Lüften lernen!
A&W Architektur & Wohnen | August/September 2010

Architekt Hans Kollhoff erklärt, warum wir unsere Lebens- gewohnheiten ändern sollten, statt Altbauten mit Dämmschichten zu verschandeln, warum er Zertifikate für Volksverdummung hält und warum Berlin von oben wie eine Müllkippe ausieht.  [weiter]

Lüften lernen!
A&W Architektur & Wohnen | August/September 2010

Architekt Hans Kollhoff erklärt, warum wir unsere Lebens- gewohnheiten ändern sollten, statt Altbauten mit Dämmschichten zu verschandeln, warum er Zertifikate für Volksverdummung hält und warum Berlin von oben wie eine Müllkippe ausieht. 

A&W: Herr Kollhoff, was nervt Sie an der Nachhaltigkeitsdebatte?

HANS KOLLHOFF: Dass sie mittlerweile zur Marketingstrategie degeneriert ist. Nachhaltiges Bauen ist kein Thema, das man plakativ abhandeln kann. Je eingehender man sich damit beschäftigt, desto komplizierter wird es. Heute muss alles irgendwie grün sein. Alles hat ein grünes Label, das einem suggeriert, damit würde das Richtige getan werden.

A&W: Bauen ist die ressourcen- und materialintensivste Tätigkeit des Menschen – und für 50 Prozent der Treibhausgase, 50 Prozent des Energieverbrauchs und in Industrieländern auch für über 50 Prozent des Müllaufkommens verantwortlich. Steht man da als Architekt nicht in der Verantwortung, sich um Nachhaltigkeit zu bemühen?

Hans Kollhoff: Sicher. Das ist aber nicht neu. Das können Sie schon bei Vitruv nachlesen. Dort steht: Architekten sollen kein Material verschwenden. Sie sollen sich an dem Ort, wo gebaut wird, nach den Baumaterialien umsehen. Häuser sollen sie so bauen, dass sie nicht zu schnell auskühlen, der Herd muss an der richtigen Stelle stehen und so fort. All das, was im Moment dahergebetet wird, als hätten wir es erst heute entdeckt, gehört zu den Grundbedingungen von Architektur. Architektur war immer schon nachhaltig.

A&W: Nun hat sich die Welt seit Vitruv ziemlich verändert, wir müssen uns mit dem Klimawandel und der Endlichkeit der Ressourcen auseinandersetzen.

Hans Kollhoff: Wirklich neu ist die globale Bedrohung durch den CO2-Ausstoß. Das zwingt uns zum Bau besser gedämmter Häuser und zur energetischen Ertüchtigung der Altbausubstanz. Nur, wenn Sie einen schönen Altbau geistlos mit Styropor einpacken, dann ist er ruiniert!

A&W: Was würden Sie denn vorschlagen?

Hans Kollhoff: Es gibt immer Wege, eine bessere Energieeffizienz zu erzielen, ohne das Haus kaputt zu machen. Ich kann die Fenster austauschen. Ich kann Dach, Keller und Hofdurchfahrten besser dämmen. Oft haben wir es aber mit fein profilierten Fenstern zu tun, mit Stuckgesimsen und skulpturalem Schmuck in Holz und Stein. Um diese Qualitäten nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, muss man bereit sein, mehr Geld auszugeben. Ein schönes, handwerklich präzise gefertigtes Sprossenfenster kostet halt leicht das Doppelte oder Dreifache eines grobschlächtigen Industrieprodukts.

A&W: Spätestens wenn die Energiekosten so angestiegen sind, dass die Bewohner von Altbauten ihre Heizkosten nicht mehr tragen können, wird es notwendig sein, günstige Lösungen für Dämmung zu finden.

Hans Kollhoff: Fangen wir doch erst einmal bei unserer Lebensweise an. Ich habe einige Jahre in Amerika verbracht. Da gab es in der Regel eine Zentralheizung mit einem Ther- mostat. Nachts wurde die Heizung hochgejubelt, bis es gezischt hat, dann gab es einen Knall, die Heizung ging aus und wurde dann wieder langsam hochgefahren. Ich vermute, in Amerika ist das immer noch so. Das ist für Europäer gewöhnungsbedürftig, da sind wir schon sensibilisiert – aber wir könnten noch viel mehr tun. Man muss es vielleicht nicht gleich so drastisch formulieren wie unser ehemaliger Finanzsenator: „Dann zieht im Winter halt noch einen Pullover mehr über.“ Aber in diese Richtung geht’s! Wir leben in überheizten Räumen. Wir heizen dort, wo man nicht unbedingt heizen muss. In französischen Landhäusern zieht man sich im Winter zurück in einen zentralen Raum, der geheizt wird und der von den umliegenden Räumen eingepackt ist. Wir sind nicht in der Lage, die Fenster so zu öffnen, das wir einerseits frische Luft haben und andererseits nicht zu viel Wärme entweicht. Was hilft uns ein Gebäude mit computergesteuerter Belüftung und einem Öko-Stempel drauf, wenn die Leute nicht in der Lage sind, die Maschinerie zu bedienen? Mit konventionellen Fenstern und Klappläden konnte jeder umgehen, je nach Witterung, Tages- und Jahreszeit. Wir tun doch heute so, als könnte man mit dem Touchscreen die Natur loswerden.

A&W: Sie meinen, Umdenken sei wichtiger als gedämmte Wände?

Hans Kollhoff: Natürlich!

A&W: Aber brauchen wir nicht Regeln, Gesetze, Zertifikate, um das Bewusstsein dafür zu schaffen?

Hans Kollhoff: Das mag sein. Aber man verkauft die Leute für dumm, wenn man ihnen sagt: Nagelt Sonnenkollektoren aufs Dach, dann können eure Häuser Energie gewinnen und ins Netz einspeisen. Wo leben wir denn? Sonnenkollektoren rechnen sich in Deutschland doch nur, weil sie hoch subventioniert sind. Bei unserem Wetter ist die Ausbeute nicht wirklich so, dass sich die Energiegewinnung lohnt, mit Ausnahme vom Kaiserstuhl vielleicht. Aber den sollte man jetzt bitte nicht mit Solarpaneelen einpacken.

A&W: Was halten Sie von der EU-Richtlinie, die ab 2019 vorschreibt, dass Wohnneubauten ihre eigene Energie produzieren sollen?

Hans Kollhoff: Vollkommener Blödsinn! Für mich stellt sich spätestens da die Frage, in welcher Umgebung ich wohnen will. Ich schätze den Komfort moderner Technik, aber ich will sie von meiner Wohnung aus nicht sehen. Seit man kein Geld mehr auszugeben bereit ist für ordentliche Dächer und auf dem Flachdach alles abstellt, was die Mietfläche schmälern könnte, sieht eine Stadt wie Berlin, wenn jetzt auch noch Solaranlagen dazukommen, wie eine Müllkippe aus. Ich will Sonnenkollektoren nicht sehen! Auch nicht die des Nachbarn. Es gibt heute schon ganze Regionen, die ruiniert sind von Sonnenkollektoren auf den Dächern.

A&W: Was muss der Gesetzgeber tun, um in Zukunft eine Architektur zu fördern, die ästhetisch ansprechend ist und auch Energie spart?

Hans Kollhoff: Es muss nachvollziehbar gemacht werden, was da stattfindet mit den konkurrierenden Labels für nachhaltige Gebäude. Das ist ja selbst für die Architekten, die sich damit beschäftigen, kaum durchschaubar. Durch die Intransparenz sind dem unseriösen Ringen um Wettbewerbsvorteile Tür und Tor geöffnet. Den Leuten wird suggeriert, ein „Green-Building“-Stempel ließe sie ruhig schlafen. Es ist letztlich Sache des Gesetzgebers, hier Klarheit zu schaffen; das kann man nicht den Geschäftemachern überlassen.

A&W: Wer macht denn das Geschäft?

Hans Kollhoff: Wenn eine Industrie sich in den letzten zehn, 15 Jahren eine goldene Nase verdient hat, dann ist es die Dämmstoffindustrie. Das einfachste Rezept zum Energiesparen ist Styropor. Und das wurde kontinuierlich dicker. Als ich angefangen habe zu bauen, in den späten 70er-Jahren, waren es fünf Zentimeter, heute sind es 30. Man sollte Klebstoffe auf dem Bau verbieten. Dazu Silikon, Acryl und PVC, das ganze chemische Teufelszeug, das nach kürzester Zeit schrecklich aussieht und von dem man schon beim Nähertreten Juckreiz verspürt. Dahinter stehen machtvolle Lob- bys einer prosperierenden Industrie.

A&W: Ist es nicht trotzdem ökologisch sinnvoll, den Lebenszyklus von Gebäuden und Baumaterialien zu bewerten?

Hans Kollhoff: Über den Lebenszyklus sollte man bei Lagerhallen und provisorischen Gebäuden reden. Es gibt ganze Bücher über Lebenszyklus-Optimierung, mathematische Kompendien, so dick wie die Bibel. Der Grundfehler ist doch, dass man davon ausgeht, dass ein Haus 30 bis 40, lassen Sie es 50 Jahre sein, hält. Das deckt sich in der Regel mit dem Abschreibungszeitraum. Dann fängt der Zyklus von Neuem an. Das ist fatal. Das Haus, in dessen Hof wir hier sitzen, ist fast 200 Jahre alt. Ein Haus mit einer Lebenserwartung von 50 Jahren müsste in dieser Zeit also viermal gebaut werden. Diesen Energieaufwand können Sie doch niemals wettmachen durch eine neue Bauweise, neue Materialien, neue Technik und was nicht alles. Das ist aber nur die technologische Seite. Der für mich viel wichtigere Aspekt ist die Stadt und was Stadt bedeutet. Stadt ist ja nicht kontinuierlich neu bauen, nach 30 Jahren abreissen und wieder neu bauen. Stadt ist kollektive Erinnerung! Und die macht sich am Gebauten fest. Das hat mit Langlebigkeit zu tun, mit Überlieferung, mit Weiterreichen von Generation zu Generation. Wenn Sie alle 30 Jahre die Bausubstanz austauschen, dann ist Geschichte nicht mehr physisch erfahrbar! Das knabbert doch heute schon an unseren Städten und an Berlin ganz besonders! Wir ziehen durch architektonische Kurzsichtigkeit und unsere mangelnde Bereitschaft, für eine nachhaltige Stadtentwicklung das nötige Geld auszugeben, die Peripherie in die Städte hinein.

A&W: Was kann man dagegen tun?

Hans Kollhoff: Man muss eine Wertschätzung wecken für die Schönheit unserer Dörfer und Städte, also für das, was die meisten Menschen ganz unbewusst schön finden, wenn sie nicht unserem allgegenwärtigen Konsumzwang unterliegen.

A&W: Sie sagen, die Zertifizierung bringt nichts. Aber muss man nicht irgendwo anfangen, Kriterien festzulegen?

Hans Kollhoff: Ja, aber die Kriterienkataloge sind leider viel zu kompliziert und müssen auf griffigere Formeln gebracht werden. Und vor allen Dingen muss das, was diese Zertifikate vorgaukeln, auch überprüft werden – und zwar in Langzeituntersuchungen. Es muss nach fünf, nach zehn und 20 Jahren beurteilt werden, wie sich dieses Haus tatsächlich bewährt. Wenn die Haltbarkeit des Hauses in die Wertung eingeht, dann sieht die Lebenszyklus-Berechnung ganz anders aus.

A&W: Legen die Mieter denn auf grüne Zertifikate so großen Wert?

Hans Kollhoff: Natürlich, die befürchten, dass die „zweite Miete“ mal die erste übertreffen könnte. Dann ist das natürlich ein Vermarktungsargument. Sie sehen ja, was gerade passiert: Die Leute ziehen reihenweise aus den Glaspalästen aus, die vor fünf Jahren als letzter ökologischer Schrei angepriesen wurden, weil sie es in der Klimakammer nicht aushalten und lieber ein Fenster aufmachen möchten und weil sie ungeheure Summen für Heizung, Lüftung und Kühlung ausgeben. Dazu gibt es keine Untersuchungen. Oder sie werden nicht veröffentlicht. Lassen Sie uns in fünf Jahren prüfen, wie die Öko-Häuser in der Hamburger Hafencity dastehen im Vergleich zu einem konventionellen städtischen Haus.

 

Hans Kollhoff

Geboren 1946 in Lobenstein, studierte Hans Kollhoff Architektur in Karlsruhe bei Egon Eiermann und in New York bei Oswald Mathias Ungers. 1978 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Berlin, das er seit 1984 mit der Architektin Helga Timmermann partnerschaftlich führt. Bekannt wurde Hans Kollhoff mit seinen Wohnbauten am Luisenplatz in Berlin (1983–87), durch den Entwurf des Main Plaza in Frankfurt (2001–2002) und des Daimler-Chrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz (1998– 2000), das er in der Tradition der New Yorker Backstein-Hochhäuser gestaltete. Seit 1990 doziert Hans Kollhoff, der sich für klassische Baugestaltung und die Verwendung traditioneller Materialien einsetzt, als Professor an der ETH Zürich.

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Von der Küchenwerkstatt zum Lebensraum
A&W Architektur & Wohnen | Juni/Juli 2010

Kaum etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert wie die Küche. Vom abgeschlossenen Hausfrauenreich ist sie zum neuen Lebensmittelpunkt der ganzen Familie geworden. Und nun auf dem besten Weg, mit dem Wohnbereich zu verschmelzen.  [weiter]

Von der Küchenwerkstatt zum Lebensraum
A&W Architektur & Wohnen | Juni/Juli 2010

Kaum etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so rasant verändert wie die Küche. Vom abgeschlossenen Hausfrauenreich ist sie zum neuen Lebensmittelpunkt der ganzen Familie geworden. Und nun auf dem besten Weg, mit dem Wohnbereich zu verschmelzen. 

Ein Sonntag im Jahr 1970. Großmutter rotiert zwischen Gasherd, Kühlschrank und Spüle und teilt ihre Töchter zum Tischdecken ein. Die Männer der Familie nebeln derweil das Wohnzimmer mit Zigarettenrauch zu und diskutieren über Fußball. Die Welt ist in Ordnung. Das Essen wird aufgetischt. Kaum ist die Mahlzeit vorbei, zieht Großmutter sich zurück in ihr Reich und macht den Abwasch.

Ein Sonntag im Jahr 2010. Freunde kommen zu Besuch, die Kinder toben ums Sofa herum, die Erwachsenen stehen am Arbeitsblock der offenen Küche, waschen Salat, schneiden Gemüse oder sitzen mit einem Glas Weißwein am Esstisch. Man spricht über Fußball, Kindergärten und die Vorzüge eines Teppan-Yaki-Grill und nascht von den Vorspeisen. Die Stimmung ist entspannt, das Essen gut. Und weil keine Wand Küche und Wohnbereich trennt, kann das Gespräch auch zwischen den Gängen ungehindert weitergehen.

