Gemessen an der Zukunft
Art Online | 18.11.2011

Berühmt geworden ist Marc Newson mit Objekten im retro-futuristischen Look. Ob Türstopper oder Raumfahrzeug, Freizeitschuh oder Sitzgelegenheit – fast jeder Entwurf des australischen Designers hat biomorphe Formen.  [weiter]

Gemessen an der Zukunft
Art Online | 18.11.2011

Berühmt geworden ist Marc Newson mit Objekten im retro-futuristischen Look. Ob Türstopper oder Raumfahrzeug, Freizeitschuh oder Sitzgelegenheit – fast jeder Entwurf des australischen Designers hat biomorphe Formen. 

In Hamburg wurde er kürzlich mit dem renommierten Lucky Strike Designer Award ausgezeichnet. art sprach mit dem teuersten Gestalter der Welt über seinen Bestseller „Lockheed Lounge“, australische Popkultur und die Zukunft des Designs.

Als Sie 1986 den „Lockheed Lounge Chair“ aus einem Berg von Polyurethanschaum sägten und mit Aluminium verkleideten, war das Phänomen der „Design Art“ noch nicht erfunden. In den letzten Jahren brach die Chaiselongue, von der weltweit 15 Stück existieren, mehrmals Auktionsrekorde. Wissen Sie noch, was Sie dachten, als Sie „Lockheed Lounge“ gebaut haben?

Als ich damals daran gearbeitet habe, hatte ich eine Vorstellung von einem fließend wirkenden Objekt, das ganz locker von Renaissancebildern inspiriert war. Ich hatte damals keine Vorstellung davon, ob ich ein Designstück oder ein Kunstwerk gestalte. Zu dem Zeitpunkt war mir noch gar nicht klar, das ich Designer werden würde, ich hätte ebensogut Künstler werden können. Ich fand es interessant, einen Stuhl mit skulpturalen Eigenschaften zu gestalten. Das war ein Gegenstand, an dem ich gut meine Ideen aufhängen konnte.

Leute können einen Bezug zu ihm herstellen. Es ist handgemacht – allerdings nicht, weil ich darauf großen Wert gelegt hätte. Hätte es eine Maschine gegeben, mit der man es hätte herstellen können, dann hätte ich es garantiert maschinell herstellen lassen, denn es war eine irrsinnige Arbeit. Er sieht nach Hightech aus, ist es aber nicht, es ist reines Kunsthandwerk. Den ersten Prototypen habe ich 1986 selbst gemacht. Er ist etwas anders als die späteren Versionen. 1988 wusste ich, das Stück ist etwas besonderes und wollte es perfektionieren. Also fertigte ich noch einen Prototypen und legte dann eine kleine Serie auf – und zwei Artist Proofs.

Da ich nicht wochenlang rund um die Uhr in der Werkstatt stehen konnte, engagierte ich jemanden, dem ich beibrachte, wie die „Lockheed Lounges“ hergestellt werden. Es war ein Uhrmacher, der aus Deutschland nach Australien ausgewandert war. Von ihm habe ich viel über das Uhrmacherhandwerk gelernt. Er war ein technisches Genie, ein verrückter Perfektionist. Er hat alle „Lockheed Lounge“ Chairs hergestellt, bis Mitte der Neunziger wurden sie ja noch produziert.

2009 kam „Lockheed Lounge“ bei Philips de Pury in London für 1,1 Millionen Pfund unter den Hammer. Bereuen Sie, keinen der Stühle für sich behalten zu haben?

Nein, ich finde es wundervoll. Für meine Arbeit und ihre Wertschätzung hätte mir ja nichts besseres passieren können, als das „Lockheed Lounge“ diese Form von Eigenleben entwickelt hat. Ausserdem ist es für einen Designer wichtig, loslassen zu können. Man entwirft etwas, bringt es zu Ende und geht über zum nächsten Projekt.

Ein Sammler hat mal gesagt: „Marc Newson Design makes you horny.“ Spielt Sex eine Rolle in Ihrem Design?

Nein, daran habe ich noch nie gedacht. Mein Stil ist eher ein Ergebnis meiner Herkunft. Das Licht, mit dem ich aufgewachsen bin, die Farben, das Meer. Die Surf- und Popkultur, mit der ich in Sydney aufgewachsen bin, haben mich geprägt. Bretter, Wellen, Wetsuits. Das ist fließend, Pop, australische Jugendkultur. Es ist nicht sehr europäisch. Ein australischer Designer zu sein, hat mir eine besondere Perspektive gegeben.

Es gibt zwar keine besonders ausgeprägte Designtradition in Australien. Aber Australier lieben es zu reisen, herumzukommen und zu beobachten. Man muss sich als Designer dafür interessieren, wie Dinge gemacht werden. Und wie Menschen in verschiedenen Kulturen Probleme lösen.

Die biomorphen, fließenden Formen ihrer Produkte stehen für ein optimistisches, zukunftsgewandtes Menschenbild. Passt das noch in die Welt von heute?

Als Designer bin ich Optimist. Ich bin in den Sechzigern aufgewachsen, die Mondlandung gehört zu meinen Kindheitserinnerungen. Das war eine Zeit, in der die Zukunft noch futuristisch war. Und Technologien einem eine optimistische Zukunftsperspektive gaben. Aber im zeitgenössischen Design beschäftigen wir uns nur mit dem Jetzt. Wir denken nicht mehr daran, wie die Welt in zehn, 15 Jahren aussehen wird. Ich habe nicht den Eindruck, das heute noch jemand optimistisch in die Zukunft sieht.

Denken Sie in Ihrer aktuellen Arbeit denn an die Zukunft?

Immer. Ich frage mich immer, wie das was ich gestalte, in Zukunft wahrgenommen wird. Schon seit den Zeiten von „Lockheed Lounge“ versuche ich, Design zu machen, das zukunftsfähig ist. Das ist es, woran wir Designer gemessen werden.

Hat sich ihr Stil verändert?

Die fließenden Formen meiner frühen Arbeiten waren nur für bestimmte Produkte geeignet. Als ich begann, Mobiltelefone, Kameras und Uhren zu entwerfen, hat sich sicherlich auch mein Stil geändert. Das biomorphe funktioniert ja nicht immer. Ich wollte da auch kein Sklave meines eigenen Stils werden.

In den letzten Jahren arbeiten Sie als Creative Director einer Airline und arbeiten viel an Fahrzeugen, vorzugsweise an sehr schnellen, wie einem Rennboot, einem Privatjet, einer Raumfähre. Sind Sie fasziniert von Geschwindigkeit?

Ich glaube auch das liegt in meiner Kindheit, es ist eine kindliche Faszination für Geschwindigkeit. Als Kind habe ich viel fantasiert und geträumt. Fantasie ist etwas großartiges. Mein Concept Car für Ford oder der Kelvin Jet für Fondation Cartier sind einfach reine Fantasieobjekte. Sie sind Ausdruck einer utopischen Vorstellung davon, wie ich die Welt gern hätte.

 

 

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Cinecittà: Die Stadt der Träume
Lufthansa Woman's World | 04/2011

In den 50er und 60er Jahren wurden in der Filmstadt Cinecittà die spektakulärsten Filme der Welt produziert. Sophia Loren hatte hier ihr erstes Vorsprechen, Federico Fellini wollte nirgends anders wohnen. Heute trifft man eher Touristen als Filmstars.  [weiter]

Cinecittà: Die Stadt der Träume
Lufthansa Woman's World | 04/2011

In den 50er und 60er Jahren wurden in der Filmstadt Cinecittà die spektakulärsten Filme der Welt produziert. Sophia Loren hatte hier ihr erstes Vorsprechen, Federico Fellini wollte nirgends anders wohnen. Heute trifft man eher Touristen als Filmstars. 

Kann man vor dem Trevi-Brunnen stehen, ohne an Anita Ekberg zu denken, wie sie in Fellinis „La Dolce Vita“ in einer viel zu heissen Nacht mitsamt ihrem unfassbar geschnittenen Abendkleid in den Brunnen steigt und ruft: „Marcello, komm!“? Haben wir nicht alle, wenn wir eine Vespa die Via del Corso entlangknattern hören, das Bild von Gregory Peck und Audrey Hepburn vor Augen, wie sie lachend durch „Ein Herz und eine Krone“ brausen? Der Charme vergangenen Film-Glamours gehört zu Rom wie die Persol-Brille zu Marcello Mastroianni. Viele der Rom-Bilder, die in unserem kollektiven Filmgedächtnis haften, wurden aber gar nicht an Original Schauplätzen gedreht, sondern ein paar Kilometer südlich des Zentrums, in der Filmstadt Cinecittà. Auf dem 40 Hektar großen Grundstück an der Via Tuscolana entstanden schon 3.000 Filme, vom Monumentalschinken bis zur Pastawerbung. Hier wurde für „Ben Hur“ das berühmteste Wagenrennen der Filmgeschichte gedreht. Hier sprach Sophia Loren für ihre erste Rolle vor, lange bevor sie zur größten Diva des italienischen Films wurde. Fellini, der fast alle seine Filme hier drehte, nannte Cinecittà seine „ideale Welt“. Im Studio Nr. 5, lange Zeit das größte Filmstudio Europas, bewohnte er sogar ein Apartment und sagte einmal: „Ich bin nicht in Cinecittà, um Filme zu machen. Ich mache Filme, um in Cinecittà zu sein.“

Gebaut wurde die Filmstadt unter Benito Mussolini, der Architektur und Film zu seinen wichtigsten Propagandainstrumenten auserkoren hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die rotbraun getünchten Hallen im rationalistischen Stil teilweise zerstört, wurden zwischenzeitlich als Flüchtlingslager genutzt. Aber schon bald wieder drehten Vittorio de Sica, Roberto Rossellini, Luchino Visconti mit Stars wie Anna Magnani oder Gina Lollobrigida. Dann kamen die Amerikaner, die Rom und die damals niedrigen Drehkosten liebten und begründeten den Mythos von „Hollywood am Tiber“. Massenszenen mit zehntausenden von Statisten und hunderten von Pferden waren hier weitaus günstiger zu realisieren als in Kalifornien. In den 50ern und 60er Jahren entstanden in Cinecittà die aufwändigsten Produktionen der Welt. Eine der teuersten und spektakulärsten: „Cleopatra“ (1963). Die Dreharbeiten trieben die Produktionsfirma 20th Century Fox fast in den Ruin, verschlissen zwei Regisseure und die Ehen der beiden Hauptdarsteller, Richard Burton und Elizabeth Taylor. Die Kosten stiegen von ursprünglich vorgesehenen 2 Mio. auf 44 Mio. US Dollar an – was heute 320 Mio. entsprechen würde. Der Film fiel zwar bei der Kritik durch, gewann aber vier Oscars und brachte den Klatschspalten den Skandal des Jahres.

Später war es Fellini, dessen Name symbiotisch mit Cinecittà verbunden war, in den Achtzigern drehte Bernardo Bertolucci „Der letzte Kaiser“, danach wurde es immer ruhiger in der Filmstadt. Große Filmproduktionen gab es immer weniger, dafür mehr TV- und Werbefilmproduktionen. Nach der Teilprivatisierung Ende der Neunziger gelang noch ein Coup: Martin Scorcese drehte 2002 „Gangs of New York“. Riesige Szenenbilder aber werden heute mehr und mehr am Computer gebaut. Dazu kam die neue Konkurrenz aus Osteuropa: In Kroatien oder Rumänien liegen die Produktionskosten heute bis zu 25% günstiger als in Italien. Im Frühjahr häuften sich die Gerüchte um die Schließung der Studios, aber eine neue Steuerregelung ermöglicht Filmproduktionen, ein Viertel der Produktionskosten abzusetzen. Woody Allen machte davon auch gleich Gebrauch, als er im Sommer seinen neuen Film „Bop Decamerone“ in Rom drehte. Das jährliche Budget des nationalen Filmarchivs, Cinecittà Luce, wurde allerdings von 29 Mio auf 7,5 Mio. Euro gekürzt, worauf sich Roberto Benigni, Regisseur von „Das Leben ist schön“, im nationalen Fernsehen aufregte: „Das ist unser filmisches Gedächtnis, unsere Geschichte. Man kann doch seine Geschichte nicht einfach dichtmachen!“

„Cinecittà ist eine schöne Frau, die in die Jahre gekommen ist“, sagte einmal Dante Ferretti, der als Szenenbildner schon für Fellini gearbeitet hat, und dessen Set für „Gangs of New York“ 2002 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Heute bleichen die Fiberglas-Fassaden, mit denen er das New York des 19. Jahrhunderts nachbaute, unter der römischen Sonne aus, und sind Teil einer Touristen-Route durch die Filmstadt. Nur einen Steinwurf vom Broadway entfernt liegt das antike Rom, das aufwändige Set der amerikanisch-britischen TV-Produktion „Roma“, die 2005-2007 gedreht wurde. Die Kulisse von „Roma“ wird für heute für Firmenevents vermietet, direkt neben dem „Forum Romanum“ steht ein Galazelt. Ansonsten spazieren Touristen unter den hohen Pinien zwischen den denkmalgeschützten Hallen entlang, klopfen ungläubig an Fiberglas-Säulen und schmunzeln über einen modernen Feuerlöscher, der sich in einer Gasse des alten Roms verirrt hat. Weltstars kommen nur noch selten in die Cinecittà. Monica Belucci drehte hier einen Teil von „A Burning Hot Summer“, Julia Roberts war für eine Kaffeewerbung hier. Broadway und Rom sind derzeit Teil der Ausstellung „Cinecitta’si mostra“ („Cinecittà zeigt sich“). Bis Ende November wird hier die Geschichte der Studios gezeigt und ein Blick in die Filmgeschichte von Schwarz-Weiss bis 3D geworfen. Die Ausstellung ist eine Art Testlauf. Das Studio-Management denkt darüber nach, die zu Cinecittà gehörenden Dino Studios, 20 Minuten südlich von Rom gelegen, in einen Themenpark umzuwandeln.

Ausstellung „Cinecittà si Mostra“, Via Tuscolana 1055, bis 30. November 2011, geöffnet täglich 10.30-19.30, Sa bis 21 Uhr, Di geschlossen

 

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Made in Germany: Monkey 47
Lufthansa Magazin 10/2011

Wo wird der beste Gin der Welt gemacht? Nicht in England, nicht in Indien, sondern mitten in Süddeutschland. In der Stählemühle, einer kleinen, feinen Obstbrennerei zwischen Schwarzwald und Bodensee. Ein Werkstattbesuch.  [weiter]

Made in Germany: Monkey 47
Lufthansa Magazin 10/2011

Wo wird der beste Gin der Welt gemacht? Nicht in England, nicht in Indien, sondern mitten in Süddeutschland. In der Stählemühle, einer kleinen, feinen Obstbrennerei zwischen Schwarzwald und Bodensee. Ein Werkstattbesuch. 

Ursprünglich, so will es die Legende, war es ein Brite, der den Gin ins Ländle brachte: Montgomery „Monty“ Collins, in Madras geboren, Weltenbummler und Uhrenliebhaber, betrieb hier in der Nachkriegszeit das Gasthaus „Zum wilden Affen“, und bereicherte die Speisekarte mit einem hausgemachten Gin. Einen Teil der Gewürze liess er aus Indien schicken, Wacholder, Schlehen, Holunder, Fichtennadelsprossen und vieles mehr fand er direkt vor der Haustür. 47 Botanicals gehören in den Schwarzwald Dry Gin, Monty’s Geheimwaffe: frische Preisselbeeren, die ihm eine fruchtige Note verleihen.

Die Spur des Briten verliert sich in den Sechzigern, aber die Rezeptur für den Gin taucht im neuen Jahrtausend wieder auf und fällt Alexander Stein in die Hände. Der Spross einer süddeutschen Spirituosenfamilie (seinen Eltern gehörte die Weinbrennerei Jacobi) arbeitete als Manager bei Nokia in den USA, war aber recht unzufrieden. „Ich wollte etwas Authentisches tun“, erzählt er „und ging zurück nach Deutschland mit dem Traum, einen Gin herzustellen, der schmeckt wie Monty Collins‘ Leben – nach Bollenhut, Turban und Melone.“

Mit dem Rezept im Gepäck macht er sich auf die Suche nach einem guten Obstbrenner. Er findet einen der besten: Christoph Keller. Der ehemalige Kunstbuchverleger hatte 2005 die Stählemühle mit seiner Familie gekauft, um sein Leben zu entschleunigen. Als er erfährt, das die Brennlizenz, die zur Mühle gehört, verfällt, wenn sie längere Zeit nicht genutzt wird, beschliesst er, Hobby-Brenner zu werden. Er liest Bücher zum Thema, besucht Destillen, experimentiert – und gewinnt schon bald die ersten Medaillen mit seinen Obstbränden. 2011 haben Destillata und Gault Millau die Stählemühle in den „Kreis der auserwählten Destillerien“ aufgenommen, er darf sich nun zu den besten Obstbrennern der Welt zählen.

Einen Gin zu destillieren, war für Keller eine schöne Herausforderung: „Ein guter Obstbrand zeichnet sich durch Typizität aus. Man soll den ganzen Lebenskreislauf der Frucht herausschmecken, von der Blüte bis zur Vanitas“, erklärt er, „ein guter Gin aber soll komplex sein, ohne seinen typischen Charakter von Wacholder und Zitrus zu verlieren.“ Knapp zwei Jahre entwickeln Alexander Stein und Christoph Keller „Monkey 47“ auf der Basis von Monty Collins Rezept. Sie verwenden das weiche Schwarzwälder Quellwasser, destillieren besonders schonend und verzichten auf Kältebehandlung und Filtrierung, damit sich die ätherischen Öle voll entfalten können. Das Ergebnis ist ein sehr besonderer Gin. Im Glas entfaltet er eine Nase von Lavendel und Zitrusaromen, der Geschmack ist pfeffrig, man schmeckt den Wacholder, die Grapefruitschalen, die frischen Preisselbeeren. England, Indien, Schwarzwald. Fast zu schade, ihn mit Tonic zu strecken. „Eine Kolumnistin aus Singapur schrieb über Monkey 47: Ich wünschte, sie würden Parfum daraus machen!“ erzählt Alexander Stein. Die deutschen Gastronomen, die Stein und Keller zur Degustation geladen hatten, waren weniger begeistert. „Zu komplex“, befanden etwa die Hälfte der Barchefs, „davon trinken die Gäste ja maximal einen.“ Die Macher aber dachten nicht daran, ihr Produkt flacher auszubauen. Der Erfolg gab ihnen recht: Im Frühjahr wurde der Schwarzwald Dry Gin mit der Goldmedaille des World-Spirits Award ausgezeichnet. Aus den besseren Bars zwischen Hamburg und München – und aus der First Class Lounge der Lufthansa – ist der Affe nicht mehr wegzudenken. Alexander Stein und Christoph Keller setzen jetzt noch einen drauf. Im Oktober kommt ihr Distiller’s Cut auf den Markt. In einer limitierten Edition von 1.000 Flaschen und mit einer besonders individuellen Geschmacksnote.

 

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Mission Miami
Audi Magazin | 04/2011

Marianne Goebl hat eine Mission: die Öffentlichkeit für Design zu begeistern. Seit Februar hat sie das Werkzeug dazu, denn sie ist die neue Direktorin der international wichtigsten Plattform für Limited Edition Design, der Design Miami.  [weiter]

Mission Miami
Audi Magazin | 04/2011

Marianne Goebl hat eine Mission: die Öffentlichkeit für Design zu begeistern. Seit Februar hat sie das Werkzeug dazu, denn sie ist die neue Direktorin der international wichtigsten Plattform für Limited Edition Design, der Design Miami. 

Ein Ozean, ein halber Kontinent und gefühlte Welten liegen zwischen Basel und Miami. Hier die überschaubare Stadt am Rhein, geprägt von Pharmaindustrie, schweizerischem Understatement und einer reichen Museumslandschaft. Dort die weit ausgedehnte Metropole an Floridas Atlantikküste, mit abgeschirmten Luxuswohnanlagen, Hochhäusern am Strand und überall spürbarem lateinamerikanischem Einfluss. Seit Februar ist Marianne Goebl in beiden Städten zuhause. In Basel, wo sie acht Jahre lang für Vitra gearbeitet hat und immer noch ein Apartment hält – und in Miami, wo sie seit Februar die kuratorische Leitung der Design Miami übernommen hat. Ihre Aufgabe: Zweimal im Jahr Galeristen, Gestalter und Interessenten für zeitgenössisches und historisches Design begeistern. Im Juni in Basel, im Dezember in Miami.

