Auferstanden
Stern | 21. Mai 2015

Raus aus dem Archiv, rein ins Wohnzimmer: Viele Möbel-Ikonen des 20. Jahrhunderts erhalten gerade ein neues Leben. Warum uns das Design vergangener Zeiten heute noch begeistert  

Die Möbelbranche hat ihre Vergangenheit zu ihrer Zukunft gemacht: Das Design des 20. Jahrhunderts scheint sich prächtig zu verkaufen. Möbelhersteller durchforsten Jahr für Jahr ihre Archive, um noch einen Stuhl von Jean Prouvé oder Gio Ponti unter die Leute zu bringen. Was immer schon gut lief, wird in neuen Farben oder Materialien angeboten, um frisch zu bleiben. Jedes Jubiläum wird genutzt, wenn es um die Lancierung neuer Editionen geht: Arne Jacobsens Stuhl 3107 wird 60 Jahre alt? – Der Hersteller Fritz Hansen feiert das Ereignis mit einer Geburtstagsedition in Rosa und Dunkelblau.

Was passiert da? Sind uns im 21. Jahrhundert etwa die Formen ausgegangen? Wurde alles Gute schon einmal gedacht? Wollen die Hersteller nur die Entwicklungskosten für neue Möbel sparen? Wollen wir leben wie unsere Großeltern? Oder ist Nostalgie die Antwort auf die mobile digitale Gesellschaft?

Wer einen Sessel sucht und die Wahl hat zwischen aktuellen und alten Entwürfen, entscheidet sich oft für einen Lounge Chair von Charles und Ray Eames. Bei einem Klassiker wie diesem kann man nichts falsch machen, der belegt guten Geschmack, ist bequem, die Qualität verbürgt ein namhafter Hersteller – sofern man das Original kauft. Solch ein Sessel ist eine Anschaffung fürs Leben, da entscheidet man sich gern für bleibende Werte.

Das Möbeldesign befindet sich in einer reifen Phase; ikonenhafte Entwürfe stammen aber meistens aus Zeiten des Auf­ und Umbruchs. Als Marcel Breuer Mitte der 20er Jahre am Bauhaus arbeitete und – inspiriert von einem Fahrradlenker – einen Sessel aus Stahlrohr baute, veränderte er damit die Vorstellung vom Sitzen. Mit dem Material, das man bis dahin nur von Krankenhausbetten kannte, schuf er das Möbel des Maschinenzeitalters: sitzen wie auf einer „elastischen Luftsäule“ statt Plüsch und Polster. Zum Bestseller sollte der Sessel zwar erst ab den 60er Jahren werden, als er unter dem Namen „Wassily“ auf den Markt kam, aber er ist ein Schlüsselobjekt geworden für die Erfindung des modernen Wohnens. Ende der 40er Jahre entwickelte das Designer-Ehepaar Ray und Charles Eames den ersten Stuhl mit Kunststoff-Sitzschale, die dem menschlichen Körper nachempfunden war und in Serie für einen Massenmarkt herge- stellt werden konnte. Ihnen gelang das Kunststück, einen Stuhl zu kreieren, der bis heute modern wirkt und in Schlössern eine ebenso gute Figur macht wie in Häusern aus Glas und Stahl. Diese Art Erfindung ist leider nicht beliebig wiederholbar. Innovation findet heute eher in Algorithmen statt als in der Gestaltung. Ein anderer Grund, warum Reedi- tionen so beliebt sind: Sie passen gut zu unseren heutigen Bedürfnissen. In der Nachkriegszeit bemühten sich viele Gestalter um kleine, erschwingliche Möbel für die breiten Bevölkerungsschichten. Wenn das französische Unternehmen Ligne Roset heute einen schmalen Schreib- tisch und ein filigranes Bücherregal von Pierre Paulin wieder auflegt oder wenn der dänische Hersteller Gubi mit einem eleganten Wandspiegel von Jacques Adnet aus den Fünfzigern einen Bestseller landet, dann liegt es auch daran, dass diese Entwürfe Antworten sind auf die Zwänge der Gegenwart. Wir ziehen heute öfter um als unsere Eltern, leben statistisch gesehen öfter allein, und in den Städten wird Wohnraum immer teurer und knapper.

Design stellt eine Kulturleistung dar wie Literatur und Filmkunst – und Möbelstücke können den Geist ihrer Epoche so speichern wie Bücher und Filme. Der Schriftsteller Italo Calvino sagte einmal: „Ein Klassiker ist ein Buch, das nie auf- hört, das zu sagen, was es zu sagen hat.“ Auch Möbelentwürfe haben uns etwas zu erzählen. Ein Eames-Stuhl verkörpert den Optimismus der amerikanischen Moderne. Seine Botschaft ist: „Die Kriege liegen hinter uns! Wir dürfen wieder leben, genießen!“ Die Welt im Jahr 2015 sieht leider anders aus; wohl deswegen umgeben wir uns mit Dingen, die uns an eine bessere Welt erinnern. Mit dem Sitzsack, dem Flokatiteppich und dem geschwungenen Panton Chair ist es ähnlich – ihnen wohnen die Werte der Sechziger inne: Wir sitzen bodennah und kümmern uns nicht um Konventionen. Die großen Industrieleuchten, die wir über Esstische hängen, vermitteln ein Gefühl von Authentizität einer Arbeitswelt, die den digitalen Nomaden von heute längst verloren gegangen ist. Die Stahlrohrmöbel der Bauhauszeit sind in Rechtsanwaltskanzleien und Arztpraxen verbreitet, weil sie für Rationalität und Transparenz stehen – und für Kontinuität, denn ihre Entwürfe sind inzwischen um die 90 Jahre alt. Und wenn wir uns auf einem millionenfach verkauf- ten Stuhl von Eames niederlassen, dann nicht nur, weil er erschwinglich, praktisch und bequem ist, sondern auch weil er uns das Gefühl vermittelt, selbst ein kleines bisschen so optimistisch, lässig und unvergleichlich innovativ zu werden wie einst seine Erfinder.