Kaum ein Raum hat in den vergangenen Jahrzehnten einen solchen Wandel erlebt wie die Küche. Unsere Mütter und Großmütter waren stolz auf ihre Einbauküche, die ihr Hausfrauenleben mit funktionalen Geräten, hygienischen Oberflächen und kurzen Laufwegen ungeheuer vereinfachte. Und die eine Tür hatte, die geschlossen wurde, damit weder Bratgerüche noch Stressmomente nach außen dringen konnten, wo der Mann seinen verdienten Feierabend genoss. Die Heldin dieser Generation hieß Margarete Schütte-Lihotzky, eine Wiener Architektin, die in den 20er-Jahren die sogenannte Frankfurter Küche erfand. Wie beliebt die sechseinhalb Quadratmeter kleine Kochzelle war, sei dahingestellt, aber immerhin wurde sie in mehr als 10 000 Frankfurter Wohnungen eingebaut – und war die Keimzelle jener Einbauküche, deren erste 1950 von Poggenpohl vorgestellt wurde und die heute in 89 Prozent aller deutschen Haushalte anzutreffen ist. Der wahre Retter der Hausfrau aber war der Designer Otl Aicher. Der Mitbegründer der Ulmer Hochschule für Gestaltung plädierte für das Kochen als kommunikatives Ritual. 1988 brachte Bulthaup seine Küchenwerkbank auf den Markt – und verwandelte die Kochstelle von einem Ort der Arbeit in einen Ort zum Leben.

Mehr als zwei Jahrzehnte danach ist die Küche immer gesellschaftsfähiger geworden und endgültig aus einer dunklen, kleinen Ecke der Wohnung in ihren sonnigen Teil gewandert, sie wurde vergrößert und zu anderen Zimmern geöffnet – und ihre Bedeutung nimmt stetig zu. „Küchenplanung beschränkt sich heute nicht mehr auf die Themen Ergonomie, Laufwege, Stauraum“, sagt Siematic-Geschäftsführer Ulrich Siekmann, „Die Küche ist wohnlich geworden und wird inzwischen auch wie ein Wohnraum konzipiert. Da finden auch schon mal Lieblingsdinge und Erbstücke Platz.“ War der abendliche Versammlungsort der Familie früher die Sitzgruppe vor dem Fernsehgerät, so ist es heute immer öfter die Küche. Anders gesagt: Die Küche wächst ins Wohnzimmer. Was das bedeutet, konnte man auf der diesjährigen Mailänder Messe Eurocucina sehen: Die Materialien werden immer eleganter, hochwertiger, wohnlicher. Team 7 stellte „Vao“ vor – Vollholzschränke kombiniert mit Arbeitsplatten aus Natur- oder Quarzstein. Philippe Starck setzt seinen Küchenblock für Warendorf auf chromglänzende Trompetenfüße, die man eher unter einem Esstisch erwartet hätte. Und Hersteller wie Poggenpohl oder Toncelli bieten sogar Leder als Oberflächenmaterial an. Leder? Großmutter hätte schon bei dem Gedanken an die Pflege den Kopf geschüttelt. „Leder als Material in der Küche wird eher als Akzent gesetzt werden“, erklärt Poggenpohl-Geschäftsführer Elmar Duffner, „aber es verdeutlicht den Trend zur multifunktionalen Nutzung der Küche. Sie muss die Anforderung Kochen erfüllen, aber auch den Rahmen für einen eleganten Cocktailempfang darstellen.“ Das Modell „Artesio“, das der Hamburger Architekt Hadi Teherani für Poggenpohl entwarf, schafft nicht nur via Material, sondern auch durch die Form eine Verbindung zum Wohnraum. Regalmodule für die Wände und ein frei stehender Block sind mit einem Deckenelement verbunden, in dem Belüftung, Licht und Technik untergebracht sind – und das den Bogen von der Küche zum Wohnraum spannt. „Diese Küche bildet ein Haus im Haus“, so Hadi Teherani, „man hat einen offenen Wohn-Küchen-Bereich, ohne dass man vom Sofa direkt auf die Kochzeile blickt.“

Paradoxerweise werden die Küchen zum neuen Lebenszentrum unserer Wohnungen, obwohl wir immer weniger darin kochen. Gemeinsames Frühstück und Mittagessen sind in deutschen Familien heute schon die Ausnahme, das Abendessen kämpft noch um seine Erhaltung als fester Termin. „Der Trend geht zu mehren kleineren Mahlzeiten am Tag und zu individuellen Tagesabläufen“, erklärt Trendforscher Harry Gatterer vom Wiener Zukunftsinstitut. In den 60er-Jahren hatten laut Gatterer noch 75 Prozent aller Haushalte ein regelmäßiges gemeinsames Essen, heute sind es nur noch 22. Demgegenüber steht ein Trend zur Professionalisierung des Wohnens. „Wir können heute unser Wohnzimmer in ein Kino verwandeln, unsere Kaffeemaschine macht den besten Cappuccino der Stadt“, sagt Gatterer. „Aber in unseren arbeitsreichen Alltag nehmen wir meist nur Snacks zu uns. Doch am Wochenende wird das Kochen zelebriert mit anspruchsvollen Rezepten und Fünfgängemenüs.“ Warum das Kochen in der Fast-Food-Ära zum Event wird, erklärt Trendbüro-Gründer Peter Wippermann: „Alles, was verschwindet, gewinnt an Wert. Es wird zum Luxus. Das gemeinsame Kochen ist heute ein Intimitätsbeweis und steht im Gegensatz zu den Convenience-Produkten, die von fremden Leuten zubereitet werden.“

Wir haben zwar keine Zeit mehr zum Kochen, aber wir kompensieren das durch eine hochwertige Küche und einen Maschinenpark, auf den ein Spitzenkoch neidisch wäre. „Hightech-Geräte wie Dampfgarer, Teppan-Yaki-Grill oder Lavastein sind vor allem bei männlichen Käufern sehr beliebt“, sagt Britta Schaper, Küchenplanerin für Bulthaup. „Den Kunden ist wichtig, dass ihre Küche super aussieht – selbst wenn sie nicht viel kochen.“ Und auch Matthias Flick, Inhaber von Hamburgs Küchentempel „Cucinaria“, bestätigt: „Elektrogeräte und Accessoires werden immer stärker nach optischen Kriterien gekauft.“ Reichte früher das Küchenmesser aus dem Kaufhaus, muss es heute ein japanisches Kai-Messer sein, wie es auch Tim Mälzer benutzt.

Gerade diese Professionalisierung erfordert Stauraum: Trüffelhobel und Sorbetmaschine sollen in der wohnlichen Küche so untergebracht sein, dass man sie nicht wahrnimmt. So verschwinden etwa ganze Küchenzeilen bei Arclinea hinter eleganten Taschentüren, die beim Öffnen lautlos in Zwischenräumen verschwinden. Andere bieten frei stehende, drehbare Hochschränke (Warendorf), die vom Geschirrspüler bis zum Ofen alles hinter edlen Furniertüren verbergen. Mal schweben die Oberschränke direkt an der Zimmerdecke (Leicht), sodass sich auch der Raum über einer Kochinsel nutzen lässt. Und die Firma Siematic, die vor 50 Jahren erstmals eine grifflose Küche präsentierte und so auch eine Grundlage schuf für die wohnlichen Küchenfronten von heute, präsentierte für sein neuestes Modell „S2“ einen Multimedia-Hochschrank mit integriertem TV- und Computer-Bildschirm. Bulthaup erwei- tert die Küchenschränke seines „B3“-Systems mit allerlei funktionalem Innenleben, sodass sie auch als Garderobe oder Kleiderschrank verwendet werden können.

Boffi, für die Norbert Wangen schon vor sechs Jahren einen ganzen Küchenblock inklusive Spüle und Herdstelle unter einer einzigen, verschiebbaren Arbeitsfläche verschwinden ließ, schafft jetzt in den Schubladen der „Domestici“-Serie Ordnung mit Einsätzen aus elegantem, gemasertem Eschenholz. Braucht man so viel innere Schönheit? „Unsere Kunden sind in zweifacher Hinsicht ,Opfer‘“, sagt Boffi-Chefdesigner Piero Lissoni, „sie kochen leidenschaftlich gern und sie sind verrückt nach Design. Wenn sie in einer perfekten Umgebung einen Salat zubereiten, gelingt er ihnen einfach besser.“

 

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Häuser ohne Fußabdruck
Pure | April 2010

So schön kann nachhaltige Architektur sein: Die gläsernen Hightech-Häuser des Stuttgarter Architekten Werner Sobek verbrauchen nicht mehr Energie, als sie selbst erzeugen können, geben keine schädlichen Emissionen ab und sind vollständig rezyklierbar.  [weiter]

Häuser ohne Fußabdruck
Pure | April 2010

So schön kann nachhaltige Architektur sein: Die gläsernen Hightech-Häuser des Stuttgarter Architekten Werner Sobek verbrauchen nicht mehr Energie, als sie selbst erzeugen können, geben keine schädlichen Emissionen ab und sind vollständig rezyklierbar. 

Das rundum verglaste Wohnhaus des Architekten trägt den Namen R128, feiert im Juni seinen zehnten Geburtstag und ist jetzt schon eine Ikone. Als es der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, überschlugen sich die Architekturkritiker vor Lob. Einen „makellosen Bau“ nannte es die Fachzeitschrift db, „eine Festinszenierung in Sachen High-End-Engineering“, jubelte die Süddeutsche Zeitung, „ein Gesamtkunstwerk“ befand arch+. Und der Bauherr selbst sagt nach zehn Jahren Praxiserfahrung in dem gläsernen Kubus am Rand des Stuttgarter Talkessels: „Ich möchte nie wieder anders wohnen.“

Werner Sobek ist ein Mensch, der so viele Dinge anpackt, dass andere drei Leben brauchen würden, um sein Arbeitspensum zu bewältigen. Er hat nicht nur Bauingenieurwesen studiert, sondern auch Architektur. Das Engineering-Unternehmen Werner Sobek hat 200 Mitarbeiter an sechs internationalen Standorten und arbeitet mit Architekten wie Helmut Jahn, Dominique Perrault, Ben van Berkel oder Christoph Ingenhoven zusammen. Er hat die Tragwerksplanung für den Bonner Post Tower, das Mercedes-Museum in Stuttgart und den neuen Flughafen von Bangkok verantwortet. Er leitet das Stuttgarter Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren, doziert in Chicago am Institute of Technology, hat nebenbei eine Greentech-Firma gegründet und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, die ein Gütesiegel für umweltgerechte Neubauprojekte entwickelt hat.

Irgendwo zwischen diesen Identitäten findet der Architekt Werner Sobek Zeit, Wohnhäuser zu bauen. Grundsätzlich nur eines im Jahr, und das mit einem so idealistischen wie kompromisslosen Ansatz: Triple Zero. Dreimal null bedeutet: Diese Häuser verbrauchen keine Energie, die sie nicht selbst erzeugen können. Der gesamte Bedarf an Primärenergie für Heizen, Warmwasser, Strom wird auf dem Grundstück erzeugt. Die Gebäude verursachen keine Treibhausgas-Emissionen. Und sie hinterlassen, sollten sie einmal abgerissen werden, keinen Müll, denn alle Bauteile können am Ende ihres Lebenszyklus wiederverwendet werden.

R128 ist der Prototyp für diesen Baustandard und für Werner Sobek die Zusammenführung zweier Ideen. Zum einen: inmitten der Natur zu leben, wie in einem Baumhaus hoch oben über der Stadt, deren Licht sich nachts wie ein Teppich unter dem Haus ausbreitet, während tagsüber das Gezwitscher der Vögel und das Rauschen der Blätter in die Wohnräume dringen, wenn die Fenster geöffnet sind. Zum anderen: Eine Architektur zu schaffen, die nachhaltig ist – und dabei atemberaubend schön. Die Notwendigkeit, nachhaltig zu bauen, war Sobek spätestens seit den Erkenntnissen des Club of Rome über die Endlichkeit fossiler Ressourcen bewusst. Eingeimpft wurde sie ihm außerdem schon als Kind. Der heute 57-Jährige wuchs auf der schwäbischen Alb heran, damals eine der ärmsten Gegenden Deutschlands. „Da wurde ein Streichholz ausgeblasen und zur Seite gelegt, um es zweimal zu verwenden“, erzählt er, „die Wegwerfgesellschaft hat sich in diesem Teil der Welt nie durchgesetzt.“

Doch während die Architektur der Niedrig-, Null- oder Plusenergiehäuser, die in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt wurden, einen Großteil der Heizenergieeinsparung durch Isolierung und Dämmung erreicht, setzt Sobek mit seinem Triple-Zero-Standard auf High- tech. Photovoltaikelemente auf dem Dach generieren Strom. Durch mechanische Be- und Entlüftung und ein ausgeklügeltes System wasserdurchströmter Kupferrohre in den Deckenelementen wird die Raumtemperatur konstant gehalten. Frischluft wird über einen Erdwärmetauscher geleitet, so dass sie im Sommer vorgekühlt, im Winter vorgewärmt wird.

Dicke Dämmschichten und Schießschartenfenster, wie man sie von Passivhäusern kennt, sind seine Sache nicht. Zum einen aus ästhetischen Gründen, zum anderen weil sie Sobek nicht konsequent genug sind. Der CO2-Fußabdruck eines Gebäudes wird schließlich nicht nur durch die Energie, die es im Betrieb benötigt, verursacht. Ein Vielfaches der Emissionen entsteht durch den Verbrauch an „grauer Energie“, die bei der Herstellung und beim Transport der Materialien anfällt. Und das Aufkommen an nicht rezyklierbaren, weil untrennbar miteinander verbundenen Stoffen ist ein Problem, das Bauherren gern auf kommende Generationen abschieben. Sobek nicht: In seinen Triple-Zero-Gebäuden ist nichts so miteinander verbunden, dass es nicht wiederverwendet werden könnte. Das beginnt bei der Wärmedämmung und den Photovoltaik-Panels auf dem Dach, die durch Ballast in Position gehalten werden, und geht bis zu den Spiegeln im Badezimmer, die von Magneten oder Klettbänder gehalten werden. Selbst die Badewanne lässt sich in ein paar Handgriffen auswechseln, denn sie ist nicht eingemauert und verkachelt, sondern mit Schnallverschlüssen und Druckluftleitungen verbunden. Das Mehr an Lebensqualität gewinnen Sobeks Wohnhäuser aber vor allem durch die Fassaden. Die Dreifachverglasung mit Edelgasfüllung und Konvektionsbarriere isoliert so gut wie eine 10 cm dicke Mineralstoffdämmschicht. So kann es in kalten Wintern dazu kommen, dass sich außen an den Scheiben Eisblumen bilden, während sich die Innenseite handwarm anfühlt. Die Glasfassaden sind nicht nur gut zur Umwelt, weil sie vollständig rezyklierbar sind. Sie ermöglichen den Bewohnern auch, die Natur so zu erleben, als wohnten sie direkt im Freien. Die Privatsphäre der Bewohner wird im R128 durch Holzwände im Inneren bewahrt und von außen durch Bäume, deren Blattwerk vor Blicken schützt. In der obersten Etage, wo gekocht und gegessen wird, ist der Blick frei.

Mit jedem Stockwerk darunter wird die Nutzung intimer und die Räume schwerer einsehbar. In seinem neuesten Triple-Zero-Haus, einem einstöckigen Wohnhaus in Biberach, hat Sobek nur den Wohnbereich voll verglast, der hintere Teil des Hauses, in dem Schlafzimmer und Bäder liegen, ist durch eine Mauer vor Blicken geschützt.