Die Fußstapfen, in die Marianne Goebl tritt, sind keine ganz kleinen: Ambra Medda, die die Messe mit 23 Jahren mitbegründet hatte, ist glamourös, kosmopolitisch, parkettsicher. Als Tochter einer Londoner Galeristin hat sie Design im Blut und als Partnerin des Immobilienentwicklers Craig Robins hatte sie das perfekte Händchen, um mit einer High-End-Messe für Designsammler der Gentrifizierung eines ehemaligen Industrieviertels auf die Sprünge zu helfen. Die Design Miami fand 2005 zum ersten Mal statt, parallel zur Art Basel und wurde von der Celebrity-Presse gleich in einem Atemzug mit VIP-Kunsteinkäufern, Poolparties und Rekordpreisen erwähnt. 2011 geht Medda eigene Wege, der Kunst- und Designmarkt ist um eine Krisenerfahrung reicher und so ist es klug, das Craig Robins als neue Direktorin der Messe eine Marketingexpertin beruft, die etwas mehr Basel nach Miami bringt als umgekehrt.

„Das ich nicht glamourös bin, haben Sie bereits bemerkt“, sagt Marianne Goebl auf eine trockene Wiener Art, die im leichten Widerspruch zu ihren blitzgrünen Augen steht. Wir treffen sie zum Interview während der Mailänder Designwoche. Es ist ihr erster öffentlicher Auftritt in der neuen Position. Vor der Kulisse des Mailänder Doms präsentiert sie die Gewinner des „W Hotels Designer of the Future Award“, die im Juni in Basel ausstellen werden. Spricht davon, wie stolz sie sei, die Vergabe dieses jungen Designpreises „zu erben“ und wechselt anschließend im Gespräch mit Designern, Galeristen und Journalisten problemlos zwischen fünf Sprachen. Ihre Mission heißt: „Design matters“. „Wie Räume gestaltet sind, hat einen starken Einfluß darauf, wie wir mit einander und mit uns selbst umgehen“, sagt Marianne Goebl. Eine Messe für Limited Edition Design zu kuratieren, ist für die 35-jährige ein perfektes Werkzeug, um das zu vermitteln. „Die Design Miami bietet mit ihrer Mischung aus historischen und zeitgenössischen Objekten die Möglichkeit, über 100 Jahre Designgeschichte zu erleben“, sagt Marianne Goebl enthusiastisch, „und das zum Angreifen, nicht wie im Museum.“

Das zu kommunizieren ist ihr wichtig, denn Design ist immer noch eine recht junge Disziplin. „Die ersten Museen für angewandte Kunst gab es Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts – und sie waren im Grunde genommen Schauen, die zeigen sollten, welche handwerklichen Fähigkeiten die Nationen zu bieten hatten“. Heute werden die meisten Gebrauchsgegenstände in Massenfertigung hergestellt und eine Wohnungseinrichtung wird nicht mehr fürs Leben gekauft, sondern nur noch für eine Phase in unserem sich ständig wandelnden Alltag. So ist es kein Wunder, das gerade heute das Limited Edition Design als Kunstform boomt. Wo das serielle Produkt an Wert verliert, kommt dem Einzelstück eine größere Bedeutung zu: „Prototypen gab es sicherlich immer“, sagt Marianne Goebl, „aber gerade durch die Möglichkeiten der Serienfertigung ist das Bedürfnis nach dem Handgemachten, nach dem Einzelstück gewachsen. Nach etwas, das ganz für einen selbst gemacht ist.“

Wie wichtig das Experiment mit Einzelstücken auch für Designer ist, weiß Marianne Goebl aus ihrer Zeit in Basel. Für Vitra entwickelte die PR-Strategin 2003 die Home Collection und 2007 die experimentelle Plattform „Vitra Edition“. Sie arbeitete eng zusammen mit Ron Arad, den Bouroullecs, Konstantin Grcic, Jasper Morrison und Hella Jongerius. „Eine limitierte Edition bietet Designern die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die in der seriellen Fertigung verworfen werden – weil sie zu schwer, zu teuer oder einfach nicht umsetzbar sind“, erklärt Goebl, „Und für Sammler ist es attraktiv, ein Stück aus einer Entwicklung zu erwerben, das schon einen ausgereiften Ausdruck hat. Weil da eine starke Idee, ein neues Material oder ein formaler Ausdruck im Vordergrund stehen.“

Aber nicht nur die Sammlerszene soll sich von der Design Miami angezogen fühlen, sondern auch die weniger glamouröse Öffentlichkeit. „Es geht mir darum, allen eine Design-Erfahrung zu ermöglichen“, sagt Goebl und verrät die Highlights der kommenden Messe in Basel: Zwei Galerien zeigen Architektur von Jean Prouvé aus den 40er und 50er Jahren. Ein Fertighaus-Vorläufer, entworfen für Kriegsflüchtlinge, wird täglich auf der Messe auf- und abgebaut. „Das wird eine Performance! Und zeigt zugleich die Intelligenz der Struktur“, so Marianne Goebl. Zeitgenössische Objekte werden von Makkink & Bey, Nacho Carbonell, Max Lamb, Astrid Krogh, Formafantasma und anderen zu sehen sein. Und die „Designer of the Future“ werden ganz neue Arbeiten zeigen, die sie exklusiv für die Design Miami entwerfen. Der Londoner Asif Khan, das Wiener Designduo Mischer’Traxler und Studio Juju aus Singapur werden neue Objekte oder Installationen zum Thema „Conversation Pieces“ zeigen.

Im Dezember wird Marianne Goebl dann die erste Design Miami in Florida kuratieren. Auch wenn sie durch und durch Europäerin ist, freut sie sich auf den neuen Lebensmitelpunkt: „Hinter Miami liegt ein ganzer Kontinent, den es für mich zu entdecken gibt: Südamerika.“

Biographie:

Marianne Goebl wurde 1975 in Wien als Tochter eines Mathematikers und einer Kunsthistorikerin geboren. In der Familie wurde auf Musik, Bildung und Sprachen großen Wert gelegt. Marianne Goebl spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Sie studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Grande Ecole HEC in Paris. Nach dem Studium war sie zunächst bei L’Oréal in Paris und wechselte 2003 zum Möbelhersteller Vitra, wo sie die „Home Collection“ und später die limitierten Auflagen der „Vitra Edition“ entwickelte. Ihr letztes Projekt bei Vitra war die Betreuung des „Vitra Hauses“ von Herzog & de Meuron, das 2010 eröffnet wurde. Seit Februar 2011 ist sie Direktorin der Design Miami und für die Kuratierung des globalen Designforums verantwortlich. Zuhause wohnt Marianne Goebl in einem eklektischen Mix aus zeitgenössischem Design, dem Schreibtisch ihrer Großmutter und dem Wiener Stadthallenstuhl aus den 50ern.

 

 

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Privatsachen
Feld100 | 01/2011

Von der Stecknadel bis zum Auto soll jeder Europäer etwa 10.000 Dinge besitzen. An die meisten verschwenden wir keinen Gedanken, aber manche begleiten unser Leben. Sie erinnern uns an Kindheit, vergangene Lieben, ein Versprechen, das wir gegeben haben.  [weiter]

Privatsachen
Feld100 | 01/2011

Von der Stecknadel bis zum Auto soll jeder Europäer etwa 10.000 Dinge besitzen. An die meisten verschwenden wir keinen Gedanken, aber manche begleiten unser Leben. Sie erinnern uns an Kindheit, vergangene Lieben, ein Versprechen, das wir gegeben haben. 

 

Oder an besondere Menschen und schöne Momente. Die Nummer 100 in jeder Ausgabe von FELD 100 ist den fünf Lieblingsdingen einer Person gewidmet, die Geschichten dahinter entstehen in Kooperation mit Fünf Dinge, einer Website der Journalistinnen Dorothea Sundergeld (Hamburg) und Okka Rohd (Berlin) und der Artdirektorin Karolina Stasiak (Wien/Berlin).

www.fuenfdinge.de ist seit dem 10. August 2011 online.

 

Susanne Junker, Fotokünstlerin und Betreiberin eines Art Space in Shanghai, wohnt in Paris und Shanghai. www.susannejunker.com, www.stage-back.org

 

Ringblitz

Welche Kamera ich benutze, ist mir relativ egal, aber der Ringblitz ist genau das Licht, das ich für meine Fotos brauche. Er ist klein, passt in mein Reisegepäck (denn ich bin viel unterwegs), und er macht ein knalliges, cooles Licht. Man hat große Beweglichkeit mit ihm, denn man muss ihn nicht auf die Kamera aufstecken. Man kann ihn mit der Hand halten oder sich auf das Handgelenk stecken. Er macht einfach Spaß.

Vibrator

Dazu muss man wohl nicht viel erklären … Oder doch: Ich finde, Frauen sollten mehr masturbieren. Ungefähr ein- bis fünfmal am Tag. Denn es katapultiert den Spirit, das Wohlbefinden. Es ist fast wie eine Meditation, es ruht aus und macht einfach wunderbare Laune. Wenn Frauen sich öfter einen Orgasmus verschaffen würden, bräuchten sie nicht so teure Hautcremes, denn sie sähen ganz von selbst jünger und besser aus. Es gibt diese alte Szene aus Sex and the City, aber sie ist wirklich zutreffend: Die vier treffen sich, und als Samantha ankommt, fragen alle: »Wow, du siehst toll aus, was hast du gemacht?« Samantha sagt: »Well, I masturbated all afternoon.«

Ich hatte auch schon peinliche Vibrator-Momente. Früher, als ich noch als Model arbeitete, war ich einmal auf einer Show in Dallas, und als ich in der Kabine saß und geschminkt wurde, fing auf einmal mein Koffer an zu surren. Ich musste ihn aufmachen, das Ding ausstellen – und es war mir echt unangenehm, weil es natürlich alle mitgekriegt hatten. Die Frau, die mein Make-up machte, war allerdings total nett. Sie sagte mit dem breitesten Südstaatenakzent: »Don’t worry honey, mine glows in the dark.«

Rolex

Ich bin in einer ganz normalen Familie aufgewachsen. Luxusgegenstände gab es bei uns nicht. Als ich das erste Mal richtig Geld verdiente, wollte ich mir unbedingt eine Rolex kaufen. Ich weiß noch heute, wie das war. Ich war mit meinem damaligen Freund und meinem Bruder in Paris. Wir gingen in die Rue de Rivoli, suchten die Uhr aus, gingen Mittag essen, kauften sie und waren danach noch im Ritz einen Champagner trinken. Ich war 22, und natürlich ist das einfach nur ein Statussymbol. Aber für mich ist diese Uhr sehr wichtig. Vielleicht weil ich sie mir selbst gekauft und nicht von einem Freund geschenkt bekommen habe. Und sie ist eines der wenigen Dinge, die ich noch nie verloren habe. Sonst verliere ich ständig Dinge. Einmal hatte ich so eine Panik, die Uhr zu verlieren, dass ich sie im Gefrierfach depo- nierte. Leider vergaß ich das dann und suchte sie wochenlang. Irgendwann öffnete ich das Gefrierfach, und die Uhr saß da und grinste mich an. Ein anderes Mal wäre sie mir fast abhandengekommen, weil ich überfallen wurde. Wir fuhren durch Paris mit dem Auto, das Fenster war offen, und neben mir hielt ein Roller, und ein Typ versuchte, mir die Uhr vom Handgelenk zu reißen. Zu der Zeit ging es mir nicht besonders gut, und ich hatte gerade überlegt, die Uhr zu versetzen. Als der Typ an meinem Handgelenk und meinen Haaren herumriss, entwickelte ich eine unglaubliche Wut. Nachher lag die Uhr mit kaputtem Armband auf dem Boden des Autos, und mir waren büschelweise Haare ausgerissen. Aber die Rolex ist bei mir geblieben.

Araki-Polaroid

Es ist das erste Kunstwerk, das ich mir gekauft habe. Zugegeben – es ist eigentlich ein Schnäppchen-Araki. Diese Polaroids werden auf Messen massenweise angeboten. Dennoch: Es ist ein Kick, sich das erste Mal ein Stück Kunst zu kaufen. Wirklich ein anderes Thema als eine Handtasche oder ein Paar Schuhe. Und ich liebe dieses Bild, weil es ein so un- gewöhnlicher Araki ist. Normalerweise sieht man bei ihm gefesselte Frauen. Hier ist eine Puppe gefesselt und noch dazu auf den Kopf gestellt, wodurch es eine ko- mische Satanismus-Anspielung wird, was eigentlich überhaupt nicht Arakis Thema ist. Josh (mein Ehemann) schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich mit diesem Bild ankam. »Mensch, Susi, 500 Euro für ein Polaroid?!« Aber nun ist es da. Und bleibt.

International Art Diary

Eigentlich mache ich heute fast alles Schriftliche mit dem iPhone oder dem Computer. Aber letztes Jahr schenkte mir Josh das International Art Diary zu Weihnachten. Darin sind alle großen internationalen Kunstveranstaltungen gelistet, es gibt ein paar Stadtpläne und viel Platz für Notizen. Seitdem habe ich mir angewöhnt, wieder Sachen aufzubewahren. Tickets, Einladungen, Eintrittskarten, Kritzellisten. Am Ende vom Jahr liegt dann ein Berg von Kram auf meinem Schreibtisch, und ich klebe alles ein, was wichtig war – und schreibe wieder mit der Hand. Das ist ein bisschen altmodisch, aber sehr schön.

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Wohnen mit Farbe
Architektur & Wohnen | April/Mai 2011

Farbe bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen und wie wir uns zuhause fühlen. Räumen verleiht sie Persönlichkeit und Temperatur, Intimität und Größe. Damit das gelingt, sollte man Farbe komponieren wie ein Musikstück.  [weiter]

Wohnen mit Farbe
Architektur & Wohnen | April/Mai 2011

Farbe bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen und wie wir uns zuhause fühlen. Räumen verleiht sie Persönlichkeit und Temperatur, Intimität und Größe. Damit das gelingt, sollte man Farbe komponieren wie ein Musikstück. 

Wer nach dem Urlaub in südlichen Ländern nach Deutschland zurückkommt, stellt sich oft die Frage: Warum gibt es bei uns denn so viele schwarz gekleidete Menschen in weiß getünchten Räumen? Warum gehen andere mit Farbe so viel mutiger um? Funktioniert das Limonengrün und Pink, das indische Fassaden selbst im fahlen Licht der Leuchtröhren noch fröhlich aussehen lässt, auch in einer Küche in Hamburg? Lässt sich das Knallgelb oder Himmelblau des großen Architekten Luis Barragán aus Mexiko nach München holen? Oder verhält es sich mit Farbe so wie mit dem Dessertwein, der im Italienurlaub köstlich war, zu Hause aber fade schmeckt und nun in der Hausbar einstaubt?

„Uns ist die Kultur der Farbe im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen“, glaubt der Hamburger Interior Designer Peter Nolden. „Danach hat man schnell und billig gebaut, die schlecht verputzten Wände mit Raufasertapete beklebt und weiß gestrichen. Schauen Sie mal nach England! Dort finden Sie weder Raufaser noch weiße Wände.“ Dabei gibt es auch in Deutschland eine Tradition für farbige Innenräume. Bayerische Barockkirchen und preußische Villen sind innen mit zarten Tönen bespielt. Bauhaus-Architekten setzten Farbe ein, um die räumliche Tiefe ihrer Gebäude zu betonen. Bruno Taut bemalte die Fassaden der Berliner Gartenvorstadt so bunt, dass sie den Spitznamen „Kolonie Tuschkasten“ trug. Und Le Corbusier gestaltete die Außenwände seiner Häuser in der Stuttgarter Siedlung am Weißenhof in Rosa- und Blautönen, während die Innenräume rosé, englischrot, hellblau und schokoladenbraun gestrichen wurden. Und auch in den 70er-Jahren unternahm das deutsche Wohnzimmer Ausflüge in Gelb, Orange und Braun.

Seither regiert Weiß – und immer noch bevorzugt auf Raufaser. Für Peter Nolden ist das ein Grauen. Er ließ sich von englischen, skandinavischen und preußischen Landsitzen zu einer eigenen Farben-Kollektion inspirieren. Aber auch seinen Kunden fällt es nicht immer leicht, sich von ihren weißen Wänden zu trennen. „Die meisten wollen nur eine Wand streichen“, erzählt Nolden. „Ich versuche dann, ihnen Mut zu machen, doch den ganzen Raum zu verändern.

Was stellt Farbe mit Räumen an? Wie stimmt man Nuancen aufeinander ab? Und welche Farbe passt zu welchem Raum? Susanna Leiser, ausgebildete Farb- und Raumpsychologin in München, gestaltet Räume für Firmen und Privatkunden. Ein gutes Farbkonzept beginnt für sie gar nicht einmal mit der Entscheidung für eine bestimmte Farbe, sondern mit Farborganisation. „Sie prägt den Charakter eines Raumes“, betont Susanna Leiser. „So sollte man eine zentrale Fläche betonen, weil das dem Raum Ruhe gibt. Wenn Linien, Säulen oder Heizkörper farblich hervorstehen, geschieht das Gegenteil.“ Anders ausgedrückt: Wenn man einen ganzen Raum in Aubergine streicht, sollte man Rohre und Heizkörper nicht Weiß lassen. Harmonie entsteht, wenn ein Farbkonzept alle Räume mit einbezieht. Für jeden Raum sollte man sich drei, vier Farben aussuchen, die sich auch in bereits vorhandenen Textilien oder Möbeln finden. „Wenn man die Farben nebeneinander legt, sollten sie alle zusammenpassen“, erklärt Susanna Leiser.

Ob man das Esszimmer in kommunikativem Orange oder in dramatischem Nachtblau will und das Schlafzimmer in transzendentem Blau oder einem höhlenhaften Schokoladenbraun, ist eine Frage der Persönlichkeit – und Intention: Kühle Farben lassen Räume größer wirken, warme Farben kleiner, aber auch gemütlicher. Monochrome Anstriche helfen, in ungleichmäßig geschnittenen Räumen Fehler auszugleichen. In symmetrischen, hellen Zimmern wiederum ist es schön, die Decke nicht in der Wandfarbe zu streichen, sondern in einer aufgehellten Variante. Harmonie lässt sich über die Verwandtschaft der Farben erzeu- gen, über einen ähnlichen Sättigungsgrad zum Beispiel.

Aber vor allen Dingen kommt es auf den „Flow“ an. Die Farbexperten des britischen Traditionshauses Farrow & Ball raten: Die Farben, die in einem Flur und den angrenzenden Zimmern verwendet werden, sollten gleich stark sein. Wer in einem Raum mit mehreren Abmischungen eines Farbtons arbeitet, etwa um Stuck, Fensterrahmen oder Säulen zu betonen, sollte die kräftigere Farbe aufden Wänden und die dezentere auf den kleinen Flächen anwenden, um Ruhe zu vermitteln. Manchmal kann das genaue Gegenteil aber auch erfrischend sein.

Was lösen Farben bei uns aus? Wie stimmt man sie auf Architektur und die Möbel ab? Nicht nur auf die Nuancen kommt es an, auch auf die Oberfläche: Welche Qualität bringt welches Ergebnis? Grün soll beruhigen, Rot anregen und Violett mystisch sein – zur Wirkung von Farbtönen hat der Farbpsychologe Axel Venn eine Studie durchgeführt, in der er 60 Probanden Farben genau 360 Adjektiven zuordnen ließ. Die Ergebnisse wurden in Zusammenarbeit mit dem Farbsystem RAL als „Farbwörterbuch“ herausgegeben. Sie zeigen, dass unser Farbverständnis kulturell geprägt ist.

