder Ahrend moderne Kollektionen auf, aber die großen Designinnovationen kamen in den Nachkriegsjahrzehnten eher aus Skandinavien, den USA und Italien. In der traditionellen Händlernation gab es zu wenig Industrien und Möbelhersteller, um eine lebendige Designszene zu ernähren.

Gestaltung liegt den Niederländern dennoch im Blut: Die Bewohner des kleinen Landes, von dessen 34 000 Quadratkilometern Fläche etwa ein Viertel unter dem Meeresspiegel liegt, haben seit dem Mittelalter Deiche gebaut, um dem reichlich vorhandenen Wasser etwas Land abzutrotzen. Nachdem sie ihre Polder eigen- händig geschaffen hatten, befreiten sie sich im 17. Jahrhundert von der Herrschaft der Habsburger und wurden zur ersten euro- päischen Republik. Sie begannen, Schiffe zu bauen und Handel zu treiben, was sie bald zur reichsten Nation Europas machte. Ihr Goldenes Zeitalter brachte eine kulturelle Entfaltung, die bis heute ihresgleichen sucht. In der Republik lebten um 1650 rund 700 Maler, die pro Jahr 70 000 Bilder malten. Mit dem Erbe der Alten Meister gehen die Niederländer heute entspannt um. Als das Rijksmuseum 2012 eine Internetplattform lancierte, über die man 125 000 Werke urheberrechtsfrei downloaden kann, ermunterten die Organisatoren dazu, diese Motive beliebig weiterzuverwerten. Lampenschirme werden nun mit Vermeers „Milchmädchen“ bedruckt, Delfter Kachelmotive zieren iPad-Hüllen, und Jan Davidszoons „Stillleben mit Blumen“ gibt es als temporäres Tattoo im Droog-Webshop.

Eine gesunde Portion Respektlosigkeit ist, verbunden mit Eigenständigkeit und einem gesellschaftskritischen Ansatz, schon fast ein Markenzeichen niederländischen Designs: von Wieki Somers, die für ihre Teekanne „High Tea Pot“ eine Porzellankanne in Form eines Schweineschädels mit Pelz bezog, über Maarten Baas, der für seine Abschlussarbeit alte Möbel mit dem Flammenwerfer ankohlte und sie anschließend mit Epoxidharz versiegelte, bis zu Studio Job, die historische Möbeltypen wie die Standuhr bauen und mit poppig-bunten provokativen Symbolen verzieren. Gelernt haben sie alle an der Design Academy Eindhoven, die seit den 90er Jahren als eine der besten Designschulen der Welt gilt.

Ein staatliches Subventionssystem ermöglichte es jungen Gestaltern, nach ihrem Ausbildungsabschluss ein eigenes Studio zu gründen und frei zu arbeiten, ohne auf Aufträge aus der Industrie angewiesen zu sein. „Daraus entwickelte sich in den 80er und 90er Jahren ein Wiederaufleben des Autorendesigns, der Handwerks- kunst und der Unikate“, erklärt Guus Beumer, Leiter des niederländischen Instituts für Design, Architektur und E-Kultur, „Het Nieuwe Instituut“. Junge Designer wie Piet Hein Eek, der mit einem Schrank aus Restholz 1989 sein Studium in Eindhoven abgeschlossen hatte, gründeten direkt nach der Ausbildung ihre eigene Firma und taten das, woran sie glaubten. Im Fall von Eek waren es Möbelstücke aus alten Materialien, die in aufwendiger Handarbeit zu Unikaten zusammengefügt werden – und die er inzwischen überaus erfolgreich im eigenen Shop verkauft.

Auch für die Arbeit von Hella Jongerius ist die Verbindung von Handwerkskunst und Hightech, Unikaten und Serienfertigung charakteristisch. „Ich habe kein Bedürfnis, überflüssige neue Formen zu erfinden, insbesondere wenn das Bestehende völlig in Ordnung ist“, sagt sie. „Für mich ist es viel wichtiger, eine neue Geschichte zu erzählen, indem ich bestehende Formen gegen- überstelle.“ Bei Royal Tichelaar Makkum realisierte sie „Slightly Damaged Dinner Service“, ein Keramikservice, das bei extrem hohen Temperaturen gebrannt wurde, sodass sich Unregelmäßigkeiten ergaben wie bei handgedrehten Tellern. Ihre Entwürfe sind künstlerisch – ihre Vasenserie „Misfit“ bekam eine Ausstellung im Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen – , aber auch für die Serienfertigung konzipiert. Für Ikea gestaltete Jongerius die Vasenkollektion „Jonsberg“, für Vitra das Sofa „Polder“.

Marcel Wanders ist einer der wenigen Nicht-Absolventen der Design Academy Eindhoven (er wurde nach einem Jahr rausgeworfen und beendete sein Studium in Arnheim). Auch er begann seine Karriere mit der Verbindung von Lowtech und Hightech – Droog legte seinen Sessel „Knotted Chair“ auf, der in Makramee- Technik geknüpft und anschließend mit Epoxidharz stabilisiert wird. Beim italienischen Hersteller Cappellini erschien seine „New Antiques“-Serie, danach gründete er mit Caspar Vissers das eigene Möbellabel Moooi. „Niederländisches Design ist inzwischen eher das Ergebnis einer Denkweise, die ihre Wurzeln in einer bestimmten Kultur hat, als das Produkt einer Nation“, erklärt Guus Beumer. Zu den Absolventen der Design Academy, die vor Ort Designstudios eröffnet haben, zählen inzwischen auch der Spanier Nacho Carbonell und Studio Formafantasma, dessen Gründer aus Sizilien stammen. Und die Shootingstars der vergangenen Jahre, das Amsterdamer Designerpaar Scholten & Baijings, arbeiten mit Porzellan- und Holzmanufakturen in Japan zusammen und bringen ihre Entwürfe nicht nur über den niederländischen Produzenten Thomas Eyck, sondern auch bei internationalen Labels auf den Markt.

Mit dem neuen Jahrtausend geht niederländisches Design neue Wege. Wirtschaftskrisen, aber auch Technologien wie 3-D-Druck und Rapid Prototyping, verändern die Arbeit des Designers und seine Produktionswelt. „Heute kann sich jedermann einen 3-D- Drucker kaufen und zu Hause Design produzieren. Das wird die Rolle des Designers so verändern, wie vor 100 Jahren die Erfin- dung der Fotografie die Rolle des Künstlers verändert hat“, erklärt Guus Beumer. „Designer werden sich in Zukunft öfter mit der Gestaltung von Prozessen beschäftigen als mit Produktgestaltung. Der Konsument hingegen wird selbst zum Gestalter und Produzenten.“ Wie sehr sich die Designwelt heute schon wandelt, lässt sich an den Abschlussarbeiten der Design Academy gut ablesen, die jedes Jahr im Oktober während der Dutch Designweek vor- gestellt werden. Bei der Graduation Show 2013 präsentierte Dave Hakkens „Precious Plastic“, eine Maschine, mit der man zu Hause aus alten Kunststoffdingen neue, selbst entworfene Gegenstände herstellen kann. Renee Schepers entwickelte „A Series of Mnemonics“, ein visuelles Konzept für medizinische Informationen, das die Verständigung zwischen Ärzten und Patienten verbessern soll. Und Mark Berkers stellte „EasyFuneral“ vor, eine Studie für ein Beerdigungsunternehmen, das den Bedürfnissen von Trauernden kostengünstig und in zeitgemäßem Stil entspricht. Lösungen für die Probleme der Welt von heute – nur Möbelentwürfe waren kaum zu sehen.