Ein paar Kilometer vom Firmensitz in Stuttgart-Degerloch entfernt liegt das Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren, wo der Architekt die Nachfolge seiner beiden Lehrer Frei Otto und Jörg Schlaich angetreten hat. Hier entwickelt er die Materialien, die Häuser in Zukunft noch besser machen könnten. In einem zeltartigen Gebäude, das Frei Otto in den Sechzigern als Prototyp für die Weltausstellung in Montreal konzipiert hat, testen und entwickeln Sobek und 35 Mitarbeiter Material: Beton, der Hohlräume im Inneren hat, um stabiler und dabei leichtgewichtiger zu sein. Phase-Change-Materialien, die bei einer bestimmten Temperatur Wärme speichern bzw. wieder abgeben können. Am ILEK stellt man sich Fragen wie: Was passiert, wenn man Glas aufschäumt? Oder: Lassen sich Textilien in Gebäuden nicht auch so einsetzen, dass sie leuchten oder atmen? Unter dem mit Holzpaneelen verkleideten Frei-Otto-Dach stehen alte Prototypen aus vergangenen Jahrzehnten neben eier- schalendünnem Beton und Stoffmustern. Und dem Besucher wird vor Augen geführt, wie viel schneller sich Innovationen und Technologien heute im Vergleich zu den Sechzigerjahren entwickeln. In einer Ecke stehen Leuchtkästen, vor denen schaltbare Gläser getestet werden – eine Technologie, an der Werner Sobek schon seit Jahren arbeitet und die bald Marktreife erreichen soll. Dünne Glasscheiben, zwischen denen eine Kristallflüssigkeit schwimmt, die stufenlos von transparent zu lichtundurchlässig geschaltet werden kann. Draußen, im Garten des Instituts, steht die größte freitragende Glaskuppel der Welt: eine Schale aus sphärisch gekrümmten Glasscheiben mit einem Durchmesser von 8,50 m. Es ist die Studie zu Werner Sobeks großem Traum: einem Gebäude, das leicht wie eine Seifenblase ist. Eine linsenförmige Struktur mit völlig freiem Grundriss, deren Hülle zum Teil oder ganz abgedunkelt oder undurchsichtig geschaltet wer- den kann. Der Arbeitstitel – R129 – deutet an, was das Haus werden könnte: Werner Sobeks nächste Ikone.

 

INTERVIEW

„Der schwäbisch-radikale Ansatz sagt einfach: null“

Werner Sobek über zukunftsfähige Architektur, graue Energien, umweltfreundliche Baumaterialien und Die Freude, in einer nachhaltigen Welt zu leben

pure: Wie sehr schadet Architektur der Umwelt?

Sobek: Die gesamte gebaute Umwelt – also nicht nur Häuser, sondern auch Straßen, Brücken etc. – verursacht ungefähr 35 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. Der Bausektor verursacht 50 Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen, verbraucht 50 Prozent unserer Ressourcen und ist zumindest in Zentraleuropa und Amerika auch noch für 50 bis 60 Prozent des gesamten Massenmüllaufkommens verantwortlich. Die Art und Weise, wie wir Architektur machen, spielt also eine große Rolle für unsere Umwelt.

pure: Die Umwelt ist aber nicht der einzige Aspekt. Müssen wir nicht auch über steigende Energiekosten und die Endlichkeit unserer Baumaterialien reden?

Sobek: Die globale Erwärmung ist ein zentraler Aspekt, der bei der Diskussion um die Rolle der Architektur berücksichtigt werden muss. Aber selbst wenn man so kühn wäre, an diesen Aspekt ein Fragezeichen zu heften, tritt eine andere Überlegung an seine Stelle: Unsere Ressourcen gehen zur Neige, und Energie wird immer teurer. Selbst wenn man das Energieproblem in den Griff bekäme, hätte man künftig doch immer stärker mit Materialengpässen zu kämpfen. Und wenn die verwendeten Materialen irgendwann zu 60 Prozent auf der Müllkippe landen, führt auch dies über kurz oder lang zwangsläufig zu einem Problem. Die Notwendigkeit, zu handeln, folgt aus mehreren Aspekten: dem Global Warming, der Endlichkeit unserer Ressourcen und aus den steigenden Energie- und Rohstoffpreisen.

pure: Wie muss sich unsere Architektur ändern, um zukunftsfähig zu sein?

Sobek: Mein Ansatz lautet: Dreimal null. Häuser sollen null fossile Energie benötigen, null Emissionen abgeben und null Müll erzeugen. Letzteres heißt: Wir benötigen eine völlige Rezyklierbarkeit der verwendeten Baumaterialien. Übrigens: Nur so erreichen wir auch eine drastische Reduktion der aus der Natur entnommenen Ressourcen. Als ich das Triple-Zero-Konzept entwickelt habe, habe ich gesagt: Warum sollen wir uns damit zufrieden geben, lediglich eine Reduktion des Müllaufkommens um 5 oder 10 Prozent zu erreichen? Wozu herumfeilschen? Der schwäbisch-radikale Ansatz – denn wir sind hier ja im wilden Süden – sagt einfach: null. Wenn wir keine aus fossilen Trägern gewonnene Energie mehr benötigen, ist die Diskussion beendet. Und das ist das einzige moralisch und wissenschaftlich vertretbare Ziel.

pure: Ist denn die vollständige Rezyklierbarkeit eines Gebäudes überhaupt möglich? Sobek: Heute noch nicht in allen Fällen, morgen hoffentlich schon. Der Begriff Recycling wird leider oft missbraucht. Was ist Recycling eigentlich? Wir teilen es in zwei Begriffsebenen auf: das Verwenden und das Verwerten. Wenn wir ein Bauteil wiederverwenden, setzen wir ein Stück Brücke wieder als Brücke ein und eine Fensterscheibe wieder als Fensterscheibe. Funktionalität und Beschaffenheit bleiben dabei also erhalten. Wenn wir das Bauteil weiterverwerten, bleibt die Materialität erhalten, seine Beschaffenheit und seine Funktionalität werden aber verändert. Dies gilt zum Beispiel dann, wenn Sie aus einem Betonträger Granulat herstellen. Dieses Granulat können Sie wiederverwenden, um neuen Beton herzustellen. Sie können das Granulat auch weiterverwerten, indem Sie daraus einen Lärmschutzwall herstellen. Von der Funktionalität her bedeutet das allerdings ein Downgrading; deshalb spricht man in einem solchen Fall auch von „downcyceln“. Was davon erstrebenswert oder realisierbar ist, muss man überlegen. Es geht darum, abzuwägen, was eine Wieder- oder eine Weiterverwendung bzw. was eine Wieder- oder eine Weiterverwertung im Gesamtkontext bedeuten. Dabei müssen wir auch überlegen, was es energetisch bedeutet, wenn wir einen Stahlträger einschmelzen und einen neuen daraus herstellen. Diese Diskussion muss man führen, auch wenn es dabei oft noch an den wissenschaftlichen Basisdaten mangelt. Unser Ziel ist der von Michael Braungart formulierte Kerngedanke „from cradle to cradle“. Wir müssen Materialien „von der Wiege bis zur Wiege“ nutzen und nicht „von der Wiege bis zur Müllhalde.“

pure: Wie lösen Sie das Problem der Rezyklierbarkeit bei Ihren Häusern?

Sobek: Bei R128 haben wir etwa drei Jahre lang getüftelt und so die grundlegenden Lösungen gefunden, die wir nun bei unseren anderen Häusern einsetzen können. Um ein Haus vollständig rezyklieren zu können, dürfen Sie Materialien nicht mehr so miteinander verbinden, dass sie untrennbar werden. Schauen Sie sich eine ganz normale Außenwand eines deutschen Einfamilienhauses an: Sie besteht in der Regel aus 15-25 verschiedenen Baustoffen, die so miteinander verbunden sind, dass man sie nicht wieder voneinander trennen kann. Da sind zunächst die mit Mörtel verbundenen Ziegel. In die Wand wird ein Schlitz geschlagen, um eine kunststoffummantelte Kupferleitung zu verlegen. Der Schlitz wird daraufhin mit Gips verschlossen. Das Gleiche passiert bei den Wasserleitungen. Dazu kommen die thermische und die akustische Isolierung dieser Leitungen. Dann bringen Sie innen einen Putz auf, auf den eine Tapete geklebt wird, die dann noch ihrerseits gestrichen wird. Auf der Außenseite wird ebenfalls ein Putz aufgebracht, danach ein Trägergewebe, eine Wärmedämmung, noch ein Putz und dann ein Anstrich. Das alles ist fest miteinander verbunden – und reiner Sondermüll. Niemand kann diese Materialien wieder voneinander trennen. Wenn man ein komplett rezyklierbares Haus bauen will, ist es deshalb entscheidend, die Materialien so miteinander zu verbinden, dass man sie auch tatsächlich wieder voneinander sortenrein trennen kann. Hierfür gibt es bereits jetzt schon relativ einfache Lösungen, die aber leider kaum genutzt werden.

pure: Wie sehen die Wände in Ihren Häusern aus?

Sobek: Im R128 gibt es keine klassischen, gemauerten Wände – alles ist aus Glas. Nur um die Toiletten herum gibt es mit Aluminiumpaneelen verkleidete Wände aus Sperrholz. Die meisten Dinge in unseren Häusern sind mit Klettbändern oder mit Magneten befestigt. Anderes ist verhakt oder verschraubt. Wo geklebt wurde, wurden wasserlösliche Klebstoffe verwendet. Alle Verbindungen sind also leicht wieder zu lösen.

pure: Widerspricht die ephemere Architektur nicht dem Grundbedürfnis der Bauherren nach Qualität und Langlebigkeit? Sobek: Keineswegs! Ein Gebäude muss ephemer – d.h. im besten Sinne des Wortes „vergänglich“ – sein; es muss diese Welt verlassen können, ohne dass es Hunderte und Tausende von Tonnen Müll hinterlässt. Das heißt aber nicht, dass ein solches Gebäude weniger robust oder langlebig wäre als herkömmliche Häuser, ganz im Gegenteil. Da die von uns geplanten Häuser eine viel größere Anpassungsfähigkeit haben, erhöht sich die Lebensdauer eher. Bei den allermeisten Häusern, die älter als 20 oder 30 Jahre sind, wurde und wird ja auch permanent etwas verändert: sei es das Aufbringen einer Wärmedämmung auf der Außen- oder auf der Innenseite, sei es der Wechsel des Bads oder der Fenster. Alles, was herausgerissen wur- de, ist auf der Deponie gelandet. Und dabei sind solche Umbauten ja nicht nur teuer, sondern auch zeitaufwendig und kompliziert. Wenn Sie eine Badewanne auswechseln, müssen Sie mehrere Tage ohne Bad auskommen. Bei mir ist das Wechseln ein Vorgang von einer Minute: die Badewanne im R128 hat vier Schnellverschlüsse und steht auf Rollen. So kann sie problemlos bewegt und aus- getauscht werden. Das ist so leicht wie tanken an der Tankstelle. Natürlich gilt aber auch, dass Triple-Zero-Häuser ein Umdenken erfordern, nicht nur auf Seiten der Planer, sondern auch bei den künftigen Nutzern. Nicht umsonst bauen wir nur ein solches Haus pro Jahr, auch wenn wir mehr bauen könnten.

pure: Wie sieht es mit den Kosten aus?

Sobek: Es wird sicher keine zehn Jahre mehr dauern, bis die realistischerweise zu erwartenden Recyclingkosten und die verwendete „graue Energie“ in die Baukosten einfließen. Wir werden irgendwann unsere realen Deponiegebühren zahlen müssen. Das ist ja ein ganz großes Problem, das bei einer Bauschuttdeponie beginnt und beim Atommüllendlager endet. Das Problem ist: Wenn Sie heute ein konsequentes Kostenveranlagungssystem einführen würden, würde nicht nur die Atomwirtschaft, sondern auch die Bauwirtschaft in kürzester Zeit kollabieren. Als Politiker muss man viel Kraft haben, um so etwas durchzusetzen. Allein schon die Energiesparverordnung, die in vielen kleinen, mühsamen Schritten vorangetrieben wurde, hat ja eine enorme Lobbyarbeit mit dem Ziel ihrer Verhinderung hervorgerufen. Aber selbst wenn der Gesetzgeber nicht den Mut finden sollte, eine solche Entscheidung aufzugleisen, so wird der Markt das regeln. Denn spätestens dann, wenn die Menschen ihre winterliche Heizung nicht mehr bezahlen können, werden sie sich um nachhaltiges Bauen Gedanken machen und nach anderen Technologien in der Architektur fragen. Und dann wird derjenige der Gewinner sein, der diese Technologien beherrscht. Das kommt in spätestens zehn Jahren. Das ist sicher.

pure: Halten Sie die EU-Richtlinie, laut der ab 2018 alle Wohnneubauten die Energie, die sie benötigen, selbst erzeugen müssen, für realistisch?

Sobek: Bei bestimmten Gebäuden ist das nicht machbar. Wenn Sie ein Gebäude geothermisch heizen oder kühlen wollen, ist das aufgrund der benötigten Fläche ab einer gewissen Anzahl von Stockwerken nicht mehr möglich, zumindest in dicht besiedelten Räumen. Auch für Photovoltaik brauchen Sie große Flächen. Bei einer lockeren Bebauung ist dies kein Problem. Aber wie sieht es in unseren hoch verdichteten Innenstädten aus? Wir sollten uns die Frage stellen, ob ein Gebäude tatsächlich immer die Energie, die es benötigt, selbst vor Ort erzeugen muss. Solarkraftwerke in der Wüste sind billig und effektiv und es ist technisch möglich, den Strom mit relativ geringen Verlusten aus Afrika nach Europa zu leiten. Momentan müsste man den Strom durch potenziell instabile Regionen führen. Ich bin aber überzeugt: In dem Augenblick, in dem es in der Welt zu einem globalen sozialen Ausgleich kommt, werden diese Instabilitäten verschwinden.

pure: Welche Baumaterialien sind umweltfreundlicher als andere?

Sobek: Wir müssen differenzieren. Fragen wir uns doch zunächst einmal: Wie viel Energie brauchen wir, um ein Haus zu bauen? Wie viel Energie kostet es, Kupfer aus dem Gestein einer Mine in Chile zu gewinnen, um daraus Elektrokabel herzustellen? Wie viel Energie kostet es, Stahl in China herzustellen und nach Europa zu transportieren? Wie viel Energie kostet es, Zement zu brennen und Beton daraus zu machen? Diese sogenannte „graue Energie“ muss bei der Betrachtung des energetischen Verhaltens unserer Gebäude genauso einberechnet werden wie die im Betrieb verbrauchte Energie. Ein durchschnittliches bundesdeutsches Einfamilienhaus aus den 1970er oder 1980er Jahren hat durch seinen Bauprozess und die verwendeten Materialien mehr an grauer Energie verbraucht, als in 20 Jahren für seinen Betrieb nötig waren. Die Frage nach der Umweltfreundlichkeit von Baumaterialien kann also nicht pauschal beantwortet werden. Es gibt Regionen auf der Welt, in denen für die Zementproduktion Autoreifen, Altöl oder sonstige in der Verbrennung toxische Stoffe verwendet werden. In Deutschland werden die bei der Zementproduktion entstehenden Abgase mit großem Aufwand perfekt gereinigt und die zum Teil toxischen Filterstäube werden danach korrekt entsorgt. Das ist aber in anderen Ländern teilweise anders. Denken Sie an Länder, die über genügend Wasserkraft verfügen, um den Zement mit Elektrizität zu brennen. In einem solchen Fall ist Zement ein absolut „sauberer“ Baustoff. Sie sehen, dass eine Bewertung hinsichtlich eines einzigen Kriteriums schon Schwierigkeiten macht und deshalb stets einer sorgfältigen Differenzierung bedarf. Bei den zusätzlich zu stellenden Fragen nach Biokompatibilität, Humantoxizität und anderen gilt dasselbe.

pure: Wie sieht es aus mit dem Hightech-Glas, das Sie verwenden: Ist das energie- und kostenintensiv? Sobek: Ja, das ist es. Völlig umgehen können Sie das Energie- und Kostenproblem natürlich nicht. Aber: Wir machen die Dinge möglichst leicht, möglichst dünn, möglichst schlank. Um so wenig graue Energie und so wenig Materialien wie möglich zu benötigen.

pure: Und die Bauherren müssen diese Häuser am Ende ihrer Lebenszeit auch vernünftig rezyklieren. Das entzieht sich ja Ihrer Kontrolle.