„Farbe ist eine Metasprache“, erklärt der Autor, „Violett- und Rottöne werden von den meisten Menschen als sehr wertvoll angesehen. Ihren Ursprung hat diese Assoziation im Mittelalter: Damals war das Sekret der Purpurschnecke teurer als Gold. Töne mit starker physiologischer Wirkung wie Blau und Orange werden als kalt beziehungsweise warm empfunden.“

Wer seine Wandfarbe punktgenau auf Stil und Epoche seiner Lieblingsmöbel abstimmen will, findet Rat bei Farbherstellern wie Peter Interiors, Little Greene oder Farrow & Ball. Sie rekonstruieren historische Farbnuancen, mit denen die Farbwelten vergangener Zeiten wieder aufleben. „Eau de Nil“ von Little Greene zum Beispiel ist ein typischer Grünton der 30er-Jahre, „Portland Stone“, ein warmes viktorianisches Grau, und „Polar Blue“ sollen uns in die eiscremefarbenen Fünfziger versetzen. Ganz besondere Töne, wie das Ultramarinblau, mit dem Yves Klein seine berühmten Schwämmefärbte, oder das Coelinblau, das Claude Monet für Lufttöne verwendete, stellt die Schweizer Farbenmanufaktur KTColors her. Gründerin Katrin Trautwein produziert Pigmente mit echten Farberden und hochwertigen Halbedelsteinen wie afghanischem Lapislazuli, die zum Teil von Hand in Leinöl auf den Walzenstuhl eingerieben werden. Die „Gourmetköchin“ unter den Farbherstellern bietet darüber hinaus die 80 Farbtöne jener architektonischen Polychromie an, die Le Corbusier zwischen 1931 und 1959 entwickelte. Die Rezepte der Farbklaviatur, die Le Corbusier als optimal empfand, um die Schönheit von Architektur hervorzuheben, waren bis vor gut zehn Jahren in der Fondation Le Corbusier archiviert – bis Katrin Trautwein kam und die Farbtöne rekonstruierte.

Generell gilt: Je mehr Pigmente eine Farbe enthält, desto höher ist ihre Deck- kraft. Künstlich hergestellte Pigmente, die heute oft die natürlichen Erdfarben ersetzen, sind dabei effizienter – aber nicht unbedingt charmanter. Wie Farben wirken, ist aber nicht nur eine Frage der Pigmente, sondern genauso des Trägermaterials. Die meisten Hersteller bieten Farben in matten, seidenglänzenden und wischfesten Bindemitteln an. Um eine besonders matte oder pudrige Oberfläche zu erzielen, fügt Susanna Leiser ihren Farben Mattierungspulver bei – Perlmutt oder Blütenpollenstaub –, verwendet spezielle Grundierungen und trägt die Farbe schon mal mit Gummispachtel auf: „Die Oberfläche kommuniziert die Farbe – und gibt einem Raum erst seine gewisse Sinnlichkeit.“

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Die politische Galerie
Feld 100 | 01/2011

Seit die arabische Welt im Umbruch ist und im mittleren Osten Kunstmuseen wie Pilze aus dem Boden spriessen, ist arabische Kunst hoch im Kurs. Bei einer zierlichen Dame libanesischer Abstammung in Hamburg steht das Telefon seitdem nicht mehr still.  [weiter]

Die politische Galerie
Feld 100 | 01/2011

Seit die arabische Welt im Umbruch ist und im mittleren Osten Kunstmuseen wie Pilze aus dem Boden spriessen, ist arabische Kunst hoch im Kurs. Bei einer zierlichen Dame libanesischer Abstammung in Hamburg steht das Telefon seitdem nicht mehr still. 

Früher hatte sie montags frei, doch die Zeiten sind nun vorbei. Dabei ist es für Andrée Sfeir-Semler keine neue Erfahrung, das ihre Künstler gefragt sind. Seit über 25 Jahren betreibt die in Beirut geborene Kunsthistorikerin eine Galerie unter ihrem Namen, zuerst in Kiel, dann in Hamburg. Sie vertritt Blue Chips wie Ian Hamilton Finlay, Sol LeWitt oder Michelangelo Pistoletto. Doch seitdem sie 2005 eine Filiale in Beirut eröffnet hat, und einige der wichtigsten arabischen Künstler bei ihr unter Vertrag sind, sehen Frau Sfeir-Semlers Montage immer öfter aus wie dieser: sie sitzt am Schreibtisch, das Telefon klingelt, der Email-Eingang ist überfüllt. Arabische Künstler sind derzeit auf dem internationalen Markt so gefragt wie die Russen nach ’89 und die Chinesen zu Beginn der Nuller Jahre. „Es ist verrückt“, erklärt die 58-jährige, „einige unserer Künstler sind zur Documenta eingeladen, andere zur Istanbul Biennale. Walid Raad hat Museumsausstellungen rund um die Kugel. Rabih Mroué hatte letztes Jahr die erste Einzelausstellung in seinem Leben – nun ist er im Stuttgarter Kunstverein und nächstes Jahr auf der Documenta. Und ich reise ihnen natürlich überall hinterher.“ Die Arbeiten ihrer Künstler sind meist konzeptuell. „Nichts fürs Wohnzimmer“, sagt Andrée Sfeir-Semler. Walid Raad, Rabih Mroué und Akram Zaatari beschäftigen sich mit Archivmaterial. Ihre Themen sind das kollektive Gedächtnis ihres Volkes, die Erinnerung an die Gegenwartsgeschichte im Nahen Osten. Während Akram Zaatari vor allem dokumentiert, nehmen Walid Raad und der Theaterregisseur Rabih Mroué das Archivmaterial um daraus eine Art historischen Roman zu machen. Sie erzählen Geschichten, die die Wahrheit sind, auch wenn die Fakten erfunden sind. Seitdem im Nahen und Mittleren Osten Museen aus dem Boden spriessen und die arabische Welt im Umbruch ist, wollen immer mehr Menschen diese Geschichten hören.

Für die Galeristin ist der Boom eine große Bestätigung. Mit Anfang 20 kam Andrée Sfeir-Semler nach Deutschland, um zu studieren. Sie blieb, als in ihrer Heimat Krieg ausbrach – heiratete, und eröffnete ihre Galerie ursprünglich mit einem Schwerpunkt auf Minimalismus. Sie ist eine energische, drahtige Person mit kantigen Gesichtszügen, einem perfekt sitzenden Kostüm und einer damenhaften Frisur, aus der im Eifer des Gesprächs schonmal einzelne Haarsträhnen eigenwillig hervorstehen. Sie ist eine erfolgreiche Frau, die ihre Karriere und Familie in Deutschland hat, aber ihr Libanesischsein dabei immer gepflegt hat. Jedes Jahr ging sie zurück in den Libanon und beobachtete die Szene dort. Lange Zeit war die praktisch nicht existent. Wo Bomben hochgehen, produzieren Menschen keine Kunst. Als sich im letzten Jahrzehnt eine interessante Szene junger arabischer Künstler entwickelte, beschloss sie, ein Standbein in Beirut zu eröffnen – und weil sie die erste war, konnte sie sich die Künstler, die sie vertreten wollte, aussuchen.

Der Anfang war alles andere als leicht. Sfeir-Semler hatte eine Lagerhalle im Hafen gemietet, eine Riesenfläche, weit ab von jeglichem Geschehen. Vier Tage vor der Galerieeröffnung war nicht klar, ob sie überhaupt stattfinden würde. Es gab eine Ausgangssperre in der Stadt wegen Autobomben, kurz zuvor war Ministerpräsident Rafik Hariri ermordet worden. Am Donnerstag wurde dann die Ausgangssperre für den Samstag aufgehoben und zur ersten Vernissage kamen 1.800 Gäste – ein sensationeller Start.

Es ist ein Spagat zwischen zwei Welten, den Andrée Sfeir-Semler seitdem vorführt. Bis Mitte Juli zeigte die Beiruter Galerie Modebilder, die F.C. Gundlach in den 60ern im Nahen Osten fotografiert hat. Es war die gute Zeit, als Beirut noch das „Paris des Ostens“ war. Die Galeriefläche teilte sich der Grandseigneur der deutschen Modefotografie mit Hoda Tawakol, einer jungen Ägypterin, die in Hamburg aufgewachsen ist und gerade ihr Diplom gemacht hat. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Körper, Verhüllungen und Vernarbungen. Sie spannt Stretch-Textilien, wie sie für Bikinis verwendet werden, verletzt und zerschneidet sie und näht sie wieder zusammen. Die leichten, schönen Themen treffen bei Sfeir-Semler schnell mit den Ernsten zusammen. „Sie können in dieser Ecke der Welt keine Galerie führen, ohne politisch zu werden“, erklärt Sfeir-Semler, „Politik ist auf Schritt und Tritt präsent. Und es passieren so viele Ungerechtigkeiten, das man nicht daran vorbeigehen kann.“

Was Andrée Sfeir-Semler mit ihren Künstlern verbindet, ist das Leben in der Diaspora. Walid Raad lebt in New York, Rabih Mroué hat lange Zeit in Paris verbracht. „Ich habe hier in Deutschland meine Professionalität und meinen Kunst- und Kulturbegriff entwickelt“, sagt die Tochter einer christlichen Beiruter Intellektuellenfamilie, „ohne den Abstand, den Blick von außen, hätte ich vielleicht niemals eine Galerie in Beirut eröffnet.“ Viele der schätzungsweise 15 Millionen Libanesen in aller Welt kehren regelmäßig nach in ihre Heimat zurück, in der etwa 4 Mio. Menschen leben. „Versuchen Sie mal, im August einen Flug nach Beirut zu bekommen – da ist alles ausgebucht!“ Es sind nicht nur Libanesen, sondern auch viele Araber, die sich nach 9/11 in westlichen Ländern nicht mehr wohlgefühlt haben und begannen, im Libanon Urlaub zu machen. Nach der Aufhebung des Bankgeheimnisses in der Schweiz und dem Finanzcrash 2008 ist viel Geld in den Libanon geflossen. Gute Bedingungen für eine Galerie in Beirut. „Wir sind von Anfang an mit dem Glück gesegelt“, sagt Andrée Sfeir-Semler. Könnte sie sich auch vorstellen, in Beirut zu leben? „Auf keinen Fall!“ sagt sie entschieden und bändigt eine Haarsträhne. „Zum einen könnte mein Mann sich nie vorstellen, dort zu leben. Und so lange es noch zwei Stunden dauert, bis man eine 2MB Datei hochgeladen hat, brauche ich Hamburg für die Professionalität.“

 

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Wir sind alle Astronauten
Form 240 | 2011

Eine Doppelausstellung im Marta Museum Herford zeigt den Ideenkosmos des Richard Buckminster Fuller und den Einfluss, den der große amerikanische Visionär auf die zeitgenössische Kunst hat.  [weiter]

Wir sind alle Astronauten
Form 240 | 2011

Eine Doppelausstellung im Marta Museum Herford zeigt den Ideenkosmos des Richard Buckminster Fuller und den Einfluss, den der große amerikanische Visionär auf die zeitgenössische Kunst hat. 

Keine Frage: Buckminster Fuller (1895-1983) zählt zu den faszinierendsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Architekt und Mathematiker, Dichter und Philosoph, Utopist und Umweltschützer in einer Person, war er ein Leben lang bestrebt, Design so zu denken, das es der Menschheit maximal nutzt und dabei minimal Energie und Ressourcen verbraucht. Seine geodätischen Kuppeln und Tensegrity-Prinzipien prägten eine Generation von Architekten und Designern, seine Marathonvorlesungen genossen Kultstatus in der Szene und seine Biographie, die von gescheiterten Projekten und Verlusten durchzogen ist, beeindruckt noch heute, denn er war ein Mensch, dessen Zukunfts- und Technologieglaube selbst Schicksalsschläge in etwas Positives wenden konnte.

Wie weit der Mythos Fuller seiner Zeit voraus war, zeigt die Ausstellung „Bucky Fuller & Spaceship Earth“, kuratiert von Lord Norman Foster und dem spanischen Architekten Luis Fernandez-Galiano. Foster hatte Buckminster Fuller 1971 kennengelernt und in den letzten zwölf Jahren seines Lebens verband beide nicht nur eine Freundschaft, sondern auch das gemeinsame Interesse an Ökologie und Nachhaltigkeit. Fosters Fuller-Retrospektive, zuerst 2010 in Madrid gezeigt, zeichnet anhand von Modellen, Konstruktionen, Zeichnungen, Fotografien und Filmen die wichtigsten Stationen in Fullers Lebenswerk nach – von den „Wohnmaschinen“ Dymaxion House und Wichtia House über die geodätischen Kuppeln, dem amerikanischen Pavillon auf der Expo 1968 in Montreal bis hin zu seinen utopischen Visionen wie dem „Dome over Manhattan“. Ergänzt wird die Werkschau durch die vom Marta Herford kuratierte Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die sich auf das Werk Buckminster Fullers bezieht. „Wir sid alle Astronauten“ zeigt Werke von 21 internationalen Künstlern, darunter Olafur Eliasson und Ai Weiwei, die sich mit Bucky Fullers Formen und Philosophie beschäftigen, darauf Bezug nehmen, sie befragen. Das tut nach der sachlichen Bucky-Hommage gut, denn wer vor Augen hat, wie Attila Csörgös Dodecahedron= Icosahedron-Maschine Figuren formt oder Albrecht Schäfers „Ocellus“ Platikplanenkuppel sich schützend auf und niederbewegt, dem wird bewusst wie gut auch das 21. Jahrhundert den Mythos Fuller vertragen kann. Heimlicher Star der Ausstellung aber ist das Dymaxion Car #4. Drei Prototypen dieses visionären Automobils hatte Buckminster Fuller in den 30er Jahren gebaut. Sie waren stromlinienförmig, dreirädrig und wurden über das Hinterrad gesteuert, was einen extrem kleinen Wendekreis ermöglichte. Leider wurden zwei der drei Wagen bei Unfällen zerstört. Der verbliebene Prototyp wurde 2008 bei einer Fuller-Werkschau im Whitney-Museum gezeigt und war in so desolatem Zustand, das Lord Norman Foster sogleich die Idee hatte, das Auto originalgetreu zu rekonstruieren. Er überredete die Besitzer, ihm #2 zur Verfügung zu stellen um einen weiteren Prototypen zu bauen und versprach im Gegenzug, #2 vollständig zu restaurieren. Als Hommage an Bucky – und ein wenig auch für ihn selbst, denn Dymaxion Car #4 wird nach dem Ausflug nach Herford Teil der Oldtimer-Sammlung des Architekten sein.

www.martaherford.de, 11. Juni – 18. September 2011, Di-So 11-18 Uhr, jeden 1. Mi im Monat 11-21 Uhr, Katalog „Wir sind alle Astronauten“ 27×21 cm Softcover mit Klappumschlag, 248 Seiten, Deutsch/Englisch, 30 €

 

INTERVIEW

Was waren Ihre Beweggründe, die Ausstellung zu kuratieren?

Die Schau ist eine Hommage an Bucky: ein Ausdruck meiner Dankbarkeit für seinen weisen Rat und die wertvollen Erkenntnisse, die er mir mit auf den Weg gegeben hat und die meine eigene Karriere geprägt haben, sowie der Wunsch, manche seiner so vielfältigen Errungenschaften einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Angefangen hat alles mit dem fantastischen Kernstück der Ausstellung: dem Dymaxion Car #4. Es besticht durch seine einzigartige Optik und ist dennoch ein richtiges Auto – keine Nachbildung. Bei der Herstellung sind wir in Buckys Fußstapfen gewandelt. Fahrwerk, Motor und Antrieb stammen aus einem Ford Sedan aus den 300ern. Ich habe ebenfalls ein Modell von Buckys Wichita House erstellt, das damals von Flugzeugbauern konstruiert wurde. Das ist genauso futuristisch und auch wichtiger Bestandteil der Ausstellung.

Was für eine Beziehung hatte Sie zu Bucky Fuller?

Wir haben zwölf Jahre lang an verschiedenen Projekten zusammengearbeitet, von 1971 bis zu Buckys Tod 1983. Unser gemeinsames Interesse an Themen wie Ökologie und Nachhaltigkeit hat uns zusammengeführt. Jedenfalls sorgte es für eine Menge Gesprächsstoff während jenes Essens, bei dem wir einander vorgestellt wurden. Gegen Ende erklärte Bucky, er wolle mit mir zusammen an dem unterirdischen Theater in Oxford arbeiten – sein erstes Projekt in Großbritannien.

Welche Eigenschaften und Qualitäten von Bucky haben Sie am meisten beeindruckt?

Seine Lebensphilosophie, sein Optimismus, sein Glaube an eine umweltfreundliche, saubere Technologie, die das Überleben des Menschen sichern könnte, solange er nur seinen Kopf anstrengt. Für mich war Bucky die Quintessenz des moralischen Gewissens, wie er stets auf die Zerbrechlichkeit der Erde hinwies und dem Menschen die Verantwortung zum Schutz der Erde übertrug. Buckys Temperament und die Beziehungen, die daraus entstanden, waren von einem echten Sinn für Respekt sowie einer intellektuellen Gleichberechtigung geprägt. Privat war er ganz anders, als das öffentliche Bild des kühlen Technokraten es vermuten ließ – als Mensch und als Freund war er stets herzlich, großzügig und fürsorglich.

Wie hat Bucky Ihre Arbeit und Ihr Denken beeinflusst?

Bucky war eine dieser raren Persönlichkeiten, die die Weltanschauung eines Menschen grundlegend beeinflussen und verändern. Ganz besonders natürlich im Hinblick auf die Herausforderungen aus Natur und Umwelt, vor die wir nun gestellt werden. Was ihn jedoch ganz besonders faszinierte, war, dass die Natur in der Lage ist, aus sich selbst heraus Probleme effzient zu lösen. Ganz egal, ob es sich um Blätter oder Molekularformen handelt, bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass alles einem wunderbar einfachen und logischen Konzept folgt – es gibt keine Redundanz. In gewissem Sinne ist dies auch der Ausgangspunkt für viele unserer eigenen Projekte: Die heutigen Gebäude nehmen immer größere Dimensionen an, und aus diesem Grund müssen die Entwürfe äußerst effizient sein – alles wird auf eine möglichst leichte und effiziente Ge- bäudehülle reduziert.

Finden sich Bezüge zu Bucky Fuller in Ihren eigenen Gebäudeentwürfen?

Bucky ist in Gedanken eigentlich immer bei mir. Der Entwurf für Swiss Re in London basiert auf den Gedanken, die Bucky und ich 1971 zunächst für das theoretische Projekt „Climatroffice“ entwickelt haben. Mit dem Konzept wollten wir einen neuen Bezug zwischen Natur und Arbeitsplatz herstellen. Ein innen liegender Garten sollte ein Mikroklima schaffen, das von einer äußerst energieeffizienten Hülle umgeben war. Das Swiss Re basiert auf demselben runden Grundriss. Die fortlaufenden Etagen sind so gedreht, dass die entstehenden Leerräume am Rand jeder Etage spiralförmige Atrien bzw. Dachgärten bilden, die ein wesentlicher Faktor bei der Regulierung des Raumklimas im Gebäude sind.

Wenn Fuller die Welt im Jahre 2011 erleben könnte, was wäre wohl seine Botschaft?

Nie war Buckys Appell „aus weniger mehr zu machen“ relevanter als heute. Themen wie Schutz bietende Unterkünfte, Energie und Umwelt – Kernaspekte der modernen Architektur – spiegeln sein Vermächtnis am besten wider. Die Grundsätze nachhaltigen Designs, für die Bucky Wegbereiter war, sind zentrale Themen der modernen Architektur.

Wenn Bucky heute noch am Leben wäre, woran würde er arbeiten?

Das kann ich unmöglich beurteilen – Bucky passte einfach in keine Schublade! Wenn er jetzt hier wäre, würde er uns mit größter Eindringlichkeit nahelegen, dass die Investition in die Erforschung erneuerbarer Energien als Alternative zu fossilen Brennstoffen unumgänglich ist. Dann würde er einen Bezug zu den immer knapper werdenden konventionellen Brennstoffen herstellen und auf die daraus resultierende Kriegsgefahr und die damit verbundenen Grausamkeiten hinweisen. Bucky hatte immer einen Sinn für das große Ganze, und den brauchen wir, wenn wir die Klima- und Energieprobleme der heutigen Zeit erfolgreich lösen wollen.

Wie gefällt Ihnen die Ausstellung über moderne Kunst, die Marta Herford parallel zu Ihrer eigenen Ausstellung kuratiert hat?