Sobek: Die Bauherren, mit denen wir es zu tun haben, sind sehr empfänglich für unseren Ansatz. Insofern glaube ich, dass vieles, was wir denken, vorschlagen und bauen, seine spätere Berücksichtigung finden wird. Wir müssen in unserer Gesellschaft insgesamt auf ein Niveau kommen, auf dem wir über Nachhaltigkeit nicht mehr reden müssen. Irgendwann muss es so selbstverständlich sein, dass Häuser keine Energie verbrauchen oder vollkommen rezyklierbar sind, wie es heute selbstverständlich ist, dass sie nicht einstürzen. Hierhin muss sich der öffentliche Diskurs bewegen. Wir sind diesbezüglich sicher noch in einer Übergangsphase.

pure: Wie sieht es denn bei Ihnen selbst aus? Würden Sie sich als Öko bezeichnen? Was fahren Sie zum Beispiel für ein Auto? Sobek: Ich bin sicher kein „Öko“ im klassischen Verständnis. Ich kämpfe gegen eine Entsagungsästhetik. Es sollte Freude machen, in einer Welt zu leben, die nebenbei auch noch nachhaltig ist. Es darf nicht der erhobene Zeigefinger sein, dieses „weniger, weniger, weniger“. Nein! Wenn man es richtig macht, dann kann es auch mehr sein. Mit der Frage nach den Autos haben Sie natürlich meine absolute Schwachstelle als Designer getroffen. Ich fahre zwei Autos – einen Smart Diesel und einen Aston Martin. Ich fahre diese beiden abwechselnd in einem Mix, so dass ich damit im Schnitt nicht mehr als 120 g CO2-Ausstoß verursache. 120 g sind der zukünftige EU-Grenzwert. Insgesamt fahre ich aber sehr wenig mit dem Auto, deutlich weniger als 10.000 km im Jahr.

 

INFO

Professor Dr. Dr. Werner Sobek ist Bauingenieur, Architekt, Professor an der Universität Stuttgart und Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK). Sobek ist Inhaber der Firmengruppe Werner Sobek, die Niederlassungen in Stuttgart, Frankfurt, New York, Moskau, Dubai, Kairo und Khartoum unterhält.

Werner Sobek gilt einerseits als einer der wichtigsten Ingenieure der Gegenwart und arbeitet mit Architekten wie Norman Foster, Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg, Hans Hollein, Gunter Henn, Christoph Ingenhoven, Helmut Jahn, Dominique Perrault und Zaha Hadid an Hochhäusern, Flughäfen, Bürogebäuden und Museen. Andererseits ist Werner Sobek auch als Architekt mit eigenständigen Projekten und viel beachteten Bauten in Erscheinung getreten. Als eines seiner wichtigsten Projekte gilt das Einfamilienhaus R128 in Stuttgart.

Im April 2008 wurde Werner Sobek zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) gewählt, die zusammen mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung ein System zur Zertifizierung nachhaltiger Gebäude erarbeitet. Seit Sommer 2008 ist Werner Sobek darüber hinaus auch wie seinerzeit Mies van der Rohe Professor am Illinois Institute of Technology in Chicago.

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Spuren in Licht
Audi Magazin | Oktober 2010

Zum London Design Festival landet ein Oktopus auf dem Trafalgar Square. Seine Tentakel schreiben Botschaften aus Licht in die Luft. Die Kontrolle über die Maschinen übergeben die Designer Clemens Weisshaar und Reed Kram der Öffentlichkeit.  [weiter]

Spuren in Licht
Audi Magazin | Oktober 2010

Zum London Design Festival landet ein Oktopus auf dem Trafalgar Square. Seine Tentakel schreiben Botschaften aus Licht in die Luft. Die Kontrolle über die Maschinen übergeben die Designer Clemens Weisshaar und Reed Kram der Öffentlichkeit. 

Zehn Jahre lang standen die Roboter in den Produktionsstraßen von Audi. Ihren starken Armen waren die Spuren eines langen Arbeitslebens anzusehen. Nun haben sie eine neue Lackierung bekommen und bereiten sich auf einen ungewöhnlichen Auftritt vor: Vom 16. bis 23. September machen die Veteranen der Automobilfertigung einen Ausflug nach London und werden Teil einer Installation mit dem Titel „Outrace“. Konzipiert und entwickelt wurde die multimediale Installation von Clemens Weisshaar und Reed Kram. Kontrolliert wird sie via Internet: Besucher der Outrace-Website können online maximal 70 Zeichen lange Messages eingeben. Die Bewegung der Roboterarme, wenn sie mit Lichtköpfen diese Botschaften in die Luft schreiben, wird erst mal nur eine kinetische Skulptur sein – ein „Roboterballett“, wie Clemens Weisshaar es nennt. Erst die Aufzeichnung durch 36 Spiegelreflexkameras, die auf einem ovalen Ring rund um die Installation montiert sind und deren Bilder zu einem Film animiert auf der Website zu sehen sind, macht aus den Roboterbewegungen lesbare Wörter. Doch bevor die Maschinen fit für ihren Auftritt auf dem Trafalgar Square sind, müssen sie noch völlig neue Bewegungsabläufe lernen.

Als Entwicklungslabor dient eine Audi Lagerhalle in Ingolstadt, in der die Designer zusammen mit Experten aus der Automatisierungstechnik, dem Werkzeugbau und der Fertigungsplanung an dem Projekt arbeiten. Die hohen Decken sind mit dämmenden schwarzen Stoffbahnen abgehängt, und doch sind die Geräusche, die die 1,5 Tonnen schweren Maschinen von sich geben, laut, massiv, industriell. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie nicht gemacht wurden, um filigrane Buchstaben zu zeichnen, sondern um schwere Limousinen zu bauen. Nun aber werden ihnen Lichtköpfe auf die Handgelenke geschraubt

ausgestattet mit LED-Technologie aus dem Audi R15 TDI Sportwagen, der das diesjährige 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewonnen hat. Clemens Weisshaar, Münchner Teil des Designbüros Kram/Weisshaar, steht sichtlich unter Stress, denn er ist es, der den Maschinen das Zeichnen beibringen will. Im Mai kam die Zusage von Audi, das Projekt mit Hardware und dem Knowhow seiner Robotikspezialisten zu unterstützen. Bis Ende Juni hat es gedauert, die viel beschäftigten Fachleute zusammenzubringen. Nun haben Clemens Weisshaar und Reed Kram mit ihrem knapp 60-köpfigen Team ein kleines Zeitfenster, um acht Robotern Ballett beizubringen – plus Schönschrift. Das bedeutet für Weisshaar und das Team: Schlafmangel sowie eine Diät aus Zigaretten, Cola und Pizza. Die Begeisterung geht ihm dabei nicht verloren. „Das Wissen über Robotik wird in der Automobilindustrie streng gehütet. Die Labore, in denen die Fertigungsroboter der nächsten Generation entworfen werden, sind fast so hermetisch abgeriegelt wie die der Designabteilung. Und nun kommen wir mit der relativ komplexen Idee, eine robotische Pop-up-Factory in London aufzustellen, die immaterielle Nachrichten aus Licht produziert.“

Für Clemens Weisshaar und seinen in Stockholm lebenden Partner Reed Kram ist es faszinierend, diese Maschinen, die normalerweise hinter Fabrikmauern arbeiten, in die Öffentlichkeit zu versetzen – und die Kontrolle darüber den Internetnutzern in die Hand zu geben. „Als Designer treten wir in den Hintergrund und stellen nur ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem jeder Bewohner dieses Planeten acht Industrieroboter kontrollieren kann.“

Was so leichtfüßig global­digital funktionieren wird, ist zunächst harte multidisziplinäre Arbeit. Von der Entwicklung einer Schrift, die an mit einer breiten Feder gezeichnete Kalligrafie oder an Graffiti-Tags erinnert, über die Koordination der Roboterbewegungen; von der Verarbeitung der Kameraaufzeichnungen zu animierten Bullet-View-Filmen (wie wir sie aus den „Matrix“-Filmen kennen) bis hin zur rein logistischen Leistung, acht tonnenschwere Roboterarme samt Betonsockel auf den Trafalgar Square zu schaffen. Aber gewissermaßen ist genau das die Kernkompetenz des Büros von Clemens Weisshaar und Reed Kram: der Entwurf prozessstiftender Werkzeuge, artikuliert in einem Software-Kern, der die verschiedensten Schichten von Funktionen virtuell wie physisch miteinander verknüpft. „Wir beschäftigen uns bei jedem unserer Projekte mit den neuesten Technologien, und das bedeutet jedes Mal, sich auf Neuland zu begeben“, sagt Clemens Weisshaar. Das ist viel Arbeit, macht aber auch Spaß. Denn: „Die besten Dinge sind immer entstanden, wenn sich Designer mit neuen Materialien beschäftigen. Heute geht es nicht mehr um physische Materialien, sondern um Fertigungsprozesse – der Designbegriff dehnt sich aus auf ganz neue Bereiche.“ Was daran fasziniert? „Wir öffnen ein Fenster in die Zukunft und sagen: Schaut mal, das geht – und zwar jetzt! The future is now!“

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Gemütlichkeit in Zeiten der Krise
Art online |September 2009

Zum siebten Mal fand vom 19. bis 27. September das London Design Festival statt – trotz Rezessionstief mit 163 Ausstellungen und Installationen im ganzen Stadtgebiet. Fazit: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner.  [weiter]

Gemütlichkeit in Zeiten der Krise
Art online |September 2009

Zum siebten Mal fand vom 19. bis 27. September das London Design Festival statt – trotz Rezessionstief mit 163 Ausstellungen und Installationen im ganzen Stadtgebiet. Fazit: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner. 

Neben der Messe „100% Design“ und „Designersblock“ auf demMessegelände in Earl’s Court, und der „Tent London“ in der Truman Brewery im Osten der Stadt war das Zentrum des diesjährigen Festivals das Victoria & Albert Museum im Westen Londons. Im V&A waren zwei der besten Ausstellungen zu sehen: „In Praise of Shadows“ zeigte Leuchten-Entwürfe europäischer Designer, die sich mit Niedrigenergie-Lichtquellen auseinandersetzen. Von Tom Dixons Kupfer-Leuchte „Blow Light“, die selbst mit dem kühlen Licht von Energiesparlampen warme Atmosphäre schafft über Puff Buff’s glamourösen LED-Kronleuchter bis zu Rachel Wingfields solarbetriebenen luminiszierenden Lichtobjekt „Sonumbra“ – diese Leuchten zeigen: Es gibt ein Leben nach der Glühbirne, sogar für Lichtdesigner.

Die Ausstellung „Telling Tales“ (noch bis zum 18. Oktober) thematisiert Fantasie und Angst im zeitgenössischen Design. Die Räume der Ausstellung sind mal wie Märchenbühnen, mal wie düstere Albtraumsettings gestaltet und inszenieren bekannte Entwürfe niederländischer Designstars wie Tord Boontje, Marcel Wanders, Studio Job, Maarten Baas, aber auch experimentelle Objekte von Nachwuchsdesignern wie eine von einem Bienenvolk „gebaute“ Honigwaben-Vase des gebürtigen Slowaken Tomas Gabzdil Libertiny. Vom Anblick verwurmter Fuchsohren, Atompilzen zum Kuscheln und Kinderpantoffeln aus Maulwurfskörpern konnte man sich wunderbar erholen im sonnigen Innenhof des Museums. Hier hatte Martino Gamper den „Wallpaper Chair Arch“ aus Ercol-Stühlen gebaut.

Brauchen wir noch mehr Stühle?

Ein paar Stockwerke darüber, im Auditorium des „Sackler Center“, wurde derweil über die Frage diskutiert, ob wir überhaupt noch neue Stühle brauchen. Die „Financial Times“ hatte Designer, Kuratoren und Hochschuldozenten zu Diskussionsforen eingeladen. Es ging um Globalisierung und Verantwortung, Ethik und Überlebensstrategien, Urheberrechte und Energieverbrauch, vor allem aber über die Chancen, die Kreative in Zeiten der Krise überhaupt noch haben. Eine sympathisch einfache Antwort darauf hatte Jaime Hayón. Der gebürtige Spanier lebt seit drei Jahren in London und liebt es (trotz der hohen Lebenshaltungskosten) für seine Internationalität. Er rät jungen Kreativen, auf jeden Fall an einem eigenen Stil zu arbeiten. „Studenten müssen lernen, ihre Einzigartigkeit zu entwickeln. Ich habe schließlich auch Bauhaus-Design studiert und mache etwas völlig anderes“.

Aus Hayóns Perspektive ist das leicht gesagt. Der aufgekratzte Spanier, der sich für ein Foto auch schon mal ins rosa Hasenkostüm wirft, hat nicht nur Projekte rund um den Globus, sondern war auch während des London Design Festivals gleich zweimal Aufsehen erregend vertreten. Auf dem Trafalgar Square installierte er mit Bisazza ein Schachspiel mit lebensgroßen, handbemalten Keramikfiguren. In der Galerie Spring Projects zeigt er noch bis zum 22. Oktober „American Chateau Room One“, eine Ausstellung von exzentrischen Objekten, die er mit seiner Partnerin Nienke Klunder realisiert hat. Entwürfe wie „Rocking Hot Dog“ oder die „Donut Madonna“ sollen die Fusion von europäischer Handwerkskunst und der amerikanischer Alltagskultur darstellen – Versailles trifft auf Disneyworld.

Gemütlichkeit Reloaded

Mit seiner Verspieltheit sowie mit der Liebe zum perfekten Handwerk liegt Hayón ganz vorn. Galeristin Libby Sellers zeigt noch bis zum 18. Oktober von Royal Leerdam hergestellte zentimeterdicke Glasobjekte des Niederländers Dick van Hoff. Ihre temporäre Galerie, eine alte Autowerkstatt in Brompton, ist eingerichtet wie ein Wohnzimmer, mit Stillleben über dem Sofa und Vasen auf dem Kaminsims. Alles ist geradezu protestantisch karg, dabei aber robust, langlebig, hochwertig. Die Sitzmöbel sind aus massiver Eiche (selbstverständlich aus nachhaltiger Fortwirtschaft), die Lederbezüge darauf stammen von Biorindern, umweltschonend gegerbt … „Austerity Deluxe“ liegt im Trend – und heißt übersetzt in etwa „Entbehrung Deluxe“. Der Wert des Objektes liegt in der Geschichte und Herkunft der Materialien und ihrer hochwertigen Verarbeitung. Van Hoffs Glasobjekte kosten 1.400 Pfund das Stück – bei einer Auflage von 50.

Auch bei den Nachwuchsdesignern stand Handgemachtes hoch im Kurs, allerdings nicht immer so hochpreisig. Nacho Carbonell, Raw Edges, Rowan Mersh, Max Lamb und Gemma Holt zeigten mit der Installation „Corn Craft“, wie man mit preiswertem Material (Getreide!) Räume und Möbel nachhaltig gestalten kann. Auf der „Tent London“ gab es viel Gestricktes, Selbstbedrucktes und Handbemaltes zu sehen. Highlights der „New Talent Zone“ bei „Tent London“ waren die mit Sandsäcken bespannten Hocker des Niederländers Erwin Zwiers („Leave your Shape behind“) und die „Cozy Furniture“-Kollektion des gebürtigen Rostockers Hannes Grebin. Der Student der Bauhaus-Universität nahm sich das deutsche Wohnzimmer vor, behielt Materialien und Muster von Sofa und Perserteppich und macht deutsche Gemütlichkeit zur Skulptur, indem er die Geometrie der Möbelstücke aufbricht.

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Der Kreislauf der Dinge
Audi Magazin | Juni 2010

Wie müssen Designer heute arbeiten, um den Anforderungen des neuen Jahrtausends gerecht zu werden? Im Rahmen der Mailänder Möbelmesse regt der italienische Architekt Matteo Thun zum Nachdenken an.  [weiter]

Der Kreislauf der Dinge
Audi Magazin | Juni 2010

Wie müssen Designer heute arbeiten, um den Anforderungen des neuen Jahrtausends gerecht zu werden? Im Rahmen der Mailänder Möbelmesse regt der italienische Architekt Matteo Thun zum Nachdenken an. 

 

Im April strömt alljährlich die gesamte Designszene nach Mailand, um an der wichtigsten Möbelmesse der Welt teilzunehmen. Die italienische Wohnzeitschrift „Interni“ nahm das in diesem Jahr zum Anlass, 25 inter- nationale Architekten- und Designerteams zu bitten, sich mit einem Thema zu beschäftigen: Wie sollte Design im 21. Jahrhundert sein? Sie kamen zahlreich und schufen in den Höfen des Universitätsgebäudes einen nachdenklichen Ruhepol im hektischen Messe-Mailand.

Schon die Location ist eine Ansage: Früher war hier das Ospedale Maggiore, das Hauptkrankenhaus der Stadt, untergebracht. Gebaut wurde es von Filarete, ei- nem der bedeutendsten Architekten des 15. Jahrhunderts – ein Musterbeispiel an Nachhaltigkeit also. Und genau darum geht es auch Matteo Thun in seiner Installation „Wooden Beacons“, die er zusammen mit Consuelo Castiglioni, der Gründerin des Modehauses Marni, realisiert hat. „Wooden Beacons“ schlägt den Bogen von den Lebenszyklen der Mode, die immer schneller und saisonaler werden, zur Architektur, deren visuelle Halbwertszeit in der Ära der Stararchitekten immer kürzer wird. Drei Skulpturen aus Holz und Textil stehen in Filaretes Arkadengang: ein Oval aus unbehandelter Eiche, in dem Papierschnittmuster aufgehängt sind; ein Kreis aus Brettern, über dem eine Modeweltkugel aus Knöpfen, Glas und Schmuck schwebt; und ein Käfig aus Eiche, in dem Textilbündel wie in einer Altkleidersammlung liegen.

„Wir brauchen mehr Dauerhaftigkeit“, sagt Matteo Thun, „in der Mode, im Design und in der Architektur. Wir können nicht länger alles wegwerfen wie noch vor zehn Jah- ren.“ Als Architekt und Designer weiß er, wovon er spricht. Die gebaute Umwelt verursacht ungefähr 35 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs, produziert die Hälfte aller Treibhausgas-Emissionen, verbraucht 50 Prozent unserer Ressourcen und ist in Europa für über 50 Prozent des ge- samten Müllaufkommens verantwortlich. Wenn wir irgend- wo umdenken müssen, dann hier. Aber wo ist der Ausweg? „Holz ist der Werkstoff des 21. Jahrhunderts“, sagt Thun, „es ist das einzige nachwachsende Baumaterial. In der eu- ropäischen Waldproduktion wird ein Überschuss von einem Drittel erwirtschaftet. Und sein Lebenszyklus ist praktisch unendlich.“

Matteo Thun liebt Holz. Am meisten, wenn es roh und unbehandelt ist. Ein Material, das nicht vergeht, sondern Patina bekommt. „Wie das Gesicht einer alten Bäuerin“, sagt der in Bozen geborene Thun. Holz verwen- det er als Produktdesigner, zum Beispiel bei der Bade- wanne „Ofuro“ für Rapsel, die gerade mit dem Wallpaper Design Award 2010 ausgezeichnet wurde. Oder für die „Briccole di Venezia“-Tische, die er aus Pfählen von jahrhundertealten Eichen fertigt, die zuvor in der Lagune von Venedig gestanden haben. Die zerfurchten Ränder desHolzes werden nicht geschliffen, sondern machen die Schönheit des Möbels aus – wie die Falten im sonnen- gegerbten Gesicht eines alten Menschen. Als Architekt hat Matteo Thun Strukturen oder Fassaden aus Holz zu seinem Markenzeichen gemacht. Man findet sie am preisgekrönten Vigilius Mountain Resort ebenso wie im New Yorker Boss Flagship Store und am Bio-Kraftwerk Schilling in Schwendi.

Als Architekt lotet er die Möglichkeiten der Bau- stelle aus. Gebäude energieeffizienter machen; mit vorgefertigten Bauteilen Schnittstellenprobleme lösen – das sind heute Aufgaben eines Baumeisters. „Die Zeit der ,Archistars‘ ist vorbei“, postuliert Thun. „Architekten müssen heute auch Lebenszyklus-Manager sein, expressive Formensprache allein kann sich keiner mehr erlauben.“

Die Inspiration für diesen Ansatz, den Thun „No- Design“ oder „Zero Design“ nennt, holt er sich in den Ber- gen seiner Kindheit. „Wer in den Alpen aufwächst, kennt das Problem“, erklärt Matteo Thun. „Die Armut zwingt einen, alles Unnütze wegzulassen.“ Schon als Kind hat ihn fasziniert, mit welcher Klugheit und Präzision die Bergbauern gebaut haben, „egal ob einen Kuhstall oder einen Melkschemel“. Wenn er heute ein neues Bauprojekt in den Bergen hat, beginnt seine Arbeit damit, das Mikroklima und den Geist des Ortes so zu erfassen, wie es die Bergbauern täten. Er schlägt ein Zelt auf einer Wiese auf und beobachtet den Lauf der Sonne vom Morgenrot bis zum Sonnenuntergang. Verfolgt, welche Winde entstehen und wann es regnet. „Das ist etwas, das man auf der eigenen Haut spüren muss. Bei Google Earth erfährt man das nicht.“

Die Rückbesinnung auf das Einfache, Natürliche ist in den Installationen des Interni Think Tank ein wiederkehrendes Thema. Der britische Architekt John Pawson baute einen schlichten Archetypen eines Hauses, ließ aber durch einen offenen Spalt im Dach Sonne und Regen ins Innere des Hauses gelangen – und führt uns vor Augen, dass die Schutzhülle, die Architektur für uns darstellt, in In- teraktion mit der Natur steht. Gleich neben den „Wooden Beacons“ gestaltete der japanische Architekt Kengo Kuma „CCCWall“, ein Spiel mit Materie und Volumen. Eine „Mau- er“ aus Organza trennt einen Filarete-Hof in zwei Dreiecke, die auf der einen Seite mit eckigen Keramikkacheln, auf der anderen Seite mit rund geschliffenen Steinen ausge- legt sind. Der Wind bauscht die Stoffbahnen auf, sodass der Hof zu einem Yin-und- Yang-Zeichen wird, der asiatischen Metapher für den Ausgleich durch Gegensätze.

Der Lebenszyklus der Installation „Wooden Beacons“ ist nach der Think-Tank-Ausstellung übrigens noch nicht am Ende. Die Materialien werden zu Möbeln verarbeitet und sollen im Oktober 2010 auf einer Wohltätigkeitsauktion versteigert werden. Ein sauberer Lebenslauf ist das.

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Form follows Frau
Art | April 2010

Lolita-Feminismus fürs Wohnzimmer. Wie die junge slowenische Designerin Nika Zupanc mit weiblicher Eleganz nüchterne Möbelkonzepte aufmischt – und mit Archetypen von Weiblichkeit spielt.  [weiter]

Form follows Frau
Art | April 2010

Lolita-Feminismus fürs Wohnzimmer. Wie die junge slowenische Designerin Nika Zupanc mit weiblicher Eleganz nüchterne Möbelkonzepte aufmischt – und mit Archetypen von Weiblichkeit spielt. 

Das „Doll house“ ist eine haushohe, weiß gepunktete Black Box mit einem spitzen Dachaufsatz, aus dessen Schornstein kugelrunde Kunstwolken aufsteigen. Im vergangenen April stand es in Mailand auf dem Platz vor dem Superstudio Più, wo Design-Legende Giulio Cappellini während der Möbelmesse junge Gestalter eingeladen hatte, ihre Kollektionen zu präsentieren. Es hätte keinen besseren Platz geben können für Nika Zupanc’ Auftritt: Draußen ist es hell, laut, anstrengend. Drinnen ist eine gedämpfte Welt aus schwarz lackierten Sofas mit steifen Satinkissen, Stühlen, die an die gestärkten Schürzen von Zimmermädchen erinnern, und Staubwedeln, die auf ihrer luxuriösen Verpackung arrangiert sind wie kostbare Schmuckstücke. Besucher des Puppenhauses treten ein in eine perfekte Utopie des weiblichen Eskapismus. Klavierlack, Straußenfedern, Fiberglas – schon die Materialien sind ein Genuss für Augen und Fingerspitzen. Eine heilsame Zuflucht vor den Zumutungen des allzu bodenständigen familiären Alltags. In der Welt der 36-Jährigen hat sogar eine Elektroherdplatte die Form einer goldenen Puderdose, und die Babywiege ist aus hochglänzendem schwarzem Kunststoff – eine in Acryl geschnittene Verweigerung der visuellen Niedlichkeitsdiktatur, die sonst in Kinderzimmern herrscht.

„I will buy flowers myself“ steht am Eingang zum „Doll house“, „Ich werde mir selbst Blumen kaufen“. Es ist eine Referenz an den ersten Satz aus Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“ und steht für eine Frau, die ihren eigenen Weg geht. Ein bisschen altmodisch, ein bisschen arrogant und vielleicht etwas oberflächlich. Dabei aber trotzig, selbstbewusst und eigenständig. „Mrs. Dalloway“, Zupanc’ literarische Lieblingsheldin, ist auch Namensgeberin der Elektroherdplatte, die sie für Gorenje gestaltet hat. „Der Titel ‚I will buy flowers myself‘ und die Installation können leicht missverstanden werden“, sagt Nika Zupanc. „Man könnte denken, ich mache Design für Frauen. Das ist nicht so. Mein Thema ist vielmehr das ironische Spiel mit den verschiedenen Archetypen von Weiblichkeit.“

Schon ihre Visitenkarte ist ein Spiel mit femininen Klischees: kirschrot wie die Fin­ gernägel ihrer Besitzerin, mit der metallisch glänzenden Silhouette einer Einkaufstüten tragenden Dame. „La femme et la maison“ steht darauf – „die Frau und das Haus“ – der Titel ihrer ersten eigenen Designkollektion. Die Wiegen „Boris, Vladimir und Aleksander“ hat sie unter diesem Label auf den Markt gebracht, den Straußenfedern-Staubwedel „Unfaithful Feather Duster“ gibt es bereits in ausgewählten Geschäften und übers Internet zu kaufen.

Nika Zupanc’ Karriere begann im Jahr 2000 mit einem mit Auszeichnung abgeschlossenen Studium an der Kunst- und Designakademie der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Gefolgt von ein paar Jahren, in denen jeder verfügbare Cent in Prototypen und Ausstellungen investiert wurde und einer Pecha-Kucha-Nacht in Udine (art 5/2008). Bei dem Event, wo Kreative die Gelegenheit haben, ihre Ideen in 20 Bildern und jeweils 20 Sekunden Zeit zu präsentieren, wurde die Slowenin vom innovativen Möbelfabrikanten Moroso entdeckt. Die Italiener waren begeistert von ihrem „Maid chair“. Kurze Zeit später kam ein Anruf vom niederländischen Designstar Marcel Wanders, der die Lampe „Lolita“ produzieren wollte. Im vergangenen Jahr präsentierte Moroso „Tailored chair“ auf der Mailänder Möbelmesse, 2008 war „Lolita“ von Moooi vorgestellt worden: ein charmantes, etwas naives, irgendwie verführerisches Kunststoffwesen, verfügbar als Pendelleuchte, Steh- oder Tischleuchte.

„Ich liebe Kunststoff“, erklärt Nika Zupanc. „Die Verarbeitung erfordert einen gewissen Perfektionismus – und ich mag Dinge, die schwierig sind. Zudem bietet seine hochglänzende Oberfläche die Möglichkeit, mit der Sprache des Glamours Dinge zu erzählen, die nicht immer einfach sind. Meine Produkte haben ein anziehendes Äußeres, das beim näheren Betrachten Fragen aufwirft.“ Die „Lolita“-Lampe zum Beispiel versammelt typisch weibliche visuelle Elemente – einen Lampenschirm wie ein Glockenrock, Proportionen mit Kindchenschema, eine angedeutete Spitzenbordüre –, bringt sie aber in einen neuen, ungewohnten Zusammenhang. Und ist dabei nicht nur dekorativ, sondern auch sehr funktional: „Lolita“ erzeugt schönes atmosphärisches Licht, ist aber zugleich eine gute Leselampe. Benutzbarkeit ist für Nika Zupanc von zentraler Bedeutung – nur dass sie dem modernistischen Leitsatz „form follows function“ noch eine emotionale Dimension hinzufügt.

Und manchmal auch einen gesellschaftskritischen Subtext: „Wenn man das aktuelle Angebot an Kindermöbeln betrachtet, stellt man fest: Es gibt sie fast ausschließlich in einer praktischen, kindlichen Ästhetik. Sie sind Teil eines gesellschaftlichen Konsens, der besagt, eine Frau, die Mutter wird, kann nur mit einer praktischen, ziemlich unweiblichen Formensprache erreicht werden“,erklärt Zupanc, selbst Mutter eines vierjährigen Sohnes. „Das bedeutet, dass eine Frau, sobald sie Mutter wird, alle anderen weiblichen Rollen ablegen muss.“ Die „leicht arroganten“ Wiegen „Boris, Vladimir und Aleksander“ und das Rutschauto „Konstantin B“ sind Nika Zupanc’ Kampfansage an die Pastellfarben und Teddymotive, die in den Einrichtungsabteilungen von Baby­ Kaufhäusern dominieren. Und ein Plädoyer für Eleganz im Spielzimmer.un, wo die Slowenin mit Moooi und Moroso zwei der angesagtesten Produktionspartner gefunden hat, steht sie in den Startlöchern für eine internationale Karriere. Für andere Kreative wäre das ein Grund, nach London, Paris oder Mailand zu ziehen. Nicht für Nika Zupanc. Sie wird vorerst im kleinen, idyllischen Ljubljana bleiben, weit ab von den Trendmetropolen zeitgenössischen Designs. Und dieses Jahr im April, wenn die Designwelt aufs Neue nach Mailand pilgert, wird Nika Zupanc wieder ihr Haus auf dem Gelände des Superstudio Più öffnen. Und wieder wird eine große weibliche Literaturheldin Pate stehen: Scarlett O’Hara. „Gone with the wind“ heißt Zupanc’ neue Kollektion von Sofas, Lampen, Bänken – und Leitern.