Es war faszinierend zu sehen, wie Buckys Ideen sich in einer neuen Generation von Künstlern wiederfinden.

Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft weitere Ausstellungen zu kuratieren, oder war dies eine „Herzensangelegenheit“ für Sie?

Wenn sich eine gute Gelegenheit böte, dann vielleicht. Aber es ist schon richtig: Dies war eine Ehrenbezeugung an Bucky Fuller.

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Tüftelwege zur Kunst
Lufthansa Exclusive | 08/2011

Thomas Heatherwick ist der neue Star der britischen Design- und Architekturszene. Er entwirft alles von der Handtasche bis zum Hochhaus, vom Gartenstuhl bis zum Elektrizitätswerk. Und zwar am liebsten so, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat.  [weiter]

Tüftelwege zur Kunst
Lufthansa Exclusive | 08/2011

Thomas Heatherwick ist der neue Star der britischen Design- und Architekturszene. Er entwirft alles von der Handtasche bis zum Hochhaus, vom Gartenstuhl bis zum Elektrizitätswerk. Und zwar am liebsten so, wie man sie noch nie zuvor gesehen hat. 

Ist es ein großer Kreisel? Eine Skulptur? Ein Sitzmöbel? Spun Chair ist vor allem eines: ein großer Spaß. Man setzt sich rein, schaukelt ein bisschen hin und her, dreht eine Runde – und muss unwillkürlich lachen, weil einem das Blut einmal in den Kopf und wieder in die Füße geschwappt ist. Während des London Design Festivals im letzten September standen die Kunststoffsessel, die Thomas Heatherwick als Outdoor/Indoor Möbel für den italienischen Hersteller Magis entworfen hat, am Südufer der Themse. Passanten standen Schlange, um sie auszuprobieren – und manch einer drehte sich wie ein Derwisch bis zum Lachanfall. Spun Chair ist typisch Heatherwick. Seine Entwürfe sind erlebbar, erfindungsreich und versetzen Betrachter einen Moment lang in kindliches Erstaunen. Zum Beispiel wenn sie vor der Fußgängerbrücke im Londoner Paddington Basin stehen, die sich in die Luft erhebt, zusammenrollt wie der Schwanz eines Skorpions und zu einem eleganten Rad zusammenlegt, um ein Schiff passieren zu lassen. Selbst so banale Dinge wie Lüftungsschächte sehen bei Heatherwick so aus, das sie einem den Atem rauben. Seine Abluftanlage für ein unterirdisches Elektrizitätswerk am Paternoster Square ist aus herkömmlichem Stahlblech, aber aus zarten Dreiecken gefaltet wie Papier-Origami.

Im Londoner Stadtteil King’s Cross wohnt und arbeitet Thomas Heatherwick. Sein Studio ist eine Kreuzung aus Lagerhalle, Großraumbüro und Daniel Düsentriebs Werkstatt. Am Eingang steht ein ausgestopftes Eichhörnchen unter Glas und blinzelt Besucher aus braunen Knopfaugen an. An der Wand hängen 3D-Landkarten, in Regalen stapeln sich Prototypen, Modelle und Materialproben. An zwei Dutzend Computerbildschirmen arbeiten Architekten, Industriedesigner, Bühnenbildner, Grafiker und sogar ein Psychologe. Heatherwick, der mit wildem Lockenkopf und eichhörnchenbrauen Augen von einer Projektbesprechung zur nächsten eilt, mag es, mit Leuten aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen zu arbeiten. „Heute ist man entweder Designer, Architekt oder Künstler. Warum kann man nicht alles zugleich sein?“, sagt er im Interview. In seinem 1994 gegründeten Atelier verschwinden diese Grenzen zwischen den Disziplinen. Er selbst, der am Londoner Royal College of Arts 3D-Design studiert hat, bezeichnet sich am liebsten als Erfinder. Schon als Kind zeichnete der Sohn einer Goldschmiedin und eines Musiklehrers Skizzen für nützliche Dinge, zum Beispiel einen Schlitten mit luftgepolsterten Kufen, die wie Stoßdämpfer funktionieren sollten.

„Thomas liebt es, an Dingen zu tüfteln“ sagt seine Studio-Managerin Kate Close, „Ist eine Aufgabe schwierig? Dann ist sie sein Ding!“ Dabei lässt sich der 41-jährige gern von alltäglichen Situationen, Begegnungen und Geschichten inspirieren. Als die Wohltätigkeitsstiftung Wellcome Trust ihn beauftragte, eine Skulptur über dem Wasserbassin ihres acht Stockwerke hohen Atriums zu entwerfen, kam ihm die Idee einer Glasskulptur, die herunterfallende Flüssigkeiten darstellt. Seine deutsche Großmutter hatte ihm von der Silvester-Tradition des Bleigiessens erzählt. Heatherwick ließ über 400 mal geschmolzenes Metall in Wasser tropfen. Eines der Gebilde, die dabei entstanden wurde als Vorlage für die Skulptur ausgewählt, und aus 142.000 Glaskugeln, an 27.000 Stahldrähten hängend, nachgebildet.

„Beating up an idea“ nennt der 41-jährige seine Herangehensweise. „Eine Idee verprügeln“ bedeutet, sie von allen Seiten zu betrachten, jede Meinung anzuhören, auch ungewöhnliche Ansätze zu verfolgen. Nicht immer sind die Lösungen so kostenintensiv wie bei der Bleigiessen-Installation. Als die Universität von Aberystwyth in Wales Heatherwick um den Bau von 16 Künstlerateliers bat, suchte das Studio nach einer günstigen Möglichkeit, die in einfacher Holzbauweise geplanten Gebäude zu isolieren. Heatherwick dachte zunächst an eine Dachverkleidung aus rostfreiem Stahl, die attraktiv, aber sehr teuer gewesen wäre. Stahl, so dünn gewalzt wie Coladosenblech, ist günstiger, aber nicht stabil genug. In der Werkstatt des Studios wurde daraufhin eine Maschine gebaut, die mit einer mittelalterlich wirkenden Holzwalze das Blech zerknautscht, wodurch es stabiler wird (und außerdem interessanter aussieht). Aufgefaltet und mit Bauschaum unterspritzt, ergab das ungewöhnliche Material eine kostengünstige, robuste und ausgezeichnet isolierende Verkleidung für die Holzhäuser. „Ich finde es langweilig, überall in der Welt meinen Stil umzusetzen. Viel interessanter ist es doch zu fragen: Was können wir hier besser machen? Was ist die richtige Lösung für diesen oder jenen Ort?“

Wenn der Erfinder in Thomas Heatherwick sich allerdings eine Idee in den Kopf gesetzt hat, verfolgt er sie hartnäckig: schon seit seinem Studium träumte er davon, ein Aluminiummöbel im Extrusionsverfahren herzustellen – ohne Schrauben und Nähte, aus einem einzigen Stück Metall, das durch eine Form gepresst wird. Jedes Jahr beauftragte er einen anderen seiner Mitarbeiter, industrielle Hersteller in aller Welt abzutelefonieren auf der Suche nach einer Presse, die groß genug wäre, um ein Sitzmöbel herzustellen. 2008 wurde er fündig: eine Fabrik in China hatte die größte Extrusionsmaschine der Welt gebaut, die für die Luft- und Raumfahrtindustrie Aluminium mit bis zu 10.000 Tonnen Druck presst. Heatherwick entwarf eine Form, die Bank „Extrusions“ wurde gepresst. Wie bei einer Zahnpasta, die aus der Tube gedrückt wird, sind Anfang und Ende des Materials eigenwillig zerquetscht. Heatherwick beließ es dabei, polierte das Aluminium auf Hochglanz – und wurde von der Londoner Kunstszene mit einer Ausstellung in der feinen Galerie Haunch of Venison gefeiert. Nun tüftelt Heatherwick daran, die Bank in einem größeren Maßstab zu produzieren: „Die Fabrikhalle ist groß genug, um eine Bank zu extrudieren, auf der 700 Leute sitzen können – wir müssen noch einen Weg finden, sie zu transportieren.“

Bisheriger Höhepunkt seiner Karriere aber ist sein Entwurf für den britischen Pavillon auf der Shanghai Expo 2010. Das Expo-Thema „Better City, Better Life“ beantwortete der Londoner mit einem Kubus, in dem wie in einem Nadelkissen 60.000 Acrylglasstäbe stecken. In die Spitze jedes Stabes ist ein Pflanzensamen eingelassen, der tagsüber vom Sonnenlicht beleuchtet wird. Nachts ist der Pavillon innen beleuchtet und die äußeren Enden der 7,5 Meter langen Stäbe glühen im Dunkeln. Die „Kathedrale der Samen“ wurde von 50.000 Menschen täglich besucht, und brachte Heatherwick nicht nur die Expo-Goldmedaille ein sondern auch eine Reihe von Aufträgen aus Fernost. Derzeit ist der Universalkreative deshalb auch immer öfter in China, wo er ein Büro in Hongkong betreibt, von dem aus er diverse Bauprojekte koordiniert: Einen 180 m hohen Hotelturm in China zum Beispiel, und eine Wohnanlage in Kuala Lumpur. „Der Maßstab unserer Projekte wird größer.“ Die Aufgaben zuhause in London haben zwar nicht diese Größenordnung, sind aber dafür eine umso größere Ehre. Haunch of Venison stellte im April auf der Mailänder Möbelmesse eine neue, limitierte Edition des Spun Chair in patiniertem Stahl und Messing vor. Die Kunststoff-Variante von Spun wurde in die Designabteilung des MoMA New York aufgenommen. Und auch 2012 könnte ein gutes Jahr werden für Heatherwick. Das renommierte Victoria & Albert Museum bereitet gerade eine Werkschau über ihn vor. Sein neuer roter Doppeldeckerbus, ein Redesign des berühmten Routemaster aus den 50er Jahren, wird hybridangetrieben auf Londons Strassen rollen. Und bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele wird die Fackel das Feuer in einer von Thomas Heatherwick gestalteten Feuerschale entzünden.

 

 

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Strom im Spaziergang
Audi Magazin | 03/2011

In jedem von uns steckt ein Dynamo. Der amerikanische Wissenschaftler Michael McAlpine hat ein Material entwickelt, mit dem wir die Energie  „ernten“ können, die unsere Körper produzieren.  [weiter]

Strom im Spaziergang
Audi Magazin | 03/2011

In jedem von uns steckt ein Dynamo. Der amerikanische Wissenschaftler Michael McAlpine hat ein Material entwickelt, mit dem wir die Energie  „ernten“ können, die unsere Körper produzieren. 

Michael McAlpine hält ein kleines Stück Folie in der Hand. Es ist biegsam, sieht aus wie ein laminierter Chip, nicht viel größer als ein Daumennagel. Wäre es nicht eingeklemmt zwischen den Fingern dieses stolz lächelnden jungen Chemikers an der Princeton University, man könnte es leicht mit einem Stück Verpackungsmüll verwechseln und versehentlich entsorgen. Dabei ist dieser Streifen Silikon ein möglicher Weg in eine ressourcenschonende, energieeffizientere Zukunft. Mit seiner Erfindung will Michael McAlpine Energie „ernten“, dort, wo sie jeden Tag entsteht, aber ungenutzt verpufft: direkt am menschlichen Körper.

„Ein durchschnittlicher Amerikaner nimmt 2000 Kalorien pro Tag auf“, erklärt der Professor für Mechanical and Aerospace Engineering, „diese Energie wird als mechanische Energie in Form von Bewegung wieder freigesetzt.“ Jedes Mal, wenn wir gehen, einem Bus hinterherlaufen oder auch einfach nur atmen, erzeugen wir Energie. Der menschliche Körper ist ein kleines Kraftwerk: Jeder Schritt produziert 70 Watt, jeder Atemzug immerhin ein Watt. Statt Batterien und Akkus für unsere Mobiltelefone und MP3­Player herumzuschleppen, könnten wir die Energie, die unsere Körper selbst erzeugen, nutzen, um Musik zu hören, zu telefonieren, unterwegs Mails abzurufen. Und es kommt noch besser: Als Implantat im Körper getragen, könnte die Silikonfolie in McAlpines Hand einen Herzschrittmacher betreiben. Für Betroffene wäre das eine große Erleichterung, denn derzeit müssen sich Herzschrittmacher-Patienten alle vier bis fünf Jahre einer Operation unterziehen, weil die Batterie des Gerätes ausgewechselt werden muss.

Diese Vision war der Ausgangspunkt für McAlpines Forschungen, der zuvor im Bereich flexibler Elektronik gearbeitet hatte. „Wie lässt sich mechanische in elektrische Energie umwandeln?“, fragte sich der promovierte Chemiker, als er vor drei Jahren seine Professur in Princeton begann. Piezoelektrische Materialien waren die naheliegende Antwort. „Piezos“, wie sie in der Branche liebevoll genannt werden, sind Materialien, die ihre elektrische Polarisation ändern, wenn sie verformt werden oder unter Druck geraten. Auch wer noch nie von ihnen gehört hat, kennt sie: Sie stecken in Quarzuhren, Tonabnehmern und sogar Wegwerf-Feuerzeugen. Bei Letzteren wird ein Piezozünder gedrückt, um eine elektrische Spannung zu erzeugen. Der Funke, der bei der Entladung entsteht, zündet dann eine Gasflamme. Die bekanntesten Piezos sind Kristalle wie Quarz und Keramiken, und sie sind alles andere als neu. Bereits 1880 entdeckten die Brüder Jacques und Pierre Curie, dass bei mechanischer Verformung von Turmalinkristallen elektrische Ladungen auf der Oberfläche entstehen. „Keine der Komponenten unseres Materials ist neu“, sagt McAlpine, „so gesehen hätte die Entdeckung schon vor 20 Jahren gemacht werden können.“

Neu ist allerdings der Umgang mit dem Stoff. Piezos sind wie alle Kristalle und Keramiken normalerweise harte, brüchige Materialien. Aber ein Implantat, das die Bewegung des Brustkorbs beim Atmen in Elektrizität umwandeln soll, oder eine Schuhsohle, die unsere Schritte in Strom umwandeln soll, muss flexibel sein. McAlpine nahm das effizienteste aller piezoelektrischen Materialien, PZT (Blei-Zirkonat-Titanat), und schnitt es in Nanostreifen. Die sind nur ein Hundertstelmillimeter breit und führen dazu, dass das eigentlich harte Material flexibel wird. Im nächsten Schritt werden die PZT-Nanostreifen auf Silikon gedruckt. Um zu demonstrieren, wie das funktioniert, lässt McAlpine einen Klumpen Knetmasse, wie sie Kinder verwenden, auf eine Zeitung fallen. Die Druckerschwärze haftet am Plastilin – genauso klebt das PZT am Silikonstreifen und wird mit einer weiteren Silikonschicht laminiert.

„Piezogummi“ verbindet das Beste aus zwei Welten“, erklärt sein Erfinder. „Es hat die Körperverträglichkeit von Silikon, das ja auch für kosmetische Implantate verwendet wird, und zugleich die elektrizitätserzeugenden Eigenschaften eines Piezos. Und es lässt sich biegen wie ein Stück Gummi.“ Ein kleines Piezogummi als Implantat im Brustkorb oder eingearbeitet in eine Schuhsohle könnte unsere Bewegungsenergie ernten und damit die Stromversorgung bislang batteriebetriebener Geräte übernehmen.

„Eine der 50 besten Erfindungen des Jahres 2010“, fand das renommierte „Time Magazine“, und die Wissenschaftszeitschrift „Technology Review“ belohnte Michael McAlpine im letzten Jahr mit dem „TR35 Award“ für Innovatoren unter 35. Der junge Professor freut sich über so viel Zuspruch, vor allem, weil er jetzt die besten Studenten in sein Team holen kann. Ein Überflieger war der Sohn einer Rechtsanwältin aus Connecticut allerdings schon immer. In der Middle School wurde Michael mit einem Bus zum Mathematikunterricht in die High School gefahren. Alles andere hätte ihn unterfordert. Allein mit Mathetalent erklärt er seinen Erfolg aber nicht. „Ein guter Wissenschaftler muss heute nicht nur gut rechnen können, sondern auch gut kommunizieren“, sagt der 33-Jährige und fügt hinzu: „Und unkonventionell sein: Ich habe das mathematische Denken von meiner Mutter geerbt, aber auch das Gegen-den-Strom-Schwimmen von meinem Vater gelernt. Er ist eher der rebellische Typ, hat einen voll tätowierten Rücken und war Verkäufer für Damenunterwäsche.“

Wird Stromversorgung dank McAlpines Erfindung nun zum Spaziergang? Nicht ganz. Um Shopping Malls oder ganze Städte mit Energie zu versorgen, werden Piezogummis nicht ausreichen. „Eingelassen in den Fußboden einer Shopping Mall, könnten sie von den Schritten der Passanten so viel Energie ernten, dass damit ein ,Sale‘-Schild im Schaufenster beleuchtet würde“, schätzt McAlpine. Aber auch wenn Piezogummi dazu beiträgt, dass wir unsere portablen Kommunikationsgeräte nicht mehr an der Steckdose aufladen müssen, ist viel gewonnen. Das Stromsparpotenzial hier ist groß, nicht nur weil wir immer mehr mobile Geräte benutzen, sondern auch, weil viele Akkuladegeräte rund um die Uhr an der Steckdose hängen. Einen Großteil ihres Energieverbrauchs erzeugen sie im Leerlauf. Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, dass die Leerlaufverluste in Deutschland sich jedes Jahr zu einer Summe von mindestens vier Milliarden Euro addieren. Und in den USA sind Ladegeräte für iPod, Laptop & Co. für fünf Prozent der Stromrechnung verantwortlich.

Derzeit arbeitet McAlpines Team an der Effizienz von Piezogummi. Dessen Leistungsfähigkeit hängt vom Volumen des Materials ab. Ein daumennagelgroßes Stück könnte einen Herzschrittmacher versorgen, ein schuhsohlengroßes Piezogummi ein Mobiltelefon laden, aber auch andere Größenordnungen sind denkbar. „Stellen Sie sich mal vor, wie viel Energie Tanzende auf einem Dancefloor erzeugen“, schwärmt McAlpine. „Freigesetzt wird diese Energie ohnehin, man muss sie bloß ernten.“

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Blechbläser
Audi Magazin | 03/2011

Der polnische Architekt und Designer Oskar Zieta hat eine Technologie entwickelt, die Blech zum ultraleichten, aber stabilen Konstruktionsmaterial macht. Er pustet es auf. Und baut damit federleichte Stühle. [weiter]

Blechbläser
Audi Magazin | 03/2011

Der polnische Architekt und Designer Oskar Zieta hat eine Technologie entwickelt, die Blech zum ultraleichten, aber stabilen Konstruktionsmaterial macht. Er pustet es auf. Und baut damit federleichte Stühle.

Es ist nicht leicht, Oskar Zieta zu finden. Von Berlin sind es noch 180 Kilometer bis in die polnische Kleinstadt Zielona Gora. Dort im Industriegebiet, in einer unspektakulären Halle zwischen Autowerkstätten und Handwerksbetrieben, hat der gebürtige Pole nach dem Studium an der ETH Zürich eine Schlosserei eröffnet. Die hat zwar schon eine supermoderne Lasercut-Anlage, aber noch kein Firmenschild. Man muss sich durchfragen zu „Zieta Prozessdesign“, um einen enthusiastischen Oskar Zieta in einem Raum voller Prototypen, Versandkartons und Laptops zu treffen. In der Hand hält der Designer ein weiß lackiertes Metallstück, dessen Form vage an einen Knochen erinnert. „Schauen Sie mal, wie wunderschön diese Form ist“, schwärmt er. Die geschwungenen, bunt lackierten Blech-Objekte, die Zietas Betrieb verlassen, sehen so knuffig aus wie aufblasbares Kinderspielzeug, so verspielt wie Jeff-Koons-Figuren, und manche sind so leicht, dass sie an einer Handvoll Ballons schweben können.

Dabei ist Oskar Zieta weit davon entfernt, als Designer bezeichnet zu werden. „Prozessdesigner ist mir lieber“, erklärt er, „denn wir entwerfen nicht die Form, sondern nur die Technologie, mit der wir die Entstehung der Form kontrollieren können.“ Wer das erste Mal vor einem „Plopp“ Hocker von Oskar Zieta steht, kann meist gar nicht glauben, dass der aus Metall ist. Dass er nur drei Kilogramm wiegt und trotzdem 2,5 Tonnen Gewicht tragen kann. Und so ist es die Technologie, die an „Plopp“ sofort fasziniert. Denn bei Oskar Zieta wird Blech nicht gefaltet, gebogen oder verschraubt, sondern aufgeblasen. Die Wölbungen, die das Metall unter Druck wirft, entstehen nicht durch Gestaltung, sondern durch die Technologie. Sie machen ein wenige Millimeter dünnes Blech zu einem stabilen, vielseitig einsetzbaren Werkstoff. „Der Hocker ‚Plopp‘ hat nicht etwa diese rundlichen Formen, weil ich ein großer Freund von ausladenden, rundlichen oder komplexen Formen wäre. Im Gegenteil – ich mag es eher minimalistisch. Aber seine Formensprache ergibt sich vollkommen aus der Technologie und deshalb ist es eine schöne Form. ‚Plopp‘ ist das wahre Gesicht des Blechs!“ begeistert sich Oskar Zieta. Mit seiner Idee hat der Pole schon eine Reihe von Designpreisen eingesammelt – vom Red Dot Design Award 2008 über eine Nominierung für den Schweizer Designpreis 2009 bis hin zum Audi Mentorpreis 2011 der Zeitschrift A&W Architektur und Wohnen.

Die Produktion von „Plopp“ muss man sich so vorstellen: Zwei Metallplatten werden in eine Lasercut-Anlage geschoben, die von einem Computer so programmiert wird, dass sie eine bestimmte Form ausschneidet und die Ränder miteinander verschweißt. Im nächsten Arbeitsschritt wird ein Ventil an eine kleine Öffnung gesetzt, ein Druckluftschlauch angesetzt – und das Blech aufgepumpt wie ein schlapper Fahrradreifen. Ein Handgriff verhilft den drei Beinen zum richtigen Knick, die scharfen Kanten werden abgeflext – fertig ist „Plopp“. Der Dreibeiner kann aus verschiedenen Metallen, lackiert oder poliert hergestellt werden und ist das erste Produkt, das Oskar Zieta noch während seines Studiums in Zürich entwickelte. Die Technologie, „Freie Innendruck Umformung“ (FIDU), hat er sich patentieren lassen – sie ist das Ergebnis von langen Jahren des Experimentierens. Als Architekturstudent an der ETH Zürich suchte er nach Möglichkeiten, ultraleichte Blechkonstruktionen zu entwickeln. Zieta ist ein großer Bewunderer des französischen Architekten Jean Prouvé, der Mitte des 20. Jahrhunderts einfache Metallstrukturen und Möbel entwickelte, die kostengünstig und robust sein sollten – und heute begehrte Bestseller auf Designauktionen sind. „Ich habe mich gefragt, wie Jean Prouvé heute arbeiten würde“, erklärt Oskar Zieta. Er begann 2001 in Schlossereibetrieben zu experimentieren. Bleche wurden gebogen, gefaltet, geschweißt, zusammengesteckt und gerollt. Irgendwann stieß Zieta auf IHU, die Innen Hochdruck Umformung, eine Technologie, die in der Automobilindustrie zum Beispiel für Dachrahmenkonstruktionen eingesetzt wird. Er war fasziniert, wie sich das Blech unter Druck wölbte. Bei der IHU werden ein gebogenes Profil, sehr teure Maschinen und zwei Matrizen benötigt – ein Verfahren, das sich nur bei großen Stückzahlen lohnt, wie sie in der Automobilindustrie möglich sind – in der Architektur oder Möbelbranche mit ihren kleinen Editionen aber unrentabel ist. Doch die Idee mit dem Innendruck verfolgte Zieta weiter und begann ab 2003 die unterschiedlichsten Blechsorten unter Druck zu verformen. „Blech ist wie Pizzateig“ erklärt er, „man kann immer wieder etwas anderes hinzutun und bekommt ein neues Ergebnis.“ Die Experimentierphase zog sich in die Länge, an die 600 Prototypen wurden weggeworfen, bevor die richtige Mischung aus Material, Druckluft und Form gefunden wurde.

Der Schlosser, mit dem Zieta arbeitete, fragte bereits, wie viel Blech er denn noch aufblasen sollte, als „Plopp“ ausgereift war. Zieta nennt ihn den ersten Buchstaben seines FIDU-Alphabets. „Das faszinierende an dieser Technik ist, dass man den Prozess bis zu einem gewissen Punkt präzise kontrollieren kann – und sich die Form ab dann doch selbst findet“, erklärt er. Auch wenn alle Hocker auf die gleiche Weise hergestellt werden, ist jeder am Ende ein Original. Die Kollektion nach „Plopp“ nennt er daher auch „Control/Loss of Control“. Weil die Technologie alles kontrollieren kann – bis im letzten Arbeitsschritt, beim Aufblasen der kreative Zufall ins Spiel kommt.

2007 zeigt Zieta „Plopp“ auf dem Salone Satellite, der Halle für junge Talente auf der Mailänder Möbelmesse. Die Resonanz ist fantastisch, es ergeben sich Vertriebsmöglichkeiten – doch kein Hersteller ist bereit, den Hocker zu produzieren. Schlosser glauben nicht an aufgeblasenes Blech. Oskar Zieta um so mehr. Stephan Dornhofer vom Designvertrieb „Magazin“ verspricht, ihm die ersten 100 Stühle abzukaufen, der dänische Hersteller Hay nimmt „Plopp“ ins Programm – und Oskar Zieta beschließt, in Zielona Gora selbst zum Schlosser zu werden. Zieta Prozessdesign ist heute ein Familienunternehmen: Der Vater leitet den Betrieb, die Schwester kümmert sich um den Vertrieb, die Mutter näht Stoffbezüge für „Plopp“. Das Sortiment ist erweitert um Stühle, Bänke, Garderobenhaken und Tischböcke, Sonderanfertigungen wie Pavillons, Messestände und sogar eine Fußgängerbrücke werden produziert.

Auch die Kunstwelt ist von Zietas FIDU-Technologie begeistert. 2010 lädt das renommierte Londoner Victoria & Albert Museum Oskar Zieta ein, für den Hof des Museums eine Installation zu konzipieren. Das Briefing ist einfach: Es soll das größte Objekt sein, das Oskar Zieta je gemacht hat. Weil es aber gar nicht so einfach ist, große aufgeblasene Metallkörper durch die Museumsgalerien des V&A in den Hof zu transportieren, lässt sich der Architekt etwas einfallen: er wickelt zusammengeschweißte Metallbänder auf Spulen, fährt diese auf Rädern in den Museumshof und bläst sie vor Ort mit einer handelsüblichen Fahrradpumpe auf. Über dem Brunnen im V&A spannen sich im September 2010 federleichte Metallbögen. Daraus entwickelt Oskar Zieta die Idee, die FIDU-Technik an Orten einzusetzen, wo das Material möglichst platzsparend antransportiert und dann vor Ort aufgeblasen werden kann. Eine Möglichkeit sind Installationsgerüste für Antennen im Weltall, die aufgerollt ins All fliegen und vor Ort zu stabilen Gerüsten aufgeblasen werden. Dies wird auch in nicht allzu ferner Zukunft umgesetzt: Die ersten dieser Antennen sollen 2020 installiert werden.

Für den Erfindergeist hat sich ergeben, was er sich gewünscht hat: Sein Material erweist sich als flexibler, ultraleichter Werkstoff. Ein besonderes Kompliment aber wird es sein, dass auf Kunstmessen wie der Design Miami Basel seine Limited Edition Objekte aus Kupfer, Inox und Aluminium präsentiert werden und er sein Motto „Get more from less“ dem großen Publikum präsentieren kann.

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Familienbetrieb
Der Tagesspiegel | Sonntag, 10. April 2011

Drei Kinder und zwei Karrieren unter einem Dach, noch dazu ein
Wohn- und Arbeitsplatz voller Designermöbel: Das passt eigentlich alles gar nicht zusammen. Familie Diez in München beweist: Es geht doch!  [weiter]

Familienbetrieb
Der Tagesspiegel | Sonntag, 10. April 2011

Drei Kinder und zwei Karrieren unter einem Dach, noch dazu ein
Wohn- und Arbeitsplatz voller Designermöbel: Das passt eigentlich alles gar nicht zusammen. Familie Diez in München beweist: Es geht doch! 

Im Glockenbachviertel lebt Münchens umtriebigstes Designerpaar. Für Liebhaber von glatten Flächen und klaren Linien entwerfen Saskia und Stefan Diez – sie Schmuck, er Möbel. Sie verkauft ihre Halsketten bis nach New York und Paris, er gilt als einer der wichtigsten Möbeldesigner Deutschlands. Sie leben und arbeiten mit ihren drei Kindern. Und die bringen manchmal das Streben nach Perfektion ins Wanken. Im Vorderhaus der Geyerstrasse 20 ist der Showroom von Saskia Diez. An einem alten Schreibtisch entwirft die 34-jährige Schmuck aus feinem Silber, bunten Holzkugeln und Steinen, die sie teilweise bei Spaziergängen an der Isar aufsammelt. Junge Frauen in Tokio, Paris und New York lieben die schlicht schönen Stücke. Oben, im 3. Stockwerk, ist die Wohnung der Familie, die aber vor allem als Schlafstatt und Stauraum dient. Gelebt wird in der Remise hinter dem Haus, in der Werkstatt. Im Sommer, wenn die Türen offen stehen, laufen Kinder, Besucher und Praktikanten rein und raus, für Projektbesprechungen werden ein paar Stühle vor die Tür geholt. Ein paar Meter weiter plätschert der Glockenbach, drinnen wird gesägt, gebastelt und geplant.

Ein ganz normaler Dienstag vormittag im März: Nikolaus (2), Helena (3) und Selma (5) sind im Kindergarten. Zwischen einer Kiste mit Bioäpfeln, zerfledderten Pixibüchern und Industrieregalen voller Prototypen stehen Modelle: Raumansichten, Stühle, auf Pappe aufgezogene Fotos von Armen, Ohrmuscheln und Decolletées, an denen Schmuckstücke baumeln. Es ist viel los bei Herrn und Frau Diez: die Mailänder Möbelmesse steht vor der Tür, wo er Neuheiten bei e15, Established & Sons und Wilkhahn zeigt; sie bereitet eine Ausstellung für den Münchener Förderpreis vor. Am großen Besprechungstisch erklärt Stefan Diez einem Praktikanten auf Englisch, wie er den Bezugsstoff eines Sitzmöbels verarbeiten soll. Er hat ziemlich genaue Vorstellungen und kritzelt zur Erläuterung seitenweise Skizzen in einen Block. Der 39-jährige Münchener vertritt eine neue Generation deutscher Designer, die jenseits von Bauhaus und Funktionalismus international wahrgenommen werden. Seine Möbel-Entwürfe sind einfach, durchdacht und dabei leichtfüssig. Für den westfälischen Büromöbelhersteller Wilkhahn hat er mit Technologie aus der Automobilindustrie einen eleganten Stuhl aus Stahlblech entworfen („Chassis“), für Thonet den guten alten Bugholz-Stuhl ins 21. Jahrhundert übersetzt („404“). Die Sitzmöbel-Familie, die er für die Firma e15 entworfen hat, zählt seit ein paar Jahren schon zu den Highlights der Mailänder Möbelmesse. E15-Gründer Philipp Mainzer sagt über Diez: „Stefans Qualität ist, das bei ihm nicht das Design um des Designs willen stattfindet, sondern die Funktion, das Handwerk und die Marke im Vordergrund stehen.“
Man kann seiner Arbeit ansehen, das er eine Ausbildung zum Schreiner absolviert hat, bevor er in Stuttgart bei Richard Sapper Design studierte, danach bei Konstantin Grcic arbeitete, und schließlich 2003 sein eigenes Studio auf die Beine stellte.

Seine Frau Saskia, die nach ihrer Goldschmiedelehre in München Industriedesign studierte, half neben dem Studium schon im Studio Diez, Modelle zu bauen. Später arbeitete sie als Designerin für Rosenthal, Konstantin Grcic und Authentics, bevor sie 2005 mit ihrer ersten Schmuckkollektion herauskam. Seither arbeiten die beiden unter einem Dach, aber in verschiedenen Disziplinen. Was beide an Design fasziniert, ist das Experimentieren mit Materialien, die den klassischen Wertebegriff unterlaufen. Modellhaft wirkende Stühle aus hochwertiger Eiche, eleganter Schmuck aus Isargestein, Taschen aus Papier. Die papiernen Gepäckstücke sind ein Gemeinschaftsprojekt, werden aus dem erstaunlich robusten Material hergestellt, das auch für reißfeste Briefumschläge verwendet wird – und brachte dem Paar den Deutschen Designpreis 2010 in Silber.

Die Werkstatt am Glockenbach ist für beide mehr als nur ein Arbeitsplatz, an dem sie Nine-to-Five Dinge erledigen. „Wenn man mich fragt, wo ich lebe, denke ich nicht an die Wohnung im 3. Stock, ich denke zuerst an die Werkstatt. Wir sind ja auch oft am Wochenende hier“, sagt Stefan Diez „wenn die Kinder nicht wären, hätten wir die Wohnung vermutlich gar nicht.“ Unten, in der Büroküche, wo Kinderzeichnungen an den Wänden hängen, wird oft für Freunde gekocht. Oben auf der Galerie gibt es ein Büro und einen Raum, der als Spielzimmer für die Kinder geplant war. De facto halten sie sich aber nie dort auf. Wenn die Kinder nachmittags nach Hause kommen, kümmert sich Saskia Diez um den zweijährigen Nikolaus. Die Mädchen spielen noch ein, zwei Stunden im Studio. Sie basteln, malen oder suchen sich jemanden, der gerade mit Modellbau beschäftigt ist und etwas Zeit für sie hat. „Der Lieblingsort der Mädchen ist hinter dem Regal mit den Prototypen“, sagt Saskia Diez, „das ist eigentlich Stauraum, aber für die Kinder ist es ihre Höhle. Wenn wir ein grösseres Abendessen haben und der Besprechungstisch zur Tafel wird, holen sie sich etwas zu Essen und verstecken sich da hinten.“ Wie es ist, in einer Werkstatt aufzuwachsen, weiß Stefan Diez aus der eigenen Kindheit. Er stammt aus einer Schreiner-Familie in Freising, und er kann sich gar nichts besseres vorstellen. „Für mich war es das grösste, sonntags in die Werkstatt zu schleichen und die Maschinen anzustellen“, erzählt er, „je grösser und gefährlicher, desto besser! Ich habe sie auch nur ganz kurz angemacht und mich auf den Boden geschmissen, falls was wegfliegt.“ Mit einer ähnlichen Selbstverständlichkeit wachsen seine Kinder nun in der Arbeitsumgebung ihrer Eltern auf, zwischen Schere, Stein, Papier, mit Heißklebepistole und Cutter.

Wie funktioniert das, drei Kinder und zwei Karrieren in einer Werkstatt? Mit guter Organisation, einer guten Atmosphäre und netten Großeltern, die einspringen, wenn Messebesuche, Geschäftsreisen und Stressphasen anstehen. Keine Nanny, kein Au-pair? „Nein, nein“, winkt Saskia Diez ab, „die Kinder haben ein gutes Gefühl dafür, wer hier gerade ein paar Minuten Zeit hat, etwas mit ihnen zu machen.“ „Und sie haben ein gutes Gespür für Dinge, die gefährlich sind“, ergänzt ihr Mann, „Sie wachsen mit Werkzeug auf und haben von Anfang an einen normalen Umgang damit. Wir erklären ihnen, das man mit einer Heißklebepistole vorsichtig sein muß – und dann lassen wir sie damit spielen. Im Zweifel verbrennen sie sich mal, oder schneiden sich mit einem Cutter. Aber es ist noch nie etwas schlimmes passiert.“

Spielzeug zu entwerfen, ist den den beiden Gestaltern noch nie in den Sinn gekommen. Saskia Diez hat eine „Kid’s Collection“ aus Bergkristall und bunten Holzperlen entworfen, legt aber großen Wert darauf, das ihre Töchter nicht mit Prototypen verwöhnt werden: „Selma und Helena bekommen mal eine Kette oder Ohrringe zum Geburtstag, so wie andere Kinder auch.“ Design-Spielzeug hält Stefan Diez für völlig überbewertet: „Am liebsten spielen Kinder doch mit den unfertigen Sachen: Papier, Stifte, Kartons. Und es ist wichtig, ihnen die Freiräume dabei zu lassen.“ Die Werkstatt ist ein Paradies für bastelfreudige Kinder: Pappmodelle, die förmlich danach rufen, als Puppenstuben zweckentfremdet zu werden, Materialproben ohne Ende und junge Leute, denen man über die Schulter gucken kann, wenn sie eine 3D-Zeichnung am Computer machen. Natürlich sind die Diez-Kinder kreativ, zeichnen und malen gern. Gelegentlich müssen die Eltern klarstellen, das man sich an Materialkisten nicht beliebig bedienen kann. Das ihre Eltern Designer sind, ist den drei Kindern nicht bewußt. Design wird im Diez-Haushalt auch nicht besonders thematisiert. Erklären sie manchmal, was einen guten Stuhl ausmacht? „Nein, nie!“, sagt Stefan Diez entschieden, „Man kann Kindern wirklich den Spaß verderben, indem man ihnen immer alles erklärt“, und erzählt, wie dankbar er dafür ist, das sein Vater so wenig Zeit hatte, das er meistens alleine in der Werkstatt herumbasteln konnte. Die Diez-Kinder haben von daher einen ziemlich unverkrampften Umgang mit Prototypen, von denen es in der Geyerstrasse 20 wimmelt. „Neulich haben die Kinder Duschköpfe, die wir für Bosch entworfen haben, mit Malfarbe verschönert“, sagt Stefan Diez, und er fügt bayerisch entspannt hinzu: „Aber mei, so was regt mich nicht auf.“

 

 

 

 

 

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Der rote Faden
Audi Magazin | 02/2011

Die Hamburger Designerin Eva Marguerre experimentiert mit Kunststoff und Textilien, Handarbeit und Hightech. Dabei entstehen Designobjekte von fragiler Schönheit – die erstaunlich robust sind.  [weiter]

Der rote Faden
Audi Magazin | 02/2011

Die Hamburger Designerin Eva Marguerre experimentiert mit Kunststoff und Textilien, Handarbeit und Hightech. Dabei entstehen Designobjekte von fragiler Schönheit – die erstaunlich robust sind. 