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Die Utopisten von Paris
Art | September 2009

Ein Architekt, ein Produktdesigner, ein Landschaftsgestalter. Alle drei arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, Design und Architektur. Was sie verbindet, ist eine Utopie: die Vision einer besseren Welt.  [weiter]

Die Utopisten von Paris
Art | September 2009

Ein Architekt, ein Produktdesigner, ein Landschaftsgestalter. Alle drei arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, Design und Architektur. Was sie verbindet, ist eine Utopie: die Vision einer besseren Welt. 

Gilles Clément findet das Ideal einer Landschaft auf verlassenen Industriegeländen, wo sich Pflanzen in gerissenem Asphalt ansiedeln. Philippe Rahm entwirft nachhaltige Wohnhäuser, die nach dem Prinzip des atlantischen Golfstroms beheizt werden. Mathieu Lehanneur baut Haushaltsgeräte, die Menschen gesünder machen und Aquarien, die die Weltmeere vor der Überfischung bewahren sollen. Diesen Pariser Künstlern geht es nicht um Idealstädte, fantastische Architekturszenarien oder revolutionäre Gesellschaftsmodelle – sie sind die Utopisten der Gegenwart. Ihre Vorgehensweise ist wissenschaftlich-analytisch, ihre Entwürfe zeigen kleine Auswege aus der menschengemachten globalen Klimakatastrophe. Manchmal sind sie nur ein bisschen zu visionär, um sich heute schon auf dem Markt durchzusetzen – wir finden ihre Ideen eher auf Biennalen und in Museen, in Galerien und an Hochschulen als im realen Alltag. Noch. Die ersten ihrer Entwürfe sind schon dabei, den Kunstkontext zu verlassen.

Im Café Marly unter den Arkaden des Louvre flattern Spatzen aufgeregt um Tischbeine und versuchen, ein paar Croissantkrümel zu erwischen. Es ist ein sonniger Nachmittag in Paris. Philippe Rahm bestellt Wasser und Kaffee. Der Schweizer Architekt mit Wohnsitz Paris kommt gerade aus einer Vorlesung in der Ecole du Louvre. Wenn man aus dem abgedunkelten Auditorium in das goldgelbe Nachmittagslicht tritt, erscheint einem die Außenwelt wie eine Kulisse – links die Glaspyramide des Louvre, rechts der Eiffelturm über der glitzernden Seine. „Eine schöne Landschaft“, bemerkt Philippe Rahm. „Man kann sich mit ihrer Form beschäftigen. Man kann auch tiefer gehen. Sie in ihre einzelnen Elemente und Substanzen zerlegen.“ Rahm beschäftigt sich für einen Architekten erstaunlich wenig mit Gebäuden. Seine Materialien sind Licht, Luft und Wärme. Es sind die Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, die ihn interessieren. „Natur im Sinne von etwas, das nicht vom Menschen beeinflusst ist, existiert spätestens seit der Industrialisierung ja ohnehin nicht mehr“, sagt Philippe Rahm. Zentrales Thema seiner Arbeit ist eine Rückprojektion der Natur in den Innenraum. Zum Beispiel mit dem Projekt „L’Air de Paris“, das er während der Möbelmesse in Mailand vorstellte. Ein gläsernes Klimagerät für Wohnräume, bei dem die Außenluft durch verschiedene Schichten aus Kalkstein, Eichen- und Nussbaumholz gefiltert wird. Materialien, die im Loiretal und den Ebenen der Normandie vorkommen, und die, vom Westwind getragen, den Duft des vorindustriellen Paris geprägt haben müssen. Ironischerweise liefert „L’Air de Paris“ nicht nur den Parisern Luft im imaginierten Naturzustand – sie ermöglicht sogar deren Export und Reproduzierbarkeit. Eine Anfrage aus Dubai liegt bereits vor.

Doch in erster Linie sieht sich Rahm als Architekt, der Häuser bauen will, die der Klimaerwärmung durch zu hohen CO2-Ausstoß entgegenwirken. Während andere, die energieeffiziente Häuser bauen, über Dämmstoffe und Technologien nachdenken, geht Rahm die Sache anders an. Ausgehend von der Bewegung von Luftströmen im Raum hat er ein Klimakonzept für Wohnhäuser entworfen. Durch eine wärmere und eine kühlere Wärmequelle im Haus entsteht im Raum ein ähnliches Phänomen, wie es der Golfstrom erzeugt. Über der Wärmequelle steigt die warme Luft nach oben, kühlt sich ab, sinkt im kühleren Teil der Wohnung nach unten. Für sein Werk „Digestible Gulf Stream“ auf Vene- digs Architekturbiennale 2008 installierte Philippe Rahm zwei unterschiedlich temperierte Platten und erzeugte so einen Golfstrom im Raum, der spürbar war in Form eines leichten Lufthauchs. Das Exponat war eines der meistbesuchten im Arsenale.

Entsprechend dieses „Digestible Gulf Stream“ hat Rahm für die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ein Haus entworfen, das die unterschiedlichen Wohnbereiche in den verschiedenen Wärmezonen des Hauses ansiedelt. Die zwei Etagen des gläsernen Hauses sind von einem Holzstäbchenboden getrennt, durch den die warme Luft nach oben steigen, kühlere Luft nach unten sinken kann. Auf der oberen Etage sind Wohnzimmer und Bad angesiedelt, in denen man es gern warm hat, im unteren Stockwerk sind Schlafzimmer und Flur, in denen niedrigere Temperaturen gewünscht sind. Interessante Idee, aber die für den hausinternen Luftstrom erforderliche Luftdurchlässigkeit bringt es mit sich, dass praktisch alle Wohnsituationen auf zwei Etagen offen sind. Ist es nicht ein sehr utopischer Entwurf? „Nein, ich denke, man kann dieses Haus gut bewohnen. Für mich ist es mein Traumhaus!“, konstatiert Rahm – dann lacht er und fügt hinzu „nun, vielleicht könnte man für das Schlafzimmer eine Box abtrennen, um etwas mehr Intimität zu haben“.

Mathieu Lehanneurs Studio ist so, wie man sich ein Pariser Designbüro vorstellt: Inmitten des angesagten Sentier-Viertels, in einem lichtdurchfluteten Dachgeschoss, bevölkert von lässigen Mitarbeitern. Im Hintergrund läuft leise elektronische Musik, an den Wänden hängen Skizzen, Materialproben, Fotos. Auf weißen Plastikboxen in den Regalen kleben Etiketten: Glas, Papier, Leder. Man sieht sofort: Mathieu Lehanneur kommt aus dem klassischen Industriedesign. Wo Philippe Rahm einen Computer einsetzt, um die Umwelt in ihre Elemente zu zerlegen, entwirft Lehanneur mit dem Kopf und den Händen. Und geht doch einen anderen Weg als die meisten Gestalter. „Industriedesigner fragen normalerweise: Wie gestalte ich ein Produkt ansprechend, kostengünstig und so, dass es bei den Marketingleuten nicht durchfällt“, sagt Mathieu Lehanneur. „Mein Hauptinteresse gilt dem menschlichen Körper. Ich möchte vor allem Dinge entwerfen, die den komplexen Funktionsweisen des menschlichen Körpers gerecht werden.“ Auf diesen Weg brachte den 1974 geborenen Sohn eines Erfinders eher ein Zufall. Als Lehanneur während seines Studiums als Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie arbeitete, fiel ihm auf, wie wenig sich die Industrie um die psychologische Kommunikationsfähigkeit von Medikamentenpackungen kümmert. Als Abschlussarbeit an der Pariser Designschule ENSCI entwarf er daher „Therapeutische Objekte“, die durch ihr Design den Patienten helfen. Zum Beispiel eine zwiebelförmig aufgebaute Verpackung für Antibiotika, die die Einnahmedauer verständlich kommuniziert: Erst wenn man das Medikament bis zum Kern der Verpackung verbraucht hat, wird seine Wirksamkeit gewährleistet.

Auf der Mailänder Möbelmesse 2006 präsentierte Lehanneur „Elements“, eine Reihe von Prototypen intelligenter Haushhaltsgeräte. Zum Beispiel „K“, eine Lichtquelle, die – wenn sich ihr ein Gesicht nähert – für einige Sekunden helles, dem Tageslicht nachempfundenes Licht abgibt, um die natürliche Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin zu bremsen. Oder „dB“, ein Gerät, das wie ein Saugroboter durch die Wohnung rollt und überall dort, wo ein unangenehmer Lärmpegel herrscht, ein neutralisierendes „weißes Rauschen“ abgibt, welches die Geräuschkulisse für das menschliche Gehirn kompensiert.

Im vergangenen Jahr zeigte Lehanneur in dem New Yorker Artist Space „Local River“, ein Aquarium, in dem man Fische für den Eigenbedarf aufziehen kann. Die Fische im Wasser und die Pflanzen in den darüber angebrachten Glaskübeln bilden dabei ein kleines Ökosystem: Die Exkremente der Fische düngen die Pflanzen, die wiederum das Wasser reinigen, in dem die Fische schwimmen. Noch in diesem Jahr bringt Lehanneur zusammen mit David Edwards, dem Gründer des Pariser Design-Think- tanks „Le Laboratoire“, den Luftfilter „Andrea“ auf den Markt. „Bestimmte Pflanzen haben die Fähigkeit, toxische Stoffe, die von Kunststoffen, Farben, Stoffen in unserer

Umgebung abgesondert werden, zu absorbieren“, erklärt Lehanneur. „Allerdings liegt die Hauptkapazität der Pflanzen in Wurzeln und Erdreich, die Blätter allein können nur einen kleinen Teil der Giftstoffe aufnehmen.“ „Andrea“, benannt nach Lehanneurs erstem Sohn, leitet die Zimmerluft durch das Erdreich der Pflanze, die in dem ovalen Kunststoffgehäuse ihrer ornamentalen Funktion enthoben und zum Gehirn der Maschine wird.

Gilles Clément ist etwas übermüdet. Erst vor kurzem ist er zurückgekehrt aus Neukaledonien, wo er einer befreundeten Architektin bei einem Projekt behilflich war. Der Landschaftsgestalter teilt seine Zeit auf zwischen Paris, wo er an der Ecole Nationale Supérieure du Paysage von Versailles doziert, seinem Haus in La Creuse und vielen Reisen. Er zählt zu den namhaftesten Gartenarchitekten Frankreichs – allein in Paris gestaltete er die Gärten am Grande Arche von La Défense, den Parc An- dré Citroën und die Gartenanlage des Musée du Quai Branly. Doch er selbst nennt sich in aller Bescheidenheit „Gärtner“. „Landschaftsdesigner haben sich zu lange als Architekten verstanden und die Sprache der Architektur benutzt“, erklärt er. „Für mich aber ist der Garten etwas jenseits von ästhetischen Überlegungen. Er ist eine Utopie, ein Ideal.“ Der Ort, an dem diese Utopie lebt, liegt ein paar Autostunden südlich der Hauptstadt im Departement La Creuse. Hier, wo er schon als Kind seine Ferien verbrachte, kaufte Clément in den siebziger Jahren ein fünf Hektar großes Tal und entwickelte seine Philosophie vom „Jardin en Mouvement“. „Ich wollte einen Ort schaffen, der möglichst vielen Spezies einen Lebensraum gibt, einen Zufluchtsort für die Artenvielfalt.“ Nicht der Gärtner sollte den Garten anlegen, sondern die Natur selbst. So wie der Mensch ein Nomade ist, so reisen auch Pflanzen im „Garten in Bewegung“. Arten breiten sich aus, werden verdrängt, ziehen mit dem Wind. Dem Gärtner kommt dabei die Aufgabe zu, so wenig wie möglich und so viel wie nötig einzugreifen. Er war- tet, beobachtet und folgt mit seinen Maß- nahmen einer botanischen Choreografie von Technik und Impuls.

Die Orte, die Gilles Clément für seine „Gärten in Bewegung“ am meisten schätzt, sind die nicht kultivierten, vom Menschen unberührten Territorien, in denen Natur noch ungehindert stattfindet. Das können unberührte Landschaften sein, Urwälder und Naturreservate, aber auch urbane Orte wie die Ränder von Straßen, Bahngleisen oder Industriebrachen. „Tiers-Paysages“ nennt Clément sie – dritte Landschaften. Diesen Sommer gestaltet Gilles Clément ein Projekt in einem ehemaligen U-Boot-Bunker in Saint-Nazaire. Das von den Nazis im Zweiten Weltkrieg erbaute, aber nicht fertiggestellte Gebäude mit zum Teil neun Meter dicken Betonwänden ist ein perfektes Beispiel für eine dritte Landschaft – jahrzehntelang war es ungenutzt. Für den „Jardin de Tiers-Paysage“ pflanzte Clément 107 Zitterpappeln, die nachts von Leuchtdioden erhellt werden und deren silbrig glitzernde Blätter im Wind rauschen. Ein zweiter Teil der Installation heißt „Jardin des Etiquettes“ – ein trockener Garten mit Pflanzen, die praktisch ohne Erdreich auf dem Beton der Anlage wachsen. Einzig eine dünne Kiesschicht wurde gestreut. Pflanzen, deren Samen durch Wind und Vögel verteilt wurden, siedeln sich an. Wann immer eine Pflanze zum Vorschein kommt, wird sie vom Gärtner bestimmt, und es wird ein Schild mit ihrem Namen aufgestellt. Die Natur ist der Künstler, der Gärtner wird Philosoph.

 

Info:

Philippe Rahm wurde 1967 in der Schweiz geboren. Er studierte Architektur in Lausanne und Zürich. Nach dem Abschluss gründete er mit Jean-Gilles Décosterd ein gemeinsames Büro in Paris; seit 2004 arbeitet er allein. Er unterrichtet an der Architekturschule in Paris- Malaquais und hat eine Professur an der ECAL in Lausanne. Diesen Som- mer ist er in zwei Gruppenausstel- lungen vertreten: „Green Architecture for the Future“ im Louisiana-Muse- um in Humlebæk, bis 4. Oktober; „Radical Nature. Art and Architecture for a Changing Planet“, Barbican Art Gallery, London, bis 18. Oktober; www.philipperahm.com

Mathieu Lehanneur wurde 1974 in Frankreich geboren. Seit seiner Studienzeit an der Ecole nationale supérieure de création industrielle (ENSCI) lebt und arbei- tet er in Paris. Dieses Jahr bringt die Londoner Carpenters Workshop Gallery eine limitierte Lampen- edition und eine Teppichedition von ihm heraus. Auch der Luftfilter „An- drea“ soll im Herbst auf den Markt kommen. Lehanneur gestaltet unter anderem Ladeninterieurs für Issey Miyake und das Antwerpener Mode- label Ra. www.mathieulehanneur.com

Gilles Clément wurde 1943 in Frankreich geboren. Er unterrichtet Landschaftsgestaltung an der Ecole Nationale Supérieure du Paysage (ENSP) in Versailles und hat mit seinen Konzepten vom „Jardin en Movement“ und „Jardin Planétaire“ eine ganze Generation von Gartenge- staltern beeinflusst. Sein Manifest „Die dritte Landschaft“ ist im Merve Verlag erschienen. Im Juni eröffnete der erste Teil seines Gartenprojekts in Saint-Nazaire. Gerade arbeitet er an einem Gartendesign für den Parco Arte Vivente in Turin und einem öffentlichen Park in den Fortanlagen von Maubeuge. Darüber hinaus konzipiert er mit dem französischen Architekten Philippe Madec eine nachhaltige Stadt in Südmarokko. www.gillesclement.com

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Besser Schlafen
A&W Architektur & Wohnen | April/Mai 2010

Ein Bett zu kaufen ist eine Wissenschaft, eine emotionale Entscheidung – und am Ende eine Glaubensfrage. Doch da müssen wir durch. Denn wie wir nachts schlafen, bestimmt, wie gesund und zufrieden wir am Tag sind.  [weiter]

Besser Schlafen
A&W Architektur & Wohnen | April/Mai 2010

Ein Bett zu kaufen ist eine Wissenschaft, eine emotionale Entscheidung – und am Ende eine Glaubensfrage. Doch da müssen wir durch. Denn wie wir nachts schlafen, bestimmt, wie gesund und zufrieden wir am Tag sind. Den Loriot-Klassiker kennt jeder: Ein Paar möchte ein Bett kaufen und wird von dem Verkäufer erst einmal mit Fachbegriffen, Verarbeitungsdetails und Wahlmöglicheiten verunsichert. Während die beiden gerade das „klassische Horizontalensemble“ testen, betritt ein weiteres Paar das Geschäft, es kommt zum gemeinsamen Probeliegen und zu Einblicken ins Privatleben der jeweils anderen. Das ist über 30 Jahre her, seitdem wurde die Bettenbranche zwar um einige Materialien, Forschungsergebnisse und Glaubens- richtungen bereichert – aber geblieben ist eines: Bettenkauf ist immer noch irgendwie unangenehm. Da liegt man in Socken und schutzloser Horizontallage vor einem Fachverkäufer, während einem der Partner das T-Shirt lüpft, um zu beurteilen, ob die Wirbelsäule in Seitenlage gut gestützt wird, und man fragt sich: Taschenfederkern oder Flügelunterfederung? Latex oder Kaltschaum? Schafwolle? Rosshaar? Und passt die be-queme Matratze auch in das Designbett, das uns am besten gefällt?

Im Bett kommt es auf zwei Dinge an: eine punktelastische Unterfederung, welche die Wirbelsäule nachts entlastet, damit sich die Bandscheiben wieder ausdehnen können. Und auf ein gutes Bettklima, das die Feuchtigkeit reguliert. Schließlich muss eine Matratze Nacht für Nacht etwa einen halben Liter Flüssigkeit aufnehmen. Die Stiftung Warentest hat in den letzten Jahren öfter Kaltschaum-, Latex- und Taschenfederkernmatratzen untersucht, und in allen Kategorien schnitten manche besser und andere schlechter ab. Die teuersten sind dabei nicht immer die besten. Einzig das Wasserbett verliert gegenüber allen anderen: Die Luft kann nicht darin zirkulieren, die Wirbelsäule wird nicht optimal gestützt, und der Stromverbrauch zum Beheizen ist ökologisch auch nicht gerade korrekt.

„Für welches Liegesystem man sich entscheidet, spielt keine Rolle“, sagt Rückenspezialist Dietmar Krause vom Deutschen Grünen Kreuz, „aber wichtig ist, dass Unterbau und Matratze zueinanderpassen. Die beste Flügelunterfederung hilft mir nichts, wenn ich einen harten Futon drauflege.“ Auch wie hart oder weich man schläft, ist mehr eine Frage des Geschmacks als der Gesundheit. Entscheidend ist: „Schulter und Beckenbereich sollen in der Matratze einsinken, damit die Wirbelsäule gerade liegt. Sie darf aber nicht zu weich sein, damit der Körper sich nachts gut bewegen und drehen kann.“

Wie gut unser Bett uns tut, hängt nicht nur von der Qualität der Matratze ab. Es muss auch „mental bequem sein, intuitiv sein, unsere Emotionen ansprechen“, wie Patricia Urquiola sagt. Gestalterisch findet die spanische Designerin mit Büro in Mailand das Thema Betten eher undankbar: „Eigentlich ist es ja nur ein Rahmen, den man entwirft. Das lässt einem nicht viel Spielraum. Die Matratze ist das Butterbrot, und der Designer kann nur noch Marmelade dazugeben.“ Mit dem Dosieren der Marmelade klappt es bei ihr dafür gut: Ihr erster Betten-Entwurf, „Clip“ – ein schlichtes, cleveres Bett mit flexibler Rückenlehne –, ist bei Molteni seit Jahren ein Bestseller, „Lowland“, für Moroso entworfen, sieht mit seinen weichen Konturen und dem Kopfteil zum Hochklappen genauso komfortabel aus, wie es ist.

Designer und E15-Gründer Philipp Mainzer findet: „Das optimale Bett muss ein eigenständiges Objekt sein, welches durch eine abgestimmte und zurückhaltende Gestaltung überzeugt, aber gleichzeitig auch ein Statement ist.“ Mainzers jüngstes Betten-Modell, „Pardis“, hat mit seinem hohen, flexibel ansetzbaren Kopfteil fast architektonische Qualität. Und für den Hamburger Designer Peter Maly, der für Ligne Roset schon einige moderne Klassiker entworfen hat, ist ein Bett nie nur ein Ort zum Schlafen. Es muss, so sagt er, „auch einer zum Lesen, Frühstücken, Fernsehen, Reden“ sein. „Das Schlafzimmer wird wohnlicher“, war auch das Motto vieler Hersteller auf der Kölner Möbelmesse, und es zeigtsich darin, dass die Kopfteile der Betten hoch sind und weich gepolstert – wie ein Sessel oder Sofa.

In einem großen Zimmer sorgt ein Bett mit Baldachin für Gemütlichkeit. Hohe Matratzen mit hohem Unterbau und einem opulenten Kopfteil können kleine Räume aber schnell noch kleiner wirken lassen. Und das Luxusformat zwei mal zwei Meter sieht mit einem breiten Rahmen oft klotzig aus. Betten, die länger als breit sind, erscheinen meist eleganter. Eine weitere Herausforderung guten Bettendesigns erklärt Peter Maly: „Eine hohe Matratze mag komfortabel sein, aber bei modernen Betten sieht eine flache Ebene einfach besser aus. Das Design des Bettes sollte die Matratze im Rahmen nahezu oder ganz verschwinden lassen.“

Viele Bettenhersteller, vom italienischen Flou bis zu Hülsta oder Interlübke in Ostwestfalen, bieten Lattenrost- Matratzen-Kombinationen an, die auf das Betten-Design abgestimmt sind. Interlübke etwa entwickelte mit Lattoflex ein Liegesystem, das sehr niedrig ist und auch in flachen Bettgestellen noch elegant wirkt. „Filigrane Designbetten sehen ja am besten aus, wenn sie nur zehn bis 15 Zentimeter über dem Boden schweben“, erklärt Geschäftsführer Leo Lübke. „Obwohl der Trend derzeit eher zum höheren Schlafen geht.“

Vielleicht hat die Volkskrankheit Rückenschmerz die Vorliebe für eine bandscheibenfreundliche Schlafhöhe von über 50 Zentimetern hervorgerufen. Jedenfalls bietet jetzt auch das Design- Unternehmen Interlübke ein sogenanntes Boxspring-Bett an. Bei ihm liegt die Matratze auf einer Unterfederung („Spring“), die in einem stoffbespannten Holzrahmen steckt („Box“). Die Kombination ist hoch und wuchtig. Auch das Interlübke-Modell „Faenum“ ist „kein Bett, das schreit, ‚ich bin die Schönste im ganzen Land‘“, sagt Leo Lübke. „Aber man schläft darauf wie im Märchen.“

Boxspring-Betten sind sehr verbreitet im angloamerikanischen Raum und werden in Deutschland immer beliebter. Die Modelle kosten ab 3.500 bis 60.000 Euro. Zu den namhaftesten Herstellern gehören die britische Firma Vi-Spring, Hästens aus Schweden, und in Deutschland zählt die Firma Schramm in der Pfalz dazu. In dem Familienunterneh- men werden seit den 60er-Jahren Taschenfederkernmatratzen und dazu passende Rahmen und Kopfteile gefertigt. Zwei Wochen Handarbeit stecken in jeder Matratze. Jede der sechsfach gedrehten Federn wird hier mit Ofenhitze behandelt, in Nesseltaschen eingenäht, mit Schichten von Naturlatex, Baumwolle oder Schafschurwolle gepolstert. Da jede auf Anfrage angefertigt wird, können bei den Doppelbetten auch zwei ganz unterschiedliche Härtegrade in einer Matratze realisiert werden. „Der große Vorteil von Boxspring-Betten“, sagt Geschäftsführer Axel Schramm, „ist die Verbindung von gutem Liegen und gutem Bettklima, da die Luft in den Federkernen optimal zirkulieren kann.“

Designerbett oder Boxspring? Metall oder Massivholz? Am Ende ist alles eine Frage des Gefühls – und manchmal der Überzeugungen. Wer auf viele natürliche Materialien Wert legt und Metall im Schlafbereich wegen möglicher Störungen durch elektromagnetische Felder vermeiden möchte, sollte auf Holz und Latex zurückgreifen. Der österreichische Schlafforscher Günther W. Amann- Jennson etwa hat mit Orthopäden ein ergonomisches Bettsystem entwickelt. Das Liegesystem „Samina“ besteht aus einem doppelten Holzlamellenrost, einer Naturkautschuk-Matratze und einer Auflage aus Schafschurwolle für trocken- warmes Bettklima. Amann-Jennson, von Haus aus Psychologe, beschäftigt sich mit Schlafforschung, seit er in sei-ner Praxis feststellte, dass viele körperliche und psychische Probleme auf Schlafstörungen zurückzuführen sind. „Gut zu schlafen ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel, um unser Nerven-, Immun- und Hormonsystem ins Gleichgewicht zu bringen“, sagt er. Und der beste Grund, sich für die Wahl eines neuen Bettes viel Zeit zu nehmen.

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Die Glücksformel
h.o.m.e. | Juni 2009

Optimismus ist wie eine sich selbst erfüllende Vorhersage: Positive Emotionen machen uns gesünder, erfolgreicher, glücklicher. Interieur-Experten wissen, was zu tun ist, damit Räume optimistischer wirken – und ihre Bewohner gleich mit!  [weiter]

Die Glücksformel
h.o.m.e. | Juni 2009

Optimismus ist wie eine sich selbst erfüllende Vorhersage: Positive Emotionen machen uns gesünder, erfolgreicher, glücklicher. Interieur-Experten wissen, was zu tun ist, damit Räume optimistischer wirken – und ihre Bewohner gleich mit! 

Während angesichts der Wirtschaftskrise alle Welt die Mundwinkel nach unten zieht, hat Jonathan Adler noch ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Zumindest, wenn er an sein Zuhause denkt. Der New Yorker Designer ist der festen Überzeugung, dass sich die richtige Einrichtung heilsam auf unsere Psyche auswirkt. „Eine Wohnung kann wie eine gute Dosis Antidepressiva sein“, schreibt er, „sie sollte voller Dinge sein, die man liebt und die einen glücklich machen.“ Stilgläubigkeit, Minimalismus und Zurückhaltung sind seine Sache nicht. „Sei unangemessen!“, fordert er auf. „Mixe Stile und Farben, verwöhne dich mit einem Himmelbett voller luxuriöser Kissen, hänge einen Kronleuchter in die Abstellkammer! Dann werden dir deine Räume ein Lächeln ins Gesicht zaubern.“ Ihm selbst macht ein Porzellan-Collie jedes Mal gute Laune, wenn er sein Haus betritt. Porzellanhunde statt Prozac – da werden Realisten einwenden: Wie soll das gehen? Und aus welchem Grund sollten wir uns gerade jetzt, wenn die Welt draußen den Bach runterzugehen scheint, eine rosa Brille aufsetzen? Ganz einfach: weil es funktioniert.

Optimismus ist wie eine sich selbst erfüllende Vorhersage: Wenn wir optimistisch sind, geht uns nicht nur alles leichter von der Hand, sondern auch unsere Mitmenschen mögen uns lieber und das Marmeladenbrot fällt weniger oft mit der bestrichenen Seite nach unten – positive Emotionen machen uns schlicht und einfach besser. Sie vergrößern unsere angeborenen geistigen, körperlichen und kommunikativen Fähigkeiten. Und wer positiv denkt, hat auch mehr Glück. Der britische Psychologe Richard Wiseman untersucht seit Jahren, warum manche Menschen „Glücksmagneten“ sind und andere „Pechvögel“. Das Ergebnis seiner Studien: „Glück ist eine Frage der Lebenseinstellung.“ Optimistische Menschen sehen einfach mehr Chancen im Leben, während Pessimisten für die Möglichkeiten des Alltags blind sind. Optimismus ist also nicht einfach Realitätsferne, sondern die vernünftigste Einstellung, die man haben kann. Ob wir Weiß- oder Schwarzseher sind, ist laut Martin Seligman, dem Begründer der positiven Psychologie, zu 50 Prozent von unseren Genen bestimmt. In seinem Buch „Der Glücks-Faktor“ erklärt er: „Glück entsteht durch die Kombination von Vererbung, Lebensumständen und Willen.“ Dem ersten Drittel dieser Formel sind wir ausgeliefert, an den beiden anderen Schrauben können wir drehen. Zum Beispiel dort, wo alles Glück beginnt: zu Hause.

„Wie wir uns einrichten, wirkt sich auf unsere Stimmung aus“, sagt Thomas Fröhling, Coach und Gründer des deutschen Feng Shui Instituts. Die fernöstliche Lehre von der Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung hat einen alten Grundsatz: „Erst prägen wir unsere Räume, dann prägen die Räume uns.“ Ein Feng-Shui-Berater befragt seine Kunden nach ihren Wünschen und Problemen und sorgt dann gezielt für Veränderungen in der Wohnung, die sich positiv auf den Bewohner auswirken sollen. Gerade in Zeiten, in denen schon ein Blick in die Zeitung im Kopf unweigerlich ein Sorgenszenario lostritt, ist es wichtig, Sicherheit und Gelassenheit ins Haus zu bringen. Drei Wege gibt es dahin:

Mehr Licht!

Ohne Licht sind wir nichts. Selbst die erlesenste Einrichtung ist ein Trauerspiel ohne die richtige Beleuchtung. Licht wirkt auf unseren Organismus. Regt den Stoffwechsel an, stärkt unser Immunsystem, fördert die körpereigene Endorphin-Produktion. Nicht umsonst wird Lichttherapie gegen Winterdepression eingesetzt. Jeder weiß: Nichts vertreibt Sorgen und Trübsinn so gut wie ein ausgedehnter Spaziergang unter blauem Himmel. Aber für ein optimistisches Zuhause brauchen wir mehr als nur Helligkeit. Auf die Stimmung kommt es an. Von frischem Funktionslicht, das uns morgens aufweckt, über das kommunikative blendfreie Licht am Esstisch bis hin zum kuscheligen Kerzenlicht, das es uns abends gemütlich macht, sollte das Spektrum reichen.

Mehr Farbe!