Eva Marguerre liebt Garnrollen. Schon als Kind hat die heute 27-Jährige sie gesammelt und sortiert, denn zu Hause in Pforzheim wurde mit der Familie viel gebastelt, genäht, gehäkelt und gestrickt. Als die Tochter eines Physikers später während ihres Designstudiums ein Projekt mit glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) beginnt, ist sie da her sofort angezogen von dem Material, dessen Fasern in Rohform wie Garn auf Spulen aufgewickelt sind. „Glasfaser ist faszinierend“, schwärmt sie heute in ihrem Showroom in der Hamburger Speicherstadt, „weich und glänzend wie Engelshaar, dabei aber extrem stabil.“ Aus einem Industrieregal nimmt die Wahl-Hamburgerin ein paar Prototypen und Materialstudien und erzählt, wie aus einer Semesterarbeit zum Thema Glasfaser unerwartet ein Designhit wurde: Nido. Ein Hocker, der auch als kleiner Tisch funktioniert. Er ist federleicht, signalrot und so zart, als wäre er aus Zuckerguss. Dabei kann er bis zu 200 Kilo Gewicht tragen. Seit das kleine Möbelstück in der Fachpresse rauf und runter gefeiert wurde, gilt Eva Marguerre als eine der talentiertesten Nachwuchsdesignerinnen Deutschlands.
Am Anfang dieser Erfolgsgeschichte stand erst einmal nur ein Experiment. Von Hand ist glasfaserverstärkter Kunststoff nicht leicht zu verarbeiten. Die Glasfasern lösen sich und können verletzen, selbst durch Schutzkleidung hindurch. Um die Fasern zu binden und das Material zu stabilisieren, tränkt Eva Marguerre die Stränge in Harz – und beginnt, damit Gegenstände zu umwickeln. Trocknet das Harz, wird das Material hart und stabil. In der Werkstatt der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe wird wochenlang alles Mögliche umwickelt – von der Blumenvase bis zum gedrechselten Tischbein – dann stellt die Studentin fest: „Eigentlich will ich keine Gegenstände umwickeln, sondern das Material reduzieren auf eine frei im Raum gewickelte Form.“ Sie erinnert sich an die Fadengrafiken, mit denen sie als Waldorfschülerin Rechnen gelernt hatte: Auf ein Brett mit kreisförmig angeordneten Nägeln wird dabei Garn in sternförmigen Mustern gewickelt. Marguerre baut eine Konstruktion, um diese Wickeltechnik im dreidimensionalen Raum umsetzen zu können. Zwischen zwei Brettern mit kreisförmig angeordneten Häkchen spannt sie GFK-Bänder in unterschiedlichen Mustern. „Ich hatte zuerst gar kein Produkt vor Augen, das ich gestalten wollte“, sagt die Designerin heute, „die Form ergab sich aus dem Material und der Technik. Irgendwann formulierte sich das Experiment: ‚Ich bin ein Hocker‘.“ Das ist die Geburtsstunde von Nido. Im Januar 2008 hat ihr Dozent, der Industriedesigner Stefan Diez, mit Arbeiten seiner Studenten eine Ausstellung auf der Möbelmesse in Köln. Eva Marguerre präsentiert ihre Prototypen – sieben verschiedene Hocker, die sie selbst noch gar nicht für ausgereift hält. Die Resonanz darauf ist trotzdem überwältigend. Fach- zeitschriften schreiben über Nido, er wird in Büchern über zukünftiges Design erwähnt, gleich drei Hersteller interessierten sich dafür, den Hocker/Tisch in ihr Programm auf- zunehmen. Für Eva Marguerre, Designstudentin im fünften Semester, ist das ein bisschen wie im Märchen.
Nur ein Problem hat Nido, und damit wäre seine Erfolgsgeschichte auch fast schon wieder zu Ende gewesen: Die Konstruktion trägt 50 Kilo. Die Designerin selbst kann darauf sitzen, aber unter dem Durchschnittsdeutschen wäre Nido schnell zusammengebrochen. „Dann kamen von allen Seiten gute Ratschläge: Misch Carbon darunter. Wickel es auf eine Stahlkonstruktion. Spritz etwas ein“, erzählt Marguerre, „aber am Ende war niemand da, der Nido für produzierbar hielt.“ Die Studentin packt ihren Prototyp ein und fährt in die Schweiz zu einem Unternehmen, das auf GFK-Verarbeitung spezialisiert ist. Dort wird der kleine Hocker vermessen und durchgerechnet – und es wird ihm bescheinigt: statisch perfekt konstruiert. Intuitiv hatte Marguerre in Dreiecken gewickelt und somit für optimale Statik gesorgt. Aber auch hier hat niemand eine Idee, wie man Nido belastbarer gestalten könnte, ohne die fragile Optik zu zerstören. Im Herbst folgt dann eine Veröffentlichung in einer großen Frauenzeitschrift. Daraufhin meldet sich die Glasfasermanufaktur Masson aus Stralsund bei der Designerin. Und zwar mit einer ziemlich unangenehmen Frage. Der Hersteller von GFK-Gartenmöbeln will wissen, was sie denn vorhabe mit diesem Nido. Denn das Patent für das Pro- duktionsverfahren gehöre Masson. Für einen Augenblick glaubt jetzt auch Eva Marguerre nicht mehr an die Geschichte von der Studentin, die mit ihrem ersten Prototyp einen Designhit landet. Aber dann kommt es doch alles anders: In Mecklenburg-Vorpommern zeigt man Interesse an einem Kennenlernen. Eva Marguerre macht sich auf den 850 Kilometer langen Weg von München, wo sie gerade ein Praktikum absolviert, nach Stralsund. Im Gepäck einen Nido.
Eine gute Entscheidung, denn bei Masson sind die ersten Fachleute, die sagen: „Na klar ist der produzierbar.“ Der Prototyp wird weiterentwickelt und trägt jetzt 200 Kilo bei einem Eigengewicht von gerade mal 900 Gramm. Die Stabilität wird durch stärkere Wicklung erreicht. Zum Streit um das Patent kommt es nicht. Eva Marguerre bildet einen Masson-Mitarbeiter in ihrer Wickeltechnik aus, die Firma produziert Nidos, und verkauft werden sie über die Design-Shops von Manufactum und Magazin. Die Designerin hat am Ende doch noch einen Hersteller, einen Hocker mit Erfolgsgeschichte – und eine Nominierung für den Deutschen Designpreis 2011.
Und was kommt nach dem Erstlingswerk? Eva Marguerre beendet ihr Studium an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, zieht nach Hamburg, wo sie in einem Atelier im Hafen weiter experimentiert. Ihr jüngstes Projekt heißt MOA, und wieder einmal arbeitet sie mit Garnrollen und Harz: Auf zweidimensionalen Holzrahmen werden Fäden aus elastischem Garn gespannt. Eine Form wird anschließend in das harzgetränkte Netz gedrückt, gespannt – und wenn das Harz getrocknet ist, aus dem Rahmen gelöst und abgeschnitten. Das Ergebnis: ein zarter, biegsamer, flexibler Korb. Was passiert mit dem Rand? Auch hier entscheidet sich Eva Marguerre wieder für die Reduktion: keine Bearbeitung, kein Abschluss, nur die schlichte Schnittkante. So kommt die fragile Netz- struktur besser zum Tragen. Auch für MOA ist schon ein Hersteller gefunden: Das junge französische Label Petite Friture bringt die Körbe dieses Jahr in limitierter Edition auf den Markt.
Die Designerin macht sich inzwischen auf zu neuen Projekten: Gemeinsam mit ihrem Partner, dem auf computergeneriertes Design spezialisierten Marcel Besau, arbeitet sie derzeit an einem Programm, das Lochmusterkarten für alte Strickmaschinen erstellt. Was dabei herauskommt, lässt sich noch nicht sagen. „Es entsteht immer etwas Neues, wenn man den Dingen ihren Lauf lässt, sich ein Experiment entwickeln kann“, sagt Eva Marguerre. Nur so viel ist sicher: Es werden wieder Garnrollen im Spiel sein.

 

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Wie lebt ihr? Wie arbeitet ihr? Wie esst ihr?
Art | April 2011

Nah am Alltag, experimentell, humorvoll: Die Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung beleben das deutsche Design mit ungewöhnlichen Einfällen. Nun zeigen sie ihre Arbeiten auf der Mailänder Möbelmesse.  [weiter]

Wie lebt ihr? Wie arbeitet ihr? Wie esst ihr?
Art | April 2011

Nah am Alltag, experimentell, humorvoll: Die Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung beleben das deutsche Design mit ungewöhnlichen Einfällen. Nun zeigen sie ihre Arbeiten auf der Mailänder Möbelmesse. 

Was ist das denn für ein Name: Kkaarrlls! Kein Mensch weiß, wie man das aussprechen soll. Aber wer es versucht, kann eigentlich nichts falsch machen. Es klingt etwas gedehnt, so wie Karlsruher sprechen. Kkaarrlls stellt klar: junges deutsches Design kommt heute aus der Provinz, und es hat mit den „alten Schulen“ in Ulm und Dessau nicht viel am Hut.
Kkaarrlls ist der Titel einer Ausstellung und einer Editionskollektion, die Prof. Volker Albus 2009 initiiert hat um zu zeigen: „Made in Karlsruhe“ braucht den Vergleich mit internationalen Designerschmieden wie dem Londoner Royal College of Arts oder der Design Academy Eindhoven nicht zu scheuen. Inzwischen umfasst die Kkaarrlls-Edition 35 Stücke – Prototypen, Sondereditionen, Vordiplom- und Abschlussarbeiten – und Albus kuratiert im dritten Jahr Entwürfe von Studenten und Absolventen seines Fachbereiches für die Ausstellung in der Spazio Crispi. „Was die Objekte verbindet, ist eine unkonventionelle Sicht der Dinge“, erklärt Volker Albus, „eine etwas andere Denkweise.“

Anders denken heißt in Karlsruhe: interdisziplinär, unkonventionell und experimentell arbeiten. Wie Christina Becker, die Sprengstoff einsetzt, um dicke Stahlplatten zu ganz neuen Sitzmöbeln zu formen. Oder Eva Marguerre, die fragile Objekte aus elastischem Garn und Kunstharz gestaltet, indem sie die Dehnbarkeit des Materials an ihre Grenzen treibt. Manche Entwürfe stellen unsere Nutzungsgewohnheiten völlig auf den Kopf. Silvia Knüppels „Drückeberger“ ist eine Kommode aus einem Schaumstoffblock, in den man mit einem Messer Schlitze setzen kann um dort Gegenstände hinein zu drücken. „Ist doch schade, das Leute so viel Geld für Dinge ausgeben, die dann gleich hinter Schranktüren verschwinden“, sagt die HfG-Absolventin, „man möchte die Dinge, die man sich leistet, doch sehen!“

„Beobachtet die Umwelt aufmerksam“, fordert Volker Albus seine Studenten auf, „beobachtet euch selbst: wie lebt ihr? Wie arbeitet ihr? Wie esst ihr?“ Das ist die Grundlage, um Bestehendes mit zeitgemässen Lösungen zu verbinden. Dabei entstehen Möbel und Accessoires für den Hausrat von morgen. Kilian Schindler zum Beispiel studierte Schrebergartensiedlungen in ganz Deutschland und liess sich von den überall präsenten Plastikstühlen zu einem eleganten, feingliedrigen Stuhl inspirieren, der die Monobloc-Linien nachzeichnet. Hanna Emelie Ernsting gestaltet Sitzmöbel für unser steigendes Bedürfnis nach Rückzug und Entspannung. Ihr Sofa „Moody“ ist gemütlich wie ein Jogginganzug. Sein riesiger Oversize-Bezug schützt nicht nur das Polster, sondern lässt sich auch je nach Laune zu Decken, Kissen oder Armlehnen zurecht knautschen oder falten. Und Matthias Heckel fragte sich, wie ein Gefäß aussehen könnte, das einerseits einer Pflanze optimale Wachstumsbedingungen bietet und andererseits dem vielbeschäftigten Besitzer die Pflege erleichtert. Er entwickelte eine Röhren-Konstruktion, die ein wenig an ein Objet trouvé erinnert, in ihrer Funktion aber gar nicht dadaistisch ist. Eine Palme wird in Granulat gepflanzt und artgerecht mit einer Flasche Wasser versorgt. Ist die Flüssigkeit in der Flasche nach zwei, drei Monaten verbraucht, verliert die Konstruktion ihr Gleichgewicht. Die Pflanze kippt zur Seite, um ihrem Besitzer zu signalisieren: Pflegebedarf!

Eine einheitliche Handschrift haben die HfG-Entwürfe nicht, die Studenten werden stets angehalten, ihren eigenen Stil zu entwickeln, auch wenn sie von großen Namen wie Stefan Diez oder Sam Hecht lernen. In der ehemaligen Karlsruher Munitionsfabrik, in dem auch das ZKM untergebracht ist, entstehen daher auch die unterschiedlichsten Entwürfe: Von amüsanten Accessoires für den Alltag, wie Plastikstielen für Proseccodosen (Flo Schwab) oder aus Klebeband gewickelten Körben (Peter Schäfer) bis zu der schlicht eleganten Tischserie „Die Drei“ von Marta Schwindling. Deren etwas anders gedachte Schubladen- und Schliessmechanismen bringen ein Moment der Überraschung in den Schreibtischalltag – und brachten die Designstudentin in das „Graduate Directory 2011“ der britischen Zeitschrift Wallpaper. Dort steht ihr Name nun zwischen Absolventen aus Eindhoven und London – kein schlechter Start.

 

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Ach, ist das nicht süß!
Art | Februar 2011

Soll man Gegenstände lieben? Eine neue Generation vor allem niederländischer Designer findet: soll man unbedingt. Sie gestaltet gefühlsgeladene Produkte für den empfindsamen Benutzer.  [weiter]

Ach, ist das nicht süß!
Art | Februar 2011

Soll man Gegenstände lieben? Eine neue Generation vor allem niederländischer Designer findet: soll man unbedingt. Sie gestaltet gefühlsgeladene Produkte für den empfindsamen Benutzer. 

Als die Eindhovener Designakademie im vergangenen Jahr die Entwürfe ihrer Abschlussklasse auf der Mailänder Designwoche zeigte, gab sie der Ausstellung den Titel „Questions“. Jedes Exponat war einer Frage zugeordnet, die am Anfang des Gestaltungsprozesses stand. Die Fragen, die sich die Studenten gestellt hatten, waren so interessant wie die Produkte, die sie als Antworten darauf entwickelten. Denn sie zeigten: Designer beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit der Suche nach funktionalen Lösungen für praktische Probleme. Heute werden unsere Befindlichkeiten und Verhaltensweisen immer öfter in die Objekte eingearbeitet. „Welche Gefühle verbinden wir mit Haar?“, fragte Lea Häfliger und entwarf eine Bürste, deren Griff ein langer, schwarzer Haarschopf ist. „Wie können wir uns vor der Welt zurückziehen?“, fragte Yoeri Treffers und präsentierte ein aufblasbares Kunststoffzelt, das uns jederzeit an jedem Ort vor der Außenwelt schützen kann. „Wie können wir den Abschied von einem Verstorbenen zu einem zarten Moment machen?“, fragte Roos Kuipers und zeigte „Mark the last veil“ – eine Holzbahre mit sechs transparenten Stoffbahnen, mit denen die Hinterbliebenen den Verstorbenen zudecken können.
Woher kommt die neue Gefühligkeit? Sind unsere Gestalter der Funktionalität überdrüssig? Wohl kaum. Die emotionale Dimension nimmt einen neuen Stellenwert im Designprozess ein, seit nicht nur die Gesellschaft immer komplexer wird, sondern es auch die Produkte wurden. Im 20. Jahrhundert war die Aufgabe eines Designers, die bequemere Sitzgelegenheit oder den effizienteren Staubsauger zu erfinden. Heute sind so viele Dinge mit Computern ausgestattet, dass die intuitive, auf Erfahrung gestützte Benutzbarkeit von Gegenständen zur Gestaltungsaufgabe wird. Wir haben eine emotionale Bindung zu unseren Smartphones und Espressomaschinen und erfreuen uns an den freundlichen Geräuschen, die sie machen. Junge Mädchen verzieren
ihre Handys mit niedlichen Gesichtern – es scheint, als hätte sich eine neue Designer- generation davon anregen lassen.
Der Hang zum Gefühl ist keine Neuerfindung in der Designwelt. Automobilhersteller sprechen ihre Kunden grundsätzlich auf emotionaler Ebene an – vom auf Hochwertigkeit getrimmten Klang einer zufallenden Tür bis zum „Gesichtsausdruck“ der Scheinwerfer, der je nach Modell mal aggressiv, mal niedlich ausfällt. Schon in den achtziger Jahren bekämpfte die Mailänder Designgruppe Memphis trockenen Funktionalismus mit emotional-experimentellen Möbeln. 1986 kuratierte Volker Albus, Vertreter des „Neuen Deutschen Design“, in Düsseldorf die Ausstellung „Gefühlscollagen – Wohnen von Sinnen“ und forderte: „Gegen die Diktatur der Wirbelsäule, für die Gleichberechtigung der Sinne!“ Etwa zur gleichen Zeit begannen Firmen wie Koziol und Alessi, unsere Haushalte mit Heiterkeitsdesign zu überschwemmen. Lachende Korkenzieher und Spülbürsten mit Kindchenschema suggerierten: Die Spaßgesellschaft ist allgegenwärtig. Doch während die emotionale Ansprache des Käufers in vergangenen Jahrzehnten meist der Vermarktung von Massenprodukten diente, machen Designer heute das Gefühl bewusst zum Thema ihrer Objekte.
Eines der großen Designtabus ist damit gefallen: Um den Besitzer emotional an ein Objekt zu binden, setzen Designer neuerdings süße Tiere und andere Kitschmotive ein. Der Londoner Stephen Johnson zum Beispiel sammelt Tierfiguren vom Flohmarkt und setzt sie zu fabelhaften Assemblagen zusammen. Kollektionen wie „Now Isn’t That Lovely“ (2009) spielen ganz bewusst mit Ornament und Kitsch; sie stillen unser Bedürfnis nach Nostalgie und wirken zugleich ziemlich surreal. Das Stockholmer Designtrio Front legte seine „Animal Collection“ (2006) auf, nachdem es in einer Umfrage Menschen nach ihren Lieblingsgegenständen gefragt hatte. Egal, ob Schuhe, Möbel oder Kissen – oft waren den Befragten Dinge besonders ans Herz gewachsen, die sie mit Tieren assoziierten.
Auch Hella Jongerius, die derzeit wohl gefragteste Designerin überhaupt, benutzt seit Jahren Tiermotive – und sie werden von Jahr zu Jahr dominanter: Waren ihre „Animal Bowls“ für Nymphenburg Porzellan (2004) noch zarte Märchenwesen, so ist der Frosch auf ihrem „Frog Table“ (2010) vom Dekorationselement zum Hauptdarsteller geworden. Er ist der Froschkönig, der am Tisch sitzt und ein Gespräch einfordert. Tiere regen unsere Fantasie an – oder auch märchenhafte Figuren. „Nehmen wir den Gartenzwerg“, sagt Volker Albus, heute Professor für Produktdesign an der HfG Karlsruhe, „sein einziger Daseinszweck ist es, Emotionen zu erzeugen.“ Aber auch jenseits der kalkulierten Niedlichkeit zeigen Designer, wie Dinge in uns Gefühle wecken können – nicht nur als Kaufanreiz. Kiki van Eijk, die schon vor zehn Jahren an der Eindhoven Academy studierte, stellte kürzlich „Drink! Fun!Eat!Rest!Think!Dream!Love!“ vor – Skulpturen aus Muranoglas, die von elementaren Dingen erzählen. Ein Totem aus Küchenutensilien erinnert uns an die Freude am Essen. Eine Trompete und ein Ballon stehen für Spaß und Humor, die Liebe ist symbolisiert durch eine rote Gießkanne (denn man soll sie großzügig verschenken) und verschmilzt mit einem Kerzenhalter (denn sie vereint Gegensätze wie Feuer und Wasser). Kiki van Eijk bekennt sich zur Romantisierung des Alltags: „Ich versuche immer alles ein wenig weicher und freundlicher aussehen zu lassen als die Wirklichkeit.“
Weit weniger gefällig sind die Arbeiten der Rotterdamer Designerin Wieki Somers. Bekannt wurde Somers mit „Bath Boat“ (2005), einer Badewanne in Form eines Holzbootes, in dem der Badende hinwegdriften kann wie ein einsamer Fischer auf dem Meer. „Wir versuchen Design zu schaffen, das uns die Welt intensiver erleben lässt“, erklärt Wieki Somers, die mit ihrem Partner Dylan van den Berg ein gemeinsames Studio betreibt. Objekte des Alltags werden mit ästhetischen und emotionalen Mitteln neu erlebbar, sollen aber durchaus auch irritieren. „High Tea Pot“, eine Porzellankanne in Form eines Schweineschädels, umhüllt von einem Rattenfell, ist eine Arbeit zum Thema Dekadenz. Wieki Somers studierte Bilder des flämischen Malers Frans Snijders und fand ihre Definition von Dekadenz: das Zusammentreffen von Schmackhaftem und Absto- ßendem, Leid und Lust.
Für ihre Serie „Consume or Conserve?“ verwendete sie (angeblich) menschliche Asche, um mit Hilfe eines 3D-Printers Skulpturen im Stil von Stillleben des 16./17. Jahrhunderts zu erstellen. Dabei kombiniert sie Vanitas-Symbole mit Konsumgegenständen der Gegenwart: Ein Spatz sitzt auf einem Toaster und beweint seinen toten Artgenossen. Honigwaben liegen auf einer Körperwaage. Ein Pillendreherkäfer rollt eine Dungkugel auf einem Tischstaubsauger. „Technologie ermöglicht uns, das Leben immer weiter zu verlängern“, erklärt Somers, „aber was nutzt uns ewiges Leben, wenn wir nur immer mehr konsumieren, ohne über die Konsequenzen nachzudenken?“ Wenn uns das Design nun auch noch an die Sterblichkeit erinnert, dann ist es von „form follows function“ schon ziemlich weit entfernt.

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Das Labor
Form 235 | 2010

Harvard-Professor David Edwards hat in Paris einen Ort für Querdenker geschaffen: „Le Laboratoire“ ist Think Tank, Shop, Labor und Galerie zugleich. Die aktuelle Ausstellung „Water Design“ zeigt innovative Ideen für den Transport von Wasser.  [weiter]

Das Labor
Form 235 | 2010

Harvard-Professor David Edwards hat in Paris einen Ort für Querdenker geschaffen: „Le Laboratoire“ ist Think Tank, Shop, Labor und Galerie zugleich. Die aktuelle Ausstellung „Water Design“ zeigt innovative Ideen für den Transport von Wasser. 

„Muss Espresso unbedingt flüssig sein?“ Diese Frage ist ganz nach dem Geschmack von David Edwards. Der Harvard-Professor vom Wyss Institute for Biomedical Inspired Engineering bringt mit Vorliebe Künstler, Designer, Wissenschaftler und Köche zusammen, um neue Lösungen zu finden – sei es nun für die Behandlung von

Infektionskrankheiten, für kalorienfreien Schokoladengenuss oder allergikerfreundliches Raumklima. Damit die Antworten nicht in den Schreibtischschubladen kreativer Köpfe verblassen, sondern funktionierende Produkte aus ihnen werden können, hat der in Boston und Paris lebende Wissenschaftler „Le Laboratoire“ gegründet. Die Ideenschmiede besteht aus Edwards’ Büro „LaboBrain“, das wie die zwei Hälften eines Ge- hirns gebaut ist, dem „LaboShop“, in dem Prototypen und Produkte verkauft werden, und einer großen Ausstellungsfläche in einer Halle, in der bis vor etwa 30 Jahren die größte Druckerei Frankreichs zuhause war. All das liegt nur einen Steinwurf vom Palais Royal und dem Louvre entfernt im feinen ersten Pariser Arrondissement. „Le Laboratoire funktioniert wie ein Trichter, der Ideen sammelt und filtert“, erklärt Edwards, „und am unteren Ende des Trichters steht die Produktion als Fortsetzung dieses Prozesses.“ Die Ausstellungen, gedacht als Schnittstelle zur Öffentlichkeit, sind weniger Ergebnisschau als vielmehr eine wichtige Phase im Produktentwicklungsprozess: Hier wurde etwa der Proto- typ von Mathieu Lehanneurs Luftfilter Andrea vorgestellt, ein Kunststoffgehäuse mit vegetalem Innenleben, das Giftstoffe aussondert. Hier veranstaltete Edwards mit dem Pariser Starkoch Thierry Marx Degustationen, bevor er Le Whif auf den Markt brachte – Schokolade und Espresso „zum Einatmen“, die aus lippenstiftähnlichen kleinen Plastikröhrchen inhaliert werden.

Bis Ende Januar ist nun das neueste und ehrgeizigste Le-Laboratoire-Projekt zu sehen: die Ausstellung „Water Design“. Am Anfang des Projekts stand wieder eine Frage: Kann es Wege für den Transport von Trinkwasser geben, die sich an der Funktionsweise biologischer Zellen orientieren? „Wir bestehen zu einem Großteil aus Wasser, das in unseren Körperzellen gespeichert ist“, so Edwards, „warum können nicht auch Flaschen so eng und natürlich mit ihrem Inhalt verbunden sein?“ Zwei massive Probleme der Menschheit wären damit auf einen Streich gelöst: die Schwierigkeit, sauberes Wasser hygienisch zu transportieren, die vor allem in den armen, trockenen Gegenden Afrikas zu einem immer drängenderen Problem wird. Und das größer werdende Müllaufkommen, das uns schon Plas- tikteppiche in den Ozeanen beschert. 2008 begannen einige seiner Studenten in Harvard sich dem Thema zu widmen, bald konnte David Edwards den französischen Designer François Azambourg und den Zellbiologen Donald Ingber für die Idee gewinnen. Im „Food Lab“ wurde mit Gelatine, Stärke, Karbon & Co experimen- tiert, im „LaboBrain“ mit Experten der verschiedensten Disziplinen diskutiert. Die ultimative, biologisch abbaubare, ephemere Wasserflasche der Zukunft wird in der Ausstellung leider noch nicht vorgestellt – wohl aber der Prozess der Ideenfindung inklusive Experimenten und Irrwegen, Erfolgen und Misserfolgen.

„Pumpkin“ ist einer der Schritte auf dem Weg zum Ziel: ein faltbarer Schlauch, der in Entwicklungsländern den Wassertransport erleichtern soll. Mathieu Lehanneur und Julien Benayoun übernahmen die Produktentwicklung. „Ursprünglich fragte mich David, ob ich einen Wasserbehälter nach dem Prinzip des Tensegrity-Trag- werkssystems von Buckminster Fuller gestalten könne“, erzählt Lehanneur. „Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man eine so komplexe Struktur kostengünstig herstellen kann, suchte ich nach Alternativen – und kam relativ bald zu einer Faltkonstruktion, wie man sie von chinesischen Papierlampions her kennt.“

Die hat mehrere Vorteile: Sie ist klein zusammenfaltbar, so dass sie kostengünstig verpackt und transportiert werden kann. Der Nutzer kann den Schlauch mit der Hand reinigen – ein großes Problem beim Wassertransport in Afrika sind nämlich die winzigen Ausgüsse der oft rissigen, schmutzigen Kanister. Die Konstruktion ist flexibel einsetzbar: Man kann die Zieharmonika-Elemente zu einem Kreis zusammenstecken, den eine afrikanische Frau traditionell auf dem Kopf transportieren könnte, den man aber auch als Tasche oder wie einen Patronengurt über der Schulter tragen kann. Die Elemente können aber auch zu einer Schlaufe werden, die zwei Menschen gemeinsam tragen. „Was mich sehr motiviert hat, Pumpkin zu entwickeln, ist die psychologische Dimension des Designs“, erzählt Lehanneur, „denn wenn wir einen Wasserbehälter entwickeln können, der so attraktiv und flexibel ist, dass afrikanische Männer ihren Frauen beim Wassertragen helfen, ist viel gewonnen.“ Für Industrienationen, in denen ja kein akuter Wassermangel herrscht, wurde ein Prototyp entwickelt, der ein kleineres Schlauchelement mit einer Handtasche verbindet – für unterwegs.

Nun ist die Ausstellung im Le Laboratoire auch für Pumpkin nur die erste Phase auf dem Weg von der Utopie zur Marktreife. Der Prototyp soll nun in Zusammen- arbeit mit Studenten der Universität von Pretoria in Subsahara-Ländern getestet werden. „Uns ist wichtig, die Bedürfnisse der Menschen in Afrika mit in den Designprozess einfließen zu lassen“, sagt Julien Benayoun, der bereits im vergangenen Jahr mit einem frühen Testmodell nach Namibia gereist ist. Bis der Kürbis in Afrika zum Einsatz kommen kann, müssen noch einige Proble- me gelöst werden. Derzeit wird zum Beispiel an einem Filtersystem gearbeitet, das das Wasser beim Zusammenpressen der Falten durch eine Membran drückt. Mit Sportartikelherstellern ist man in Verhandlung darüber, die Lifestyle-Variante von Pumpkin herzustellen und zu vertreiben. Das angedachte Geschäftsmodell: Jeder, der in entwickelten Nationen eine Pumpkin-Tasche kauft, finanziert damit einen Pumpkin-Wasserbehälter für Afrika. Höchst sinnvolle Ergebnisse des kreativen Querdenkens in Paris.

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“Die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft”
ART Online | 9. November 2010

Alexander von Vegesack, Gründungsdirektor des Vitra Design Museums, übergibt ab 2011 die operative Führung an Mateo Kries und Marc Zehntner. art fragte Mateo Kries, was sich nun ändern wird.  [weiter]

“Die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft”
ART Online | 9. November 2010

Alexander von Vegesack, Gründungsdirektor des Vitra Design Museums, übergibt ab 2011 die operative Führung an Mateo Kries und Marc Zehntner. art fragte Mateo Kries, was sich nun ändern wird. 

Vom Chefkurator zum Leiter des Vitra Design Museums – was bedeutet das für Sie?

Ich bin seit 15 Jahren im Vitra Design Museum und war schon in den letzten Jahren stark in die Programmgestaltung involviert – deshalb habe ich miterlebt, wie das Museum gewachsen ist und wie unsere Aktivitäten immer internationaler und komplexer geworden sind.

Als Chefkurator war ich vor allem für die Ausstellungen des Museums verantwortlich, nun rücken natürlich auch die vielen anderen Facetten unseres Hauses in den Blickpunkt, von den museumspädagogischen Aktivitäten und Events bis hin zu den Tourneen unserer Wanderausstellungen. Unsere Museumssammlung ist inzwischen eine der größten zum Thema des industriellen Möbeldesigns, und wir machen uns verstärkt Gedanken darüber, wie wir diese Sammlung in den nächsten Jahren stärker erschließen können, ohne dass wir ihren Erhalt gefährden. Digitale Medien sind eine Option, wir denken über eine neue Website nach, die die Sammlung auch online erschließt. Ein wichtiger Aufgabenbereich ist aber auch die Restauration. Zum Beispiel hat sich erst in den letzten Jahren gezeigt, welche Halbwertszeiten die Kunststoffe haben, die in den sechsiger und siebziger Jahren verwendet wurden. In den letzten Jahren setzte auf einmal ein beschleunigter Zersetzungsprozess bestimmter Kunststoffe ein, deren Langzeitverhalten man, als sie verwendet wurden, noch gar nicht kannte.

Was werden wir an Ausstellungen erwarten können?

Die großen Ausstellungen über bestimmte Figuren der Designgeschichte wird es weiterhin geben. Durch Ausstellungen wie über Le Corbusier ist unser Museum schließlich groß geworden und hat auch ein breites Publikum für Fragen des Designs und der Architektur erreicht. Ende 2012 soll eine große Ausstellung über den Architekten Louis Kahn eröffnet werden. Themenausstellungen sind auch geplant, etwa zum Verhältnis von Kunst und Design in der Pop Art. Aber sicher werden wir uns stärker auch mit aktuellen Themen befassen. So würde es mich interessieren, demnächst einen Rückblick auf das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zu wagen. Schließlich war das auch im Design eine verrückte Zeit, mit ihren zwei einschneidenden Krisen, mit völlig gegenläufigen Tendenzen im Design, von der experimentellen Nutzung neuer Technologien bis hin zu den Fragen der Nachhaltigkeit und der Verantwortung. Natürlich beobachten wir auch, welche Designer heute Maßstäbe setzen, auch mit denen werden wir Ausstellungen realisieren. Dann würde mich auch eine Ausstellung über Design in Afrika reizen, die sich jenseits der Klischees von Recycling und reiner Überlebenssicherung bewegt. Dort tritt heute, ebenso wie in Asien, eine Generation neuer Designer auf den Plan, die es Wert wäre, im Museum gezeigt zu werden. Das Verhältnis von Ernährungsfragen und Design wäre ein anderes interessantes Feld. In diesem Thema bündeln sich viele der Widersprüche unserer Zeit. Einerseits wird Nahrung heute von Designern, Starköchen und Großkonzernen unter Gestaltungsaspekten betrachtet, denken Sie nur an Schlagworte wie „Functional Food“, „Convenience Food“ oder „Food Design“. Anderseits stellen sich hier jenseits aller Trends existenzielle Fragen: Wie schafft man es in der Zukunft, die stark wachsende Weltbevölkerung zu ernähren?

Und wie schafft man es, solche Themen in ein Museum zu bringen?

Wir denken auch darüber nach, wie wir die bisherigen Ausstellungsformate weiterentwickeln können. Bisher waren Designausstellungen oft entweder klassische Retrospektiven oder komplexe Themenausstellungen. In der Kunst ist hier in den letzten Jahren viel in Bewegung geraten, man hat viele neue Ausstellungsformate erprobt, und das wünsche ich mir auch für den Bereich Design. Zum Beispiel könnte man bestimmte Themen aus der Perspektive eines Designers beleuchten, eine Gruppe von Protagonisten zu einem Thema zusammenbringen, oder Ausstellungen als Dialog zwischen einem Designer und einem Gestalter aus einer anderen Disziplin anlegen. Und schließlich haben wir ja noch unsere Sammlung, die für neue Projekte immer wieder Inspiration bietet. So haben wir in den letzten Jahren eine große Leuchtenausstellung aufgebaut, mit der wir gerne ein Projekt zum Thema Licht machen würden. Und auch den Nachlass des amerikanischen Designers Alexander Girard, der sich bei uns befindet, könnten wir irgendwann in einer Ausstellung präsentieren. Die Möglichkeiten, Designausstellungen zu konzipieren, sind jedenfalls noch lange nicht ausgeschöpft.

In Ihrem Buch „Total Design“ fordern Sie, das Thema Design stärker in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Wie kann ein Museum dazu einen Beitrag leisten?

Zum einen natürlich durch die Konzeption unserer Ausstellungen. Indem wir bei Themen auswählen, die gesellschaftliche Relevanz besitzen und über die reinen Trends hinausblicken. Wir als Museum haben schließlich die Verantwortung, Ausstellungen zu machen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was bei der Möbelmesse in Mailand oder in Köln zu sehen ist, und was man in den Medien täglich an Neuerungen sieht. Und dann gibt es ja auch noch die vielen anderen Aktivitäten, mit denen wir unsere Themen vertiefen können, etwa Vorträge, Symposien, Workshops oder Führungen. Wir machen schon jetzt immer mehr Rahmenveranstaltungen zu unseren Ausstellungen. Das ist nicht zuletzt deshalb möglich, weil neben unserem Museum dieses Jahr das VitraHaus eröffnet wurde, das die Besucherzahlen weiter in die Höhe getrieben hat, sodass wir auch abends mehr und mehr Gäste zu Veranstaltungen anziehen. Und bei unseren Workshops können sich unsere Besucher auf einer ganz praktischen Ebene mit Design auseinandersetzen. Auch denken wir darüber nach, vermehrt andere Ausstellungsorte neben dem Gehry-Gebäude auf dem Vitra Campus zu nutzen, etwa das Kuppelzelt von Richard Buckminster Fuller oder das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid. Mit diesem Angebot sind wir in der Zukunft durchaus in der Lage, uns auf sehr anspruchsvolle Weise mit Design auseinanderzusetzen.

Werden Sie denn die Finger vom Kuratieren lassen können?

Das wird nicht leicht! Ich werde auch in Zukunft eng mit den Kuratoren der Ausstellungen zusammenarbeiten, und sofern es meine Zeit zulässt, werde ich bei dem einen oder anderen Projekt auch als Kurator agieren.

Vitra Design Museum

Aktuelle Ausstellung: „Frank O. Gehry seit 1997“, bis 13. März 2011; Das Buch „Total Design“ von Mateo Kries ist in diesem Jahr im Nicolai Verlag erschienen

http://www.design-museum.de

info@design-museum.de


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Geht doch!
Der Tagesspiegel Sonntag | 10. Oktober 2010

Briten hassen die Architektur von heute wie der Vampir den Knoblauch – allen voran Prinz Charles. Jetzt will der Schriftsteller Alain de Botton seinen Landsleuten beibringen, die Moderne lieben lernen. Mit Ferienhäusern.  [weiter]

Geht doch!
Der Tagesspiegel Sonntag | 10. Oktober 2010

Briten hassen die Architektur von heute wie der Vampir den Knoblauch – allen voran Prinz Charles. Jetzt will der Schriftsteller Alain de Botton seinen Landsleuten beibringen, die Moderne lieben lernen. Mit Ferienhäusern. 

Von der Straßenseite aus betrachtet ist „Balancing Barn“ nicht viel mehr als ein bescheidenes Ferienhäuschen in der saftig-grünen Hügellandschaft von Suffolk. Extravagant mutet auf den ersten Blick nur die Metallfassade an, in der sich der anreisende Besucher spiegelt. Biegt man um die Ecke, sieht die „Balancierende Scheune“ allerdings gar nicht mehr so bescheiden aus: Auf dem abschüssigen Gelände hängt das 30 Meter lange Haus zur Hälfte in der Luft. Als hätte ein gelangweilter Riese einen Störenfried in diese idyllische Spielzeuglandschaft bringen wollen, indem er die Scheune so weit über den Abhang schiebt, dass sie fast herunterkippt.

Der Riese heißt Winy Maas, er ist einer der Gründer des niederländischen Architekturbüros MVRDV, das mit spektakulären Bauten wie dem niederländischen Pavillon auf der Expo in Hannover bekannt geworden ist. Sein Auftrag: auf dem Grundstück im Naturschutzgebiet ein Ferienhaus zu bauen. Tatsächlich findet Maas aber kaum etwas langweiliger als Idylle. „Wenn Sie sich die Kataloge von Ferienhausvermietern ansehen, gewinnen Sie den Eindruck, Glück sei ein Klischee von niedlichen Häusern unter blauem Himmel“, erklärt der Architekt. „Das reicht mir nicht. Ich will mehr Spannung!“ Der poetischen Wirklichkeit eines Baugrundstücks am See näherte sich MVRDV mit gewohnt spielerischer Eleganz. Die verspiegelte Fassade lässt das halb schwebende Haus wie eine Illusion erscheinen, die die Sonne zu jeder Tageszeit in andere Farben hüllt. Die an der Auskragung angebrachte Schaukel vervollständigt das Traumbild, das Winy Maas an den Surrealisten Magritte erinnert: Ceci n’est pas une maison.

Drinnen fühlt sich Balancing Barn nicht weniger extravagant an. Der schwebende Teil des Stahlgerüstbaus, in dem der Wohnbereich untergebracht ist, gerät in leichte Schwingungen, wenn sich Menschen im Raum bewegen. Der holländische Designer Jurgen Bey, der das Haus eingerichtet hat, wählte weiche Sitzgelegenheiten und Sitzsäcke, weil sich die Bewegung in weichen Polstern noch besser wahrnehmen lässt. Fenster erlauben Ausblicke zu allen Seiten – selbst nach unten durch den Boden und durch das Dach –, so dass die Grenzen zwischen außen und innen verschwimmen.

Die radikale Modernität, auch in der Möblierung, man muss sie mögen. So wie Alain de Botton. Für den Schweizer Schriftsteller und Philosophen, der seit Jahren in London lebt, ist Balancing Barn „ein entspannter, harmonischer, schöner Ort. Wer hier Zeit verbringt, entwickelt eine Sensibilität dafür, wie Architektur funktioniert. Jeder Winkel, jedes Material, jede Entscheidung, die ein Architekt trifft, hat eine Auswirkung“. Deswegen hat er „Living Architecture“ initiiert: „Die Initiative will Menschen die Möglichkeit bieten, in Häusern hervorragender zeitgenössischer Architekten zu wohnen, um genau dies nachvollziehen zu können.“

Das war etwas, was der gebürtige Schweizer in Großbritannien oft vermisst hat: zeitgenössische Architektur. Nachdem er mit seinem Buch „Glück und Architektur“ die Wirkung von Räumen auf unsere Befindlichkeit untersucht hatte, entwickelte Alain de Botton das Bedürfnis, den Worten Taten folgen zu lassen. Für historische Gebäude gibt es in Großbritannien den „Landmark Trust“, der schützenswerte Wohnhäuser vor dem Verfall rettet, indem er sie instand setzt und dann als Urlaubsdomizile vermietet. Alain de Botton schwebte etwas Ähnliches für zeitgenössische Architektur vor.

Er gewann eine Handvoll Mitstreiter für sein Projekt, fand Sponsoren, die die Baukosten tragen, aber anonym bleiben wollen, und Grundstücke in beliebten britischen Tourismusregionen. Nun, knapp vier Jahre später, sind die ersten Gebäude fertiggestellt. Neben Balancing Barn in Suffolk lassen sich bereits zwei andere Häuser mieten: „The Shingle House“ in Dungeness, Kent, ist eine luxuriöse Weiterentwicklung der traditionell geteerten holzverkleideten Fischerhütten der kargen Region und wurde von dem jungen irischen Büro NORD Architecture entworfen. „The Dune House“ ist eine Strandvilla an der Küste von Suffolk. Die norwegischen Architekten Jarmund & Vigsnæs setzten eine Schlafzimmer-Etage mit holzverkleidetem Giebeldach auf ein voll verglastes Erdgeschoss, um Durchblicke von der Straße zum Strand zu ermöglichen.