Farbe ist eine Allzweckwaffe. Sie kann selbst dunkle Räume zum Leuchten bringen. Ein transparenter farbiger Vorhang oder eine gelb gestrichene Wand, auf die Tageslicht fällt, wirken fast wie Mood Lights. Farbe kann uns je nach Bedürfnis Energie, Geborgenheit oder Ruhe spenden. Welche Farben sich positiv auf unser Gemüt auswirken, ist von Person zu Per- son verschieden. Niemand muss sich um des Optimismus willen zu knallroten Wänden zwingen. Das Beste an Farbe aber ist: Sie ist so einfach zu ändern. Brauchen wir optimistische Energie im Frühling? Streichen wir eine Wand maigrün. War das ein Fehler? Es kostet uns einen Samstagnachmittag und einen Eimer Farbe, alles zu verändern.

Mehr Mut!

Unsere Räume sind eine Bühne! Bilder, Skulpturen oder Möbel, die wir lieben, sind Ausdruck unserer Persönlichkeit und Denkmäler unserer Identität. Wir sollten sie so präsentieren, dass sie uns jeden Tag gute Laune machen. Ob unser Innenarchitekt sie belächelt oder die Nachbarn sie kitschig finden, ist völlig egal, solange sie uns selbst gefallen. „Stellen Sie sich vor, Ihr Haus würde brennen.Was würden Sievor den Flammen retten: die Porzellankatze, die Sie von Ihrer Mutter geerbt haben, oder den Stuhl, auf dem Sie sitzen?“, fragte der niederländische Designer Marcel Wanders einmal in einem Interview. „Letztlich sind es nur die Emotionen, die den Wert eines Gegenstands bestimmen.“ Ein Familienerbstück symbolisiert Beständigkeit, eine afrikanische Skulptur steht für unsere Sehnsüchte. Ein kitschiger Salzstreuer vom Flohmarkt kann genauso eine Trophäe unseres Lebensstils sein wie ein 50er-Jahre-Designklassiker. Es muss kein Porzellanhund sein, der Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Aber es darf!

Und womit fangen wir an? Sechs Experten aus den Bereichen Wohnpsychologie, Interior Design, Lichtplanung sowie Feng Shui geben Tipps für ein optimistisches Zuhause:

Wie kann Design unsere Stimmung aufhellen?

PETER KEMPE, Kuball & Kempe Concept Store

Kuball & Kempe verkauft in Hamburg seit zehn Jahren Schönes aus aller Welt: Altes, Neues und auch hauseigene Editionen, die mit namhaften Glas- und Porzellanmanu- fakturen hergestellt werden.

Je härter die Zeiten werden, desto beschützter, schöner und wertvoller sollte unsere Umgebung sein. Wie ein kleiner Kosmos. Ein Schneckenhaus. Ein optimistischer Raum muss nicht gleich bunt, lustig und starkfarbig sein. Ich denke, der Sinn von schwierigen Zeiten ist, dass sich die Leute auf ihre Wurzeln besinnen. Wenn die Konsumfreude zurückgeht, wird Kultur wichtiger.

• Umgeben Sie sich mit Dingen, zu denen Sie eine besondere Beziehung haben. Gegenstände, die uns ein Leben lang begleiten, können Optimismus in unser Haus bringen. In ihnen wohnt eine Beständigkeit, die uns Schutz bietet.

• Suchen Sie sich Lieblingsteile, die Ihre Sehnsüchte symbolisieren. Eine Weltkarte oder einen Globus finde ich sehr optimistisch, denn sie stehen für Weltläufigkeit.

• Dinge, die einen gewissen Schalk im Nacken haben, sind sehr optimistisch. Zum Beispiel produzieren wir mit der Glasmanufaktur Theresienthal eine Glaskollektion mit Spielkarten-Motiven. Die Idee kam letztes Jahr auf – angesichts der Zockermentalität während der sich anbahnenden Finanzkrise. Das ist Optimismus: Wenn wir auch alles verloren haben, können wir immerhin noch aus einem schönen Glas trinken!

 

Welches Licht macht uns zu hause gute Laune?

ULRIKE BRANDI, Lichtdesignerin

Ulrike Brandi hat schon das Hamburger Rathaus, den Münchener Flughafen und das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart ins rechte Licht gerückt. Zu ihren aktuellen Projekten gehört die Lichtplanung für die Elbphilharmonie, die von Herzog & de Meuron in der Hamburger Hafencity gebaut wird. www.ulrike-brandi.de

Das Licht, das uns am stärksten beeinflusst, ist das Tageslicht. Ich glaube, jeder weiß aus persönlicher Erfahrung, wie positiv sich ein Tag mit strahlendem Sonnenschein auf unser Gemüt auswirkt. Tageslicht ist dynamisch und unterschiedlich – das hat die Menschen in ihrer gesamten Evolution geprägt. Keiner von uns würde rund um die Uhr strahlenden Sonnenschein ertragen, wir brauchen auch Dämmerung, Wolkentage, diffuses Licht. Übertragen auf die Lichtplanung in Innenräumen heißt das:

• Zu Hause brauche ich flexible Lichtlösungen. Mal das helle, indirekte, die Höhe der Räume betonende frische Licht und mal eher niedriges, gedämpftes, wärmeres Licht, um mich zurückziehen zu können.

• Um ein optimistisches Lächeln ins Zuhause zu bringen, versuchen Sie, das Tageslicht so optimal zu

nutzen, wie es geht. Die Räume, in denen Sie tagsüber sind, sollten die hellsten der Wohnung sein.

• Sie können verschiedenfarbige Vorhänge einsetzen, um das Tageslicht in der Wohnung mal warm, mal frisch zu filtern, ohne es dabei gleich herunterzudämpfen.

In Zimmern, in denen kein Tages- licht vorhanden ist, muss man natürlich mit Lampen arbeiten. In meinem Badezimmer habe ich ein sehr helles Gesundheitslicht, das eigentlich für Lichttherapie eingesetzt wird. An manchen Tagen tut mir das gut. An anderen, wenn ich nicht jede einzelne Lachfalte sehen möchte, schalte ich nur das warme, schmeichelnde Licht neben dem Spiegel ein.

• Im Wohnbereich braucht man ganz verschiedene Lichtquellen. Der Essplatz sollte ein Lichtmittelpunkt sein, an dem man Halo- gen- oder Glühlampen einsetzt, die auch dimmbar sind. An einem grauen Nebeltag kann man es dann schön hell machen und für einen gemütlichen Abend herunterdimmen. Die Farbwiedergabe von Halogen und Glühlampen ist für den Esstisch optimal: Hier sieht die Tomate schön rot und der Salat schön grün aus! Über dem Esstisch finde ich eine Pendelleuchte am besten, die auf dem Tisch einen Lichtkreis schafft. Das ist ein schöner Mittelpunkt für den Familien- oder Freundeskreis. Sie darf nicht blenden oder den Blick auf das Gegenüber verstellen.

 

Wie wirken die Räume, die wir bewohnen, auf unsere Psyche?

UWE R. LINKE, Wohnpsychologe

Uwe R. Linke, ausgebildeter Psychotherapeut und Coach, ist Inhaber des Einrichtungshauses LOFT in Passau. Ende 2009 erscheint sein erstes Buch „Wohnpsychologie“. www.wohnpsychologie.com

Wie ein Raum auf unsere Stimmung wirkt, ist von Person zu Person verschieden. Unsere Psyche speichert Erlebnisse ab und verknüpft sie mit Gefühlen und Emotionen. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass daraus die heutigen Assoziationen kommen. Denn im Unbewussten oder im Bewussten abgespeichert wirken die Erinnerungen und lassen uns etwa die Farbe Rot als energievoll-herzlich oder als zerstörerisch-aggressiv empfinden. Die Psyche vergisst nichts, wir können nur nicht immer auf die Grundlage der Erinnerung zugreifen. Daher kann ein Raum jede Wirkung auf uns haben, je nachdem, welche Erfahrung wir damit gemacht haben: Enge wirkt auf einen Menschen gemütlich, auf den anderen beängstigend.

Um eine Wohnung optimistischer zu gestalten, würde ich

• aufräumen: und zwar nicht neue Halden hinter Türen schaffen, sondern bewusst Dinge ordnen;

• Platz zum Entspannen schaffen: Zur inneren Ruhe kommen (ohne Ablenkung) ist für viele schon eine Herausforderung;

• Platz zum Spielen schaffen: Spielen macht uns lebendig und leicht.

• Verspieltheit: Dazu gehören Blumendekorationen und Möbel, die man nach Lust und Laune immer mal wieder umräumen kann. Und bunte Farben. Welche Farben einem gut tun, kann man übrigens leicht von seinen Lieblingsgeschmäckern ableiten. Jemand, der gern Zimt als Gewürz mag, fühlt sich auch in zimtfarbenen Räumen wohl.

• Im Schlafzimmer hingegen gilt: Für Ruhe sorgen. Hier sollte jede Ablenkung, die vom Schlafen abhält, raus. Bücherberge, Videospiele und Arbeitsmaterialien haben im Schlafzimmer nichts zu suchen.

 

Wie schaffe ich mit dem Interieur positive Stimmung?

SABINE TAUS, Einrichtungshaus Taus, Wien

Sabine Taus ist Geschäftsführerin von Hans Taus Einrichtungen. www.hans-taus.at

Harmonie zwischen den Farben, Materialien und dem Möbeldesign zu schaffen ist eine persönliche, individuelle Angelegenheit. Allgemein lässt sich empfehlen:

• Farben und Helligkeit gehören zu einer positiven Wohnatmosphäre: helle Stoffe oder Leder, am besten neutral, bunte Farben an Teilen der Wände und Farbakzente bei Möbeln und Kissen, Geschirr etc.

• Nicht alles sollte bunt sein, und das, was bunt ist, muss leicht austauschbar sein oder sollte nur als Akzent eingesetzt werden, denn das Wohlgefühl ändert sich auch manchmal aufgrund der Jahreszeiten: Im Sommer wirken helle Farben kühlend, im Winter wirken dunkle Farben gemütlicher

ten, ist es wichtig, Vorlieben heraus- filtern! Machen Sie sich Gedanken über die Farben und Materialien, die Ihnen gefallen. Denn das ist das Einzige, was im Zuhause wirklich ein positives Wohngefühl erzeugt: Man muss sich wohlfühlen!

 

Welches sind die wichtigsten Feng-Shui-Regeln für eine optimistische Wohnung?

THOMAS FRÖHLING, Deutsches Feng Shui Institut

Thomas Fröhling ist Gründer des Deutschen Feng Shui Instituts in Freiburg/Au. Er berät Manager, bildet zum Feng-Shui-Berater aus und hat als Buchautor zahlreiche Bücher über die chinesische Lehre veröffentlicht („Feng Shui Heute“). www.dfsi.de

Schon mit einigen wenigen Hand- griffen lassen sich Räume kraftvoller und optimistischer gestalten:

• Räumen Sie Blockaden aus dem Weg und befreien Sie sich von Ballast, der unnötig belastet: Achten Sie in Ihren Räumen auf Ordnung, denn Räume können uns stärken oder schwächen. Ein unaufgeräumter Schreibtisch zum Beispiel lässt Sie ständig an das Unerledigte denken. Sie sind dann im wahrsten Sinn des Wortes für das Neue blockiert. Ganz allgemein kann man sagen: Unordnung bindet unsere Aufmerksamkeit und damit unsere Energie, die uns dann für die anderen, schöneren Dinge im Leben fehlt.

• Bei den Wandfarben bevorzugen Sie helle frische Töne oder nutzen Sie das Wissen der Farbpsychologie. Ein warmes Sonnengelb wirkt stimmungsaufhellend, ein sanftes und warmes Grün harmonisierend auf unsere körperlich-seelische Balance. Rot steht für Anerkennung, Selbstbewusstsein und Energie. Blau verkörpert das Element Wasser und wirkt beruhigend, kann aber auch kalt und depressiv sein. Weiß, Gold und Silber stehen für den Westen: Klarheit, Rationalität und Reichtum. Das Element Erde findet man in Braun- und Sandtönen. Sie vermitteln Harmonie und Sicherheit. So aktuell zurzeit auch die dunklen Farben sind – Tatsache ist, sie schlucken viel Licht und so manchen beschleichen unter ihrem Einfluss auch dunkle Gefühle.

• Betrachten Sie Ihre Wohnung einmal wie ein Fremder: Welche Bilder haben Sie für Ihre Räume gewählt? Was sagen diese Bilder aus? Sind sie heiter, positiv oder tendieren sie ins Düstere oder gar Destruktive? So interessant rein optisch etwa der Kopf der Medusa auch sein mag, wir sollten auch ihre Bedeutung nicht vergessen: Es ist die Frau mit den zwei Gesichtern – und eine Seite ist tödlich! Denn ob es uns bewusst ist oder nicht, die Symbole, mit denen wir uns umgeben, prägen uns, sie sind ein Teil unseres Umfelds. Wenn Sie also Ihre Wohnung optimistischer gestalten wollen, dann nehmen Sie – zumindest für eine gewisse Zeit – die düstere Goya-Radierung ab und hängen Sie helle, positive Bilder auf. Sie werden Ihr Leben und Ihr Denken positiv prägen.

• Richten Sie Ihre Räume nach Ihren Wünschen aus: Das gelingt mit Feng- Shui auf hervorragende Weise. Denn damit können Sie die Bereiche Ihrer Wohnung lokalisieren, die mit Ihren Lebenswünschen in Resonanz ste- hen.Wenn Sie sich zum Beispiel neu orientieren wollen (oder müssen), dann ist der Norden Ihre Himmelsrichtung. Wenn Sie etwa nach einem Weg für Ihre berufliche Laufbahn suchen, könnten Sie einen Kompass dorthin legen, der Ihnen symbolisch den Weg weist. Fehlt es Ihnen hingegen an Energie für den Neubeginn, dann stärken Sie den Osten Ihres Hauses, denn dieser Sektor steht mit Vitalität, Gesundheit und Neubeginn in Verbindung. Platzieren Sie dort beispielsweise eine kräftige, gesunde Pflanze oder einen Brunnen.

 

Wie bringe ich ein Lächeln in Meine Wohnung?

RALPH VAN GEMERT, Innenarchitekt, Stilwerk

Ralph van Gemert ist als Innenarchitekt bei der Stilwerk room service GmbH in Hamburg beschäftigt. www.stilwerk.de

• Meine eigene Regel für eine positive Wohnungsgestaltung ist: Anything goes! Ob man New Country oder Minimalismus mag, spielt keine Rolle, solange es nur gut gemacht ist. Wichtig ist, mehr Mut zum eigenen Stil zu haben – das ist Optimismus. Machen Sie sich keine Gedanken, was Ihre Freunde oder Nachbarn über etwas denken könnten. Bei Ihrer Kleidung mixen Sie ja auch mutig H&M mit Designersachen.

• So wie ein Gürtel oder ein paar Schuhe ein Outfit aufwerten, so kann Licht eine Wohnungseinrichtung aufwerten. Andererseits können Sie sich mit den teuersten Möbeln umgeben – wenn Sie kein gutes Licht haben, wird es nach nichts aussehen. Manchmal genügen so einfache Dinge wie ein Dimmer-Schalter, durch den bequem unzählige Lichtstimmungen geschaffen werden.

• Es muss nicht gleich die ganze Wohnung verändert werden, um ihr Optimismus einzuhauchen. Es tun auch Vasen, Vorhänge, Kissen – alles Accessoires, die leicht auszutauschen sind und eine Wohnung völlig neu beleben.

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