Zwei weitere Häuser sind im Bau: ein feuersteinverkleidetes Gebäude vom britischen Architektenpaar Patti und Michael Hopkins entsteht in Norfolk, der Schweizer Peter Zumthor hat „The Secular Retreat“ entworfen, das derzeit in Devon errichtet wird. Für die Zukunft ist geplant, jedes Jahr ein neues Haus fertigzustellen. Die Non-Profit-Organisation ist Eigentümer der Häuser, erwirtschaftet aber keinen Gewinn, sondern hofft, durch die Vermietung der Objekte die laufenden Kosten zu decken. Die Miete für die edel ausgestatteten Gebäude ist nicht billig: zwischen 1200 und 2900 Pfund die Woche. Allerdings kann man sie durch viele Leute teilen. Zur Balancing Barn gehören vier Schlafzimmer, jedes mit eigenem Bad.

Mit seinem Unternehmen möchte Alain de Botton nicht nur Urlauber glücklich machen, sondern auch die Diskussion um zeitgenössische Architektur in eine positive Richtung lenken – und Menschen mit den bewohnbaren Showrooms auf den modernen Geschmack bringen. Die meisten Briten leben in Häusern, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden – und sind Neubauten gegenüber grundsätzlich skeptisch. „Der britische Wohnungsbau ist vermutlich der am wenigsten experimentierfreudige in Europa“, erklärt Living-Architecture-Direktor Mark Robinson. „Viele verbinden zeitgenössische Architektur mit den brutalistischen Apartmentblocks der 60er und 70er Jahre. Die waren billig gebaut und sahen schon nach kurzer Zeit heruntergekommen aus.“

Zugegeben: Nicht nur Sozialbauten, auch Le Corbusiers Vorzeigeobjekt „Villa Savoye“ hatte mit einem undichten Flachdach zu kämpfen; doch machen die Architekten schon längst nicht mehr die Fehler der Corbusier-Generation. Aber im britischen Häuserkampf wird weniger über Qualität gestritten als über Ideale. Die Feinde zeitgenössischer Architektur sind die Traditionalisten, von denen es auf der Insel nicht wenige gibt – allen voran Prince Charles, der sich auf nicht immer demokratische Weise in die Debatte einschaltet. Mal nennt der Prince of Wales ein metallverkleidetes Universitäts-Auditorium, in dem er eine Rede halten soll, einen „Mülleimer“. Mal versucht er, Weltklasse-Architekten wie Richard Rogers oder Jean Nouvel aus Bauprojekten zu vertreiben, indem er den Entwicklern oder Bauherren schriftlich mitteilt, wie unpassend er deren Entwürfe findet. Zuletzt hat er damit ein großes Projekt von Rogers erfolgreich torpediert.

Die Diskussion wird auf der Insel hitzig geführt. Als 2006 das Victoria & Albert Museum eine Ausstellung über die Architektur der Moderne eröffnete, zeichnete der Karikaturist des „Architect’s Journal“ die Moderne als Frankensteins Monster, das von den Toten aufersteht. Der traditionell arbeitende britische Architekt Robert Adam schrieb im „Observer“: „Modernismus basiert auf der beängstigend arroganten Vorstellung, dass eine elitäre Gruppe von Leuten die Gesellschaft verbessern könne, ohne in Betracht zu ziehen, was die Öffentlichkeit will.“

Einen der Gründe, warum die Debatte so hitzig geführt wird, sieht Alain de Botton im Mangel an guten Beispielen. „Oft versteht die eine Seite die andere nicht, weil gar nicht alle Arten von Architektur verfügbar sind. Moderne Architektur manifestiert sich in Großbritannien vor allem in der Öffentlichkeit: Flughäfen, Museen, Opernhäuser. Dabei ist es ein fundamentaler Unterschied, ob man Architektur nur durchläuft oder ob man in einem Raum schläft.“

Ob eine Nacht im Balancing Barn Prince Charles umstimmen würde, darf bezweifelt werden. Den Unmut der Anwohner bekam der Unternehmensgründer bereits am Strand von Suffolk zu spüren. „Einmal kam einer der Dorfbewohner auf mich zu und fragte: Sind Sie sich eigentlich darüber im Klaren, dass Sie hier alle hassen?“, erzählt Alain de Botton. Aber im Grunde freut es ihn, zu sehen, wie Menschen am Strand stehen bleiben, auf das Dune House zeigen und zu diskutieren beginnen. Wenn sich mehr Menschen mit zeitgenössischen Häusern beschäftigen, hat Living Architecture schon einen Teil seines Klassenziels erreicht. Auch wenn das Dune House im Dorf nur „Stealth Bomber“ genannt wird: „Tarnkappenbomber“.

www.living-architecture.co.uk

 

 

 

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Schwindelerregend seltsam
ART online | April 2010

Blitzblauer Himmel, Vulkanasche, Transportprobleme und Ballermannstimmung. Und seltsame Sitzmöbel, die einem die Sinne verwirren. Das gab es zu sehen auf der diesjährigen Mailänder Design Week.  [weiter]

Schwindelerregend seltsam
ART online | April 2010

Blitzblauer Himmel, Vulkanasche, Transportprobleme und Ballermannstimmung. Und seltsame Sitzmöbel, die einem die Sinne verwirren. Das gab es zu sehen auf der diesjährigen Mailänder Design Week. Die wichtigste Möbelmesse der Welt stand in diesem Jahr ganz unter dem Einfluss der isländischen Vulkanaschewolke. Während die eine Hälfte der Designwelt verzweifelt versuchte, sich mit Bus, Bahn oder Mietwagen nach Mailand durchzuschlagen, saß die andere Hälfte dort fest, gründete Fahrgemeinschaften Richtung Norden und hatte endlich einmal genügend Zeit, um sich alle Ausstellungen anzusehen. Denn wieder einmal gab es neue Räume, neue Veranstaltungsorte, ein neues Designviertel und wieder einmal waren die innovativsten, ungewöhnlichsten Entwürfe nicht auf dem Messegelände in Rho zu sehen, sondern quer über die Stadt verteilt.

Design und Party quer durch die Stadt

Mit Ventura Lambrate startete eine ganz neue Designzone im Osten der Stadt, die Entwürfe von Designschulen und jungen, vornehmlich niederländischen Designern präsentierte. Alles war angenehm nah beieinander, intelligent und unterhaltsam. Die Ausstellungszone um die Via Tortona war im neunten Jahr nach ihrer Gründung hingegen so überlaufen, das sie weniger Spaß machte. Die Warteschlange vor dem Swarovski Crystal Palace war fast so lang wie die am Fahrkartenschalter im Zentralbahnhof. Und die begleitende Party-Animation der lokalen Gastronomie („5 Bier 5 Euro“) grenzte schon an Ballermannisierung. Stilvoller war die Party im Kvadrat Showroom am Corso Monforte. Eingeladen hatten BMW und Flos, um bei Ingwercocktails und Prosecco die von Patricia Urquiola und Giulio Ridolfo gestaltete Auto-Skulptur „The Dwelling Lab“ zu feiern. Die in Spanien geborene Mailänder Designerin hatte sich dem Lebensraum Auto genähert, indem sie das Chaos, das sich im Wageninneren gern ansammelt, auf trichterförmig nach außen gestülpten Wänden geordnet hatte. Vom Benzinkanister bis zum Badmintonset wurden alle Gegenstände liebevoll in Wollstoff eingenäht und mit Klettverschlüssen befestigt – eine Katalogisierung des mobilen Alltags.

Andere Ausstellungen regten eher zum Nachdenken an – wie der vom Interni Magazin organisierte „Think Tank“ in den von Filarete erbauten Klosterhöfen der Università degli Studi. Die italienische Zeitschrift hatte internationale Designer wie John Pawson, Jaime Hayon und Daniel Libeskind gebeten, sich in Installationen über den Wertewandel im neuen Jahrtausend Gedanken zu machen. Die Ergebnisse reichten von Windrädern für den privaten Vorgarten (Philippe Starck) bis zu meditativen Windspielen wie der „CCC Wall Casalgrande Ceramic Cloud“ (Kengo Kuma).

Manchmal tat es auch weh

Ansonsten wurde vieles gezeigt, das die Sinne verwirrt und den Augen Schmerzen zufügt. In der Spazio Fendi, außen vom Perspektivenkünstler Felice Varini bearbeitet, gestalteten die Designer von Beta Tank einen spielerischen Raum in schwarzweißen Op-Art-Mustern und reichten zur Beruhigung der Nerven gelbe Lollis. In der Spazio Rossana Orlandi wurden die schmelzenden Sessel von Nina Saunders ausgestellt. Und überhaupt: Sitzgelegenheiten 2010 werden schwindelerregend seltsam. Während sich Marcel Wanders („Sparkling Chair“ für Magis) und Tokujin Yoshioka (Invisibles for Kartell) auf durchsichtigen (und putzintensiven) Kunststoff verlegten, trat Fabio Novembre mit einem Stuhl in Form einer weißen Maske („Driade“) auf, dessen Inspirationsquelle man zwischen Karneval und LSD-Trip verorten könnte. Bei Moroso stellte Tokujin Yoshioka einen Stuhl aus recyceltem Aluminium vor, der in beliebige Formen gebracht werden kann („Memory Chair“) und sehr an zerknüllte Alufolie erinnert.

2010 ist aber auch das Jahr der iPhone-Apps. Überall wurden welche angeboten, die Planbarkeit in das Mailänder Designgewirr bringenwollten. Die schönste von allen aber kam von Maarten Baas. Der Niederländer hat eine seiner Installationen die Analog-Digital Clock als App herausgebracht. Für 79 Cent kann jetzt jeder iphone-Träger eine „digitale“ Uhr herunterladen, die von fleißigen analogen Händen einmal in der Minute an eine Glasscheibe gemalt wird.

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Marke Eigenbau
Der Tagesspiegel Sonntag | 25. Juli 2010

Man braucht keine Tischlerlehre und kein besonderes Talent: Einen Stuhl basteln kann jeder – und glücklich machen soll es auch. Die Designer Le Van Bo, Jerszy Seymour und Enzo Mari helfen dabei mit Bauplänen.  [weiter]

Marke Eigenbau
Der Tagesspiegel Sonntag | 25. Juli 2010

Man braucht keine Tischlerlehre und kein besonderes Talent: Einen Stuhl basteln kann jeder – und glücklich machen soll es auch. Die Designer Le Van Bo, Jerszy Seymour und Enzo Mari helfen dabei mit Bauplänen. Der Sessel ist bequem, ordentlich verarbeitet, recht schick und kostet im besten Fall schlappe 24 Euro. Nur kaufen kann man ihn nicht. Wer hier sitzen will, muss selber bauen. Dazu braucht man nicht mehr als ein Brett, etwas Werkzeug und einen Bauplan, den der Berliner Architekt, Optimist und ehemalige Hartz-IV-Empfänger Le Van Bo gebührenfrei per E-Mail schickt.

Warum er das macht? Weil er der Gesellschaft etwas zurückgeben will. Weil er der Meinung ist, dass auch arme Leute schöne Möbel verdient haben. Und weil er weiß, dass das Selbstwertgefühl Luftsprünge macht, wenn man etwas mit den eigenen Händen geschaffen hat. Zwei Dinge, die Le Van Bo, der als Kind mit seinen Eltern aus Laos nach Berlin kam, an Deutschland besonders liebt, sind der Bauhaus-Stil und die Volkshochschule. „Beides ist aus der Idee heraus entstanden, die Lebensqualität der Leute zu verbessern“, erklärt er. „Das eine mit dem Ziel, gutes Design einer breiten Masse zugänglich zu machen. Das andere mit dem Ziel, das Bildungsniveau der Bevölkerung zu erhöhen.“

Heute sind Bauhaus-Möbel Designklassiker, die sich vor allem eine gut betuchte Klientel leisten kann, und an der Volkshochschule trifft man pensionierte Studienräte. Doch Le Van Bo hat sich vorgenommen, beide Ursprungsideen wiederzubeleben – und zu verbinden. Nachdem er selbst einen VHS-Kurs „Schreinerei für Anfänger“ absolviert hatte, begann der 33-Jährige, Möbel zum Selberbauen zu entwerfen. Er kaufte eine Kiefern-Leimholzplatte für 24 Euro und entwickelte einen Bauplan für einen Sessel, der aus dem Brett (das man sich im Baumarkt kostenlos auf Maß zuschneiden lassen kann), Holzdübeln, Polsterbändern und Schaumstoffkissen besteht. Schnell wurde ein Claim gefunden („konstruieren statt konsumieren“), eine Homepage gebastelt (hartzivmoebel.blogspot.com), Postkarten gedruckt und ein Messestand auf dem DMY-Designfestival gebucht. Für Leute, die ihre handwerklichen Fähigkeiten unterschätzen, gibt es einen Kurs an der Berliner VHS City West, in dem der Sessel unter Anleitung eines Schreiners gebaut wird.

Über 400 Mal hat der Architekt seinen Bauplan bereits verschickt. Nicht nur an VHS-Schüler, sondern an „Menschen mit mehr Geschmack als Geld“ aus Deutschland, England, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, den USA.

Neu ist die Idee nicht. Der holländische Architekt Gerrit Rietveld entwarf schon 1938 den „Crate Chair“ aus Holzlatten, der als Bausatz vertrieben wurde. Doch in Krisenzeiten wie diesen wird auch die gesellschaftliche Rolle von Gestaltung wieder öfter diskutiert. Ist Design vom demokratischen Bauhaus-Ideal zu einem Marketinginstrument mutiert?

Brauchen wir ständig neue Dinge? Wie kann Gestaltung nachhaltiger werden? Die Branche entdeckt dabei einen fast vergessenen Idealismus wieder: gute Gestaltung als Open Source. Auf der Mailänder Möbelmesse, wo jedes Jahr die feinsten und teuersten Neu- heiten der Branche präsentiert werden, zeigte der finnische Hersteller Artek in diesem Jahr einen Selbstbau-Klassiker von Enzo Mari. Auf dem Boden des Messestands kniete der 78-jährige Mailänder Designer und hämmerte rohe Pinienholzlatten zu einem simplen Lehnstuhl zusammen – ein Entwurf von 1974. „Sedia 1“ sieht ein wenig aus wie eine Kinderzeichnung. Für Enzo Mari, der formalistisches Design strikt ablehnt, ist es die einzig richtige, auf das wesentliche reduzierte Form, die ein Stuhl haben sollte. Entwickelt hat er „Sedia 1“ vor 35 Jahren eher aus Gründen der Frustration als aus Idealismus. Mari, schon damals Denker und Provokateur, hatte 1968 ein schlichtes, zweckmäßiges Bettsofa entworfen, das sich als kommerzieller Flop erwies. In einer Branche, die stets neue formale Ergebnisse verlangt, wollte sich sein Ansatz nicht durchsetzen. „Keiner verstand meine Möbel“, sagt Mari in einer Video-Dokumentation, „Ich dachte: Wenn die Leute einen Stuhl selber zusammen- zimmern, dann erkennen sie, warum er gut und richtig ist.“ Seine „Autoprogettazione“-Kollektion umfasste Bauanleitungen für Betten, Schränke, Bücherregale und Sitzmöbel. Verschickt wurden sie kostenlos an jeden, der Enzo Mari einen frankierten Rückumschlag zusandte.

Die Reaktionen waren gemischt. „Kollegen warfen mir Faschismus vor, weil ich nur eine Form als die richtige anerkenne“, erzählt Mari. Er bekam tausende Briefe aus aller Welt. „Manche schrieben mir, ich sei ein Genie. Aber nicht alle verstanden, worum es mir geht. Es gab Leute, die schätzten Autoprogettazione, weil sie ein Chalet in den Bergen hatten und den ,rustikalen Stil’ mochten. Das ist doch purer Kitsch!“ Der Designer ist froh, dass Artek „Sedia 1“ nach 35 Jahren wiederaufgelegt hat. Mit dem zugeschnittenen Pinienholz-Bausatz, 50 Nägeln und einer Bauanleitung wird eine DVD geliefert, die seine Philosophie erklärt: „Design ist nur Design, wenn es Wissen vermittelt.“ Das Selbstbau-Set kostet 190 Euro.

Der kanadische Designer Jerszy Seymour will nicht zur besseren Form erziehen – sondern zum besseren Bewusstsein. Sein „Workshop Chair“ ist weder Bausatz noch Anleitung, sondern die Anregung, mit einem Topf heißen Industriewachses und ein paar Holzlatten die eigene Kreativität zu entdecken. „Die Freude an der Arbeit mit den eigenen Händen ist uns in der spätkapitalistischen Gesellschaft verloren gegangen“, sagt der in Berlin lebende Künstler. „Es ist doch absurd, dass es sich lohnt, einen Stuhl für ein paar Euro in China herstellen zu lassen und um die halbe Welt zu schicken, um ihn hier für Hunderte von Euro zu verkaufen. Wir wollen die Produktionsmittel wieder in die Hände der Leute geben!“

Hervorgegangen ist der „Workshop-Chair“ aus einer Reihe von Museumsprojekten. 2008 veranstaltete Jerszy Seymour ein Dinner-Event in Wien, bei dem Besucher mit Holz und heißem Wachs zunächst das Mobiliar und anschließend das Essen „kochen“ durften. „Statt einen Vortrag auf einer Konferenz zu halten, haben wir beim Essen darüber nachgedacht, welche Mechanismen hinter den Produktionsprozessen der Möbelindustrie stecken“, erklärt Seymour. Nach dem ,First Supper’ am MAK wurden die Wachsverbindungen wieder eingeschmolzen und für den „Salon des Amateurs“ im MARTA Herford (2009) und die „Coalition of Amateurs“ im MUDAM Luxemburg wiederaufbereitet. Mit „Amateur“ meint Seymour übri- gens keine Laien. Er setzt den Begriff im Sinne der lateinischen Wurzel des Wor- tes ein: Liebhaber. Seine Vision einer „Amateur Society“, die auf Freude an der Arbeit mit den Händen basiert, hat er auf einem großen Wanddiagramm zusam- mengefasst, die die Ausstellungsbesucher zur Diskussion anregen sollen.

In diesem Sommer wird der Workshop-Chair als Produkt lanciert werden. Zwei Wege führen dann zu der robusten Holz-Wachs-Konstruktion, die alle Qualitätsansprüche der europäischen Möbelindustrie erfüllt. Liebhaber können sich den Stuhl von Jerszy Seymour in seiner Berliner Werkstatt anfertigen lassen – für 460 Euro pro Stück – oder sich das „Amateur Wax Manual“ von seiner Website (www.jerszyseymour.com) downloaden und selber loslegen. Den Spezial-Wachs, der nicht in der Sonne schmilzt und auf dem Herd erhitzt werden muss, lässt man sich vom Hersteller schicken. Einen Liter des Hightech-Materials bekommt man geschenkt gegen Zahlung der Versandgebühr. „Natürlich können die Leute meinen Stuhl nachbauen“, sagt Seymour. „Interessanter finde ich es aber, wenn sie ihre eigenen Ideen realisieren. Mit Holz und Wachs ist alles möglich!“

steht da am Ende etwas, auf das ich stolz sein kann. Wenn ich das Ergebnis meiner Arbeit sehe, verschafft mir das innerlich eine gewisse Befriedigung. Außerdem kann ich gerade bei stupiden Arbeiten, wenn ich zum Beispiel Holz mit der Hand schleife, gut über Alltagsprobleme grübeln. Das hat fast schon eine meditative Wirkung.

Ich muss mich mal erkundigen, ob es in Berlin eigentlich Werkstätten gibt, in die sich Heimwerker einmieten können, um zum Beispiel ein Kinderbett abzuschleifen. Schließlich gibt es ja auch Werkstätten für Leute, die ein bisschen an ihrem eigenen Auto rumschrauben wollen. Wäre doch ungerecht, wenn es so etwas nicht auch für Leute wie mich gäbe.

 

 

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